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Montag, 30. November 2020

Shyam Benegals NETAJI SUBHAS CHANDRA BOSE: THE FORGOTTEN HERO

NETAJI SUBHAS CHANDRA BOSE: THE FORGOTTEN HERO (2004) ist kein sehr persönlicher Film von Shyam Benegal. Es ist die solide Inszenierung eines fertigen Drehbuchs, das vor allem ein sehr weichgezeichnetes Porträt des indischen Freiheitskämpfers Subhas Chandra Bose enthält, der im Rahmen des dramaturgisch Möglichen sehr subtil von Sachin Khedekar verkörpert wird. Die Inszenierung konzentriert sich ganz auf die solide, funktionale Umsetzung der Story. Daher hat es wenig Sinn, hier von Stil oder Ästhetik zu schreiben. Struktur und Inhalt des Drehbuchs müssen vor allem auch wegen der sehr vereinfachten ideologischen Botschaft des Films im Vordergrund stehen Wobei aber der ausgezeichnete Soundtrack von A.R. Rahman zumindest kurz erwähnt werden sollte.

Der Film beginnt mit der politischen Trennung von Gandhi und Bose, dem Abschied von Bose von der Kongresspartei. Es folgen sein Gefängnisaufenthalt, sein Hungerstreik und der Hausarrest. Mit seiner Flucht 1940 aus dem eigenen Zuhause, unter den Augen der Polizei, folgt seine lange diplomatisch-militärische Odyssee über Afghanistan nach Berlin, nach Japan, nach Singapur, Burma, der japanisch-britischen Frontlinie vor Indien und seinem letzten Flug, nach dem er nie wieder gesehen wurde. Keiner weiß, ob er abgestürzt, abgeschossen oder später von den Sowjets ermordet wurde. Die offizielle Meldung war einfach Absturz. Dem Privaten, seiner engen, mindestens eheartigen Beziehung mit der Österreicherin Emilie Schenkl, mit der er die Tochter Anita hat, wird sehr viel Platz eingeräumt. Der Film zeigt ihn als idealistischen, mutigen, entschlossenen Mann, der alles der Befreiung Indiens unterordnet. Es soll der Eindruck vermittelt werden, dass er immer genau und sehr rational wusste, was er tat und Herr jeder Situation war. Vor allem will der Film zeigen, dass er totalitäre Mächte wie Deutschland, Italien, Japan und am Ende auch die UdSSR nur als Mittel zum Zweck benutzen wollte, dass er tief in seinem Herzen ein freiheitsliebender Mensch war.

Bei der inhaltlichen Kritik des Films muss man zwei Dinge unterscheiden. Einmal die rein persönliche Darstellung von Subhas Chandra Bose, seines Charakters, seiner Persönlichkeit, seiner politischen Ziele. Selbst ein Zuschauer, der nichts von Bose weiß, muss irgendwann der Verdacht kommen, dass hier etwas nicht stimmt, denn kein Mensch ist dermaßen perfekt. Wobei es schwer zu beurteilen ist, ob es sich um die typische idealistische Bollywood-Heroisierungsstrategie handelt, oder tatsächlich um ganz bewusste Geschichtsklitterung. Denn was der Film verschweigt, ist, dass Bose ein Militarist war, der schon in den 20ern in Operettenuniform auftrat, dass er eine Diktatur, eine Mischung aus „Nazismus und Kommunismus“ für Indien wollte, dass er ein Bewunderer Mussolinis war, dem er in Italien persönlich sein Buch „Indian Struggle“ (1935) über den indischen Freiheitskampf überreichte. Und er war beileibe nicht immer so sanft, wie es in dem Film erscheint. Er duldete keinen Widerspruch und ging als Oberbefehlshaber hart gegen Abweichler vor.

Das andere ist aber die Wirkung seines Handelns, seines Krieges gegen die Briten. Es ist eine Tatsache, dass sein Redetalent, sein Idealismus und Patriotismus es schafften, eine Armee aus allen Kasten, Religionen und beiden Geschlechtern zusammenzustellen, die zwar in der Zahl verhältnismäßig klein war, aber durch überragenden Mut die Massen in Indien anstacheln sollte, es ihr gleich zu tun. Vor allem wollte man die vielen indischen Soldaten im Dienste der Krone ansprechen. Und da kann es tatsächlich kaum einen Zweifel geben, dass die Tatsache, dass er den Briten vorführte, dass die Loyalität zum britischen Imperium umgedreht werden kann, die Kolonisatoren verunsicherte. Und daher sollte bei der quasireligiösen Verehrung von Gandhis gewaltlosem Widerstand nicht vergessen werden, dass eine schlagkräftige Geisterarmee in seinem Rücken stand, die die Briten drohend anstarrte.

Ein echter Bose-Film dürfte also nicht dem heilig sprechenden Porträt nach dem Muster von Attenboroughs GANDHI (1982) folgen, sondern müsste aus Boses persönlicher und politischer Ambivalenz seine Spannung ziehen. Dass Bose diese totalitären Charakterzüge hatte, aber gerade damit, und gerade auch durch sein Scheitern, für die Unabhängigkeit erfolgreich war. Doch solch ein Versuch ist nicht einmal im Ansatz vorhanden. Das Problem des Films liegt allerdings überhaupt nicht, wie manche Kritiker bei der Premiere andeuteten, in den geringen finanziellen Mitteln. Massenszenen und riesige Schlachten sind nicht automatisch ein Qualitätssiegel. Und wenn man dann doch mit teilweise sogar bewegtem Interesse den immerhin 3 1/2 Stunden des Films folgt, dann liegt dies gerade an dessen großer Intimität.

Übrigens habe ich meine Zweifel, ob solch ein erwähnter idealer Bose-Film in Indien überhaupt möglich wäre, ohne dass es zu heftigen Protesten käme. Den beleidigten Bose-Parteigängern in Bengalen war ja schon die Darstellung von Boses inoffizieller Ehe mit Frau Schenkl zu viel. Die Premiere in Kalkutta musste vorsichtshalber abgesagt werden.

Sonntag, 29. November 2020

Shyam Benegals TRIKAL (PAST, PRESENT, FUTURE) – Das portugiesische Goa

 

Shyam Benegal hat 1985 mit TRIKAL (PAST, PRESENT, FUTURE) einen, angesichts seines bis dahin durchgängig sehr realistischen Werkes, ungewöhnlichen Film gedreht. Ein Film ohne lineare Haupthandlung, dafür mit vielen kleinen Handlungen und Szenen innerhalb einer portugiesischen Familie in derem großen Anwesen und dem anliegenden Garten in Goa. Durchzogen von einer traumhaften Atmosphäre, magisch unterstützt durch Geisterbeschwörungen, die aber nicht den gerufenen Geist erscheinen lassen, sondern die düstere Seite der Vergangenheit, die man am liebsten vergessen möchte.

Die Familie ist ein Symbol für die Veränderungen im Jahre 1961, als die indische Armee durch einen Einmarsch dem portugiesischen Kolonialismus ein Ende machte. Diese portugiesisch geprägte Welt sieht man im Film sonst nie von innen heraus. Die aktuellen politischen Ereignisse stehen aber nicht ständig im Mittelpunkt, sondern sind zwischendurch Teil der Gespräche, der Diskussionen. Das Vergangene taucht aber sehr konkret auf in den zwei Geistererscheinungen von ermordeten Freiheitskämpfern und kurzen Montagesequenzen hinein in die grausame inquisitorisch-katholische Epoche.

Die ganze Struktur des Films ist von der Erinnerung, der Anwesenheit des Alten im Neuen geprägt. Gleich der Vorspann bringt Gegenwart und Vergangenheit in einer Sequenz zusammen. Das erste Bild ist das eines indischen Landarbeiters, der einen Sarg quer durch ein grünes Getreidefeld trägt. In einer Parallelmontage sieht man Bilder des modernen Goas und einen Mann namens Francis, eine kleine Rolle für Naseeruddin Shah, der nach 24 Jahren seinem Herkunftsort in Goa, den er noch kurz vor Ende der portugiesischen Herrschaft in Richtung Bombay verlassen hat, einen Besuch abstattet. Er kommt zu einem verlassenen, nur von einem alten grauen Wärter bewohnten Anwesen. Der Inder mit dem Sarg tritt ins Bild, bleibt aber draußen unbeweglich vor der offenen Haustür stehen. Erst später begreift man, dass er zu der nun folgenden Rückblende gehört, die die Beerdigung des Familienoberhauptes im Jahre 1961 zeigt.

Jetzt ist die Familie ohne Führung. Und begüterte Großfamilien, wie man von den Buddenbrooks oder auch den Corleones weiß, sind am schönsten und ergreifendsten in ihrem Ende und Verfall. Diese filmische Konstruktion um ein altes, leerstehendes Haus und der anschließenden Rückblende mit dem Untergang einer Familie erinnert ein bisschen an die Struktur der letzten großen Produktion SAHIB BIBI AUR GHULAM (1962) von Benegals Cousin Guru Dutt.

Im Mittelpunkt stehen drei Frauen. Zum einen die ältere Dona Maria, deren Mann gerade gestorben ist und die seinen Tod nicht akzeptieren will. Sie lebt ganz in ihren Erinnerungen. Dann Dona Marias junge, sehr stille persönliche Hausangestellte Milagrenia, die als ihr Medium bei spiritistischen Sitzungen fungiert. Schließlich die Enkelin Ana, die einen jungen Mann aus einer guten, extra aus Portugal angereisten Familie heiraten soll, sich aber für einen flüchtigen Revolutionär entscheidet. Francis hingegen hat nur eine kleinere Rolle als glückloser Verehrer von Ana und ist derjenige, der die Hausangestellte schwängert und daraufhin von seinem Onkel schnell nach Bombay geschickt wird. Nach oben hin, Ana, hätte er gerne geheiratet, aber doch nicht nach unten, eine Hausangestellte.

Die Figurenzeichnung ist nicht ohne Ironie. Da ist Anas konservativer Vater, dem bei Gemütsbewegungen immer die obere Zahnreihe herausfällt, so wie bei der Beerdigung des Schwiegervaters oder beim Schimpfen mit seiner Tochter. Oder die nicht enden wollende Hysterie der Tochter Dona Marias angesichts der Ungerührtheit der Mutter, die den Tod ihres Mannes nicht wahrhaben will und die Beerdigung für  unecht hält.

TRIKAL ist visuell sehr schön und mit seinem warm-goldenen Licht in Innenräumen mit Kerzen- und Petroleumlicht wirkt es nicht wie 1961. Hier hat sich wirklich etwas absolut Überlebtes erhalten. Voller Schönheit und Eleganz, aber anachronistisch. Dies sowie der Garten im blauen Mondlicht, Lichtsäulen, die durch die Bäume fallen, legen die ästhetische Grundlage für die Magie der Geisterszenen. Dazu kommt die sehr flüssige Erzählweise, der ständige Übergang zwischen den Handlungssträngen. Das alles könnten Figuren aus einem südamerikanischen Roman des „magischen Realismus““ sein. Im Hintergrund erklingt fast ohne Pause eine sehr sentimentale Musik wie aus einer Seifenoper. Benegal verzichtet auf hässliche Verfallsästhetik. Es ist eher die morbide Schönheit des Zuendegehens, die aber nicht überstrapaziert wird. Die Musik- und Tanzszenen bei einer Verlobungsfeier sind ausgesprochen schön und heiter.

Am Ende geht es zurück in die Gegenwart, und auf Francis wartet eine Rückfahrt voll Wehmut, Bedauern und Schuld. Sein Interesse für seinen unehelichen Sohn, den er vermutlich nie gesehen hat, kommt zu spät. Es ist niemand mehr da. Aber er hat erfahren, dass Ana und ihr Mann das Haus gekauft haben, um aus Portugal zurückzukommen. Hier konkretisiert sich die Verbindung aller drei Zeitebenen des Filmtitels.

Donnerstag, 26. November 2020

Hansal Mehtas CHHALAANG – Es lebe der Sport

Hansal Mehta hat mit CHHALAANG (2020) mal zur Abwechslung einen „family entertainer“ gedreht und das Einzige, was diese nett-harmlose, hübsch-belanglose Komödie mit seinen letzten politischen Filmen gemeinsam hat, ist Hauptdarsteller Rajkummar Rao. Der Film gehört mal wieder ganz ihm. Gut, seine Partnerin Nushrat Bharucha ist hübscher, darf aber leider über die Funktion als begehrtes Liebessstreitobjekt und moralische Stichwortgeberin nicht hinauskommen. Diese romantische Sportkomödie ohne große Überraschungen ist durchweg solide inszeniert von Mehta. Mehr konnte er bei dem simpel gestrickten Drehbuch aber auch nicht machen. Sein wirklich wichtiges neues Werk, die Web-Serie SCAM 1992: THE HARSHAD MEHTA STORY (2020), bekommt man hierzulande leider nicht zu sehen.

Die Story von CHHALAANG ist ziemlich einfach und im Ganzen ziemlich konstruiert und so überraschend wie ein Teller familienfreundliche Haferflocken. Es beginnt mit dem faulen Leben des Kleinstadtsportlehrers Montu, wohlgemerkt eines unausgebildeten Sportlehrers, der an der Schule, auf die er selbst gegangen ist, hängen geblieben ist. In der Freizeit spielt er den Hindu-Rowdy und terrorisiert harmlos herumsitzende Liebespaare im Park, darunter auch ein älteres Ehepaar. Wobei man sich diese Energie bei dem Kerl gar nicht vorstellen kann, aber das Drehbuch will es so, denn durch diesen Trick kann es von Anfang an Reibereien mit der hübschen neuen Informatiklehrerin geben, die zufällig die Tochter des terrorisierten Ehepaares ist. Im dritten Teil wird ein echter Sportlehrer eingestellt, für den Montu Assistent spielen soll, wofür sein Ego aber keinen Raum lässt, jedenfalls fürs Erste. Der Film kreist um die immer größere Rolle und Bedeutung des Sportes in Indien auch außerhalb des Nationalsports Kricket, wofür die vielen Sportfilme in den letzten Jahren schon ein guter Indikator waren.

Schließlich gibt es einen großen Wettbewerb von zwei Teams, jeweils trainiert von den Sportlehrerrivalen. Montu trainiert die Loser und die Mädchen, die bei der Zusammenstellung des vermeintlichen Gewinnerteams gar nicht erst in Betracht gezogen wurden. Am Ende hat man dann das Gefühl, dass man bei den moralischen Lehreinheiten, die die Hauptfigur durchmacht, leicht hätte den Anschluss verlieren können, weil es so viele waren. Denn besonders die zweite Hälfte des Films ist voller moralischer Feinheiten zum Einpacken und Mitnehmen, also wenn man im Kino sitzen würde, aber so online kann man sie sich natürlich sofort zu Hause ins Regal stellen. Man soll den Sport ernst nehmen. Man soll nicht so faul sein. Man soll kein Arschloch sein. Und vor allem soll man nicht sofort aufgeben, wenn es Widerstände gibt. Aber eigentlich denke ich hinterher nur an eine Szene, genauer gesagt meine Lieblingsszene: Basketball-Dribbel-Training auf einem Feld voll sorgfältig angeordneter Kuhscheiße. So eine Übung hätte ich gerne in meinen nostalgischen Schul- und Sporterinnerungen.

Dienstag, 24. November 2020

HALAL LOVE STORY – Film ist für alle da

In Indien sind Kino und Religion nicht zu trennen. Das Kino ist eine Art Nebenreligion, oder, besser gesagt, Zusatzreligion, vereinbar mit jedem Glauben. Nur eben nicht immer in der Praxis. Da laufen spärlich bekleidete, nicht verheiratete Pärchen um Bäume herum oder machen Schlimmeres vor der Kamera. Das muss doch auch anders gehen, denken sich in der Amazon-Prime-Produktion HALAL LOVE STORY (2020) von Regisseur Zakariya einige kulturell und politisch engagierte Mitglieder einer ländlichen, islamisch konservativen Gemeinschaft im südlichen Bundesstaat Kerala, die auch am Filmleben teilhaben möchten, ohne sich an die normale Industrie anpassen zu müssen. Also beschließen sie, ein eigenes Werk als einstündigen TV-Film zu produzieren, der auf einem entsprechenden Sender gezeigt werden kann.

In der Praxis stößt so ein halal Film natürlich auf Schwierigkeiten. Das Projekt muss erst einmal durch die entscheidenden Verwaltungsgremien. Und dann die schwierige Pre-production. Das fängt schon bei der komplizierten Besetzung der beiden Hauptrollen eines Ehepaares mit einem obligatorischen echten Ehepaar an. Die Geschichte von HALAL LOVE STORY (2020) spielt zur Zeit des Irakkrieges und in der islamischen Gemeinschaft gehört Anti-US-Propaganda momentan ganz besonders zur Folklore. Da muss mal eben eine George-Bush-jr.-Puppe verbrannt oder Coca-Cola boykottiert werden. Das ist da ganz normal. Wobei man sich schon fragt, für wen sie das eigentlich machen, wo es doch von außerhalb keiner mitkriegt.

Alles wird natürlich durch einen sehr netten Weichzeichner gezeigt. Einerseits will man keine religiösen Gefühle verletzen, diese auch nicht lächerlich machen, andererseits will man auch keinen Extremismus verharmlosen. Aber es ist ein netter Film, der wirklich keinem weh tut. Dieser Malayalam-Film ist äußerst charmant, sympathisch und emotional authentisch. Das ist eben das Geheimnis der Filmproduktion aus Kerala. Da sind die vielen liebevoll charakterisierten Nebenfiguren. Da ist die genaue Beobachtung der kleinen, alltäglichen Dinge. Diese unaufdringlich gefilmten Details geben dem Film Substanz und Wärme. Aber klar, die meisten Kinokulturen, besonders die deutsche, würden aus so einem Stoff einen fürchterlichen holzschnittartig politisch korrekten Film machen, der nicht einen Moment lang echt klingen würde.

Aber der Film bleibt auch bei dem religiösen Thema nicht stehen, obwohl es natürlich immer wieder anklingt und in der großen Schlussszene noch einmal ganz und gar bestimmend wird. Über weite Strecken ist HALAL LOVE STORY einfach die Darstellung der schwierigen Dreharbeiten eines Films mit Amateurdarstellern in einer ländlichen Gegend. Daher bezieht der Film viel seines Humors. Ein Toningenieur erweist sich schnell als autoritärste Person im Film. Sein „Ruhe“ bringt sogar den Regisseur zum Schweigen, bis es zu Beschwerden der Anwohner kommt, die bald das Gefühl haben, sich nicht mehr rühren und kaum atmen zu dürfen.

Und es ist ein Film über die Liebe zum Film, für den einfach arbeitende Menschen schon einmal eine Woche lang ihr Geschäft schließen. Aber nicht immer wird diese Liebe erwidert, denn manchmal fehlt das Talent. Dazu kommen die parallelen Eheprobleme einerseits des Regisseurs und andererseits des Hauptdarsteller-Ehepaares. Denn die Dreharbeiten lösen bei diesem indirekt eine Krise aus, die sich wiederum ungünstig auf die Dreharbeiten auswirkt. Aber natürlich endet alles in der großen Harmonie. Und damit ist vermutlich nicht zu viel verraten.

DER SCHWARZE BRUNNEN – Mörderische Mädchengeister

 

DER SCHWARZE BRUNNEN / KAALI KHUHI  (2020) von Terrie Samundra ist ein dörflicher, surrealer Geisterfilm um das Thema weiblicher Kindsmord, das sich aus den verschiedensten Gründen durch die indische Geschichte zieht und nicht nur bei armen Leuten vorkam oder vorkommt, die kaum genug für sich selbst haben oder niemals eine Mitgift werden bezahlen können. Der Film bleibt aber sehr allgemein und abstrakt, was das Thema angeht. Das, was im Film geschieht, ist eher ein Symbol für das gesamte Thema, ohne sich in konkrete Motive oder Zusammenhänge zu stürzen. Nach einem alten Ritual gehen greise Frauen zu einem Brunnen am Rand der Felder und werfen das jeweilige weibliche Neugeborene hinein. Diese oft wiederholte Tat ist die vielfache Sünde der Vergangenheit, die geheilt werden muss, damit ein über dem Dorf liegender Fluch aufhört, die Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen. So gesehen geht es hier nicht anders zu als in unzähligen anderen gruseligen Filmen.

Der Film ist visuell sehr schön, vor allem in seinen Nachtbildern, dem Nebel, der über den dicht bewachsenen Feldern hängt, den engen, dunklen Gassen im labyrinthischen Dorf. Es beginnt mit einem Prolog, in dem ein ein kleines Mädchen die Gegend unsicher macht. Ein Mann wird in einen unbenutzten Brunnen gezogen. Eine alte Frau bricht vor Schreck zusammen angesichts des kleinen Mädchens mit einer Kette. Der Sohn, mit Frau und Tochter, kommt sofort angereist und sie werden in die seltsamen Geschehnisse des verfluchten Dorfes hineingezogen. Die 10-jährige Tochter ist die Hauptfigur des Films und der Schlüssel zur Auflösung des Geschehens. Die Nachbarin, die über alles Bescheid weiß, wird von Shabana Azmi in ihrer ersten Gruselfilmrolle gespielt.

DER SCHWARZE BRUNNEN ist eine Anhäufung von Unerklärlichem. Da sind Erwachsene, die irre Sachen machen und mächtig Angst vor kleinen Mädchen haben. In den besten Augenblicken steigert sich dies zu echtem Irrsinn und surrealen Bildern wie dem Blut in der Milch beim Melken, dem irren Kind, das sich den Kopf auf dem Steinfußboden blutig haut und einem anderen Kind Fleisch aus dem Arm beißt. Trotz allem verlässt der Film aber nie die Pfade einer gewissen Gepflegtheit. Man will es offensichtlich nicht übertreiben. Der Irrsinn wird am Ende folglich abgebrochen, anstatt ihn völlig ausbrechen zu lassen. Und der Schluss ist, angesichts der Thematik, höchst unbefriedigend, könnte aus jedem anderen Horrorfilm mit einem Kind als Hauptfigur stammen.

Mal allgemein gesagt: Irgendwie stottert es bei den indischen Netflix-Eigenproduktionen in der Sparte abseitige Indie-Genrefilme. Und irgendwie kann man ein Muster erkennen. BULBBUL kommt erst in der zweiten Hälfte in Fahrt. CARGO ist so dermaßen getragen langweilig, dass ich ihn bis heute nicht zu Ende geguckt habe. Und jetzt also DER SCHWARZE BRUNNEN, der zwar die erwähnten visuell-atmosphärischen Qualitäten hat, aber auch mit angezogener Handbremse fährt. Was alle drei Filme gemeinsam haben, ist, dass sie wirken, als wären sie vor allem aus auf einen bürgerlichen Kulturpreis. Terrie Samundra sagt selbst, dass ihr Film normalerweise auf Festivals gezeigt würde. Das ist korrekt, aber ändert nichts daran, dass diese Filme alle drei ziemlich verliebt sind in ihren eigenen Look, ihre Atmosphäre, ihre Bedeutung. Dass es auf sich selbst fixierte Filme sind, die träge in einem geschlossenen Universum existieren und die man mit Anerkennung für technische und visuelle Fähigkeiten, mit einem kleinen Appläuschen für soziales Bewusstsein, aber im Endeffekt doch mit ziemlicher Gleichgültigkeit betrachtet und sich mit Sicherheit kein zweites Mal ansieht.