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Montag, 14. Januar 2019

Shoojit Sircars OCTOBER – Keine Liebesgeschichte



OCTOBER (2018) ist Varun Dhawans Film. Natürlich sind da noch andere gute Darsteller. Aber sämtliche emotionalen Qualitäten des Films hängen an der Art, wie er die Hauptfigur Dan spielt, einen ziemlich unausstehlichen Kerl, der am Anfang nichts und niemanden mag und vermutlich vor allem nicht sich selber. Nicht, dass Dhawan sich egomanisch in den Vordergrund spielt. Ganz im Gegenteil. Er betont die Leere und Bedeutungslosigkeit dieses Dans, der sein Studium durch ein Praktikum in einem 5-Sterne-Hotel beenden soll. Selbst wenn er am Anfang des Films bei der Arbeit etwas Bösartiges sagt, murmelt er es nur halblaut in sich hinein. Und wenn er großkotzige Reden unten in der Wäscherei schwingt, wohin man ihn strafversetzt hat, bläht er sich nicht wirklich auf, sondern rattert Phrasen herunter, an die er selbst nicht glaubt. Dhawans wichtigste Leistung besteht darin, dass er als Bollywood-Star diese Figur Dan nicht mit seinem Hero-Charisma ausstattet. Obwohl die Figur Dan sich schon für etwas Besseres hält. Er erträgt es nicht, für andere zu arbeiten, Befehle entgegenzunehmen, unbedeutende Aufgaben auszuführen. Wobei es selbst für lockere Vorstellungen seltsam erscheint, was man ihm da in dem Nobelhotel einer Kette, die auch eine Filiale hinter Hamburgs Dammtor-Bahnhof hat, alles durchgehen lässt. Dies nur als kleine Randbemerkung zu der allgemeinen Begeisterung über den vermeintlichen Realismus von OCTOBER, im Sinne von Einfangen des wahren Lebens. Auf jeden Fall vermeidet OCTOBER jede Eindeutigkeit, um diesen Kerl zu verstehen, der sich mit dem, was er tut, nur selbst schadet. Und man muss dankbar sein, dass auch keine billigen psychologischen Erklärungen geliefert werden. Dans Vater ist in Kaschmir stationiert und dann taucht kurz die Mutter, eine scheinbar einfache und nette Frau, auf. Dabei bleibt es.

Und weil Dan am Anfang so ein arroganter, abgeschotteter Kotzbrocken ist, würde er es nie merken, dass da jemand ist, der ihn vielleicht mögen könnte. Als aber Kollegin Shiuli bei einer Silvester-Feier durch eine Ungeschicklichkeit von der Hotelterrasse des vierten Stocks fällt und im Krankenhaus im Koma liegt, fühlt er sich wirklich involviert, denn er erfährt, dass ihr letzter Satz lautete: „Wo ist Dan?“ Und aus irgendeinem Grund beginnt er, sich zu kümmern und immer öfter bei ihr im Krankenhaus aufzutauchen, direkt ein Teil der Familie zu werden. Es ist keine wirkliche Liebesgeschichte, die da erzählt wird, auch nicht, als Shiuli aufwacht und zumindest Augen und dann den Kopf bewegen kann. Wir wissen nicht, was Dan fühlt. Schuld, Mitleid, Liebe oder einfach die Entdeckung, dass er Gefühle hat, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. Oder er will, dass sie aufwacht, damit er endlich erfährt, warum sie auf der Party nach ihm gefragt hat. Aber es verändert ihn. Er nimmt plötzlich andere Menschen wahr. Aber diese moralische Erneuerung macht aus ihm keinen völlig neuen Menschen, schon gar keinen allseits beliebten Heiligen. Denn so wenig die Umwelt den alten Dan mochte, so wenig kann sie mit dem neuen anfangen. Denn wie schon zuvor ist sein Verhalten so gar nicht praktisch. Andere gehen zurück in ihre Routine. Er macht Shiuli zu seinem Lebensinhalt. Und die alltäglichen Szenen, die gar nicht viel erzählen, mit Dhawan allein, an Shiulis Bett oder nur mit einer anderen Person als Gesprächspartner sind die schönsten. Wenn er nur am Fenster steht, während es draußen regnet. Wenn er auf einem Rollstuhl herumturnt und mit einer Krankenschwester redet. Wenn er Shiuli ihren geliebten Nachtjasmin hinlegt. Wenn er abends eine Medizin holen fährt, die es im Krankenhaus gerade nicht gibt.

Aber diese Geschichte von Dan und von Shiuli ist eben nicht der ganze Film. Denn man versucht auch, medizinisch so präzise wie möglich zu sein, eine Familiengeschichte zu erzählen. Und so gibt es endlose Diskussionen und ärztliche Informationen. Alles sehr korrekt und wie in der Wirklichkeit, nur dass es dem Film nichts nützt. Es lähmt ihn emotional. Aber die vorherigen von Shoojit Sircar verfilmten Drehbücher von Juri Chaturvedi funktionierten schon nach diesem Prinzip des Themen-Films. Im Mittelpunkt steht jedes Mal ein zentrales, für indisches Kino ungewöhnliches Thema, das sachlich aufgearbeitet wird und das hinterher von den Zuschauern auf dem Heimweg diskutiert werden kann. Bei VICKY DONOR (2012) waren es Samenspenden und bei PIKU (2015) Verdauungsprobleme bei älteren Herrschaften. Das hat bis jetzt gut funktioniert, aber nicht unbedingt wirklich gute Filme hervorgebracht, bei denen das größte Vergnügen eigentlich darin besteht, den Schauspielern zuzugucken. Man guckt, bleibt aber distanziert. Aber selbst Amitabh Bachchan als Verstopfungsopfer in PIKU wird irgendwann ermüdend.

Man spürt in OCTOBER allerdings den Versuch, dem allzu Sachlichen entgegenzuwirken, denn es herrscht eine Atmosphäre von Uneindeutigkeit, die es in VICKY DONOR und PIKU nicht gibt. Zwar ist das schon im Drehbuch angelegt, aber erst Varun Dhawan unter der bewusst leicht manipulativen Regie von Shoojit Sorcar, der seinen Star geschickt und mit kleinen Tricks aus seiner Zone der Bequemlichkeit brachte, lässt diese Uneindeutigkeit wirklich zur Entfaltung kommen. Doch das Thema sorgt immer wieder für Sachlichkeit. Und wenn in der betroffenen Familie ein gefühlloser Onkel ist, der lieber früher als später den Stecker der Koma-Patientin ziehen möchte, dann soll nicht bezweifelt werden, dass es solche Onkels gibt. Aber dieser Onkel in diesem Film existiert nur für das Drehbuch, um Diskussionen und Widerstand auszulösen. Das ist von einer ermüdenden und vorhersehbaren Mechanik. Zur Ruhe kommt der Film erst, als Shiuli die Intensivstation verlässt, ein Einzelzimmer hat und dann nach Hause kommt. Da finden intime Gespräche statt, die die Kranke mit ihren Augen stumm verfolgt. Und immer wieder wird der Film von Naturbildern unterbrochen.

Und so zeigt Sircar dann seine Stärke als ausgezeichneter Regisseur der stillen Emotionen und des Lyrischen. Qualitäten, die man interessanterweise vor allem in zwei politischen Filmen findet, die für mich seine beiden besten sind, aber leider eben keine Erfolge waren: YAHAAN (2005) und MADRAS CAFE (2013). YAHAAN habe ich gerade zum ersten Mal gesehen, ein sehr schönes Melodrama in verwaschenen Farben, damit das geplagte Kaschmir nicht zu schön aussieht. „Kaum zu glauben, dass hier mal Shammi Kapoor getanzt hat“, sagt ein Soldat in Srinagar. Sogar Songs gibt es in der ersten Hälfte. Danach drehte Sircar Filme ohne Musik, was kein Problem ist, denn YAHAAN würde auch ohne die Lieder funktionieren, das sie sowieso ein wenig wie Pflichtübungen wirken. Und so sehr ich ein Anhänger des klassischen Hindi-Film-Songs in der Tradition von Raj Kapoor, Guru Dutt und Yash Chopra bin, ist es besser, gar keine Lieder in einem Film zu haben, wenn der Regisseur dazu denn keine Lust hat. Für OCTOBER wurde ohne Sircars Zutun allerdings ein Promovideo mit einem Lied gedreht, das aber im Film gar nicht auftaucht. Ganz ohne Lied geht es eben dann doch nicht.

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