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Donnerstag, 31. Dezember 2020

AK VS AK – Anil Kapoor gegen Anurag Kashyap

 

Nachdem Hindi-Superstar Anil Kapoor auf einem Laptop-Bildschirm sehen musste, wie seiner entführten Tochter Sonam Kapoor ein Finger abgeschnitten wurde, stürzt er sich auf den Entführer, den Hindi-Regisseur Anurag Kashyap, und sie prügeln sich heftig, wobei der Weihnachtsbaum und ein Teil der Zimmereinrichtung plattgemacht werden. Das hat natürlich eine Vorgeschichte. Alles fing damit an, dass Kashyap während einer hitzigen TV-Talkshow Kapoor ein Glas Wasser ins Gesicht kippte und dann ein Opfer der von Medien beherrschten Cancel Culture wurde. Niemand wollte mehr mit ihm arbeiten. Seine Karriere war vorbei. Der rettende Gedanke: Kapoors Tochter entführen und den Star zwingen, in einem Reality-Bollywood-Thriller mitzuwirken, in dem er seine Tochter finden und retten soll. Und natürlich ist das alles reine Fiktion und die Netflix-Produktion AK VS AK (2020) ist nicht einmal von Kashyap, denn Regie führte Vikramaditya Motwane, der mit Avinash Sampath das Drehbuch geschrieben hat.

So beginnt die Story zunächst wie eine Komödie im Stil der Sitcoms, in denen jemand eine fiktive, übersteigerte, leicht irre Version von sich selbst spielt, so wie in SEINFELD, PASTEWKA oder der dänischen Serie KLOVN. Dazu kommen noch viele berühmte Leute, aber nichts davon ist echt außer der Fassade. Es ist eine Mediensatire, eine Ironisierung, Selbstironisierung des Bildes, das die Öffentlichkeit hat und sich macht. Das zieht sich durch den ganzen Film, auch noch, wenn er wilder wird. Die beiden Protagonisten beschimpfen sich. Anurag ist nachtragend und immer noch böse, weil Anil ihm vor 17 Jahren eine Absage für einen Film gab. Anil Kapoor sei ein alter Mann und kein Hero-Material mehr. Aber da zumindest die Dialoge des Films übrigens doch von Kashyap selbst sind, lässt er keine Gelegenheit aus, sich selbst zu veralbern. Er ist der Regisseur, der nie einen Hit hatte, der auf den Salman-Khan-Erfolg DABANGG angesprochen wird, der aber doch von seinem Bruder ist. Der Spott über die gescheiterte Ehen. Die Unbekanntheit bei der Masse. Anurag? Anurag wer? Anurag Basu?

Als Anil Kapoor merkt, dass tatsächlich etwas nicht stimmt und Tochter Sonam wirklich verschwunden ist und Kashyap ihr Handy hat, macht er sich auf die Suche. Aber der Star in ihm behindert leider den suchenden Vater, den einfachen Menschen. Ständig muss er seine Nachforschungen unterbrechen, sich fotografieren lassen, einen Tanz aufführen. Da gibt es die wunderbare Szene, wo er verzweifelt in einem Polizeirevier seine Geschichte erzählt, woraufhin das ganze Büro klatscht angesichts der vermeintlich grandiosen Darstellerleistung. Anil Kapoor schauspielert dabei brillant, nicht zu schauspielern. Und die ganze Filmstarfamilie ist da, eine lange Nase den öden Nepotismus-Vorwürfen drehend. Alle: Sonam, Harsh und auch noch Bruder Boney, der so richtig schlechte Laune hat. Ehefrau Sunita wollte übrigens nicht einmal mit ihrer Stimme mitwirken. Sie war bei den Dreharbeiten in Kapoors Haus der einzige Mensch, vor dem man Angst hatte. Hinter jedem großen Mann steht eben eine Frau, die er fürchtet.

Jenseits der ironischen Reality-Action-Fassade ist AK VS AK ein Film über den Gegensatz zwischen Regisseur- und Starkino in Bollywood, das ja vor allem ein Starkino ist. Selbst die besten und berühmtesten Regisseure wie Bhansali oder Ratnam müssen achtgeben auf die richtige Besetzung. Und Kashyaps Erpressungs-Film in AK VS AK ist so auch ein bisschen die Rache am mächtigen Star. Jetzt endlich soll die Überlegenheit über den Star bewiesen werden. Wenn man ihn rausschickt auf die echte Straße ohne Stuntman und klimatisierten Wagen, dann zeigt sich seine Schwäche. Aber der Regisseur plant, und der Star lenkt. Denn plötzlich wird es unübersichtlich. Der Film entgleitet Kashyaph. Sicherheit und Kontrolle lösen sich in Luft auf. Das Drehbuch wurde ohne sein Wissen umgeschrieben. Er wird zerrieben zwischen ehrgeizigen, aufstrebenden, zu jedem Verrat bereiten Jungregisseuren und dem Starsystem. Und es gibt ihn auch hier, den großen, berühmten, überraschenden Story-Twist, der alles umdreht und die Uhren auf Null stellt. Dieser Twist entmachtet den Regisseur und macht den Star noch größer, als er eh schon ist. Das ist der der Sieg des Starkinos über das Regiekino. Der Regisseur mag sich noch so sehr als kinoverrückten Wahnsinnigen selbst für ein Genie halten, am Ende wartet aber doch nur die Klapsmühle und die Zwangsjacke auf ihn.

Stilistisch bedient Motwane sich bei Kashyaps gerne propagierter Methode der Guerilla-Filmerei mit Handkamera. Immer filmen, überall, notfalls versteckt auf der Straße. Oder, genauer gesagt: Es erweckt zumindest den Anschein. Es ist schwer auseinander zu halten, was geplant und was vielleicht tatsächlich improvisiert ist. Es geht in oft rasendem Tempo quer durch die Straßen und Gänge, U-Bahn, Bahnhof, Veranstaltungen, eine improvisierte Einlage, rechts steht Kashyap lächelnd und ist höchst angetan von dem Tanz, der gerade die Menge begeistert. Der grandiose und mutige Anil Kapoor hat sich auf einen gewagten Film eingelassen, aber mit zwei der besten Hindi-Filmemacher jeweils vor und hinter der Kamera konnte er das Risiko auf sich nehmen.

Freitag, 19. Juni 2020

GHOST STORIES – Geister und Verwandlungen


Mit der Netflix-Produktion GHOST STORIES (2020) haben sich, nach BOMBAY TALKIES (2013) und LUST STORIES (2018), die Hindi-Filmregisseure Zoya Akhtar, Anurag Kashyap, Dibakar Bannerjee und Karan Johar erneut für einen Episodenfilm mit thematischer Klammer zusammengetan. Oft fallen solche Filme qualitativ auseinander, so wie AUSSERGEWÖHNLICHE GESCHICHTEN (1968) nach Poe, wo die Fellini-Episode die anderen beiden weit überragt. Doch das war in diesen indischen Omnibus-Filmen bisher nicht der Fall, und ist es auch diesmal nicht, wo Geistergeschichten auf dem Programm stehen. Wobei nur zwei der Beiträge echte übersinnliche Geistergeschichten sind. Was aber alle gemeinsam haben, ist trotz fantastischer Imagination eine gewisse Bodenständigkeit. Die Geschichte sind allesamt sehr geerdet in einer sozialen, psychologischen, politischen Realität. Keiner der vier verschwindet völlig in fremden Welten oder erforscht das Jenseits, wie es etwa die beiden INSIDIOUS-Filme (2010/2013) von James Wan tun.

Es geht los mit Zoya Akhtars Beitrag, die mit Janhvi Kapoor in der Hauptrolle eine sehr reale Geschichte erzählt über eine Pflegerin, die einen neuen Job beginnt in einer Wohnung, die förmlich nach einem Geist schreit und wo man besser alle Lichter anlässt, um das Düstere etwas auf Abstand zu halten. Der Horror ist zunächst einmal bloß die Arbeit an sich in dieser gruftigen Atmosphäre, mit einer schwierigen Patientin, die man offensichtlich eine Zeit lang ganz allein gelassen hat – es liegt viel Post im Briefkasten – und die zwischendurch seltsame Fähigkeiten entwickelt. Eigentlich halbseitig gelähmt von einem Schlaganfall, sitzt sie plötzlich aufrecht im Bett. Dazu kommen noch seltsame Geräusche auf dem Flur, und man weiß, da stimmt etwas nicht, auch wenn es für die junge Frau nie wirklich bedrohlich wird. Es wirkt bloß bedrohlich. Man merkt, dass Zoya Akhtar vor allem an der realistischen Seite der Geschichte interessiert ist, an einer alleingelassenen alten Frau, die ständig von ihrem Sohn spricht, der vermeintlich in der Wohnung sein soll. Aber eigentlich ist so eine Wirklichkeit ja auch gruseliger als die meisten Geister.

Kashyaps Film ist der seltsamste und unangenehmste der vier Filme. Es geht um ein eine Ehefrau, die den frühen Kindstod des neugeborenen Babys nicht verkraftet hat und jetzt wieder schwanger ist. Gleichzeitig ist sie Tages- und Ersatzmutter für den besitzergreifenden Neffen, der bei dem alleinerziehenden Vater lebt. Kashyap mischt verschiedene Horror-Themen. Einmal gibt es den Schwangeren-Horror, die Angst um das Ungeborene, den fragilen Geisteszustand der werdenden Mutter, die in einem Zimmer voller Puppen Mama spielt. Dazu kommt Tierhorror, anhand von Raben auf dem Dach das alte Thema der Metamorphose. Und dann gibt es das Motiv der „bösen Saat“, also eines Kindes, das seinen bösen Willen durchsetzt, wie in DAS OMEN (1976) oder eben DIE BÖSE SAAT (1956). Hier ist es aber keine dämonische Besessenheit, sondern das Egoistische, das in jedem Kind mehr oder weniger ausgeprägt existiert. Es ist kein Schwarzweißfilm, sondern einfach farblos, während man noch ein paar Farbtöne hinter der grauen Fassade erahnen kann. Die Episode ist schmerzhaft und verstörend.

Bannerjee bedient sich beim heutzutage so beliebten Zombie-Horror, liefert aber eine ganz persönliche Variante, wobei er mehr mit George A. Romeros klassischem politisch-metaphorischen Splatter gemeinsam hat als mit den modernen Mode-Untoten und ihren amüsanten, aber streng genommen sinnfreien Parodien wie ZOMBIELAND (2009/2019). Bannerjees Beitrag beginnt zunächst als abstrakter, klaustrophobischer Horror, um dann ins intensiv Physische umzuschlagen. Es geht vom Eingeschlossensein, vom stillen Verbergen in einem Raum vor dem unbekannten Bösen vor der Tür zum direktesten Kontakt damit. Bei Bannerjee handelt es sich um eine Art umgekehrte Evolution, ein Zurück zum Fressen und Gefressenwerden, eine Rückentwicklung des Menschen in Steinzeit-Tiermonster. Und es bezeichnet ganz einfach unsere Gegenwart. Ebenso wie Kashyap hat er eklige Szenen eingebaut.

Die letzte Episode von Karan Johar würde man problemlos auch ohne Hinweis sofort erkennen. Da gibt es Production value, ein schönes Haus, schöne Einrichtung, schöne Menschen und ein schöne Hochzeit. Aber hinter den perfekten Fassaden verbergen sich ja oft die tiefsten oder zumindest seltsamsten und bizarrsten Abgründe. Johar widmet sich dem klassischen Gothic horror, auch wenn er auf die Inszenierung der Architektur verzichtet, denn dies ist ein heller, eher sonniger Geisterfilm, und der Geist, die Oma, spukt nicht als unheimliches Etwas durch die nächtlichen Gänge und es erklingt auch kein Lied dazu, nein, sie ist glückliches aktives Mitglied der Familie und wenn etwas entschieden wird, berät man sich mit ihr. Und wenn sie sogar in die Hochzeitsnacht hineinplatzt, dann wird man an die katastrophale Hochzeitsnacht in Johars Episode zu LUST STORIES erinnert. Johar spielt offensichtlich gerne mit dem indischen Hochzeitsnacht-Mythos. Und eins lernt man hier eindringlich: Man sollte nie Geister beschimpfen, an die man nicht glaubt. Sie könnten es hören.

Mittwoch, 17. Juni 2020

Anurag Kashyaps CHOKED: PAISA BOLTA HAI – Schwarzes Geld


Anurag Kashyaps neuer Film CHOKED: PAISA BOLTA HAI (2020), eine Netflix-Produktion, beginnt mit einer Ehe auf dem Tiefpunkt. Die Frau arbeitet, der Mann macht mal dies, mal das, auf jeden Fall macht er zu wenig Hausarbeit. Findet sie. Und zu allem Überdruss hat er auch noch einen Haufen kaum zurückzahlbarer Schulden. Aber in Wirklichkeit schwelt hinter diesen konkreten Problemen ein zerplatzter Traum von etwas Schönerem, Glamouröserem, denn bis zu einem Talentshow-Auftritt, wo der Frau vor Lampenfieber vor versammeltem Publikum die Stimme wegblieb, hatten die beiden als Musiker und Sängerin einiges vor. Der tote Traum ist jetzt ihr großes Trauma. Vor allem sie wirft es sich selbst vor und wirft ihrem Mann vor, es ihr vorzuwerfen. Eine deprimierende Spirale. Jetzt arbeitet sie als vorbildliche Angestellte in der Zweigstelle einer staatlichen Bank.

In diesem Haushalt in einem nicht mehr ganz frischen Mittelklasse-Appartementblock in Mumbai herrscht jedenfalls ständige Spannung und Unzufriedenheit, die auch der junge Sohn zu spüren bekommt. Da gibt es eine tragikomische, absurde Szene, wie sie auf diese Weise vielleicht nur Kashyap hinkriegt, wo der Sohn in der Mitte im Bett schläft und das Ehepaar eine Diskussion beginnt. Erst ganz leise, man will den Kleinen ja nicht wecken, dann etwas lauter, und dann gewinnt alles eine faszinierende Eigendynamik. Sie werden richtig laut und heftig, verlieren jede Rücksicht und zu guter Letzt rütteln sie den Jungen auch noch aus dem Schlaf, damit er als Schiedsrichter bei der Uneinigkeit fungiert, obwohl es sich, wie meistens bei solchen Ehestreitigkeiten, um eine Bagatelle dreht. Alles in einer Einstellung. Schrecklich. Komisch. Gespielt werden die beiden von Saiyami Kher als spröde und im Laufe des Films immer mehr in sich und ihrem Traum vom materiellen Paradies zurückgezogenen Ehefrau und Roshan Mathew als mit sich selbst unzufriedener Ehemann, der unter seiner eigenen Schwäche leidet.

Wie auch diese eine Szene schon zeigt, handelt es sich bei CHOKED, nach einem Drehbuch von Nihit Bave, also um alles andere als einfach ein graues Ehedrama. Dass man das schon von Anfang an weiß, dafür sorgt ein surrealer Prolog, der nicht nur die Stimmung und die Stimmungen vorgibt, er saugt den Zuschauer auch förmlich auf und in den Film hinein. Man folgt einer anonymen Gestalt, deren Gesicht nicht gezeigt wird: Ein Mann geht mit einer Tasche in eine Wohnung, in ein Bad und macht sich am Abfluss im Fußboden zu schaffen. Da hinein kommen wasserdicht verpackte kleine Geldrollen. Und dann taucht die Kamera hinterher in den schmalen Abgrund, und hinter der Dunkelheit schwebt eine glitzernde Discokugel, aber nur kurz, denn alles verwandelt sich in dunklen Schlamm, in schwarzes Abwasser, das nach oben quillt. So könnte ein Horrorfilm anfangen, eine Episode aus dem Kollektivfilm GHOST STORIES (2020), zu dem Kashyap eine Episode beigetragen hat.

Aber es ist kein Horrorfilm, kein Thriller, dafür ist zu viel Ironie und Humor dabei, es ist eher ein fantastisch-reales, heiter-düsteres Alltagsmärchen mit subtil-hysterischen Zwischentönen, wo das Geld nachts aus dem schlammigen Küchenabfluss auftaucht, wie aus der Unterwelt, und wo man durch das Brackwasser watet und sich dann glücklich bei einer höheren Macht bedankt. Rein praktisch kommt das Geld aus der geheimnisvollen Obergeschoss-Wohnung eines Assistenten eines korrupten Politikers. Diese Wohnung fungiert in der Geschichte als sagenumwobene Schatzkammer, auf die es heimlich das ganze Haus abgesehen hat. Doch das Märchen entwickelt sich zu einem immer unübersichtlicher werdenden Alptraum, parallel zu der immer hektischer und wilder die Banken stürmenden Bevölkerung, denn CHOKED spielt 2016, zur Zeit der Entwertung der 500- und 1000-Rupienscheine, eine Maßnahme, mit der Premier Modi illegal gehorteten Schwarzgeldmassen, als Ergebnis verbreiteter Korruption, zu Leibe rücken wollte.

Denn außer um eine Ehe, eine Familie, geht es hier um ein Wohnhaus in Geldsorgen, um ein ganzes Land im Stillstand, denn die Schlangen vor den Banken sind lang, und man darf pro Transaktion nur eine begrenzte Summe altes Geld in neues wechseln. So verwandelt sich alles von einem Tag auf den anderen in Wahnsinn. Kashyap nutzt alte Fernsehbilder, was dem Ganzen als Hintergrund eine breite soziale Atmosphäre gibt. Und eine Bankangestellte als Hauptfigur gibt Gelegenheit, auch das Innere der überfüllten Banken zu zeigen, die Hektik, die Drängeleien, der Wahnsinn, die Nervosität. Die Nerven liegen blank. Das alles fängt er adäquat ein. Wirkungsvoll wie eigentlich immer in einem Kashyap-Film ist auch die Musik, diesmal von Karsh Kale. Vor allem das jazzige, rhythmische Schlagzeug treibt alles dynamisch voran. Aber dann gibt es auch wieder harmonische Wechsel zum ganz Intimem, Stillem. Und mitten in all dem ist eben die korrekte Bankangestellte, die ja auch ihr illegales Geld aus dem Abfluss umwechseln will. Aber so sehr sie sich auch beim Hausaltar bedankt, sie ist tatsächlich dabei, den Verstand zu verlieren, hat einen gruseligen Alptraum. Überhaupt bekommen Ausdrücke wie „Geld aus dem Untergrund“ oder „schwarzes Geld“ hier eine faszinierend konkrete Bedeutung. Ein kleiner, großer, großartiger Film.

Freitag, 3. April 2020

Anurag Kashyaps MANMARZIYAAN – Liebe und Ehe


Anurag Kashyaps MANMARZIYAAN (2018) ist eine Auftragsproduktion des Regisseurs und hat eine Vorgeschichte. Dieses Projekt nach einem Drehbuch der Schriftstellerin Kanika Dhillon hatte schon einen anderen Regisseur und andere Hauptdarsteller, aber Produzent Aanand L. Rai gefiel nicht, was er da sah, stoppte alles, und das Material wurde wohl vernichtet oder landete im Archiv. Übrigens ist der deutsche Filmtitel ausnahmsweise mal absolut korrekt übersetzt mit „Herzenswünsche“, worunter er auch hin und wieder auf dem deutschen Bollywood-Sender Zee.One zu sehen ist. International hieß er „Husband Material“.

Schließlich kam Anurag Kashyap an Bord, der normalerweise seine Film selbst schreibt oder zumindest mitschreibt. Es ist also offensichtlich keine bewusste Planung seinerseits, dass MANMARZIYAAN wie ein bewusstes Gegenstück zu seinem vorherigen Film MUKKABAAZ (2017) wirkt. Das war ein echtes, direktes, kraftvolles Melodrama mit geradlinigen und starken Gefühlen: Junger Mann will boxen und ist verliebt in eine junge Frau, deren Vater jenen hasst. MANMIRZIYAAN ist genau das Gegenteil, und das betrifft nicht nur den leichteren, heitereren Ton. Hier gibt es keinen Bösewicht, die Hindernisse liegen vor allem in den Figuren selbst. Nicht einmal die Gesellschaft mit ihren Regeln und Anforderungen ist hier ein wirkliches Hindernis, es gibt genug Gelegenheit, die Probleme selbst zu lösen.

Rumi und Vicky haben eine enge Beziehung, die vor allem aus Sex besteht. Vicky, der durchgestylte DJ mit den tausend auffälligen selbst bedruckten T-Shirts, ist unter den Augen der Nachbarn ein Terrassenkletterer, da Rumi die Dachwohnung des Hauses bewohnt. Sie werden auf frischer Tat erwischt, und Rumi soll nun heiraten. Wenn's sein muss auch Vicky, aber der bibbert ängstlich, wenn es um Ehe geht. Und da Rumi ein ziemlich wildes Mädchen ist, das schnell zornig wird, gibt sie in ihrem Zorn auf ihren feigen Lover der Familie ihr Wort, dann eben halt den „nächstbesten Idioten“ zu heiraten, den die Familie ihr vorsetzt. Und so kommt es nach einigen Verwicklungen auch. Sie heiratet den Bänker Robbie und bemüht sich, rein formal, eine gute Ehefrau zu sein. Doch die Anziehung zu Vicky ist noch da.

Diese Story scheint einfach, doch dahinter steckt ein psychologisch sehr konstruiertes, hyperaktives Drehbuch, ein ständiges Hin und Her der Aktionen und Gefühle, das bei einem mittelmäßigen Regisseur schnell ein entnervtes Kopfschütteln des Zuschauers hervorrufen kann. Alles hängt da von den Figuren ab, ob man ihnen geistig folgen kann und ob man sich für sie interessiert. Wie schnell könnte Rumi als nervige Zimtzicke, Vicky als Volltrottel und Robbie als dröger Bänker dastehen. Aber die drei Hauptfiguren bekommen in der Gestalt von Vicky Kaushal, Taapsee Pannu und Amitabh Bachchan Echtheit, Authentizität, Sympathie, Interesse. Das ist umso wichtiger, als es hier vor allem um das Innenleben der Figuren geht, nicht so sehr um die Erzeugung von großen Emotionen. Man identifiziert sich mit keine der Personen, keine hat Recht oder Unrecht, man fiebert auf kein bestimmtes Ende hin, allenfalls ganz am Ende, als die Fronten gewissermaßen geklärt sind. Dennoch wurde dafür nicht die Form des kleinen, intimen psychologisch-heiteren Dramas, sondern die des großen Bollywood-Films mit Musik und Tanz und einem kraftvoll-energischen Soundtrack von Amit Trivedi gewählt.

Von Anfang an ist MANMARZIYAAN, mit selbstverständlicher und unverklemmter Direktheit, ein Film über Sex und Erotik: Vicky und Rumi haben eine fast kindlich-naive wilde, sehr besitzergreifende Sex-Liebesbeziehung, und man sieht die beiden bei wirklich nichts anderem. Treffen sie sich zum Reden endet es sofort irgendwo in der Waagerechten. Man kann sich die beiden kaum in einem normalen Alltag vorstellen. Als beide durchbrennen wollen, erwacht bei Rumi aber das weiblich Praktische und sie will zurück. Denn Vicky hat wie immer keinen Plan, was Rumi sich eigentlich hätte denken können. Es ist deprimierend komisch, wie er nicht einmal einen kleinen Imbiss bezahlen kann und sowieso kein Geld für Benzin hat. Eine Flucht ins Leere, ohne praktische Aussichten will Rumi also auch nicht. Das Ganze würde ja auch sowieso nur in Streit und gegenseitigen Vorwürfen enden. Der Ehezwang beschleunigt eigentlich nur die sowieso langsame Erkenntnis bei ihr, die sonst länger gedauert hätte, dass Vicky vielleicht doch kein „Ehemannmaterial“ ist.

In den Szenen von Vicky und Robbie wird der Film leiser, stiller, ruhiger. Das erste Kennenlernen, dann die Gewöhnung an die neue Situation. Erst realisiert sie die Ehe gar nicht, setzt sich im Auto nach hinten, wie um sich zu distanzieren, als wäre Robbie der Fahrer. Sie muss alleine joggen gehen, um sich in der Flitterwochen-Bergwelt Kaschmirs auszuweinen. Das Trinken bringt die beiden einander näher, scheinbar näher. In einer witzigen Trinkszene, wo sie seine stille Zurückhaltung aufbrechen will, halten sie die ganze Nachbarschaft vom Schlafen ab. Aber bei allem bleibt eine große Distanz. Die Nähe reicht erst mal nur fürs Bett.

Wie Kashyap die Waage hält zwischen romantischer Bollywood-Komödie und psychologischem Drama ist ausgezeichnet. So wird auch eine gewisse Vorhersehbarkeit des Drehbuchs unbedeutend. Bei Kashyap ist es immer der Moment, der zählt, die innere Spannung jeder einzelnen Szene und Entscheidung. Trotz der vielen Hektik ist es ein innerlicher Film Kashyaps, vielleicht sein innerlichster, gekennzeichnet von intelligenter und subtiler Regie. Dazu kommt Kashyaps Sinn für den Raum, für Drehorte, für die Schaffung einer passenden Atmosphäre. Gleich am Anfang wird in den engen Gassen getanzt. Der Realismus wird nur gebrochen durch die starke Musik und die Texte sowie durch das Licht, die vollen Farben. MANMARZIYAAN ist kein großer Kashyap-Film, aber ein sehr, sehr schöner.

Mittwoch, 24. Juli 2019

Hrithik Roshan in SUPER 30 – Der Lehrer

Das Warten hatte also endlich ein Ende. SUPER 30 (2019) kam in die Kinos. Und die Zuschauer können einen spannenden und flüssig erzählten Film entdecken, der gleichzeitig eine soziale Botschaft beinhaltet. Daher wurde er in einigen indischen Bundesstaaten von der Steuer ausgenommen. Der Film handelt von Anand Kumar, dem international bekannten Lehrer, der mittellose junge Menschen auf die Zugangsprüfung der indischen technischen Elite-Unis, ITT genannt, vorbereitet. Da die Geschichte an sich bekannt und vorhersehbar ist, bestand die Kunst also darin, es trotzdem interessant zu machen. Und da ist zu aller erst natürlich der Star, und zwar mit Hrithik Roshan einer der charismatischsten. Aber auch einer der hellhäutigsten. Über seine leichte Gesichtsbräunung rümpften manche Kritiker die Nase. Mir ist so was egal.

Woran ich mich auch nicht festbeißen werde, und auch gar nicht könnte, selbst wenn ich wollte, das ist sein Akzent, bei dem ich natürlich nicht beurteilen kann, ob er falsch klingt oder nicht. Obwohl ich durchaus höre, dass er sehr, stark ist. Aber es gab ja schon andere Schauspieler, die in der Beziehung zu viel Ehrgeiz hatten. Kim Novak hat mit ihrem unnatürlichen, verkrampften Cockney-Akzent in ON HUMAN BONDAGE (1964) ihre Regisseure zur Verzweiflung gebracht. Und so gut mir Roshan vor allem in den kämpferischen, tatkräftigen oder auch düsteren Szenen gefällt, so sehr geht er mir auf die Nerven als junger Naiver mit diesem Lächeln und den großen, großen Augen. Das erinnerte mich an seine Darstellung in KOI MIL GAYA (2003) und den Film habe ich bis heute nicht bis zum Ende geguckt.

Bei der visuellen Gestaltung schon spürt man den Willen, bei dem Thema bloß nicht dröge zu wirken, es nicht wie ein graues Sozialdrama aussehen zu lassen. Die Naturgewalten spielen eine große Rolle, steigern die Dramatik, sind aber auch symbolisch, so wie Regen und Gewitter, als die Brüder versuchen, den Vater mit dem Fahrrad zum Krankenhaus zu bringen und dann die Kette reißt. Da geht die Kamera weit nach oben in die Vogelperspektive, als guckte das Schicksal mitleidlos von oben zu. Aber dann sind es auch wieder Stationen zu dem, was im Film jedenfalls wie Kumars Bestimmung wirkt. Denn nur durch den Tod des Vaters fährt er selbst als Verkäufer herum, um die Familie zu ernähren. Und nur dadurch rutscht er in das Geschäft mit der Nachhilfe.

Der Film ist sehr temporeich, intensiv erzählt, dicht geschnitten und passt sich dem schnell denkenden Hirn der Protagonisten und der energiegeladenen Darstellung Roshans an. Dennoch habe ich mich während der Kinovorstellung immer wieder gefragt, ob der Film in der Beziehung eigentlich noch ein Film von Vikas Bahl ist oder ob Anurag Kashyap dem Ganzen sehr heftig seinen Stempel aufgedrückt hat. Oder sagen wir es anders herum: Ich hätte den Film zwar vom Thema her, aber nicht vom Stil her für einen Film von Vikas Bahl gehalten. Der ist der entspannte Regisseur der Träume, des Wirklichwerdens des Unmöglichen. Sein letzter, sehr schöner, sehr poetischer und, wenn ich mich recht erinnere, zwischendurch sehr witzige Film war ja SHAANDAAR (2015), ein unverdienter Riesenflop, den aber jetzt auf einmal alle wunderschön finden. Wo waren die Leute bloß damals im Kino? Davor hatte er mit Kangana Ranaut QUEEN (2014) gedreht, die Geschichte einer jungen Frau, die entdeckt, dass sie ein eigenes Leben haben kann. Sie realisiert sozusagen den Traum von sich selbst. Und ganz am Anfang stand der auch für Erwachsene empfehlenswerte Kinderfilm CHILLAR PARTY (2011), eine gemeinsame Arbeit mit Nitesh Tiwari, der zuletzt den Aamir-Khan-Erfolg DANGAL inszeniert hat. Wenn die armen Jugendlichen sich in SUPER 30 mit selbstgebastelten Waffen gegen einen mörderischen Angriff wehren, dann erinnert das an den Erfindungsreichtum, mit dem die solidarischen Kinder in CHILLAR 30 gegen die Eltern und die Erwachsenenwelt vorgehen. Was alle diese Filme gemeinsam haben, ist, dass sie dem Zuschauer zwischendurch Ruhe, etwas Luft zum Atmen gönnen. SUPER 30 zieht einen aber von der ersten bis zur letzten Minute unaufhörlich mit.

SUPER 30 ist vor allem ein Film über einen Lehrer und seine Schüler, die unbestreitbar intelligent sind, Wissen haben, das Lernen lieben, aber angesichts ihrer armen Herkunft zunächst mit Sperren im Kopf herumlaufen, weil sie ihre Position in der Klassengesellschaft verinnerlicht haben. Das Betreten des ITTs stellen sie sich vor als Spießrutenlaufen zwischen feinen, gut gekleideten, des Englischen fließend mächtigen Studenten. Daher besteht die Hauptaufgabe von Anand Kumar darin, ihre Köpfe frei zu machen für all die Prüfungsfragen bezüglich Logik und Zusammenhängen. Der Film zeigt sehr schön, dass er mehr als Wissen in sie hineinprügelt, dass alles vornehmlich eine Bewusstseinssache ist. Da kann er auch grausam sein, wie bei der peinlichen Schüler-Aufführung auf Englisch, bei der die Reichen sich kringelig lachen, was dann aber in ein selbstbewusstes, rhythmusbetontes Lied mündet. Ich habe mir mal die Prüfungen der letzten Jahre angeguckt und aus Spaß zwei Aufgaben in der Originalsprache Englisch herausgesucht. Wie man sieht, kann man mit den Fragen auch als Nicht-Naturwissenschaftler einiges an Gehirnjogging-Spaß haben:
1. Beispiel:
The Buddha said, “Holding on to anger is like grasping a hot coal with the intent of throwing it at someone else; you are the one who gets burnt.

Select the word below which is closest in meaning to the word underlined above.

(A)burning (B)igniting (C)clutching (D)flinging“
2. Beispiel
Among 150 faculty members in an institute, 55 are connected with each other through Facebook® and 85 are connected through WhatsApp®. 30 faculty members do not have Facebook® or WhatsApp® accounts. The number of faculty members connected only through Facebook® accounts is ______________.

(A)35 (B)45 (C)65 (D)90 

Was man übrigens nicht vergessen darf, ist, dass der Film als Rückblende erzählt wird. Einer von Kumars Schülern spricht Jahre später als erfolgreicher Wissenschaftler vor einem großen Auditorium. Und es ist bezeichnend, dass er ganz individuell von der Verbesserung der Lebensumstände seiner eigenen Familie spricht, was sich dann über Generationen hält. Das ist ein bisschen ironisch, denn wenn man erst einmal oben ist, profitiert man von dem, wogegen man als Armer gekämpft hat. Es ist also kein Film gegen die Klassengesellschaft oder für ein anderes System. Auch wenn sich durch den Aufstieg von Menschen niedriger sozialer Herkunft in die Elite von ganz alleine zumindest ein bisschen innerhalb des Systems ändert.

Es geht in SUPER 30 darum, dass jeder nach seinen Fähigkeiten leben kann. Und wenn jemand brillant und von Mathematik besessen ist, soll er das auch ein ganzes Leben lang machen dürfen. Das System, das mehrmals als "feudalistisch" bezeichnet wird, muss also durchlässig sein, was nicht von jedem gewünscht wird. Daher gibt es einen Klassenkampf im Film. Und zwar wird er von oben mit aller Härte initiiert und geführt. Das bietet Roshan Gelegenheit, seine Hero-Qualitäten im Kampf gegen das Böse unter Beweis zu stellen. Da gibt es das wirklich entlarvende Porträt eines indischen Provinzpolitikers, der sich in das einträgliche Nest des groß organisierten Nachhilfeunterrichts gesetzt hat. Und Kumar gefährdet seine Henne mit den goldenen Eiern. Außerdem geht es natürlich ums Prinzip. Jeder Studienplatz für einen Armen ist einer weniger für einen Reichen.

Mittwoch, 1. Mai 2019

Anurag Kashyaps MUKKABAAZ – Vom Raufbold zum Boxer

MUKKABAAZ (2017), das bedeutet Raufbold, Rabauke. Und wie der nicht mehr ganz junge Endzwanziger Shravan, in der Gestalt von Vineet Kumar Singh, vom stürmischen Raufbold zum denkenden Boxer wird, davon handelt Anurag Kashyaps Sportfilm, der in einer Kleinstadt im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh spielt. Shravan ist einer, der lieber mit dem Kopf durch die Wand will, als brav zu schweigen, wenn ihm etwas nicht passt. Und er hat ein Ziel. Er will Boxer werden, sehr zum Leidwesen des Vaters, der ständig mault, der Sohn habe eine tolle akademische Karriere sausen lassen. Bis es aus dem Sohn in einer heftigen, aber auch lustigen, Szene herausbricht, dass er dazu zu blöd gewesen wäre, weil er einfach nichts im Hirn habe, und woher sollte er die Intelligenz auch geerbt haben. Allerdings macht er in seinem Feuereifer den großen Fehler, sich mit seinem Trainer Bhagwan Das Mishra anzulegen.

Der ist ein Gangster und hoher Funktionär der lokalen und bundesstaatlichen Boxorganisation in Uttar Pradesh und duldet keinen Widerspruch. Das Bollywood-Kino ist ja seit Einzug der vermeintlich realistischeren Psychologie ein bisschen sparsamer mit echten, unerträglichen, durch und durch widerlichen Bösewichte geworden. Aber hier gibt es mal wieder einen, ausgerechnet gespielt von Jimmy Sheirgill und er ist richtig gut hassenswert. Da möchte selbst der überzeugteste Pazifist zur tödlichen Selbstjustiz greifen. Er tyrannisiert alle um sich herum, besonders die eigene Familie, und ganz besonders die Frauen, die er als sein persönliches Eigentum betrachtet. Shravan fliegt also aus der Boxgruppe und Mishran hat die Macht, ihn nirgendwo mehr boxen zu lassen. Und er nutzt diese Macht.

Aber dann waren die Rebellion gegen und die Prügelei mit dem Trainer auch wieder gar kein Fehler, denn es bringt Shravan endgültig die Liebe von Sunaina, der Nichte des Trainers, ein. Denn MUKKABAAZ ist vor allem ein Liebesfilm. Und die Liebesgeschichte steht bei all dem Boxen immer im Mittelpunkt. Was Shravan auch tut, boxen für einen Job, arbeiten, boxen für einen Titel, oder auch gar nicht boxen, er tut es für sie beide. Da Sunaina stumm ist, drückt die beeindruckende filmische Neuentdeckung Zoya Hussain die Gefühle vor allem mit den Augen aus. Und wie sie am Anfang, wo Shravan sich prügelt, erst gewinnt und dann zusammengetreten wird, mit strahlenden Augen und leuchtendem Gesicht vom Dach auf ihn herabschaut, da braucht es tatsächlich keine Worte mehr. Was ihre Stummheit angeht, da kann Kashyap übrigens noch so sehr philosophieren, dass dies das Schweigen der Frauen in diesen Gegenden symbolisiere, so ist es doch bestimmt kein Zufall, dass die Frau von ROCKYs Schützling CREED taub ist, weshalb Zeichensprache auch dort eine große Rolle spielt. Und Shravan hat mit dieser Liebe einen doppelten Feind, denn auch dieser Beziehung widersetzt Mishran sich mit allen brutalen Mitteln.

Der ganze Film ist von den Motiven her ein einziges Sammelsurium aus Bekanntem. Alles, was man in Boxfilmen schon gesehen hat, scheint da irgendwo zu stecken. Doch es kommt ja darauf an, was Kashyap daraus macht. Und es ist ein ganz bewusst voller Film. Er ist bunt, grau, wild, lieb, witzig, grausam, emotional, sehr spannend und sehr berührend. Dem einen  oder anderen Kritiker war's zu viel des Guten, ich find's großartig. Es ist eine Mischung aus Realismus, teilweise sehr hartem und grauem Realismus und eben den populären Standards des Sportfilms. Wie eine Masala-Boxfilm, nur ohne irreale Übersteigerungen. Ein echter mainstreamtauglicher Boxfilm, nur mitten in authentischer Amateurboxatmosphäre, ohne je die glamourösen Arenen mit TV-Übertragung oder edle Olympia-Höhen zu erreichen. Da finden Kämpfe statt mit mehr Funktionären als normalen Zuschauern

Und dazwischen immer wieder stille, intime Szenen. Kashyap ist nah dran an den Figuren, für die er sich Zeit nimmt. Aber dann auch wieder verdichtend und distanzierter in Montageszenen mit vielen Bildern, vielen Schnitte und dazu die Lieder des brillanten Soundtracks mit Texten, die etwas beitragen zur Geschichte, zu den Gefühlen. Kashyap macht daraus immer wieder etwas wie lebendige Übungen in Stil. Es sind Lieder, die auch vom spannenden Sound her zur Szene passen. Da war zunächst eine leichte Enttäuschung, als ich bemerkte, dass die Musik nicht vom geschätzten Amit Trivedi ist, aber die verschwand schnell angesichts der Kompositionen von Nucleya und Rachita Arora. Kashyap ist wirklich brillant bei der Auswahl seiner Musik und die Musiker liefern für ihn oft ihre besten Arbeiten. So wie Trivedi plötzlich Jazzkomponist wurde für das verkannte Meisterwerk BOMBAY VELET (2015).

Ein erstes Drehbuch zu MUKKAABAAZ stammt vom bemerkenswert authentisch wirkenden Hauptdarsteller Vineet Kumar Singh selbst. Kashyap hat dann einen echten Kashyap draus gemacht, wie man es lieben muss. Hat zur perfekten Rekonstruktion Videoaufnahmen von echten Amateurkämpfen machen lassen. Hat Singh ein Jahr lang Boxen trainieren lassen. Und MUKKABAAZ ist gefüllt mit indischen Themen und Problemen. Einmal ist es eine Analyse der Sportwelt. Es gab ja in den letzten Jahren einige Sportfilme über indische internationale Medaillengewinner. Rakeysh Om Prakashas BHAAG MILKA BHAAG (2013), Reema Kagtis GOLD (2018) mit Akshay Kumar, der leider nie auf DVD erschienen ist, und auch DANGAL (2016) mit Aamir Khan. Aber in der Gesamtschau sieht es beim indischen Medaillenspiegel regelmäßig nicht berauschend aus. Und Kashyap geht an die Basis, da wo die Ursachen für die Fehlentwicklungen liegen. Denn Sporterfolge beginnen lokal, regional, beim Jugend- und Amateursport. Wenn das nicht gut organisiert ist, kommen keine Talente für bundesstaatliche und zuletzt nationale Förderung. Wie es Kashyaps Art, zeigt er Korruption und Nepotismus ziemlich ungeschönt.

Und er schneidet Themen an, die im Bollywood-Kino oft gar nicht mehr existieren, als gäbe es sie nicht mehr. Es geht um Kaste und Klasse. Der Film ist da sehr deutlich: Der Bösewicht Mishran ist eigentlich ein ganz rationaler Bösewicht, weil er denkt, er hat ein Recht darauf. Erstens ist er Brahmane und zweitens hat er Geld. Geld ist eben überall eine wichtige Kaste, die selbst in Indien niedrige Herkunft ausgleichen kann. Es ist einfach großartig, wie Kashyap bei all dem nicht den Überblick verliert, wie kein Thema aus seinem Blickfeld gerät, wie er Soziales, Politisches mit dem Populären, Melodramatischen und Actionreichemn verbindet und eine aufregende Mischung abliefert, die ruhig in Deutschland im Kino hätte laufen können. Aber ich verstehe sowieso nicht, warum nicht jeder von Kashyaps Filmen bei uns zumindest auf der großen kleinen Leinwand der Arthouse und Kommunalen Kinos zu sehen ist.