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Dienstag, 18. Juni 2019

Aashiq Abus VIRUS – Gemeinsamer Kampf gegen den Tod

Aashiq Abus neuer Malayalam-Film VIRUS (2019) beruht auf wirklichen Ereignissen des vergangenen Jahres. 2018 brach in einer nördlichen Region des südindischen Bundesstaates Kerala der Nipah-Virus aus. 17 Menschen starben. Die Symptome des Nipah-Virus, der in Indien eine durchschnittliche Sterblichkeitsrate von 75% hat, sind Kopfschmerzen, Schwindel, Fieber und Übergeben. Das erste Mal ist dieser Virus 1998 in Malaysia aufgetreten. In Indien gab es 2001 und 2007 Ausbrüche in Westbengalen. Man hatte in Kerala also keine Erfahrung mit dieser speziellen Bedrohung. Die ergriffenen Maßnahmen sorgten aber schließlich für eine totale Eindämmung. 

VIRUS ist entstanden mit Unterstützung der Regierung und ihrer beteiligten Ministerien. Denn in der Bekämpfung der Epidemie haben sich ja alle Institutionen als funktionsfähig erwiesen. Und angesichts der vielen Kinofilme mit gangsterähnlichen korrupten Politikern, die nur an das eigene und nicht das allgemeine Wohl denken, ist es schön, auch wieder einmal so etwas zu sehen. Daher ist VIRUS trotz der ständigen Anwesenheit von Krankheit und Tod im Endeffekt ein positiver Film, der den Erfolg kollektiver Anstrengungen unter völliger Zurückstellung der eigenen Person feiert.

VIRUS beginnt ganz alltäglich mit ein paar jungen Männern, die abends Fußball spielen, nach Hause fahren. Dann sieht man einen von ihnen am nächsten Morgen bei der Arbeit als Arzt in einem überfüllten, hektisch betriebsamen Krankenhaus mit dem entsprechenden Durcheinander und der Einlieferung schwerer Fälle. Mal kann man ein Leben retten, mal nicht. Und dann wird auch noch gerade gestreikt, weil den Arbeitern seit sechs Monaten keine Löhne mehr gezahlt wurden. Versinnbildlicht wird diese Existenz an der Belastungsgrenze durch eine Mauer von nicht abtransportierten Müllsäcken an der Rückseite des Gebäudes. Sie steht da wie eine erstarrte riesige Welle, die droht, das Gebäude zu verschlingen. 

In diese stressige Routine kommt ein seltsamer Fall, der Aufsehen erregt. Es gibt weitere solche Fälle in anderen Krankenhäusern. Man testet im Labor, bis man sicher ist, dass es der Nipah-Virus ist. Es beginnt die intensive Behandlung und Isolierung und Quarantäne von Kranken und Kontaktpersonen, die emsige Nachforschung über die Ursache, aber auch die politische Diskussion. Denn findet man keine natürliche Ursache, kann es auch ein Terroranschlag sein. All das findet gleichzeitig statt und der Film folgt genauso gleichzeitig allen Maßnahmen in allen Richtungen. Erschreckend, aber nicht ungewöhnlich ist am Ende dann die Erkenntnis, dass die größte und schnellste Ausbreitung in einem Ambulanzfahrzeug und dann im Krankenhaus stattfand. Bekanntlich kann man sich ja nirgendwo so schnell mit etwas Gefährlichem anstecken wie in einem Hospital.

VIRUS ist, von der ersten bis zur letzten Minute, ein konsequenter Ensemblefilm. Der Film wiederholt so im Prinzip das, was die Eindämmung des Virus erst möglich gemacht – die funktionale Einordnung ins Kollektiv. Natürlich riskiert hier keiner der Darsteller sein Leben, so wie es bei den realen Beteiligten der Fall der Fall war. Und natürlich spielen bekannte Schauspieler die Menschen an den zentralen Stellen der Maßnahmen und sind somit im Laufe des Films öfter als andere zu sehen. Auf einem der Filmplakate werden ja auch drei Gesichter hervorgehoben, aber alle verrichten ihre Arbeit unspektakulär und sachlich, sodass sie sich völlig in das große Ganze integrieren. Allesamt verkörpern sie auf zurückhaltende Weise Alltagsmenschen, die eine Aufgabe verrichten, weil sie kein anderer machen kann oder würde. Niemand reißt sich darum. Denn die meisten haben ein Privatleben, Verantwortung für Angehörige.

Denn es handelt sich bei VIRUS eben nicht nur um ein rein sachliches Doku-Drama, das die Ereignisse wiedergibt. Die Drehbuchautoren haben ein solides, detailversessenes Gerüst geliefert, dass Regisseur Abu aber wirkungsvoll mit Leben füllt. Die 150 Minuten vergehen ohne jede Leerstelle. Und das allein schon ist ein Qualitätsmerkmal. Das liegt daran, dass der Film eben auch auf Wirkung hin gemacht wurde. Es gibt reichlich Emotionen, nicht nur durch die bedrohliche Tod-Leben-Situation, sondern auch auf einer ruhigeren Ebene durch die kurzen, aber wirkungsvollen und völlig ausreichenden Einblicke in das Privatleben der Beteiligten, sodass man sie kennenlernt. Auch dadurch schafft der Film trotz seines weit umfassenden Ansatzes eine Intimität und Nähe zum Zuschauer, die seine größte Qualität ausmacht. 

Es geht aber auch um die allgemeinen Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft, um die Panik, um das doppelte Leid von moslemischen Hinterbliebenen, wenn sie die Leiche nicht ausgehändigt bekommen, weil sie sofort verbrannt werden. Das Problem wird dann übrigens nach dem Vorbild von Bangladesch durch Tiefenbegräbnisse gelöst. Es gibt ausreichend Spannung wie in einem Detektivfilm durch die Nachforschungen nach der Ursache. Da ist der Film wie ein klassischer Whodunit, wo man auf der Suche nach dem Mörder ist. Und auch wenn Aashiq Abu jeden Sensationalismus vermeidet, hat diese wahre Geschichte natürlich auch etwas von einem Horrorthriller, wo fast unerträglich viel gehustet und gekotzt wird. Das Gruselige verstärkt der Film ganz bewusst in mysteriösen Szenen, wenn etwa in einem Schockmoment aus einem tiefen Brunnen plötzlich Fledermäuse nach oben jagen. Der Film spinnt mit Mitteln wie kurzen Rückblenden oder effektvollen Parallelmontagen ein so feines, immer weiter sich ausdehnendes Netz, das man sich unmöglich alle Namen merken kann und manchmal glaubt, den Anschluss verloren zu haben, um ihn aber immer wiederzufinden. Im Ganzen entseht so ein großes und emotional aufgeladenes Gesamtbild.

Schön und beängstigend in ihrer Stille und Friedlichkeit ist dann am Ende die kurze Epilog-Szene, die den Beginn der Übertragung in Kerala auf den Menschen zeigt. Da weiß man ja, was folgen wird. Und dadurch ist die scheinbare Ruhe infiziert, so wie die kleine Fruchtfledermaus, von der vermutlich alles ausging. Aber gleichzeitig ist diese tierische Ursache der Epidemie ja selbst bloß offensichtlich krank und ein stilles, ratloses Opfer von etwas Unbekanntem, Rätselhaftem, Zerstörerischen. Und Anfang Juni 2019 wurde ein neuer Nipah-Fall in Kerala gemeldet.

Mittwoch, 12. Juni 2019

Salman Khan in BHARAT – Ein indischer Alltagsheld

Eine einzige Prügelszene Salman Khans gegen eine Übermacht aus einem Haufen böser Rowdys gibt es gegen Ende des von Ali Abbas Zafar inszenierten und geschriebenen Films BHARAT (2019). Und da ist die von Salman Khan gespielte Hauptfigur gerade 70 Jahre alt geworden. Wenn man das mal als Ansage auf die nächsten fünfzehn, zwanzig Jahre des 53 Jahre alten Bollywood-Superstars nimmt, dann kann man ahnen, dass er tatsächlich noch viel vor hat. Aber ansonsten bleibt es in BHARAT überwiegend friedlich.

Mit grauem Vollbart, grauen Haaren und Brille spielt Khan diese gealterte Version seiner Filmfigur, die mit „Bharat“ auch gleich heißt wie eine aus dem Sanskrit stammende Bezeichnung des indischen Staates. Solche nicht allzu subtilen Symbole und Bedeutungen durchziehen den ganzen Film. Aber es passt zu der sehr einfachen Handlung ohne große Überraschungen, die ein privates Ereignis, verbunden mit einem geschichtlichen Abschnitt innerhalb der Zeit von 1947-2010, an das nächste reiht.

Es beginnt mit Unabhängigkeit und Teilung: Eine Familie, stellvertretend für unendlich viele ähnlicher Fällen, wird in dem ganzen mörderischen Chaos auseinandergerissen. Mutter, Schwester und Bharat schaffen es nach Indien. Der Vater und die zweite Tochter, deren Hand Bharat auf dem Dach eines Zuges nicht festhalten konnte, bleiben zurück in Pakistan, aber auch nicht gemeinsam. Ort des angestrebten Wiedersehens ist ein Laden in Bombay, der dem Onkel und der Tante gehört, wo man erst einmal unterkommt. Bharat übernimmt es, sich anstelle des Vaters um die Familie zu kümmern. Und das heißt vor allem natürlich, Geld zu verdienen. Und so geht es über wirtschaftlichen Aufschwung, Krise, wirtschaftliche Liberalisierung bis ins moderne, ökonomisch global integrierte Indien.

BHARAT ist ein Familienfilm als nationaler Film, der eine ganz geglückte Mischung aus Pathos und Komödie liefert. Vor allem ist es ein durch und durch positiver Fortschrittsfilm über Indien, ein bisschen so, wie man einen Lebenslauf schreibt, wo man das Unangenehme möglichst weglässt oder zumindest kleinschreibt. Die Ursachen der Teilung liegen schon etwas tiefer, als dass ein paar Männer im Hinterzimmer dachten, die Menschen wären dann glücklicher. Indira Gandhis Ausnahmezustand in den 70ern ist plötzlich zu Ende, aber ich kann mich nicht erinnern, dass er im Film irgendwann beginnt. Und auch wenn die Teilung im Mittelpunkt steht, existieren hier weder Krieg noch Terrorismus. 

Ganz am Anfang gibt es eine Szene, die diese Methode symbolisiert: Ein kleiner Junge entdeckt einen ganzen Zug voller brutal abgeschlachteter Leichen. Schnell muss es gegangen sein, denn viele sitzen blutverschmiert noch auf ihren Plätzen. Der Vater eilt hinzu und hält eine Hand vor die Augen des Kindes. Das Schlimmste wird dem Zuschauer in der Folge eben auch nicht gezeigt. Es soll halt ein Familienfilm, ein die ganze Nation umfassender Wohlfühlfilm sein, der niemandem wehtut, und das Kalkül scheint angesichts der ständig über die sozialen Medien verkündeten Einspielergebnisse ja aufzugehen. Und es ist ein außerordentlich sympathischer Film, den anzugucken ganz einfach Spaß macht. Und es gibt keinen echten Bösewicht in dem Film, der die Handlung künstlich dramatisiert. Es sind die ganz einfachen Widerstände des Alltags, gegen die man hier ankämpfen muss.

Bharat ist ein Alltagsheld. Er kümmert sich um die Familie, verdient Geld, riskiert sein Leben als Motorradfahrer im Zirkus, scheut keine harte Arbeit, schuftet auf den nahöstlichen Ölfeldern, arbeitet gefährlich unter Tage, rettet seine Kumpel und sich vor dem unterirdischen Erstickungstod. Und er wagt eine der ersten unehelichen Beziehungen Indiens, die von der Mutter abgesegnet wurde. Eine Pionierleistung fürwahr. Das gibt es nicht mal im bunten Hindi-Kino der Mitsechziger. Und er bewältigt heroisch und mit Selbstüberwindung den Sprung in die Moderne, den Wandel von der heimeligen Basargasse ins moderne Einkaufszentrum, auch wenn sein Schwager dafür sorgt, dass die Grund- und Ladenbesitzer nicht alles den internationalisierten Raubgeiern der Großinvestition überlassen.

Bharat neigt zu pathetischen patriotischen Reden. Einmal wird dies ironisiert. Schließlich ist man nicht im Kino. Aber dann kommt es doch zum kollektiven Singen der Nationalhymne. Schließlich ist man im Kino. Das Bollywood Leben retten kann, zeigt auch die Episode mit den somalischen Operettenpiraten, dessen Anführer lieber Amitabh-Bachchan-Songs tanzt und singt, als das Schiff auszurauben. Überhaupt gibt es noch mindestens zwei andere Anspielungen auf Amitabh Bachchan. Und jetzt kennen wir alle auch den Ursprung der berühmten Ei-Szene in Manmohan Desais AMAR AKBAR ANTHONY (1977), übrigens auch eine Lost-and-found-Geschichte, hier über drei in der Kindheit voneinander getrennte Brüder mit verschiedenen Religionen. Mit der originalen Filmmusik von BHARAT, besser gesagt den Songs, sieht es nicht so überragend aus. Da sind drei, vier Lieder, daran erinnere ich mich. Aber die Lieder selbst sind nicht sonderlich erinnerungswürdig.

Ali Abbas Jafar führt funktional und handwerklich sicher Regie. Dabei wird hauptsächlich der wie immer routiniert und sympathische agierende Hauptdarsteller in Szene gesetzt. Khan weiß, wie man das Publikum auf seine Seite bekommt, und als Erzähler kommuniziert er auch noch auf einer weiteren Ebene direkt mit dem Zuschauer. BHARAT ist, nach SULTAN (2016) und TIGER ZINDA HAI (2017), jetzt schon die dritte Zusammenarbeit von Jafar und Khan. Und schon wieder erfolgreich. Und erneut bewegt sich Zafar in den von Regisseur Kabir Khan vorgegebenen Bahnen.

War der Tiger-Film die völlig ironiefreie harte Action-Fortsetzung des geistreichen Spionagefilms EK THA TIGER (2012), wirkt BHARAT wie eine im Ganzen doch etwas weniger subtile Version von BAJRANGI BHAIJAAN (2015), einem der schönsten und besten Filme der letzten Jahre. Es ist eine Indien-Pakistan-Geschichte mit dem Thema Familienzusammenführung, inklusive erfolgreich tränentreibender Szenen an der Grenze. Im Mittelpunkt steht ein kleines Mädchen in Gestalt der kleinen Schwester, die für ein paar Szenen Gestalt annimmt in Form eines anderen kleinen Mädchens. Dass er niemals lügt, wird ersetzt durch das Versprechen an den Vater, sich um die Familie zu kümmern. Und da ist der etwas naive und begriffsstutzige Familienmensch, der eine ihm geistig und von der Bildung und dem Karriereerfolg her überlegene Ehefrau bekommt, diesmal in Gestalt von Katrina Kaif.

Und eigentlich ist Katrina Kaif das Beste an dem Film. Ihre Figur hebt BHARAT hinaus über den eindimensionalen und auf nur ein Ziel gerichteten Tunnelblick der Hauptfigur, den das Trauma der Teilung, besonders in Visionen der damals in der Menge verschwindenden Schwester, nicht loslässt. Kaif fordert Salman Khan als Bharat heraus, ironisiert sein Verhalten auch mal. Ein Filmpaar, dem das Nichtglamouröse und Alltägliche sehr gut steht. Und irgendwie spürt man, dass die beiden auch im echten Leben ein großes stilles Einverständnis verbindet. Bis 2010 waren sie ja sogar ein wirkliches Paar und sind immer noch gut befreundet. Aber ich will mich jetzt nicht in Biografisches hineinsteigern. Und überhaupt hat Salman Khan ja noch gerade öffentlich verkündet, dass er nicht an die Ehe als Institution glaubt. Dazu passt ja, dass es für ihn und Kaif auch im Film ganz und gar unehelich bleibt.

Mittwoch, 5. Juni 2019

Suriya in NGK – Revolte gegen die Alten

Es fängt so paradiesisch und positiv an in dem tamilischen Film NGK (2019). Nandha Gopala Kumaran, der NGK aus dem Filmtitel, verbreitet unter den Bauern die Prinzipien des ökologischen Landbaus. Dafür hat er seinen gut bezahlten Bürojob, für ihn sowieso nur eine bezahlte Version von Gefängnis, sausen lassen. Eine ganze Schar junger Leute hat er als idealistische Sozialarbeiter hinter sich versammelt. Er ist populär, gilt als wichtig, sodass er auch in einer bürokratischen Angelegenheit um Hilfe gebeten wird. Aber erst ein Freund mit politischen Verbindungen kann die Sache regeln. Er alleine wird von Beamten aus dem Gebäude getragen. Und dann schlagen die ökonomischen Profiteure der Verseuchung und Ausbeutung der Böden zu, lassen sich diese Einmischung in ihre Geschäfte nicht lange gefallen. Felder werden vergiftet und auf lange Zeit unbrauchbar gemacht. Das geht an die nackte Existenz, und eine weinende Mutter bittet Kumaran, mit seinem Engagement aufzuhören. Ihr Sohn habe sich umgebracht. Und erneut muss er lernen, dass man politische Beziehungen braucht bei solchen Problemen.

Aber da es Gefallen nicht umsonst gibt, muss er in eine Partei eintreten mit den 500 jungen Männern in seinem Gefolge. Und da entwickelt der Film eine Menge satirischen Humors. Obwohl es schon vorher amüsant war, etwa wenn die Mutter es nicht aushält, dass das jung verheiratete Paar vor ihren Augen in der Küche flirtet. Und als Kumaran der Gattin ein Eis reicht, an dem sie gar nicht aufhören will, herumzuschlecken, da wird es der Mama endgültig zu viel. Doch das ist ja alles sehr liebevoll. Die böse Satire beginnt mit der Politik, deren Mechanismen man dafür in ihren Einzelteilen auseinander nimmt. Da befindet sich Kumaran in der organisierten Masse, über deren kontrolliert spontane Begeisterung sich ein Redner unsagbar freut, während neben diesem ein Mann steht, der sich an die Nase, ans Ohr fasst, um damit Reaktionen der Menge, wie eine bestimmte Art des Rufens, zu erzeugen.

Das alles ist Theater, Kino, Schauspiel, Schmierentheater, eine perfekt inszenierte Show, was ja an sich nicht schlimm wäre. In den USA ist auch immer so vieles bis ins Detail inszeniert. Aber da funktioniert im Großen und Ganzen das System. Doch hier verschleiert es nur das Nichtfunktionieren in vielen Bereichen, die Korruption, die persönliche Bereicherung. Es geht um Macht um der Macht willen, und um des Geldes willen, das eine bedingt das andere, in beide Richtungen. Den politischen Durchbruch schafft Kumaran aber erst, als er selbst in das Geschäft der Schauspielerei einsteigt. Es sind Haltungen, Gesten, Mienen, wie man sie aus dem Kino kennt: unterwürfige Körperhaltung, leicht vorne vornübergebeugt, lächelnd oder weinend vor Dankbarkeit. Nach einem Mordanschlag auf ihn, schaltet er geschickt in schluchzende Verzweiflung um, da sie sich besser auf den Fernseh- und Smartphone-Bildschirmen macht. Die Ehefrau steht distanziert in der Ecke und betrachtet ihn skeptisch.

Gespielt wird diese energische und oft genug wütende Ehefrau, die sich nichts gefallen lässt und jeden seiner Fehler hemmungslos kommentiert, von Sai Pallavi. Eine perfekte Darstellung einer ganz normalen, hübschen, aber nicht glamourösen indischen Ehefrau. Für den unterkühlten Glamour als Erfolgsfrau in den Hintergründen der Politikmaschinerie ist Rakul Preet Singh zuständig, ein schnelles Leinwandwiedersehen nach dem gerade erst gelaufenen Hindi-Film DE DE PYAAR DE (2019). Diesmal wirkt sie mit streng und stramm zurückgebundenem Haar unnahbar und unmenschlich, aber natürlich erliegt sie dem Charme des Helden, der eine Affäre mit ihr hat. Das wäre vor Kumarans Einstieg in die Politik undenkbar gewesen. Suriya spielt anschaulich und auch demonstrativ die Verwandlung eines normalen Mannes in einen Leinwandhelden. Und genau wie so einer muss er kämpfen, schauspielern, alle medialen Mittel anwenden, um die Massen auf seine Seite zu bekommen. Schließlich ist Südindien der Ort der wirklich erfolgreichen Schauspieler-Politiker. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen. Und das ist das Brillante an NGK: Dieser Film über Politik ist, ohne es zu betonen, auch einer über die Prinzipien des tamilischen Kinos und seiner gesellschaftlichen Bedeutung.

Ich muss sagen, dass ich so einen Film nicht erwartet habe. Angenehm überrascht wäre der falsche Ausdruck. Ich mag ja harte Actionthriller, aber ich war beeindruckt, denn ich könnte mir vorstellen, dass ich nicht der einzige Zuschauer mit anderen Erwartungen war. Da kann man so einen fast schon analytischen Film in Form eines Blockbusters dann ruhig mutig nennen. Aber es funktioniert und ist unterhaltsam. NGK ist dicht, spannend, flüssig erzählt. Regisseur Selvaraghavan schafft einen ruhigen Rhythmus, der in den Actionszenen etwas beschleunigt, ohne die Kontrolle zu verlieren. Und er arbeitet mit Leerstellen. Eine tödlichen Brandanschlag gegen Ende hätte man in seiner Emotionalität und seinem Leiden ausschlachten können. Selvaraghavan zeigt nur die Folgen. Gelungen ist ihm eine Mischung aus bitter-ernst und bitter-ironisch, dass es weh tut. Wenn in einer der wichtigsten Szenen ein Todkranker darum bittet, erdolcht zu werden, damit man seine vermeintliche Ermordung der anderen Partei in die Schuhe schieben kann, dann hat das Ganze den Höhepunkt der tragischen Absurdität erreicht. Und es funktioniert wie vorhergesehen. Und Kumaran spielt mit. Und er wird immer erfolgreicher mit seiner kalkulierten Taktik. Denn er hat auch gesehen, was er alles an Gutem durchsetzen kann in seiner Position.

Und so wird er nach und nach zu einem echten übermenschlichen Helden, bei dem man sich nicht sicher ist, inwieweit er seine zu Beginn unschuldige Seele verloren hat oder inwieweit sie angekratzt ist. Es gibt nicht viele, aber intensive Actionszenen. Die brutalen Kampfszenen, natürlich immer ungerührt gegen viele Gegner auf einmal, haben eine angespannte Atmosphäre. Da ist eine Schlägerei in einem engen Klo und dann anschließend im Waschraum, wo nicht nur ein paar harmlose Knochen gebrochen werden. Es gibt eine wilde Polizeiattacke auf einem Platz. Und es gibt eine blutige Messerattacke auf ihn und seine Frau. Die wenigen Songs des Films funktionieren nach demselben Prinzip. Sie sind kurz, treibend und haben eine gewisse Härte. Ein einziges Liebeslied mit Bildmontagen gibt es allerdings. Bezeichnenderweise nicht zwischen Ehefrau und und Ehemann, sondern zwischen Kumaran und Geliebter.

Bei all dem geht es nicht so sehr um politische Inhalte, sondern um das Funktionieren des Staates, der Bürokratie an sich. Am Ende zerfasert der Film ein bisschen, oder ich habe bloß nicht alles mitbekommen, weil die gelben Untertitel manchmal schwer zu lesen waren. Auf jeden Fall endet alles in einer Revolution der jungen Männer, in dem symbolischen Angriff auf einen Trailer mit verantwortlichen Politikern mit Blut an den Händen. Das Neue gegen das Alte, die Jungen gegen die Alten, und das liegt dann ja, genau wie die Öko-Thematik, ganz im international angesagten Zeitgeist.

Dienstag, 28. Mai 2019

CHANDIGARH AMRITSAR CHANDIGARH – Boy meets girl Punjabi-style

In gewisser Weise war CHANDIGARH AMRITSAR CHANDIGARH (2019) die zweite Punjab-Komödie in den deutschen Kinos innerhalb von nur einer Woche. Nur dass DE DE PYAAR DE (2019) mit Ajay Devgn eine Hindi-Komödie ist, die aber in der zweiten Hälfte im Punjab spielt und wo es richtig viel typische Musik und Rhythmen gibt. Doch Filme wie CHANDIGARH sind sozusagen das Original, eben ein echter regionaler Film, der durch sein authentisches Lokalkolorit überzeugt. Es ist ein sympathischer Film, der Spaß macht, auch wegen der zwei charmant spielenden Hauptdarsteller. Gippy Grewal und Sargun Mehta, die in Fernsehserien anfing und auch schon zwei Mal einen regionalen Filmfare Award gewonnen hat, sind beide sehr populär im Punjab. Es ist die zweite Regiearbeit von Karaan Gulian, der bei seinem ersten Werk SARVANN (2017), einer Priyanka-Chopra-Produktion, noch mit dem Nachnamen Guliani genannt wurde.

Eigentlich besteht der Film vor allem daraus, dass Grewal und Mehta sich zu Fuß oder auf dem Motorrad durch Amritsar bewegen und sich streiten und unterhalten. Die Story ist simpel: Eine junge Frau aus Chandigarh kommt nach Amritsar, um höchstpersönlich ihrem von den Eltern ausgesuchten Bräutigam eine Absage zu erteilen. Auf der Suche nach der richtigen Straße stößt sie auf einen auf der Straße Cricket spielenden jungen Mann, dem sie dadurch, dass sie ihn nach dem Weg fragt, fast den sicher geglaubten Sieg ruiniert. Und damit ist es passiert: Boy meets girl. Das Ende ist unausweichlich. Aber erst kann sie ihn gar nicht ausstehen, was für den Zuschauer ja auch immer viel lustiger ist als verträumte beiderseitige Liebe auf den ersten Blick. Es gibt in Form von Comedy zusätzlich ein paar Dramatisierungen, damit sie gezwungen ist, überhaupt für die Länge des Films in Amritsar zu bleiben. Sie verliert ihr Handy, dass in den Sitz einer Motor-Rikshaw gerutscht ist und zu seltsamen Vibrationen bei den nachfolgenden Fahrgästen führt. Ja, das ist ein bisschen niedlich unanständig.

Und das alles ist nicht zu lang. Der Film hat nur etwa 107 Minuten. Man verzichtet also auf einen Rattenschwanz an überflüssiger Handlung, mit der so mancher populäre indische Film auf die gewohnte Länge gedehnt wird und sich dann auch so anfühlt. Hier ist es umgekehrt. Es hätten ruhig ein paar Minuten mehr sein können, aber das ist dann ein Kompliment an den Film. Es gibt auch eine knallige Schlusspointe, die aber gar nicht so knallig ist, weil viele Zuschauer sie sicher schon erwarten, aber dann besteht das Vergnügen eben darin, zu überlegen, wie die Wahrheit wohl ans Tageslicht kommen wird. Aber um Originalität geht es hier auch nicht.

Wer die Filme von Imtiaz Ali mag, oder auch die plaudernde Pärchen-Trilogie von Richard Linklater mit Ethan Hawke und Julie Delpy, die in BEFORE SUNRISE (1995) und BEFORE SUNSET (2004) durch Paris spazieren, der dürfte auch CHANDIGARH AMRITSAR CHANDIGARH mögen. Die Feinheiten bei der Sprache, dem Akzent und Slang, diese regionalen Unterschiede eben, von denen der Dialog ganz offensichtlich lebt, sind mir natürlich entgangen. Aber die Gegensätze zwischen Chandigarh und Amritsrar, die den Kern des Films bilden, die beginnt man auch als Außenstehender sehr schnell zu begreifen, denn da geht es nicht um tiefe soziologische Erkenntnisse, sondern vor allem um Klischees, die der eine über den anderen mit sich herumträgt. Es geht um lockeren und arbeitsamen Lebensstil, moderne und traditionelle Kleidung oder auch weibliche, männliche Rollenverteilung, etwa die Selbstverständlichkeit, mit der er erwartet, dass die Frau nach der Hochzeit mit ihm bei den Eltern wohnt, dies aber umgekehrt nicht machen würde.

Und das alles ist eingebettet in authentische Amritsar-Atmosphäre, ohne einen gefälligen Touristen-Blick einzunehmen. Es geht durch normale Gassen, Wege, Geschäfte und ganz offensichtlich hat man gerne auf die passenden Menschen von der Straße zurückgegriffen. Das schafft einen angenehmen Hintergrund der Natürlichkeit und Lebendigkeit. Natürlich geht es nicht ganz ohne Goldenen Tempel. Aber einen Augenblick, zwei längere Einstellungen, und dabei lässt man es gut sein. Richard Linklater hatte ja in seinen beiden Filmen ganz konsequent auf den Eiffelturm verzichtet, was vielleicht doch ein bisschen übertrieben ist. Man sieht ihn nun mal oft in Paris. Im Nachspann gibt es dann einige Bilder von den Dreharbeiten, wo man überprüfen kann, dass tatsächlich an Ort und Stelle gedreht wurde.

Und wie passend zur Wirklichkeit ist die Methode, mit der die männliche Hauptfigur im Film sein Geld verdient! Er organisiert falsche Likes und Kommentare für Facebook und andere Internetseiten. Schlechtes Gewissen hat er keines, er argumentiert mit der Notwendigkeit seines Tuns: Das wäre die Grundlage der punjabischen Wirtschaft. Und vielleicht auch der Filmindustrie, musste ich abends, nach der Kinovorstellung am Samstag Vormittag, denken. Ich war neugierig auf die Bewertungen bei IMDb und entdeckte ein 10/10. Nun würde ich den Film sofort jedem empfehlen, der oder die auf der Suche nach entspannter, ganz intelligenter und kurzweiliger Unterhaltung ist. Aber Leute, das ist irreal. Es gibt inzwischen zig Rezensionen mit der Bewertung 10/10. Die meisten sehr kurz, ohne weitere Erklärungen, was nicht sehr typisch ist. Na ja, aber der Film liefert ja die eigene Rechtfertigung für diese absolut gängigen Manipulationen gleich mit. Doch ein bisschen geschickter und weniger offensichtlich wäre doch besser. 8/10 oder 9/10, das ist viel empfehlenswerter, da wird niemand so schnell stutzig. Das ist wie bei gefälschten Wahlergebnissen. Da scheut man auch die 100% und nennt 99% oder noch besser sogar ein ganzes Stück drunter.

Montag, 20. Mai 2019

Ajay Devgn in DE DE PYAAR DE – Jung trifft alt

Das war doch unterhaltsam. DE DE PYAAR DE (2019) ist eine hübsche Hindi-Komödie mit Ajay Devgn, Tabu und der jungen Süd-Schauspielerin Rakul Preet Singh. Der Film besteht aus drei Teilen: Er beginnt als romantische Komödie, wird dann zur ausgelassenen familiären Boulevard-Komödie mit viel Chaos und Durcheinander, sodass am Ende alles relativ ernst und sachlich einem glücklichen Ende zugeführt werden muss. Devgn spielt einen abgeklärten, von seiner in Indien lebenden Familie schon lange getrennten 50 Jahre alten Mann, einen reichen Investor in London. In dessen Wohnung hat sich am Anfang des Films eine Bachelor-Party-Gesellschaft angesagt, vermutlich jüngere Kollegen. Enttäuscht sind sie, denn er hat für nichts Wildes gesorgt. Es folgt eine falsche Striptease-Tänzerin als Testfalle für den zukünftigen Bräutigam. Die Verlobte taucht wutentbrannt auf. Tränen, Drama, fast Tragödie und dann doch Versöhnung. Und ein bisschen selbst schuld. Wer so gefährlich mit dem Feuer spielt, soll sich nicht wundern. Jedenfalls haben sich so die beiden Hauptfiguren - Investor und falsche Tänzerin – kennengelernt und es geht nun hin und her, um zu sehen, ob denn überhaupt was geht zwischen den beiden. Und da es einen Altersunterschied von 24 Jahren gibt, gibt es auch Diskussionen darüber sowie über Jugend, Alter und deren Kompatibilität. Alles geschmackvoll geschrieben, charmant gespielt und von Regisseur Akiv Ali kontrolliert inszeniert. Nur die Musik hätte man vielleicht ein bisschen sparsamer einsetzen können. Es ist absolut nicht nötig, jede Pointe mit einem musikalischen Effekt zu unterlegen.

Aber das alles ist eigentlich nur die Aufwärmphase für den lustigsten Teil des Films, für die Boulevard-Komödie. Wo Devgn seine Braut in Indien, genauer gesagt im Punjab, der Familie vorstellen will. Und wo er als höchst unerwünschter Gast mitten in die Hochzeitsanbahnung der Tochter platzt und wo die Familie des Mannes erwartet wird. Die Tochter darf aber offiziell gar nicht seine Tochter sein, denn sie hat ihn in ihrem Zorn auf seine ständige Abwesenheit längst für tot erklärt. Und wo der Papa, der dann notgedrungen zum Onkel wird, die eigene zukünftige Ehefrau verschreckt zu seiner Sekretärin erklärt, auf die der Sohn plötzlich eine gleichaltriges Auge wirft. Das alles lebt von der Situationskomik und der Besetzung. Ajay Devgn, der im Laufe des Films seine Geschäftsmannsouveränität immer mehr verliert, weil er Familienleben erst mal lernen muss. Etwas zerknautscht und ratlos steht er ein bisschen neben sich, beobachtet sein Leben wie von außen, weil es plötzlich von äußeren Faktoren, vor allem den Frauen, bestimmt wird. Wie im echten Leben eben. Tabu ist nach ANDHADHUN (2018) wieder ganz wunderbar, diesmal als souveräne Mutter, die in einer schönen und intimen Szene mit Ajay Devgn plötzlich zusammenbricht, weil sie es leid ist, immer die Starke zu spielen. Rakul Preet Singh kann da gut mithalten in einer Mischung aus lebenslustig-sexy und gefühlvoll-niedlich. Am meisten Spaß an dem Ganzen hat ganz offensichtlich Jimmy Shergill als exzentrischer Nachbar, der ein Auge auf Tabu geworfen hat.

Dabei verliert der Film die ganze Zeit nicht das Thema Altersunterschied aus dem Blickfeld. Und das ist ein Thema, das in Hindi-Filmen auf unterhaltsame Art nicht sehr oft problematisiert wurde, nicht zuletzt deshalb vermutlich, weil es einfach da ist. Zwischen älter werdenden Helden und Hauptdarstellerinnen tun sich eben nach und nach immer größere Alterslücken auf. Und in Devgns letztem Film RAID (2018) war seine Steuerfahnder-Figur mit Ileana d'Cruz verheiratet. Und zwischen Devgn und d'Cruz beträgt der Unterschied immerhin auch 20 Jahre. Aber offenbar plant ja sogar Bhansali in der Richtung etwas mit Alia Bhatt und Salman Khan, die 27 Jahre trennen. Es ist also ein scheinbar angesagtes Thema. Und es ist ironisch, dass Kritik daran kommt, da es sich doch in solchen Filmen um freiwillige Beziehungen handelt. Bisher war es im Hindi-Kino doch eher ein unangenehmes Thema, vielleicht verbunden mit einer sozialen Kritik an einer Verheiratungspraxis, wo jüngere Frauen ständig mit älteren Männern liiert werden, ohne dabei gefragt zu werden. Was besonders extrem wird, wenn ein Witwer noch mal heiratet. Wie in DEVDAS übrigens, wo die arme Parvati in einem Haus praktisch eingemauert ist mit Kindern in ihrem Alter. Und da möchte ich doch gerne auf den besten und eindringlichsten Film zu diesem Thema hinweisen. Der große Regisseur V. Shantaram hat in den 30ern einen seiner brillanten sozialen Marathi-Film über eine junge Frau mit einem richtig alten Ehemann gedreht. Der Einfachheit halber zitiere ich kurz aus einem Artikel von mir über Shantaram, der im Retro-Filmmagazin „35 Millimeter“ Nr.22 erschienen ist: „In KUNKU (1937) wird eine noch sehr junge Frau, eine Waise, auf betrügerische Weise mit einem viel älteren Anwalt verheiratet und benimmt sich dann in dessen Haus bewusst schroff und abweisend. Sie will keine Ungerechtigkeit dulden. Shanta Apne spielt eines der zornigsten jungen Mädchen der indischen Filmgeschichte.“ Ein großartiger, moderner Film. Und eine großartige Hauptdarstellerin.

Sonntag, 12. Mai 2019

STUDENT OF THE YEAR 2 – Tiger Shroff kämpft sich durch

Nach KALANK (2019) ist dann also mit STUDENT OF THE YEAR 2 (2019), unter der Regie von Punit Malhotra, die zweite große Karan-Johar-Produktion innerhalb von kurzer Zeit angelaufen. Nach dem ersten Teil mit Bhatt, Dhawan und Malhotra eine weitere College-Geschichte zwischen Arm und Reich, Männchen und Weibchen am edlen St. Teresa College, angereichert mit Beziehungsärger, Tänzen, Rivalitäten und sportlichen Wettkämpfen. Und wenn mir vor ein paar Monaten jemand vorausgesagt hätte, dass ich mich bei STUDENT OF THE YEAR 2 besser unterhalte als bei KALANK, dann wäre ich zumindest sehr, sehr skeptisch gewesen. Aber so war es. Und das hat einen ganz einfachen Grund: STUDENT OF THE YEAR 2 ist das, was er sein will, nicht mehr, nicht weniger. Bei KALANK spürte man ständig den Abgrund zwischen grandioser Absicht und realisiertem Leinwandprodukt. Und da rutsch ich halt schnell nervös auf meinem Kinositz herum. Das war diesmal nicht der Fall. Und wenn man sich entscheiden soll zwischen angestrengem Meisterwerkehrgeiz und einem einfachen Unterhaltungsfilm, dann fällt mir die Wahl nicht schwer.

Natürlich kommen jetzt wieder die selbsternannten Verteidiger der Filmkultur. Doch all die Einwände, die pseudointellektuelle Amateurkritiker gegen STUDENT 2 haben, kann man vergessen. Und es sind ja immer dieselben bei solchen Filmen. Das war schon beim ersten Teil so. Zwei Beispiele: Da ist nichts Originelles an dem Film? Originalität wäre hier völlig fehl am Platze. Geschmackvolle Anordnung altbekannter Zutaten ist schließlich das Prinzip. Tiger Shroff kann nicht wirklich schauspielern? Auch keine Überraschung. Aber wer guckt denn Tiger Shroff deswegen? Es sind vor allem sein agiler und beweglicher Tanzstil und seine langbeinigen Kämpfe, kurz: das Athletische. Und man merkt eine überzeugende Ernsthaftigkeit und eine verbissene Energie bei ihm, die einen Film sehr gut tragen können, die allerdings in einem B-Action-Film wie BHAAGI (2016) noch besser wirken. Im Übrigen ist die Welt voll von Film-Action-Kämpfern, die nicht mal einen Trostpreis-Schauspiel-Award gewonnen haben und heute doch so was wie nostalgischer Kult sind. Chuck Norris. Steven Seagal. Wären die Kritiker doch damals etwas netter gewesen! Aber man sollte Shroffs Liebesszenen nicht überdehnen. Als romantischer Held langweilt er mich auf die Dauer. Ich fand STUDENT 2 im Ganzen zu lang. Jetzt gehöre ich ja ich nicht unbedingt zur direkten Zielgruppe des Films und des Stars, habe also keine Wünsche anzumelden, aber wenn es doch nach mir ginge, wäre Shroff in seinen Filmen demnächst am Anfang schon glücklich verheiratet, damit es dann sofort direkt dynamisch losgehen kann.

Es ist auch ganz interessant, mal kurz auf den ersten Teil von 2012 zurückzublicken, der ja eine Art persönliche, glitzernde, glamouröse, durchgestylte Phantasie von Karan Johar war, der selbst Regie geführt hat. Das ist jetzt im zweiten Teil etwas anders. Es ist, als hätte Tiger Shroffs Rohan diesen ersten Teil gesehen, um an dessen Fiktion zu glauben und dann ganz böse vor die grausame Wand der Realität zu laufen, als er wieder vom College fliegt und in seiner alten Schule landet. Die Reichen akzeptieren jemanden ohne Geld eben nicht so schnell als ihresgleichen. Deshalb ist der sportliche Sieg der Underdogs als Revanche und Zeichen der Gleichberechtigung nötig. Aber mir fehlt ein bisschen der Look des ersten Films. Diese völlige Atmosphäre des irrealen glitzernden Glamours, der frisch lackierten Autos und der Masse an Designerklamotten. Im Kino ist das immer so hübsch anzugucken, auch wenn es mich im Privatleben nicht die Bohne interessiert. Aber egal. Ich habe mich amüsiert, werde STUDENT 2 aber vermutlich nie wieder gucken. Aber dafür ist es an der Zeit, sich JO JEETA WOHI SIKANDAR (1992) mit Aamir Khan anzusehen, um mal zu überprüfen, wie weit man sich für die beiden STUDENT-Teile tatsächlich von diesem Film von Mansoor Khan hat inspirieren lassen.

Mittwoch, 1. Mai 2019

Anurag Kashyaps MUKKABAAZ – Vom Raufbold zum Boxer

MUKKABAAZ (2017), das bedeutet Raufbold, Rabauke. Und wie der nicht mehr ganz junge Endzwanziger Shravan, in der Gestalt von Vineet Kumar Singh, vom stürmischen Raufbold zum denkenden Boxer wird, davon handelt Anurag Kashyaps Sportfilm, der in einer Kleinstadt im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh spielt. Shravan ist einer, der lieber mit dem Kopf durch die Wand will, als brav zu schweigen, wenn ihm etwas nicht passt. Und er hat ein Ziel. Er will Boxer werden, sehr zum Leidwesen des Vaters, der ständig mault, der Sohn habe eine tolle akademische Karriere sausen lassen. Bis es aus dem Sohn in einer heftigen, aber auch lustigen, Szene herausbricht, dass er dazu zu blöd gewesen wäre, weil er einfach nichts im Hirn habe, und woher sollte er die Intelligenz auch geerbt haben. Allerdings macht er in seinem Feuereifer den großen Fehler, sich mit seinem Trainer Bhagwan Das Mishra anzulegen.

Der ist ein Gangster und hoher Funktionär der lokalen und bundesstaatlichen Boxorganisation in Uttar Pradesh und duldet keinen Widerspruch. Das Bollywood-Kino ist ja seit Einzug der vermeintlich realistischeren Psychologie ein bisschen sparsamer mit echten, unerträglichen, durch und durch widerlichen Bösewichte geworden. Aber hier gibt es mal wieder einen, ausgerechnet gespielt von Jimmy Sheirgill und er ist richtig gut hassenswert. Da möchte selbst der überzeugteste Pazifist zur tödlichen Selbstjustiz greifen. Er tyrannisiert alle um sich herum, besonders die eigene Familie, und ganz besonders die Frauen, die er als sein persönliches Eigentum betrachtet. Shravan fliegt also aus der Boxgruppe und Mishran hat die Macht, ihn nirgendwo mehr boxen zu lassen. Und er nutzt diese Macht.

Aber dann waren die Rebellion gegen und die Prügelei mit dem Trainer auch wieder gar kein Fehler, denn es bringt Shravan endgültig die Liebe von Sunaina, der Nichte des Trainers, ein. Denn MUKKABAAZ ist vor allem ein Liebesfilm. Und die Liebesgeschichte steht bei all dem Boxen immer im Mittelpunkt. Was Shravan auch tut, boxen für einen Job, arbeiten, boxen für einen Titel, oder auch gar nicht boxen, er tut es für sie beide. Da Sunaina stumm ist, drückt die beeindruckende filmische Neuentdeckung Zoya Hussain die Gefühle vor allem mit den Augen aus. Und wie sie am Anfang, wo Shravan sich prügelt, erst gewinnt und dann zusammengetreten wird, mit strahlenden Augen und leuchtendem Gesicht vom Dach auf ihn herabschaut, da braucht es tatsächlich keine Worte mehr. Was ihre Stummheit angeht, da kann Kashyap übrigens noch so sehr philosophieren, dass dies das Schweigen der Frauen in diesen Gegenden symbolisiere, so ist es doch bestimmt kein Zufall, dass die Frau von ROCKYs Schützling CREED taub ist, weshalb Zeichensprache auch dort eine große Rolle spielt. Und Shravan hat mit dieser Liebe einen doppelten Feind, denn auch dieser Beziehung widersetzt Mishran sich mit allen brutalen Mitteln.

Der ganze Film ist von den Motiven her ein einziges Sammelsurium aus Bekanntem. Alles, was man in Boxfilmen schon gesehen hat, scheint da irgendwo zu stecken. Doch es kommt ja darauf an, was Kashyap daraus macht. Und es ist ein ganz bewusst voller Film. Er ist bunt, grau, wild, lieb, witzig, grausam, emotional, sehr spannend und sehr berührend. Dem einen  oder anderen Kritiker war's zu viel des Guten, ich find's großartig. Es ist eine Mischung aus Realismus, teilweise sehr hartem und grauem Realismus und eben den populären Standards des Sportfilms. Wie eine Masala-Boxfilm, nur ohne irreale Übersteigerungen. Ein echter mainstreamtauglicher Boxfilm, nur mitten in authentischer Amateurboxatmosphäre, ohne je die glamourösen Arenen mit TV-Übertragung oder edle Olympia-Höhen zu erreichen. Da finden Kämpfe statt mit mehr Funktionären als normalen Zuschauern

Und dazwischen immer wieder stille, intime Szenen. Kashyap ist nah dran an den Figuren, für die er sich Zeit nimmt. Aber dann auch wieder verdichtend und distanzierter in Montageszenen mit vielen Bildern, vielen Schnitte und dazu die Lieder des brillanten Soundtracks mit Texten, die etwas beitragen zur Geschichte, zu den Gefühlen. Kashyap macht daraus immer wieder etwas wie lebendige Übungen in Stil. Es sind Lieder, die auch vom spannenden Sound her zur Szene passen. Da war zunächst eine leichte Enttäuschung, als ich bemerkte, dass die Musik nicht vom geschätzten Amit Trivedi ist, aber die verschwand schnell angesichts der Kompositionen von Nucleya und Rachita Arora. Kashyap ist wirklich brillant bei der Auswahl seiner Musik und die Musiker liefern für ihn oft ihre besten Arbeiten. So wie Trivedi plötzlich Jazzkomponist wurde für das verkannte Meisterwerk BOMBAY VELET (2015).

Ein erstes Drehbuch zu MUKKAABAAZ stammt vom bemerkenswert authentisch wirkenden Hauptdarsteller Vineet Kumar Singh selbst. Kashyap hat dann einen echten Kashyap draus gemacht, wie man es lieben muss. Hat zur perfekten Rekonstruktion Videoaufnahmen von echten Amateurkämpfen machen lassen. Hat Singh ein Jahr lang Boxen trainieren lassen. Und MUKKABAAZ ist gefüllt mit indischen Themen und Problemen. Einmal ist es eine Analyse der Sportwelt. Es gab ja in den letzten Jahren einige Sportfilme über indische internationale Medaillengewinner. Rakeysh Om Prakashas BHAAG MILKA BHAAG (2013), Reema Kagtis GOLD (2018) mit Akshay Kumar, der leider nie auf DVD erschienen ist, und auch DANGAL (2016) mit Aamir Khan. Aber in der Gesamtschau sieht es beim indischen Medaillenspiegel regelmäßig nicht berauschend aus. Und Kashyap geht an die Basis, da wo die Ursachen für die Fehlentwicklungen liegen. Denn Sporterfolge beginnen lokal, regional, beim Jugend- und Amateursport. Wenn das nicht gut organisiert ist, kommen keine Talente für bundesstaatliche und zuletzt nationale Förderung. Wie es Kashyaps Art, zeigt er Korruption und Nepotismus ziemlich ungeschönt.

Und er schneidet Themen an, die im Bollywood-Kino oft gar nicht mehr existieren, als gäbe es sie nicht mehr. Es geht um Kaste und Klasse. Der Film ist da sehr deutlich: Der Bösewicht Mishran ist eigentlich ein ganz rationaler Bösewicht, weil er denkt, er hat ein Recht darauf. Erstens ist er Brahmane und zweitens hat er Geld. Geld ist eben überall eine wichtige Kaste, die selbst in Indien niedrige Herkunft ausgleichen kann. Es ist einfach großartig, wie Kashyap bei all dem nicht den Überblick verliert, wie kein Thema aus seinem Blickfeld gerät, wie er Soziales, Politisches mit dem Populären, Melodramatischen und Actionreichemn verbindet und eine aufregende Mischung abliefert, die ruhig in Deutschland im Kino hätte laufen können. Aber ich verstehe sowieso nicht, warum nicht jeder von Kashyaps Filmen bei uns zumindest auf der großen kleinen Leinwand der Arthouse und Kommunalen Kinos zu sehen ist.

Sonntag, 28. April 2019

Nandita Das' MANTO – Autor zwischen den Welten

Nandita Das' MANTO (2018) mit Nawazuddin Siddiqui in der Hauptrolle ist kein ein ganzes Leben umfassender biografischer Film über den Urdu-Schriftsteller Saadat Hasan Manto (1912-1955). MANTO konzentriert sich auf die Zeit kurz vor, während und nach der politischen Unabhängigkeit Indiens 1947, wodurch sich das Leben des Autors grundlegend änderte und er schließlich doch nach Pakistan zog, obwohl Bombay seine Stadt war, in der er trotz aller Schwierigkeiten die glücklichsten Jahre seines Lebens verbracht hatte. Über Bombay hat er auch immer wieder geschrieben. Und dort hat er auch für die Hindi-Filmindustrie gearbeitet.

Diese glücklichen Jahre kann man nur noch am Anfang erahnen, wenn Manto im lockeren Gespräch mit Kollegen und Kolleginnen ist. Oder wenn am Filmstudio Bombay Talkies 1947 die Unabhängigkeit Indiens gefeiert wird. Und sie sind alle da: Darunter natürlich Ashok Kumar, der große Star der 40er, der Komponist Naushad, die junge Schauspielerin Nargis und ihre berühmte Mutter Jaddanbai. Der Regisseur K. Asif läuft herum und fabuliert von seinem geplanten Film MUGHAL-E-AZAM, der aber, wie wir wissen, erst 1960 Premiere haben sollte. Auch dabei ist der Star Shyam Chadda, ein sehr guter Freund Mantos, der 1951 mit nur 31 Jahren bei einem Reitunfall starb. Und die Schauspieler-Sängerin Suraiya soll laut Besetzungsliste ebenfalls von jemandem dargestellt werden, was ich allerdings nicht gemerkt habe, obwohl ich, seit ich ANMOL GHADI (1946) gesehen habe, eine Vorliebe für das Spiel und den Gesang der echten Suraiya habe. Auf dieser Feier werden die herrschenden Probleme deutlich. Bombay Talkies bekommt anonyme Drohbriefe, weil dort überdurchschnittlich viele Moslems angestellt sind. Was rein statistisch stimmt, aber Ashok Kumar, der einer der Leiter ist, kümmert das nicht. Manto nimmt es ernster und bietet sogar, um nur ja vorsichtig zu sein, seine Entlassung an.

Manto ist überhaupt sehr vorsichtig und der Film zeigt sehr schön, wie auch seine eigene Angst mitverantwortlich für diesen Grenzwechsel ist, wie sie ihn dazu bringt, ganz gegen seinen persönlichen Wunsch zu handeln, wobei natürlich hinzukommt, dass er an Frau und Kind denken muss. Er hat kein wirklich gefährliches Schlüsselerlebnis, wo sein Leben durch marodierende und mordende Massen direkt in Gefahr gewesen wäre. Es sind die kleinen Ereignisse, das, was er sieht und hört, das Aufsaugen der allgemeinen Atmosphäre, die seinen Wandel langsam herbeiführen. Er ist beispielsweise mit seiner Frau in einem Schuhgeschäft, wo er die Besitzer belauscht, von denen einer nach Pakistan will. Plötzlich werden die Türen und Fenster verrammelt, da sich eine grölende Hindu-Meute nähert. Dann wieder fühlt er sich beschämt durch den furchtlosen Hindu Ashok Kumar, der auch in Zeiten der Ausschreitungen seinen Fahrer durch ein Moslemviertel eine Abkürzung fahren lässt und tatsächlich von den Bewohnern freundlich begrüßt wird.

Doch im Film ist ausgerechnet ein Gespräch mit Freund Shyam Chadda für den Umzug ausschlaggebend, denn dieser schimpft über Moslems, nachdem ein Familienangehöriger bei der Flucht aus Pakistan ermordet wurde. Es ist Mantos Erkenntnis, dass in solchen Zeiten jeder imstande ist, aus Wut oder Rache selbst den eigenen Freund zu ermorden. Da verlässt er Bombay, aber auch mit dem Wissen, dass er diesen Zorn potentiell ebenfalls in sich hat. In Lahore vermisst er dann die Hindus, geht durch die verwüsteten Geschäftsviertel, die von neuen Bewohnern in Besitz genommen werden. Sehr unaufgeregt zeigt der Film die Atmosphäre des Hasses, indem er sich auf die psychischen Folgen und praktischen Folgeerscheinungen konzentriert statt auf spektakuläre Gewalt. Nandita Das, die bekannte Schauspielerin, hat sich ja schon vor zehn Jahren in ihrem Regiedebüt FIRAAQ (2008) diesem Thema gewidmet, wo es um die kommunalen Pogrome in Gujarat 2002 geht.

Durch die Teilung Indiens steht Manto als Autor zwischen zwei Welten, wo er doch sowieso schon ständig von der Justiz und ihrer Staatsmoral bedroht ist. Er steht zwischen zwischen dem neuen Indien und dem neuen Pakistan, zu keinem der beiden sich wirklich zugehörig fühlend. Als wäre er gespalten. Seine geistige Existenz ist sowieso schon fragil zwischen bürgerlicher, familiärer Wirklichkeit und seiner Fiktion, seinen Phantasiefiguren. Und er lebt zwischen ernster Literatur und dem juristischen Vorwurf der Obszönität sowie, für Manto persönlich noch schlimmer, dem Vorwurf des Sensationalismus. Denn Manto hatte nicht nur einen sehr persönlichen, direkten Stil, er schrieb auch meist über die düsteren Seiten der Wirklichkeit. Unzählige ausgebeutete Prostituierte bevölkern seine Geschichten. Dabei hat er aber keine Lösung anzubieten. Er stand gefühlsmäßig zwar dem Sozialismus nahe, hatte aber eine gesunde Skepsis angesichts der praktisch-politischen Ausformung, weil er mit seiner Intelligenz auch erkannte, dass der Diktatur der Ausbeutung nur eine andere Diktatur von wenigen entgegengesetzt wird, die keiner Kontrolle unterliegt. Und so stand er nicht nur in Distanz zu der staatstragenden Kultur, wo immer gerne Optimismus und etwas Erhebendes gefragt ist, sondern auch zu den fortschrittlichen Autoren, die an Veränderung glaubten, wofür aber auch Optimismus angesagt war. Und immer wieder stand Manto vor Gericht wegen Obszönität. In Pakistan wurde er dann sogar verurteilt, konnte aber die Geldstrafe bezahlen, was ihn vor dem Gefängnis bewahrte.

MANTO ist sehr genau recherchiert, sehr detailliert und dabei sehr, sehr sachlich. Viele Innenaufnahmen sind fast schon ein wenig zu perfekt eingefärbt in digitale Sepia-Nostalgie. Natürlich hat man sich Freiheiten genommen. So entwirft Manto seine berühmte ironisch-größenwahnsinnige Grabinschrift, die die Familie später durch einen harmlosen Spruch austauschen ließ, schon viele Jahre vor seinem Tod bei einem Gespräch mit der Schwester auf dem Friedhof, auf dem die Eltern begraben sind: „Hier liegt Saadat Hasan Manto und bei ihm liegen alle Geheimnisse und Mysterien der Kunst des Geschichtenerzählens. Unter einem Erdhügel ruht er und fragt sich immer noch, wer von den beiden der größere Geschichtenerzähler ist: Gott oder er.“

Es liegt eine Stimmung der Ausweglosigkeit über dem Film. Mantos Leben in Pakistan ist ein einziger Abstieg. Er verdient immer weniger Geld. Einmal rutscht es der Ehefrau raus, dass sie wegen seines Schreibens noch verhungern würden. Aber er kann nur schreiben, und er kann nicht anders schreiben. Noch ein äußerer Druck mehr. Die ganze Situation paralysiert ihn. Dort ist Bombay, hier die Familie. Freund Shyam Chadda lässt ihn verstehen, er solle zurückkommen nach Bombay, man warte auf ihn. Er reagiert nicht, als wären die Schäden in seiner Seele nicht mehr zu reparieren. Nawazuddin Siddiqui spielt Manto brillant und zurückhaltend mit ruhiger Intensität und Kontrolle, die dem Autor immer mehr entgleitet. In Pakistan trinkt er sich immer tiefer in den Abgrund. Das normale, alles andere als untypische Trinken eines Autors am Rande der Bürgerlichkeit verwandelt sich in ein krankmachendes, depressiv-selbstzerstörerisches Saufen, bei dem er den Kontakt zur Wirklichkeit verliert, was ihn zunächst in die Psychiatrie und dann mit 42 Jahren ins Grab bring.

Im Großen und Ganzen ist MANTO ein wenig überkorrekt sachlich und wird dadurch Mantos Persönlichkeit und vor allem seinem Schreiben nicht wirklich gerecht. Alle betonen in dem Film immer wieder, wie ungemütlich und verstörend seine Geschichten sind. Gleich am Anfang schon ist dies der Fall in Bezug auf die Bombay-Geschichte „Zehn Rupien“, als die Ehefrau sie liest. Und daran ändert sich nichts. Zwar verkündet der Film am Ende „Manto lebt“ – in Form seiner Geschichten – aber ein wirkliches Gefühl für sein Schreiben vermittelt der Film nicht. Zwar werden die intellektuellen und juristischen Diskussionen um seine Kunst wiedergegeben, aber diese reduzieren sich mit einer Ausnahme auf Inhalte. Natürlich haben seine Geschichten oft traurige, heftige, erotische Themen, aber es ist sein Stil, der der Düsternis entgegenarbeitet. Er erzählt präzise, einfühlsam, lebendig, auch ironisch, vor allem auch selbstironisch, da er gerne eine Figur namens Manto auftreten lässt. Seine Kunst ist poetisch und schön, und genau da versagt der Film wegen seiner durchgehenden Sachlichkeit, die vornehmlich darum bemüht ist, Zusammenhänge und Sachverhalte deutlich zu machen. Aber Manto nur als Opfer zu verstehen, greift auch zu kurz. Schließlich sollten die Geschichten auch provozieren, sollten sie manchmal ganz absichtlich obszön sein, weil diese Welt obszön sein kann. Manto wusste, was er tut. Aber wenn ein Staat solch eine Obszönität verurteilt, verurteilt er im Grunde sich selbst.

Die Sachlichkeit des Films zeigt sich auch bei den kurzen Sequenzen, die versuchen, in ein paar entscheidenden Bilder ein paar wichtige Kurzgeschichten Mantos widerzugeben. Dass diese Sequenzen sich oft übergangslos in den Film einfügen, ist passend, da sie Mantos fließende Weltsicht aus Innen und Außen zeigen, aber im Endeffekt sind es doch nicht mehr als bebilderte Inhaltsangaben, deren poetische und emotionale Lücken nur der zu füllen weiß, der die Geschichten tatsächlich gelesen hat. Das weiß Nandita Das auch, weshalb sie als Drehbuchautorin zwischendurch direkt mit Mantos Worten arbeitet. Aber trotz aller Sympathie identifiziert sich der Film nicht mit Manto. Der Blick auf ihn ist immer wieder der der besorgten Ehefrau, die gar nicht versteht, was aus ihrem netten und anständigen Mann geworden ist und die auch nichts dagegen hätte, wenn er Einträglicheres verfassen würde. Aber nichts kann einen Mann mehr umbringen als dieser besorgte Blick, weil man immer einen Vorwurf darin liest, ein Versager zu sein, der die Familie nicht ernähren kann. Weshalb Manto nur noch mehr trinkt. Aber was dem Film tatsächlich gut gelingt, das ist die Darstellung Mantos als Symbol, als ein Mann, der vor allem am Irrsinn, an der Gewalt und an den Widersprüchen der Teilung zugrunde geht. So wie die Hauptfigur in seiner Geschichte "Toba Tek Singh" über den Austausch psychiatrischer Insassen zwischen Indien und Pakistan nach Religionszugehörigkeit. Ein orientierungsloser Mann, der gar nicht weg will, bricht genau auf der Grenze zusammen.

MANTO, mit seinem großartigen Hauptdarsteller Siddiqui, ist ein gelungener, guter, aber im Endeffekt eher verdienstvoller als großer Film. Ansonsten kann ich nur jedem empfehlen: Lest Manto! Zumindest in der englischen Übersetzung. Auf Deutsch gibt es von ihm nichts. Man hat die Auswahl zwischen verschiedenen Sammelbänden: Die Geschichten in und über Bombay wurden beispielsweise vor einigen Jahren unter dem Buchtitel „Bombay Stories“ herausgebracht. Filmfans empfehle ich das wunderbare Buch „Stars from another Sky“ mit Mantos Erinnerungen an die Hindi-Filmwelt der 40er.

Freitag, 19. April 2019

KALANK – EWIGE LIEBE – Wunderschön anzusehen

KALANK (2019) ist wunderschön anzugucken und auch musikalisch angenehm anzuhören. Unter der Regie von Abhishek Varman ziehen die edlen Bilder zu halbklassischer indischer Musik an einem vorbei, und das macht Spaß, wenn man sich darauf einlässt und nichts anderes mehr erwartet. Nicht nur auf IMDb blühen aber momentan die negativen Rezensionen, wobei von vielen Autoren alle Elemente des Films bösartig in die Tonne getreten werden. Aber man sollte die Kirche oder den Tempel im Dorf lassen. Das Hindi-Kino der letzten Jahre war dermaßen voll von realistischen Filmen mit wenig Liedern und von nach dem dramaturgischen Regelwerk erzählten Storys, dass es mir gefällt, wenn gleich von Anfang an Lieder und prächtige Szenen in ausschweifendem Stil endlos aufeinanderfolgen. Und das alles inmitten großer, weiter Dekors, hübschen Frauen in hübschen Kleidern, in denen perfekt getanzt wird. Jedes Bild gibt einen neuen malerischen Eindruck, mal von oben, von der Seite, von unten. Und das geht lange so, oder eigentlich den ganzen Film hindurch. Einer der Höhepunkte ist ein prächtiges Dussehra-Fest, wo Alia Bhatt und Varun Dhawan vor einer brennenden Ravana-Statue stehen.

So lernt man dann zwischendurch, nach und nach, die einzelnen Figuren kennen, als sollte man daran erinnert werden, dass der Film ja auch noch etwas erzählt, aber das ist eigentlich alles eher nebensächlich. Denn bis auf ganz am Schluss, beim dramatischen Finale, hat das Formale die Oberhand und ist das Wichtigste. Und das ist doch mal eine gute Gelegenheit, um ein paar verantwortliche künstlerische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu erwähnen, die man sonst so schnell außer Acht lässt, als wäre ihre Arbeit selbstverständlich. Aber hier sind sie die wahren Stars. Wenn ich bei einem Film von Sanjay Leela Bhansali nicht das Bedürfnis habe, sofort nach den Verantwortlichen für Kamera oder Dekor zu gucken, dann weil alles ein Teil der Vision des Regisseurs ist. Aber da ich in KALANK keine Vision und keine Regie erkennen kann, ist das hier anders. Und da kann man übrigens nebenbei den Eindruck bekommen, dass die Macher von KALANK ganz geplant in Bhansalis Gewässern fischen wollten.

Cinematographer, also verantwortlich für die Bilder, das Licht, ist Binod Pradhan, der etwa die großartigen Filme aus den 90ern von Vidhu Vinod Chopra gemacht hat, wie MISSION KASHMIR (2000) und 1942: A LOVE STORY (1994). Aber er hat auch Bhansalis DEVDAS (2002) gemacht, hat also schon einmal Madhuri Dixit als liebende und tanzende Kurtisane ausgeleuchtet und gefilmt. Bei den Kostümen findet sich Maxima Basu, die daran auch für Bhansalis RAM-LEELA (2013) und dessen BAJIRAO MASTANI (2015) gearbeitet hat. Die Musik ist von Sanchit und Ankit Balhara, deren schöne Sounds man ebenfalls schon bei Bhansali gehört hat. Sie gehören zu denen, die für die Eleganz in dieser Dharma-Produktion Karan Johars sorgen und einen visuell übersteigerten, vergangenen Traum des nordöstlichen Indiens vor der Teilung herbeizaubern, bis am Ende alles brennt, vernichtet wird von hasserfüllten Massen.

Aber daneben gibt es noch die Mitte der 1940er im heutigen Pakistan angesiedelte Geschichte um eine sterbende Ehefrau, die ihre Nachfolge selbst regelt, ein Familiengeheimnis, einen unehelichen Sohn mit Rachegelüsten, eine würdevolle Kurtisane und Bordellbesitzerin. Und dann auch noch etwas verworrene Politik um den Kampf der einzelnen Schmiedehandwerker gegen die Industrialisierung, um die Auseinandersetzungen für und gegen die Teilung Indiens, als viele eiligst für vollendete Tatsachen durch die gewaltsame Vertreibung der jeweiligen Minderheiten sorgten. Und da hüpft der Film von einem Thema zum nächsten, ohne sich wirklich für eines von ihnen zu interessieren. Und irgendwie im Mittelpunkt ist eine Dreiecksbeziehung, die mit dem Fluss der Bilder so dahintreibt. Alia Bhatt ist elegant und spielt routiniert. Varun Dhawan ist gut im Zornigsein. Aditya Roy Kapoor ist der scheinbar unerschütterliche Geschäftsmann-Intellektuelle. Da haben es die älteren Stars besser. Sanjay Dutt und Madhuri Dixit haben eine überlebensgroße Leinwandpräsenz, die Bhatt oder Dhawan trotz aller Qualitäten noch nicht haben. Die immer würdevolle Madhuri Dixit braucht nur da zu sein und alles bekommt irgendwie Bedeutung. Erst als die Story auf das große Finale zusteuert, kommt der Film dramaturgisch und emotional etwas besser in Schwung, aber das wiederum ist vor allem dem Schnitt zu verdanken, also Shweta Vekant.

Was an KANKAL von Anfang an auffällt, ist die Angst, den Zuschauer zu verlieren, ihn nicht aus dem Bann der Bilder zu lassen. Das ist das genaue Gegenteil von Abhishek Varmans 2 STATES (2014), einer kleinen sympathischen Familienkomödie mit Alia Bhatt und Arjun Kapoor über Freud und Leid der Beziehung zwischen einer Tamilin und einem Punjabi. In diesem Regiedebüt war vieles gedehnt, langatmig, und das kann man bei einer teuren Großproduktion nicht zulassen. KALANK geht also sofort in die Vollen, als misstraute man der Wirkung der Geschichte an sich. Vor dem Vorspann gibt es sogar mehrere Szenen von den späteren filmischen Höhepunkten, wie eine Art verwirrender Minitrailer. Dann erzählt Alia Bhatt auch noch plötzlich zehn Jahre später einem Reporter ihr Leben, ganz unvermittelt, und nur in ein paar Szenen. Allerdings frage ich mich da, ob der Film ursprünglich anders aufgebaut oder noch länger war, ob da mehr Zusammenhang in den Einzelteilen war. Hat Produzent Karan Johar im Endeffekt dieses zur Abstraktion tendierende Destillat aus Höhepunkten zu verantworten? Hat er seinem Regisseur das Heft aus der Hand genommen? Spekulation, unmöglich zu sagen. 

Jedenfalls beruht KALANK auf einem alten Projekt seines Vaters Yash Johar. Es ist der letzte Film, an dem dieser vor seinem Tod 2004 gearbeitet hat. Aber es ist immer etwas problematisch, die Vision eines anderen zu verwirklichen. Das erklärt vielleicht auch, warum der Film im Formalen stehenbleibt und so wenig echte Innerlichkeit hat, was für eine Johar-Produktion dieser Art ungewöhnlich ist. Da ist so vieles, was unzusammenhängend wirkt. Ganz am Ende spricht Varun Dhawans Figur auch noch einen Satz aus dem Grab, warum auch immer. Und dann folgen noch ein paar weise Kalendersprüche mit einer sonnenbeschienenen seligen Alia Bhatt, woraufhin der Zuschauer mit einer prätentiösen Frage über „Liebe oder Zerstörung?“ in den Nachspann entlassen wird. Die Panik eines Misserfolgs liegt in diesen Methoden. Ich habe absolut nichts gegen Seifenopern, aber in solch einem Film, der eigentlich etwas Anderes, Größeres, Ernsteres will, sind ihre Mittel unpassend. Aber, wie gesagt, KALANK ist wunderschön anzugucken. Da sollte niemand auf die vielen berufsnegativen Stimmen im Netz hören und sich etwas anderes einreden lassen.

Samstag, 13. April 2019

Gelesen: Filmfare April 2019

Einen großen Teil der April-Ausgabe von Filmfare nehmen die „Tea Valley Filmfare Glamour & Style Awards“ ein, wozu es haufenweise Fotos und eine endlose Präsentation der Gewinner gibt. Hübsch anzugucken, schnell von mir durchgeblättert, und die kurzen Texte habe ich gar nicht erst gelesen. Irgendwie ist das Internet so voll von Bildern, dass ich bei einer Zeitschrift am liebsten echte Informationen und längere Texte habe. Aber die gibt es natürlich auch. Das Interessanteste diesmal sind drei Interviews, die hintereinander im Heft sind. Einmal die beiden, getrennt geführten, mit den auf einer Erfolgswelle reitenden Alia Bhatt und Varun Dhawan, die ganz „Heiß! Heiß“ Heiß“ auf dem Titelblatt zu sehen sind, weil die Premiere der Großproduktion KALANK – EWIGE LIEBE (2019) vor der Tür steht. In diesem Schwarzweißstil mit ölig-nassen Haaren sind auch die anderen Bilder. Ich find's eher niedlich als heiß, aber das bedeutet vermutlich bloß, dass ich nicht zur Zielgruppe gehöre. Also keine weiteren Kommentare dazu. Direkt danach kommt ein Interview mit Govinda, einem großen Star der 90er mit Karriereproblemen.

Für das Interview mit Alia Bhatt hat sich Chefredakteur Jitesh Pillaai höchstpersönlich an die Arbeit gemacht. Ein interessantes Gespräch über die letzte arbeitsintensive Zeit mit drei Filmen gleichzeitig, wobei sie sich wie ein Roboter gefühlt hat. Danach Plauderei über Privates, immerhin ist sie mit Ranbir Kapoor zusammen, der ja schwierig sein soll, wie Pilaai laut vermutet. Aber da kommt die schöne Antwort: „Ranbir ist nicht schwierig. Er ist ein Juwel.“ Und geheiratet wird erst mal nicht. Sagt sie. Übrigens gibt es schon im Vorwort von Pilaai ein Loblied auf Bhatt und Dhawan und ihre Entwicklung. Ich frage mich, ob er den beiden damit wirklich einen Gefallen tut. Und ich frage mich auch in dem Zusammenhang, ob es vielleicht genau dieses Heft ist, was wieder einmal den Zorn von Kangana Ranaut erregt hat. Bekanntlich regt sie sich an sich gerne auf und beschimpft und kritisiert Kollegen aus der Industrie, vermutlich in der Hoffnung, dass sie zurückschimpfen. Jetzt hat sie wieder einmal das Verhätscheln von Filmindustrie-Kindern beklagt. Dass Filmfare das mit diesem Heft tut, kann man nicht leugnen. Das war schon in der letzten Ausgabe mit Sara Ali Khan auf dem Titel so. Andererseits schreibt Filmfare genauso begeisterte, honigsüße Artikel über andere, die die Redaktion mag. In der Februar-Ausgabe war das Vidya Balan, die nun wirklich kein Film-Kind ist. Aber wie dem auch sei, warum nur macht Ranaut gleichzeitig Alia Bhatts Leistung in Zoya Akhtars GULLY BOY (2019) als „mittelmäßig“ nieder? Und was heißt überhaupt Leistung in dem Zusammenhang, als wäre es messbar? Natürlich ist es keine grandiose Ich-spiele-alle-anderen-an-die-Wand-Leistung. Alia Bhatt stellt sich hundertprozentig in den Dienst des Films. Sie ist absolut perfekt, ist natürlich, überzeugend und ohne falsches Ego. Und was „overacting“ ist, weiß sie gar nicht. Das hat sie gar nicht in ihrem System. Und deshalb ist sie in GULLY BOY großartig. Wäre ich Regisseur, ich würde mit ihr arbeiten wollen, und das sehen auch die Großen in Indien so, darunter zwei meiner Lieblingsregisseure, Bhansali und Rajamouli. Ich freu mich drauf.

Eine Sache über Alia Bhatts Karriere, die ich bisher nicht wusste, erfährt man im Interview mit Varun Dhawan, der vor Energie überzuquellen scheint und unendlich viel vor hat, sowohl im Bereich Massenunterhaltung, dem Arbeiten mit digitaler Technik als auch bei anspruchsvollen Filmen. Die beste Nachricht für mich: Er wird wieder mit Sriram Raghavan arbeiten. Er macht aus seinem Herzen grundsätzlich keine Mördergrube. Und da erwähnt er, dass Karan Johar tatsächlich gezweifelt hat, ob er Alia Bhatt für STUDENT OF THE YEAR (2012) nehmen sollte, aber Dhawan war sich sicher, dass aus dem Mädchen mal etwas Großes werden würde. Ganz ehrlich, ich hab es nicht gesehen. In STUDENT OF THE YEAR war einmal Sidharth Malhotra, der ganz offensichtlich ein guter Schauspieler war und ist, wenn auch vielleicht nicht der große Massenheld. Und bei Bhatt und Dhawan hatte ich einfach nur das Gefühl, sie wären nach Typ besetzt worden. Bei ihr musste erst Imtiaz Alis HIGHWAY (2014) kommen, damit ich meine Meinung änderte. Bei ihm war es Sriram Raghavans BADLAPUR (2015).

Direkt danach, und das ist passend, ein Interview mit Govinda, der einen Haufen Filme mit Varuns Papa David gedreht hat und diesem einst sogar zum Durchbruch verholfen hat. Jetzt dreht der sich weg, wenn er seinen alten Star sieht. Es ist interessant, ein Interview zu lesen mit einem Star im Karrieretief, so direkt nach den Gesprächen mit Zweien, bei denen nicht abzusehen ist, wie weit es noch nach oben gehen könnte, wenn es denn weiter nach oben geht. Bei Govindas letztem Film gab es Schwierigkeiten, und er und der Regisseur vermuten, dass es kein Zufall, sondern eine Intrige war, dass die Zensurbehörde erst einmal die Freigabe verweigerte und es dann nicht genug Leinwände gab, um das Werk unter die Leute zu bringen. Das vierte und letzte große Gespräch ist mit Badhshah, dem Musiker und Sänger, der schon viel für Filme gearbeitet hat und Schauspielambitionen hat, auch wenn er bis jetzt alle Angebote abgelehnt hat, auch eines von Karan Johar, mit dem er sich immer über Mode unterhält. Ein nettes Interview, wo ich dann mal systematisch gleichzeitig die Songs, die erwähnt werden, kontrolliert habe auf YouTube und immer wieder bei bekannten Videos und Filmbildern dachte: Ach, das Lied ist von dem ...

Natürlich gibt es wie in jeder Filmfare-Ausgabe auch News, etwas Beziehungsklatsch, neue Projekte, das meiste war schon im Internet. Deshalb picke ich nur eine Sache raus, die mich am meisten freut: Bhansali wird ein Biopic über Sahir Ludhianvi drehen, den großen Urdu-Dichter, dessen bekannteste Arbeit die Texte zu den Liedern in Guru Dutts PYAASA (1957) ist. Ludhianvi hatte eine komplizierte Beziehung zu Frauen, und war andererseits seiner Mutter eng verbunden. Abhishek Bachchan wird ihn höchst wahrscheinlich spielen. So, und zum Schluss mal wieder ein paar unqualifizierte Bemerkungen zu den Mode-Seiten. Was offensichtlich in ist, sind unsymmetrische Kleider, also schiefe. Macht mich aber nervös, wenn ich hingucke. Auch wenn der Inhalt aus Deepika Padukone oder Priyanka Chopra besteht. Aber offensichtlich fühlen sie sich selbst sehr wohl darin. Und das ist ja die Hauptsache. Eine ganze Seite Stars in Denim, für mich immer noch Jeans, und dazu weiße Oberbekleidung. Als hätte man es schon mal gesehen und die Redaktion ein altes Foto recycelt. Dann gibt es noch witzige bunte Handtaschen, Sonnenbrillen und die immer elegante Sonam Kapoor. Ihr Styling bedeutet viel, viel Arbeit und Zeitaufwand, was sie auch mal in einem Interview ausgeführt hat. Vielleicht sollte man Filmfare Awards für geduldige Ehemänner von modisch ganz besonders bewussten Stars vergeben. Ihr Ehemann müsste den ersten erhalten.

Donnerstag, 4. April 2019

Mohanlal in LUCIFER – Das Böse besiegt das Böse

Es ist schön, wenn ein Film genau das hält, was der Trailer verspricht. So ist es bei LUCIFER (2019), dem neuen Malayalam-Film aus dem südindischen Bundesstaat Kerala, mit Superstar Mohanlal in der Hauptrolle. Regie geführt hat mit Prithviraj Sukumaran ein jüngerer Starschauspieler, und das zum ersten Mal. Der Film ist ein visuell ansprechendes, dicht erzähltes Polit-Gangster-Drama zwischen. Und natürlich gibt es Massenszenen und Action, Kämpfe Mann gegen Mann, und dann mit Vorliebe Mohanlal gegen einen ganzen Haufen. Aber größtenteils besteht der Film aus Dialogen, aus verbalen Auseinandersetzungen, aus der einfachen Konfrontation von Menschen. Gelegenheit für markante Sätze. Und das fast volle drei Stunden lang in einem ordentlichen Tempo, in dem die Handlung vorangetrieben wird. Da werden keine Konzessionen an Menschen mit träger Auffassungsgabe gemacht.

Das Drehbuch stammt von Morali Gopy, der als Journalist angefangen hat. Da wundert es nicht, dass die Story eingeleitet wird von einem unabhängig arbeitenden Enthüllungs-Journalisten, der in seinem Live-Vlog die Ausgangsvoraussetzungen der Story erzählt: Da ist ein toter, mächtiger Politiker, Ministerpräsident von Kerala und unbestrittener Chef in seiner Partei. Und dann sind da die Menschen, die unter Umständen Anspruch auf seine Nachfolge haben. Wie ein einleitender Erzähler im Theater berichtet der Reporter dies alles. So geht keine Zeit verloren und es geht schnell mitten rein ins Geschehen. Die große Unbekannte bleibt eine Zeitlang ein gewisser Stephen in der Gestalt von Mohanlal, den man versucht, von den Trauerfeierlichkeiten fernzuhalten.

Das Schöne an überlebensgroßen rächenden Helden ist die Tatsache, dass die Wirklichkeit in ihrer ganzen möglichen Grässlichkeit dargestellt werden kann, ohne beim Zuschauer Depressionen auszulösen, denn es kommt ja jemand, um aufzuräumen, um zu retten. „Das ist die größte Komödie der Welt. Indische Politik.“, sagt der Sohn des verstorbenen Politikers, der erst mal durch die Maske musste, um seinem Vater zu ähneln. Eine fertige Rede hat man auch schon für ihn. Eine Welt des Scheins, des Marketings und der Lügen. Aber wenn das nur alles wäre, doch im Mittelpunkt steht der graue Backstage-Bereich der Kerala-Politik. Und Macht gibt es natürlich selten ohne Geld und Korruption. Mit Geld kauft man sich die Polizei, die Jusiz, auch die Medien, die sogenannte freie Presse. Dass die Finanzierung der Politiker und Parteien durch dunkle Kanäle wie illegale Immobilien- und Grundstücksgeschäfte erfolgt, ist nichts Neues. Aber in diesem Film kommt als große Bedrohung das Drogengeld dazu. Und da geht nichts ohne die Russenmafia. Doch für solche Probleme ist der mysteriöse Stephen ja zur Stelle, der Luzifer des Filmtitels, der mythische Ex-Engel Gottes. Denn das Böse kann man nach seiner Logik nur mit dem Bösen bekämpfen. Deshalb wird er gebraucht. Und zur Abwechslung gibt es hier mal keine Anspielungen auf die indischen Epen, sondern aufs Christentum. Denn in Kerala lebt ja eine stattliche christliche Minderheit. Sogar der Gegensatz Barabbas-Jesus wird hier herangezogen, als Stephen durch eine Fake-News-Intrige kurzzeitig im Gefängnis sitzt.

Regisseur Prithviraj konzentriert sich ganz darauf, innerhalb dieser inhaltsreichen Story einen Mythos aus gut und böse zu inszenieren. Denn natürlich benutzt Stephen alle Mittel, ist aber auch ein Wohltäter für die Opfer, finanziert ein Haus für einsame schwangere Frauen. Und so spielt Mohanlal ohne viele äußere Gefühlsregungen, sehr konzentriert, und nie mit übereilten Bewegungen. Er hat es nicht nötig, künstlich Aufmerksamkeit zu erzeugen. Er spielt keine Gefühle, keine Gedanken, sondern absolute Souveränität. Und man muss kein Mohanlal-Fan, mit einem Gepäck von früheren Filmen im Kopf, sein, um das zu genießen. Die Regie unterstützt das sehr bewusst und geschickt. Wenn Mohanlal seine Solo-Auftritte hat, scheint der Film in eine andere Dimension zu wechseln. Es ist amüsant, dass Regisseur Prithviraj selbst den präzise agierenden obersten Gangster-Gehilfen der Mohanlal-Figur spielt. Eine Anspielung auf seine Hauptfunktion. Denn es ist eben sein gelungener Hauptjob gewesen, Mohanlal ins rechte Licht zu setzen, sodass dieser den ganzen Film hindurch entspannt bleiben kann. Der Gegenspieler ist Vivek Oberoi als schleimiger Schurke ohne jede gute Eigenschaft. Er macht die Stieftochter sogar absichtlich mit zu starkem Marihuana krank und willenlos und missbraucht sie sexuell.

Trotz der Länge gibt es fast keine Lieder in dem Film. Das erste ist mit "Varika Varika" ein nationalistisches Marschlied für die Massen aus der Zeit der Unabhängigkeit und wird passenderweise im Gefängnis angestimmt. Und dann gibt es gegen Ende ein zweites. Und während ich da im Kino saß und mich noch wunderte über diese so gar nicht in den gedämpften Stil des Films passende grell-bunte Item-Nummer in einer Bar mit ein paar leicht bekleideten Damen, während ich also innerlich etwas irritiert maule, werde ich schnell eines Besseren belehrt, dass das alles Sinn macht. Denn parallel dazu gibt es den nächtlichen, stark ästhetisierten Schlusskampf. Die Straßen, in denen geprügelt und getötet wird, sind genauso neonbunt erleuchtet. Darüber die hämmernden Beats. Sex und Gewalt. Spekulativ? Na klar, aber nur ein bisschen, und es ist schön und wirkungsvoll. Dann finden draußen und drinnen zusammen, wenn Mohanlal die Bar mit den Tänzerinnen betritt. Das war also keine Fantasy-Musiknummer, wie sie manchmal in Filme eingeschoben werden. Auch in Bezug auf etwas anderes wird hier populäres Kino regelrecht theoretisiert. Einmal sagt Mohanlal, dass es bei Prügeleien auf die Härte der Schläge ankomme, nicht auf die Anzahl, worauf man im Norden so viel Wert lege. Und wer kennt sie nicht aus Bollywood-Filmen, diese ewigen Prügeleien, wo sich auch nach dem was weiß ich wievielten Schlag der Gegner noch aufrecht halten kann.Das ist hier anders. Ein harter Treffer und der Feind liegt tot auf dem Boden.

Donnerstag, 28. März 2019

Akshay Kumar in KESARI – Bis zum letzten Mann

In der Mitte des Films KESARI (2019) gibt es eine schöne Szene: Gerade sind mehr als 10.000 afghanische Krieger vor der kleinen, schwach besetzten Grenzfestung Saragarhi aufgetaucht, in der Havildar Ishar Singh, befehlshabender Sikh-Sergeant der indisch-britischen Armee nur 20 Sikh-Soldaten und einen Koch unter sich hat. In wenigen Augenblicken wird eine mehrere Stunden andauernde, heftige Schlacht folgen, durch die dieser kleine Teil des 36. Sikh-Regiments den Gegner davon abhalten will, die beiden größeren Forts in der Gegend anzugreifen und einzunehmen. Ein paar rhythmisch schlagende Trommler der Afghanen sollen die Übermacht in Stimmung bringen, sollen auf die schnelle und zügige Zerstörung des so sehr unterlegenen Feindes einschwören. Da taucht Akshay Kumar als Havildar Singh an den Zinnen der Festung auf und schlägt auf einer Dhol punjabische Tanzrhythmen, die die stumpfsinnigen Kriegstrommler aus dem Takt und schließlich zum Verstummen bringen. Dass er überhaupt gehört wird, könnte mit dem Echo zusammenhängen. Aber natürlich ist es vor allem magisch, magisch wie die Tatsache, dass diese 21 Mann so lange, bis zum eigenen Tod, dem Gegner standhalten werden, weshalb die großflächigen Angriffspläne des Feindes scheiterten an diesem 12.September 1897. Denn der Film beruht auf historischen Ereignissen.
Die Schlacht von Saragarhi (Demi Public Domain Map Server) 
Diese Trommel-Szene steht für zwei Dinge: Erstens, dass es Akshay Kumar ist, der in diesem Film den Takt, den Rhythmus, die Stimmung bestimmt. Er ist die Batterie des Films, in dem er sich trotz der einfachen und eingeschränkten Handlung von verschiedenen Seiten zeigen darf. Damit auch die emotionale Seite zum Tragen kommt, hat er sogar Phantasien von der Anwesenheit seiner Ehefrau, was ein paar Gastauftritte, inklusive romantischen Liebesliedes, von Parineeti Chopra mit sich führt. Akshay Kumar ist nun mal der Meister des Film-Patriotismus, der Mann mit der Militär-Glaubwürdigkeit, und wenn man die bisherigen Einspielergebnisse dieses Blockbusters sieht, dann haben auch seine Annahme der kanadischen Staatsbürgerschaft und die Tatsache, dass er in Kanada öffentlich Toronto als sein Zuhause – „home“ – bezeichnet hat, wo er nach Ende seiner Karriere hinziehen wird, keine Auswirkungen gehabt. Aber solche Dinge gehen sowieso nur die Inder etwas an, denn ansonsten ist er von allen Stars seiner Generation der vielseitigste, dem sogar das Altern gut zu tun scheint.

Zweitens zeigt die Trommel-Szene, wie sehr man sich vom reinen stumpfen Befehlsgehorsam absetzen will. Es geht um Individualität gegen stumpfe Einheit, Demokratie gegen Diktatur. Im Film ist es eine freie Entscheidung jedes einzelnen indischen Soldaten zu bleiben und zu kämpfen. Dafür sorgt Havildar Singh im geschickten Umgang mit seinen Männern, die er in kurzer Zeit von einem disziplinlosen Haufen zu einer engen Gemeinschaft geführt hat. Das geschieht auch mit ein bisschen Komödie. So lernt der Zuschauer die Männer, die bald sterben werden, etwas kennen. Die Gründe für die Aufopferung sind sowohl praktisch-miliärischer Natur als auch persönlicher. Ein britischer Offizier hatte die indischen Soldaten als feige bezeichnet. Und im Hintergrund lebt die Hoffnung auf Befreiung von Fremdherrschaft. Es gab übrigens letztes Jahr schon einen Film über Sikh-Soldaten in der britischen Armee. In dem regionalen Punjab-Film SAJJAN SINGH RANGROOT (2018) kämpfen sie während des ersten Weltkrieges in Europa auf Seiten der Briten gegen Deutschland. Auch hier wird das Kriegführen für den Kolonisator mit dem Kampf um eigenes Selbstbewusstsein, um staatliche Unabhängigkeit verbunden.

Dass der Film so ein Erfolg ist, liegt vor allem an Akshay Kumars subtiler darstellerischer Energieleistung, der nicht nur den wild und leidenschaftlich kämpfenden Helden spielt. Er ist auch ein unangepasster, stolzer Mann, der Probleme mit Vorgesetzten und Befehlen hat, die ihm falsch erscheinen. Aber vermutlich trifft KESARI auch einen gewissen Nerv. Denn gerade in historischen Filmen dieser Art ist die Vergangenheit immer auch die Gegenwart. Und wenn die Bedrohung aus dem Westen und Nordwesten kommt, wenn moslemische Krieger mit dem Dschihad angestachelt werden, dann denkt man natürlich an Indiens Konflikt mit Pakistan, das Terroristen Unterkunft gewährt und sie unterstützt. Gleichzeitig muss das friedliche Zusammenleben im eigenen Land gefördert werden. Und so bauen die Sikh-Soldaten im nahe gelegenen Dorf eine Moschee. Der Film ist direkt mathematisch präzise darin, die Dinge im Gleichgewicht zu halten, keine gefährlichen Emotionen zu schüren. Der größte Feind sind der Hassprediger und sein militärischer Verbündeter, hinterhältige und bösartige Ausgeburten aus der Hölle. Aber auch hier schafft man ein Gegengewicht mit einem anderen afghanischen Heerführer, der sich beklagt, dass Gott als Waffe benutzt wird und der dafür sorgt, dass die Turbane der toten Sikh-Soldaten unberührt bleiben. Natürlich geht so eine penible Ausgewogenheit auf Kosten eines natürlichen Fließens der Handlung, die etwas vorhersehbar wirkt. Man spürt dann einfach die bewusste Konstruktion.

Durch viele kleine Details verstärkt KESARI diesen modernen Eindruck. Da ist ein dunkel gekleideter afghanischer Scharfschütze, wie importiert aus Clint Eastwoods AMERICAN SNIPER (2014), übrigens sehr feminin wirkend. Was immer Produzent Karan Johar uns damit sagen will … Havildar Singh baut während der Schlacht mal eben ein Zielfernrohr an sein Gewehr. Und wenn ein Soldat zwei Gewehre gleichzeitig abschießt, steht er da in Rambo-Pose. Fehlen nur noch die MGs. Und dann werden auch noch zwei Afghanen, die heimlich Sprengstoff an der Außenmauer der Festung zünden wollten, bombenbeladen in die eigenen Reihen zurückgeschickt, wo sie als echte Selbstmordattentäter in die Luft gehen.

Alls dies geschieht eingebettet in epische Bilder von der Weite der Grenzregion mit Sand und Stein und Bergen. Die Schlachtszenen stimmen im Kern vollständig mit den historischen Berichten überein und sind gewaltig, teilweise überwältigend wild anzuschauen. Sie sind dabei zwangsläufig sehr gewalttätig, auch wenn in einer Dharma-Produktion selbst der Krieg noch schön anzugucken ist. Und natürlich wirkt alles überlebensgroß. Havildar Singh hat in Akshay Kumars Darstellung etwas von einem Superhelden, der auch gleich am Anfang des Films eine junge Frau aus den Klauen des Hasspredigers rettet. Alles ist schön und spannend anzugucken, kurzweilig, aber schließlich fehlen die letzten Emotionen. Es bleibt eine gewisse Distanz, die am Ende keine echte unsentimentale, feierliche Tragik in diesem „Ruhm in der Niederlage“ erlaubt. Vielleicht sind die Helden doch ein bisschen zu perfekt. Ich habe irgendwo gelesen, dass dieser Havildar Singh illegalen Alkohol hergestellt hat. Das macht ihn mir persönlich natürlich zwar noch sympathischer. Aber das hätte vielleicht am Lack des reinen indischen Helden gekratzt. Übrigens ist das wenig abwechslungsreiche monochrome Ocker des ganzen Films auf Dauer etwas penetrant. Da hat man es sich mit dem Licht und der Farbgebung doch ein bisschen leicht gemacht. Es gibt zu demselben Thema die Netflix-Serie 21 SARFAROSH SARAGARHI 1897 (2018), zu der ich leider nichts sagen kann, aber der Trailer macht den Eindruck einer ruhigen und realistischen Wiedergabe und Interpretation der Ereignisse.
 Saragarhi Memorial Ferozepur (Author: RameshSharma1)

Samstag, 23. März 2019

TEZAAB – Straßen in Flammen

TEZAAB (1988) ist der Film, der aus Madhuri Dixit einen Star machte, was sie der Initiative von Filmpartner Anil Kapoor zu verdanken hatte, da statt weiblicher Hauptrolle Mohini erst nur die Schwesternrolle für sie vorgesehen war. Und so gehört ihre Bühnennummer zu dem Song „Ek Do Teen“ mit einfallsreichen Tanzschritten und in leuchtendem Pink zu den klassischen Musikszenen des Hindi-Kinos. TEZAAB befestigte mit der Rolle des Mahesh, der zum Gangster Munna wird, aber auch den Star-Status von Anil Kapoor, der im Jahr zuvor in MR. INDIA (1987) geglänzt hatte. Und so ist es natürlich auch der erste Film eines meiner Lieblings-Filmpaare im Hindi-Kino aus Anil Kapoor und Madhuri Dixit, die sich gerade für den Film TOTAL DHAMAAL (2019) wieder einmal zusammengefunden haben. Eine schwierige Liebesgeschichte haben die beiden auszustehen in TEZAAB, der in seiner Originallänge statt drei sagenhafte fünf Stunden gedauert haben soll. Es gibt ein langes Hin und Her. Einmal steht Mohini sogar am Swimmingpool im Badeanzug und Mahesh beachtet sie nicht. Das ist nur vorstellbar, weil es im Drehbuch steht. Eine Liebeswette erweist sich fast als desaströs. Erst ein Sprung vom Dach führt alles zu einem, allerdings nur vorläufigen, einträchtigen Zusammensein.

Bei TEZAAB handelt es sich um ein inoffizielles und sehr freies Remake von Walter Hills Film STRASSEN IN FLAMMEN (1984), der ja eine ganz einfache Handlung hat. Motorrad-Rocker entführen Diane Lane als Starsängerin Ellen Aim von der Bühne weg und nehmen sie in ihr Gossenviertel mit. Michael Paré als Ellens Ex-Freund, mit dem es nicht klappte, weil ihr die Karriere wichtiger war, macht sich für Geld auf ins Outlaw-Zentrum. Bei der Befreiung wird viel Maschinenschaden angerichtet. Nachhausekommen wird noch einmal schwierig. Am Ende gibt es einen Vorschlaghammerkampf zwischen Ex-Freund und Outlaw-Chef. STRASSEN IN FLAMMEN spielt irgendwann, irgendwo und ist ein Neon-Western mit 50s-Rock'n'Roll. Retter ist der einsame Wolf, der Lone Rider, dessen Vergangenheit im Dunkeln liegt. Vermutlich war er mal bei der Armee.

TEZAAB übernimmt das Prinzip von Hills Film, das ja sehr einfach ist. Allerdings gibt es hier keine Soldatin, die an Anil Kapoors Seite kämpft. Auch kommt kein Manager mit. Begleitet wird Mahesh von seiner Gang. Dazwischen gibt es sehr lange Rückblenden, die damit fast den Hauptteil des Filmes ausmachen. Das, was in STRASSEN IN FLAMMEN geheimnisvoll bleibt, wird hier ausführlich erzählt und begründet. Wie wurde Mahesh zum Gangster Munna, wieso ist er aus seiner Heimatstadt verbannt, was verband Mohini und Mahesh, was trennte sie? Einige Details wurden aus dem Original übernommen, vor allem die Entführung am Anfang, die Konzertszene, wo die Gangster sich langsam nach vorne schieben und dann alles in einer Schlägerei endet. Da ähneln sich sogar die Einstellungen. Nach der wildesten Actionszene in Zusammenhang mit der Befreiung gibt es im leicht beschädigten Wagen das entspannte Nachtlied „So Gaya Yeh Jahan“. In STRASSEN IN FLAMMEN ist dieser Verschnaufer von der ganzen Aufregung eine Szene im Bus. Und das Liebespaar kommt im strömenden Regen wieder zusammen. Allerdings lässt TEZAAB die Liebesnacht weg. Es gibt sogar ebenfalls einen Kampf mit Vorschlaghämmern, den aber hier nicht Held und Bösewicht ausfechten. Besondere Pointe im Hindi-Film ist, dass die Gegner sich mit jeweils einem heftigen Schlag gegenseitig tot hauen.

Regisseur N. Chandra war damals, Ende der 80er, an der zeitlichen Schwelle zum neokonservativen global werdenden Bollywood-Kino, ein Vertreter von rauem Realismus im Stile des 70er-Kinos mit seinem „angry young man“. TEZAAB gilt als dritter Film einer Trilogie, deren andere Teile das Regiedebüt ANKUSH (1986) und der Nachfolger PRATIGHAAT (1987) sind. In TEZAAB geht es um die Rückholung in die Gesellschaft von jungen Männern, die irgendwie herausgerutscht sind. Auch wenn sie gesetzlos sind, handeln sie nach einem gewissen Ehrenkodex. Action im Hindi-Film hat ja manchmal etwas absichtlich Irreales, Fantastisches. Bei Chandra aber ist alles sehr echt und realistisch. Die Gewalt wird nicht künstlich in die Länge gezogen, sondern ist kurz, präzise und vom Regisseur selbst geschnitten. Der scheint westliche Filme der 80er sowieso sehr sorgfältig geguckt zu haben. Bei einer Schießerei vor einer Bank, die gerade ausgeraubt wird, entgleitet einer Mutter der Kinderwagen und rollt die Treppe vor dem Gebäude herunter. Nun hat Chandra sich vermutlich nicht bei Eisensteins Stummfilmklassiker PANZERKREUZER POTEMKIN bedient, sondern bei Brian de Palmas DIE UNBESTECHLICHEN (1987), wo Ähnliches bei einer Schießerei im Chicagoer Bahnhof geschieht.

Zwei gleichwertige Bösewichte hat TEZAAB. Kiran Kumar hat die Rolle von Willem Dafoe aus STRASSEN IN FLAMMEN und macht ihm mit seinem stierenden Blick echte Konkurrenz. Damit das Publikum diesen wirklich genießen kann, darf er ihn auch mal direkt in die Kamera richten und für eine eindringliche Großaufnahme darauf zugehen. Und dann ist da Anupam Kher als widerlicher, die Tochter ausbeutender und folternder Vater. Wenn sie nicht spurt und nicht auftritt, um für seine Ausschweifungen das Geld heranzuschaffen, dann peitscht er sie durch. Und wenn das nicht klappt, droht er mit Säure, also „Tezaab“. Davor hat Mohini begründete Angst, denn damit wurde das Gesicht der Mutter verätzt, als diese weggehen wollte. Für den Titel des Films gibt es einen zweiten Grund. Bei einer korrupten Gerichtsverhandlung wirft der schreiende Staatsanwalt Mahesh vor, die „Säure“ der Gesellschaft zu sein, weshalb er weggesperrt gehöre. Vertrauen in die Rechtsordnung schafft der Film nicht, auch wenn sich schließlich alles zum Guten wendet.