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Samstag, 25. Juli 2020

A HOLY CONSPIRACY – Ein indischer Prozess Darwin

(Quelle: Indisches Filmfestival Stuttgart)

In Saibal Mitras A HOLY CONSPIRACY / DEBOTAR GRASH (2020), in dem Bengalisch, Hindi und Englisch gesprochen wird, treffen zwei der größten Schauspieler des indischen Films zum ersten Mal aufeinander. Auf der einen Seite Naseeruddin Shah, 70, Star des Hindi-Films. Auf der anderen Seite Soumitra Chatterjee, 85, Legende des bengalischen Kinos, der leider auch wegen des schweren Motorrad-Unfalls seines Enkels überhaupt noch arbeitet, wie ich letztes Jahr in einem Filmfare-Interview gelesen habe. Das ist eine zweifellos faszinierende Paarung und, abgesehen mal vom kommerziellen Hero-Movie, geht eigentlich mehr Star-Power gar nicht. Das allein ist ja Grund genug, den Film zu sehen. Und dadurch, dass es ein klassischer Gerichtsfilm ist, der eben vorwiegend im Gerichtssal spielt, sind die beiden auch wie in einem Theaterstück ständig zusammen in einer Szene, in einem Bild und nicht nur auf dem Plakat. Hier handelt es sich also um spannend inszeniertes großes Schauspielerkino. Und es handelt sich um politisches Kino.

A HOLY CONSPIRACY ist eine für indische Verhältnisse modernisierte Neuverfilmung des Theaterstückes INHERIT THE WIND von Jerome Lawrence und Robert E Lee von 1955 über einen Lehrer, der juristische Konsequenzen zu spüren bekommt, weil er seine Schüler in der Darwinschen Lehre unterrichtet. Der sich gegen den Kreationismus und für freie Meinungsäußerung einsetzende Stoff beruht wiederum auf einem authentischen Prozess von 1925. 1960 entstand Stanley Kramers gleichnamige erste Filmadaption (WER DEN WIND SÄT) mit Spencer Tracy in der Hauptrolle, drei weitere sollten folgen. Das heißt also, dass Regisseur und Drehbuchautor Mitra ein US-Stück nach einem wahren Fall nimmt und es nach Indien verlegt, um dann noch in dieser, in einem christlichen Milieu angesiedelten, Geschichte die aktuellen Probleme des Hindi-Nationalismus einzuflechten, der wiederum seine eigene Ansicht zu Wissenschaft und zur Entstehung der Welt hat. Das ist natürlich eine mächtige dramaturgische Konstruktion, die nicht ohne Probleme bleiben kann.

Im Kern, mit nur kleinen Variationen, findet hier zunächst einmal derselbe Prozess, mit denselben Hauptfiguren, denselben Typen statt. Wer Kramers Film gesehen hat, wird die vielen Übereinstimmungen erkennen. Einmal Chatterjee als Anwalt für die christliche Schule, die einen Lehrer suspendiert hat, weil er sich angeblich weigerte, die Schöpfungsgeschichte vor Darwin zu unterrichten, was nicht ganz korrekt ist, denn er vergewisserte sich, ob alle schon damit vertraut sind. Und dann Shah als Anwalt und Kämpfer für die Freiheit. Aber der Clou des Films ist, dass es um Darwin und die Bibel eigentlich gar nicht wirklich geht. Denn der Prozess selbst ist im Grunde eine Farce, da er inszeniert wurde, um den gefährlichen Hindi-Nationalisten vor Ort zu gefallen, da der Lehrer ein neues Buch auf dem offiziellen Lehrplan, „Vedic science of ancient India“, nicht unterrichtete, weil er es nicht kannte, also offenbar auch keine Lust gehabt hatte, es zu lesen. Er entstammt der örtlichen Stammesbevölkerung, sieht sich weder als Christ noch als Hindu, sondern der Religion seiner Vorfahren zugehörig.

Und das ist das Grundproblem des Films. Im Hintergrund ziehen böse kommunale Mächte die Fäden, nur dass wir die allenfalls in Gestalt von ein paar gangsterähnlichen Gestalten im hinteren Teil des Prozesssaals sehen. Es darf auch im Prozess nicht über sie gesprochen werden. Das mag realistisch sein, nimmt dem Ganzen aber auch die echte Spannung, lässt alles unbefriedigend bleiben, und man kann sich wirklich fragen, warum der Regisseur den Film so und in dieser Form überhaupt gedreht hat. Dazu kommt ja noch, dass Darwin heutzutage absolut kein Kronzeuge für Wissenschaft mehr sein kann. Eigentlich war er es nie, aber er war durchaus mal eine brauchbare Waffe gegen starrsinnige religiöse Fanatiker und kirchliche Macht. Leider hat sich der Unsinn dann verselbständigt.

Denn auf Darwins Theorie trifft ja selbst all das zu, was vermeintlich sachlich-rationale Wissenschaftler ihren religiösen Gegnern vorwerfen: ein mit aller Heftigkeit von der Orthodoxie verteidigtes Dogma. Es ist ganz einfach eine Pseudo-Wissenschaft. Und nicht viele haben den wissenschaftlichen Anstand des Computer-Wissenschatlers David Gelernter, vor den klaren Argumenenten der Gegner zu kapitulieren und, so wie er, eine Theorie, die er eigentlich immer „schön“ fand, aufzugeben: „Darwinismus ist nicht nur eine wissenschaftliche Theorie, sondern die Basis für eine Weltsicht und eine Notfallreligion für die vielen gestörten Seelen, die eine brauchen.“ Gelernter kapitulierte angesichts von zwei Büchern, die er rezensierte, und die Darwin allein schon aus mathematischen Gründe der Wahrscheinlichkeitsrechnung im Zusammenhang mit biologischen Prozessen unmöglich machen.

Jetzt könnte man einwenden, dass man da dem Regisseur vielleicht keinen Vorwurf machen kann, denn an Darwin glauben doch heutzutage fast alle, und schließlich gibt es international ja auch staatlich finanzierte Evolutionszentren, die beispielsweise Darwintage als Propagandaveranstaltung durchführen, leider sogar an Schulen. Andererseits sind die Fakten ja da, frei zugänglich, doch der Film behandelt Darwin ebenfalls als unumstößliche, unwiderlegbare Wissenschaft. Damit reiht sich der vermeintlich progessive Film bei den Gestrigen ein. Und ganz nebenbei: Schon zu Lebzeiten Darwins gab es etwa mit dem Palaäontologen Louis Agassiz einen höchst überzeugenden Darwin-Kritiker, jemand, dessen subtiles und religiöses Denken in gewisser Weise, in einem allgemeinen Sinne, schon damals eine Art „intelligent design“ sah, wenn auch nicht in der präziseren, mathematisch gestützten Bedeutung von heute.


P.S.: Fakten gegen Darwin:

1) über Louis Agassiz (auf Englisch): https://www.icr.org/article/louis-agassiz-anti-darwinist-harvard

2) Gesprächsrunde mit drei wichtigen Darwin-Kritikern (auf Englisch): https://www.youtube.com/watch?v=noj4phMT9OE