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Freitag, 22. Februar 2019

Aanand L. Rais ZERO – Shah Rukh Khan ganz klein

Als vor längerer Zeit die Ankündigung kam, dass Regisseur Aanand L. Rai und Shah Rukh Kahn ein gemeinsames Projekt haben, war vermutlich nicht nur ich begeistert. Auf Aanand L. Rai und seine traditionell-modernen Filme – also die beiden TANU UND MANU-Eheprobleme und den melodramatischen RAANJHANAA (2013) – habe ich im india! Magazin vor ein paar Jahren ein Loblied gesungen. Dann kamen die ersten Details von ZERO (2018), die Bilder, Trailer, Aussagen der Beteiligten, und das Ganze schien auf jeden Fall interessant, wenn auch seltsam. Doch selbst als der Film nach der Premiere in der Weihnachtszeit in Indien nicht erfolgreich war, hoffte ich noch, dass es bestimmt nicht am Film liegen kann. Tat es aber. Hohe anfängliche Einspielergebnisse, die schnell absacken, deuten meist darauf hin, dass die, die den Film gesehen haben, den Film nicht weiterempfehlen. Kann ich leider auch nicht. Denn ZERO ist nicht, so wie mit SWADES (2004) ein anderer Misserfolg mit Shah Rukh Khan, seiner Zeit voraus. Auch wenn die Tricktechnik, wie schon in FAN (2016), ganz ausgezeichnet ist.

In keiner Sekunde habe ich mich wirklich für die Story und die Figuren interessiert. Shah Rukh Khan spielt den kleinwüchsigen Bauua, der sich eine Fassade aus Frechheit und Unverschämtheit aufgebaut hat. Das kann er auch deshalb, weil sein Vater, den er regelmäßig zur Verzweiflung treibt, viel Geld hat. Bauua möchte mit Ende Dreißig endlich heiraten und gerät an die brillante und hübsche Astro-Wissenschaftlerin Aafia, gespielt von Anushka Sharma, die aber mit motorischen Störungen im Rollstuhl sitzt. Doch Bauua ist besessen von einer Star-Schauspielerin, also zieht er einen Großteil des Films mit der unglücklich verliebten Katrina Kaif herum, um dann seiner eigenen großen Liebe in die USA zu folgen und erst einmal einen 15-jährigen Marsflug zu machen.

Rai hatte das Thema wohl schon seit 2012 im Kopf. Und leider ist der Film als Reaktion auf den ersten indischen Superheldenfilm KRRISH (2004) eine echte Kopfgeburt. Denn ZERO will den wahren indischen Superhelden präsentieren. Bauua kann die Sterne vom Himmel holen und fliegt am Ende zum Mars. Nur begreift man nicht so richtig, warum das die Menschheit retten soll. Was der Mensch auch anstellt im Weltall, geistig bleibt er, bleiben wir, doch gleich. Und das ist wohl eher die Wurzel allen Übels. Aber der Film behauptet viel, zeigt es bloß nicht, begründet es nicht, lässt den Zuschauer nichts fühlen. Alles, die ganze Machart ist auf perfekt getrimmt: die einzelnen Schauspielerleistungen, die Dekors der Kleinstadt und des Raumzentrum, die digitale Tricktechnik. Das setzt man dem Zuschauer vor, ohne eine Verbindung herzustellen. Alles ist konstruiert, steif, bedeutungsvoll. Das Komische ist nicht komisch. Da Poetische nicht poetisch. Dabei arbeitet Rai ja gar nicht allein. Er hat für all seine Filme Himanshu Sharma als Drehbuchautor. Und dennoch gibt es so viele Themen. Vereinzelt hoppeln sie da orientierungslos rum. Und es gibt Weisheiten und Botschaften von Kalenderqualität, wie die inneren Werte eines Menschen, das Übersichhinauswachsen. Es hilft nur nicht viel, bloß plakativ darauf hinzuweisen, denn dann hätten wir eine perfekte Welt. Aber das Schlimmste ist nicht die zerstückelte Story, die Tatsache, dass man den Figuren in ihrem Verhalten nicht immer ganz folgen kann. Ein Film kann mit so etwas durchaus funktionieren. Das Schlimmste ist die emotionale Vereinzelung. Der Film hat keine Atmosphäre, lebt von Gefühlseinzelteilen. Was am Ende bleibt, ist Ratlosigkeit.

Shah Rukh Khan ist ja, und das Interview in der Februar-Ausgabe von Filmfare ist davon erneut ein Zeugnis, besessen von VFX, empfiehlt die Anwendung auch für normale Filme, zur Perfektionierung von Bild und Ton: „VFX muss für die kleinsten Filme benutzt werden. Regisseure sollten vorantreten und VFX benutzen, um ihr Storytelling zu verbessern.“ Klar propagiert er das. Schließlich gehört zu Shah Rukh Khans Produktionsfirma Red Chillies Entertainment der Ableger Red Chillies VFX mit ein paar hundert Mitarbeitern. Auf livemint.com wird das Unternehmen „als stärkste Post-Produktion-Option in Bollywood“ bezeichnet. Natürlich, es geht um formale Perfektionierung, die beim Dreh Zeit und Geld spart. Eine Perfektionierung, die indisches Kino auf internationalem Niveau halten soll. Sie kann aber auch zu Nachlässigkeit beim Dreh führen, da man ja doch hinterher alles korrigieren kann. Aus einem schlechten Filmemacher wird so kein guter. Und wie sehr man dabei gerade das Storytelling und die elementarsten Gefühle vergessen kann, beweist ja ZERO.

Und dann musste ich noch an THUGS OF HINDUSTAN (2018) denken, noch so ein tricktechnisches Prestigeprojekt mit einem allmählich alternden Star. Hier Aamir Khan, da Shah Rukh Khan. Auch Salman Khan hatte, unter der Regie des sonst so großartigen Kabir Khan, mit TUBELIGHT (2017) ein ehrgeiziges Projekt, das unter guten Absichten und Langeweile in sich zusammensackte. Hrithik Roshan drehte mit MOHENJO DARO (2016), immerhin von Ashutosh-Gowariker, einen großen Monumentalfilm, der nicht funktionierte. Manchmal will man zu viel, ist überehrgeizig. Der Wille zur Größe erzeugt nicht immer Größe. Aber ich glaube nicht, dass die Zeit der alten Helden schon vorbei ist. Das Publikum hat die Filme trotz der Stars links liegen lassen. Nicht weil es genug von den alten, vertrauten Gesichtern hat. Und die Filme zeigen, dass bei allen Hero-Schauspielern noch Ehrgeiz da ist. Aber bei diesen erwähnten gescheiterten Filmen hat er zu Verkrampfung geführt. Shah Rukh Khan fehlt übrigens auch ein bisschen die Anerkennung. Wenn er sagt, dass er nie einen National Award bekommen habe, nie regulär auf Filmfestivals ist, dann lächelt er dabei zwar charmant, aber ich glaube, er meint es ernst.

Donnerstag, 21. Februar 2019

BAAZIGAR – Shah Rukh Khans böser Durchbruch

BAAZIGAR (1993) war sehr erfolgreich und bedeutete den Durchbruch für Shah Rukh Khan. Aber ich habe den Eindruck, dass diese Regiearbeit von Abbas-Mustan – wohinter sich die Burmawalla-Brüder Abbas und Mustan verbergen – zumindest hier bei uns nicht den Status hat, den sie verdient. Im Gegensatz zu dem im selben Jahr entstandenen und nur einen Monat später uraufgeführten DARR von Yash Chopra, wo Khan einen im wahrsten Sinne des Wortes irre verliebten Stalker spielt, sodass der Film zumindest eine Brücke bildet zu den folgenden romantischen Rollen bei Yash und Aditya Chopra sowie Karan Johar. Es sind ja diese Rollen, die die Grundlage von Shah Rukh Khans Bekanntheit und seiner Fangemeinde bilden. Dabei ist er tatsächlich am besten, wenn seine Rollen eine gewisse Ambivalenz haben. In BAAZIGAR allerdings tun sich einfach nur tiefe Abgründe auf. Bei Amitabh Bachchan in den 70ern war die Reaktion auf erlittenes Unrecht Wut gewesen, die allerdings das Leid des Einzelnen auf eine allgemeine gesellschaftliche Ebene hob, weil es symptomatisch für die allgemeinen Zustände war. Der „angry young man“ war ein Kämpfer für Gerechtigkeit. In BAAZIGAR wird dieser Rachefeldzug individualisiert. Die Hauptfigur ist zwar auch ein wütender junger Mann, aber er ist es auf durch und durch individualistische, psychopathische Weise.

Der Film verbindet das alte Hindi-Kino mit modernem Pop-Glamour. Mit seiner Geschichte knüpft er an alle Filme an, die sich von dem großen Rachefilm SILSILA (1978) von Yash Chopra haben inspirieren lassen. Der Sohn einer verlassenen Mutter zerstört planmäßig die neue Familie und das Geschäft des Vaters. Es sind Vater-Sohn-Konflikte, die oft in den von Javed Akhtar und Salim Khan – kurz Salim-Javed – geschriebenen Filmen vorherrschen. Dafür interessiert sich BAAZIGAR nicht. Der Geschäftsmann, der vernichtet werden soll, ist einfach ein Angestellter des Vaters gewesen, der jenem geholfen hat und der dann so dumm war, bei längerer Abwesenheit eine Handlungsvollmacht auszustellen. Die Familie verliert alles und lebt arm in einer Hütte. Vater und Baby sind krank. Beide sterben gleichzeitig in einer verregneten Nacht. Die Mutter wird davon wahnsinnig. Der kleine Sohn muss sich und seinen Verstand zusammenreißen, die Mutter durchbringen, aber in ihm ist etwas zerbrochen. Herangewachsen ist er ganz von Rache besessen, um dem bösen Madan Chopra dasselbe und Schlimmeres anzutun.

Und statt Vater-Sohn stehen hier die Liebesgeschichten zu den beiden Schwestern des Bösewichts im Mittelpunkt, auch wenn die Zuneigung zunächst nur ein vorgegaukeltes Mittel zum Zweck ist. Zuerst ist da die jüngere Schwester in Gestalt von Shilpa Shetty. Ganz am Anfang des Films gibt es ein schönes Liebeslied, witzig visualisiert. Shah Rukh Khan ist der junge, arbeitslose Büchernarr Ajay, dem das Mädchen das Buch wegnimmt. Und so tanzen sie, wie es sich gehört, um einen Baum und durch den Garten. Alles sehr schön, zumindest, wenn man es das erste Mal guckt und noch nicht wissen sollte, dass er sie gar nicht lange später vom Hochhausdach des Standesamtes, wo gleich geheiratet werden sollte, wirft. Und er stößt nicht einfach. Nein, er setzt sie trotz ihrer Höhenangst auf die Brüstungsmauer, bückt sich, fasst ihre Füße, guckt nett zu ihr hoch, und dann hebelt er sie aus dem Gleichgewicht, sodass sie rücklings tödlich in die Tiefe stürzt. Und so wird das Liebeslied vom Anfang zur Lüge. Und das Unglaubliche an diesem Film, der dadurch tatsächlich faszinierend pervers wird, ist die unglaubliche Sympathie für den Mörder. Das liegt nicht nur daran, dass wir wissen, warum er so ist, dass seine Taten durch Rückblenden nach und nach immer mehr motiviert werden. Ajay ist vor allem böse, weil er mehr fühlt als die anderen, auch weil er ganz und gar durchdrungen ist vom Leid der Mutter, um die er sich kümmert. Es ist ganz einfach der charmante Hauptdarsteller Shah Rukh Khan, der damit ein neues Kapitel Bollywood aufschlug. Es sind die Gefühle, die bei ihm so echt und authentisch wirken. Das Mädchen zu töten bereitet Ajay kein Vergnügen, es ist eine kalkulierte Notwendigkeit auf seiner Reise der Rache. Und auf die nimmt der Film den Zuschauer mit. Aber gar nicht Ajay als Mörder ist der wirklich Böse, sondern der Vater, der wegen der Familienehre keine weiteren Nachforschungen über den Tod der Tochter will, die ohne seine Zustimmung zu heiraten beabsichtigte.

Trotz aller Sympathie ist Ajay ein echter Psychopath, der mit seinem Spiegelbild redet. Bei einem Mord ist die Kamera ganz nah an ihm dran und man sieht, wie er schwitzt, während er ihr die Kehle zuschnürt. Am besten ist der Film in solchen Ausbrüchen. Die Rückblende im starken Regen, als sowohl der Vater als auch das Baby sterben. Der Abschlusskampf, wo Ajay von einem Metallstab durchbohrt wird. Der Böse steht siegessicher vor ihm, da schaut Ajay auf, lächelt, grinst und fängt an zu lachen. Dann rammt er den Stab, der in seinem Körper steckt, in den Feind und reißt ihn mit in den den Tod von einem hohen Turm. BAAZIGAR ist ein Film ohne Triumph. Die Mutter ist am Ende wieder reich und hat ihren Verstand wieder, aber ihr Sohn stirbt in ihren Armen. Es ist der ewige Kreislauf, denn es ist eine treffende Pointe, dass schon der erste Diebstahl des Unternehmens eine ganz bewusste Rache für eine Anzeige bei der Polizei mit anschließenden drei Jahren Gefängnis war. Symbolisiert wird dies durch den Drehstuhl, den Ajay im Chefbüro sich drehen lässt und der die Rückblende des legalen Raubs einleitet und beendet.

Im normalen Vorspann taucht Shah Rukh Khan gar nicht auf. Aber dann sieht man ihn als Erwachsenen. Und als er eine Münze im Gras findet und in die Luft wirft, friert das Bild ein und es werden erst der Filmtitel und dann groß sein Name eingeblendet. So wurde ein Star geboren. Dass Anil Kapoor und Salman Khan die Rolle ablehnten, war von ihnen eine richtige Entscheidung. Denn das, was Shah Rukh Khan voller Freude mit der Rolle macht, hätten sie, bei allem Respekt, nicht gekonnt. Eine andere filmhistorische Besonderheit ist, dass BAAZIGAR die Paarung aus Kajol, die die ältere Schwester spielt, und Shah Rukh Khan begründete. Und man sieht hier auch schon sehr gut, warum sie so oft zusammen gespielt haben. Der emotionale Khan kann ganz gut eine Partnerin gebrauchen, die etwas Energisches, Burschikoses haben kann. Karan Johar hat das gut eingesetzt in KUCH KUCH HOTA HAI (1998), wo Kajol am Anfang ein echter Tomboy ist, dem Rani Mukherjee erst einmal mädchenhaftes Verhalten beibringen muss.

Jetzt soll aber bloß keiner denken, das Ganze wäre ein stringenter Thriller, ein glamouröser Film mit ausschließlich inhaltlichem bösen Noir. Denn es gibt, wie es sich gehört, eine gehörige Portion Comedy. Und die ist zum größten Teil wirklich witzig. Das Schöne ist, dass Johnny Lever als extrem vergesslicher Hausangestellter in die Story integriert ist und sogar an einer wichtigen Pointe des Falles beteiligt ist. Ansonsten ist es absurd-kindlicher Humor, wie ich ihn heute oft vermisse. Da sind keine Teeblätter im Tee sondern Salz – den Gästen schmeckt's, man ist ja bei Reichen und die machen das wohl so. Auf der Party werden Gläser ohne Inhalt auf dem Tablett angeboten und alle lehnen höflich an. Und dann soll ein Nagel falsch herum in die Wand eingeschlagen werden, bis der verzweifelnde Johnny darauf aufmerksam gemacht wird, dass der Nagel für die gegenüberliegende Wand ist. Das versteht er – und geht zur gegenüberliegenden Wand.

Mittwoch, 20. Februar 2019

Gelesen: Filmfare February 2019

Die Februar-Ausgabe der wichtigsten indischen Filmzeitschrift Filmfare ist wie immer eingerahmt durch ein Einleitungs- und ein Abschluss-Editorial von Chefredakteur Jitesh Pillai. Beides sind diesmal Loblieder auf zwei allen vertraute Schauspielerinnen die schon länger dabei sind. Das letzte Wort dreht sich um Aishwarya Rai Bachchan, denn vor 25 Jahren wurde sie Miss World. Und der Anfang und die Cover-Story sind Vidya Balan gewidmet, wobei ich sie jetzt gar nicht sofort erkannt hätte so stark geschminkt und so niedlich eingemümmelt in dieses kuschelig-federige Boazeugs. Das „40 is the new sexy“ auf der Titelseite lässt Schlimmes vermuten, doch es ist alles andere als ein marktschreierisches Interview. Es geht weniger um Sex als um ihren qualvollen Kampf gegen die Pfunde, die durch hormonelle Probleme bei ihr unvorhersehbare Züge annehmen können. Seit sie einigermaßen gelernt hat, psychisch damit umzugehen, schreit sie es von allen Dächern, wie sie sagt, damit andere davon profitieren. Vor allem, wenn sie erzählt, dass sie unter die Decke geht, wenn Leute sie fragen, warum sie nicht etwas mehr trainiert, wo sie gerade das doch bis zum Exzess tut. "F* you", möchte sie da sagen. Das alles ist wohl wichtig, besonders, wenn sie feststellt, dass man das Problem nicht mit rein mathematischer Logik angehen kann und das unter Umständen das Gegenteil von dem herauskommen kann, was man beabsichtigt hatte. Man hungert und nimmt zu. Eine bekannte Tatsache, die man nicht genug wiederholen kann angesichts der vielen Gesundheitsfaschisten mit ihrem mechanistischen, körpermaschinistischen Weltbild. Da fällt mir ganz nebenbei die sogenannte deutsche Expertin ein, die vorgeschlagen hat, ungesundes Essen zu besteuern. Nur, was ist ungesundes Essen? Aber ich schweife zu sehr ab.

Wer Filmfare selbst lesen will, was ich nur empfehlen kann, kann im Internet zu Magzter gehen. Da gibt es ein wirklich preiswertes digitales Abo. Und unendlich viele alte Ausgaben, an die man aber nur kostenlos mit dem Goldabo herankommt. Sicherlich kann man Filmfare auch noch auf anderen Abo-Seiten digital beziehen, aber da habe ich jetzt keine Recherche betrieben. Auf traditionellem Wege ist es übrigens ein fast unmögliches Unterfangen, das Heft zu bekommen. Und angesichts der postalischen Wartezeit ist es so natürlich sowieso aktueller. Immer mit dem Nachteil, dass keine physische Kopie irgendwo im Weg liegt und einen daran erinnert, dass da noch etwas zu lesen ist. Und das ist das Gute an meinem neuen Bollywood-Blog. Ich komme nicht nur mit den neuen Filmen, sondern auch mit Filmfare wieder in eine zeitlich regelmäßige Spur. Allerdings vermisse ich immer ein bisschen die Werbeseiten, die in der digitalen Ausgabe leider fehlen.

Wie gewohnt gibt es neben den hauptsächlich vorherrschenden Interviews die Standardrubriken. Den Klatsch kennt man heutzutage allerdings meist schon aus dem Internet. Werden Alia Bhatt und Ranbir Kapoor dieses Jahr heiraten? Eine wirklich wichtige Frage. Und was machen die Frischvermählten Nickyanka – Nick Jonas und Priyanka Chopra – und Deepveer – Deepika Padukone und Ranveer Singh – so, wenn sie keine Filme drehen? Was Letztere angeht, gibt es eine hübsche Seite im Modeteil, wo man sieht, wie sie bei gemeinsamen Auftritten ihre Kleidung aneinander anpassen, wo Ranveer Singh sonst doch eher durch knallige, farbenfrohe, exzentrische Klamotten auffällt. Meine Lieblingsseite gibt es leider nicht mehr. Die modischen Fehltritte der Stars waren immer ein großer, schadenfreudiger Anlass zur Heiterkeit. Aber ich nehme an, dass inzwischen jeder Nebendarsteller, der es sich einigermaßen leisten kann, sich von hochbezahlten Stylisten beraten lässt, die die schlimmsten Geschmackskatastrophen verhindern. Und man landet ja heutzutage nicht mehr nur mit einem kleinen Bild bei Filmfare, ein doch überschaubarer Leserkreis, sondern es verfolgt einen global auf lange Zeit.

Meine beiden Lieblingsinterviews sind zum einen das mit dem Regisseur Sriram Raghavan und dann das mit Soumitra Chatterjee, der bengalischen Filmlegende, die immer noch Filme dreht, leider nicht ganz freiwillig. Chatterjee hat wegen eines schlimmen Unglücks in der Familie zu wenig Geld. Sein Enkel, der eine gute Karriere als Sänger und Schauspieler begonnen hatte, hatte einen Motorradunfall. Aber um Geld hat Chatterjee sich früher nicht gekümmert. Fand es nicht wichtig. Sogar tolle Angebote aus der Hindi-Filmindustrie hat er damals abgelehnt. Und das ist wirklich traurig und ich möchte sagen, es war auch ein bisschen kulturelle Überheblichkeit, denn in Filmen wie Raj Kapoors SANGAM (19654) hätte er wirklich guten Gewissens mitspielen können. Seiner filmhistorischen Bedeutung ist er sich bewusst. Die Zusammenarbeit über zwölf Filme mit Ray nennt er einen „Meilenstein des Weltkinos“, mit der sich nicht einmal das Team aus Akira Kurosawa und Toshiro Mifune vergleichen könnte. Leider liefert das Gespräch auch die Nachricht, dass von ihm keine Autobiografie zu erwarten ist. Aus Rücksicht auf die Menschen in seiner Umgebung. Schade.

Und dann ist da Regisseur Sriram Raghavan, der gerade auf einer von vielen nicht erwarteten Erfolgswelle schwimmt. Selbst für Selfies muss er neuerdings herhalten. ANDHADHUN (2018) hat richtig Geld eingespielt, was mich ungeheuer freut. Einige wichtige Schauspieler haben den Film wohl abgelehnt, denn gerade die zweite Hälfte ist ziemlich irre. Das wirkte im Drehbuch vermutlich ziemlich abstrus. Aber selbst schuld, wenn sie nicht imstande waren, zu abstrahieren und zu sehen, dass Raghavan ein Stilist ist, der so etwas perfekt hinbekommt. Aber andererseits gut so, denn wer den Film gesehen hat, möchte auch niemand anders als Ayushmann Khurrana in der Rolle.

Dann ist da noch ein schöner Nachruf auf den brillanten und vielseitigen Kader Khan im Heft. Und schließlich gibt es Interviews mit Shah Rukh Khan und Anushka Sharma, worauf ich in meinem Beitrag zu ZERO (2018) vermutlich zurückgreifen werden. Allerdings philosophiert Anushka Sharma hauptsächlich über die Ehe. Auch sie ist ja relativ frisch vermählt. Debei geht um die geänderten Zeiten, denn früher haben Schauspielerinnen meist ihre Karriere beendet, wenn sie heirateten. Außerdem haben die Filmfare-Journalisten mit Fatima Sana Shaikh gesprochen, die großartige Hauptdarstellerin aus dem Ringerinnenfilm DANGAL (2016). Das arme Mädchen ist nach dem Misserfolg von THUGS OF HINDUSTAN (2018) höchst deprimiert in die Türkei geflüchtet. Dabei war es gar nicht ihre Schuld. Der Film kreist leider einfach um sich selbst, weil ihm irgendwann die Ideen ausgehen, und es fehlt ihm jede Leichtigkeit, obwohl dauernd Leute durch die Luft springen. Andererseits hat der Film einige amüsante Ideen, und ich müsste lügen, wenn ich leugnen würde, dass er, einmal geguckt, durchaus unterhaltsam ist. Es gibt wirklich schlechtere Filme, die aber Erfolge waren.

Abschließend, nicht zu vergessen, die Jahresvorschau. Und ich freue mich auf neue Filme von Dibakar Bannerjee, Rajkumar Gupta, Anurag Kashyap, Siddharth Anand, Ashutosh Gowariker, Meghna Gulzar und dann, muss ich sagen, auch auf Vikas Bahls Mathematikerfilm SUPER 30, den Anurag Kashyap jetzt in der Postproduktion fertigstellt oder fertiggestellt hat. Denn das Deprimierende an der ganzen Geschichte um Bahls eklige sexuelle Belästigung ist, dass ich seine Filme sehr mag. 2011 hat er ja sogar mit CHILLAR PARTY einen tollen Kinderfilm gedreht. Und mit SHANDAAR (2015) eine poetisch-verträumte Liebesgeschichte. Tja, die menschlichen Abgründe. Und die mit den grausamen und perversen Filme sitzen oft unschuldig zu Hause und können keiner Spinne was zuleide tun.