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Samstag, 20. Juni 2020

Shoojit Sircars GULABO SITABO – Gier, Geiz und Gähnen


Shoojit Sircar hat mit GULABO SITABO (2020) einen neuen Film gedreht, und das Drehbuch ist, wie könnte es anders sein, von Juhi Chaturweda. Und nach PIKU (2015) und VICKY DONOR (2012) haben sie gemeinsam wieder einen Film gemacht, der jeden Liebhaber des gepflegten, gedehnten, pseudo-bedeutungsvollen Feelgood-Kinos mit dem berühmten stillen Humor, ein anderes Wort für müdes Lächeln, mit banaler, aber penetrant zwei Stunden lang dargebrachter Botschaft, und mit einer sich anbiedernden Zeitgeist-Schlusspointe zu Begeisterungsstürmen hinreißen wird. Jeder, der von Film ein bisschen mehr erwartet, aber trotzdem zu viel Disziplin hat, um einfach auszuschalten, wird ständig auf die Uhr gucken, währenddessen über das faszinierend krasse Missverhältnis zwischen gefühlter und gemessener Zeit meditieren, und den Beginn des Nachspanns, das Beste am Ganzen, als Befreiung empfinden.

Alles dreht sich um ein altes Haus, einen alten Stadtpalast in Lucknows historischen Viertel. Das Haus ist ein verfallenes Überbleibsel aus der Vergangenheit, und Hauptfigur Mirza, 76 Jahr, ist sozusagen das menschliche Spiegelbild dieses Gemäuers. Mirza hat auf eine absurde Weise nur Geld im Kopf, klaut Glühbirnen und Fahrradklingeln und verkauft sie. Er träumt davon, endlich alles für sich zu haben, denn genau genommen gehört nichts ihm, sondern seiner 18 Jahre älteren Frau, auf deren Tod er wartet. Dann gibt es da noch Mieter, die er am liebsten weg haben möchte. Und dazu gehört sein Gegenspieler, der Besitzer einer kleinen, schlecht gehenden Weizenmühle. Dazu kommt korruptes Interesse des Staates an dem Haus, vor allem der Denkmalbehörde. Und dazu kommt noch ein Kaufinteressent. Alles ist nach dem Motto viel Lärm um nichts künstlich konstruiert, da kann man schnell das Interesse an Menschen und Geschichte verlieren. Ich weiß nicht, ob man den vollen Überblick behalten kann, wenn man sich denn bemüht.

Konstruiert und künstlich ist auch und vor allem das Spiel von Amitabh Bachchan, dem grobe Gesichtszüge als Maske ins Antlitz gepflanzt wurde. Damit schlurft er dann langsam und gebeugt durch die Gegend, und es ist, als würde er so den ganzen Film niederdrücken. Ob er den trägen Rhythmus des Films beeinflusst hat oder ob er sich angepasst hat, ist schwer zu beurteilen, aber das eine bedingt irgendwie das andere. Aber egal, wie herum, das alles kriecht so selbstverliebt träge dahin, dass man ihn, genauso wie den Film, anschieben möchte. Auch Ayushmann Khurrana als Mann mit der Mühle, mit Bauchansatz, hat sich ein bisschen schwerer gemacht als sonst. Aber das sind isolierte Solonummern. Da ist keine Figur, für die man sich wirklich interessiert. Selbst die 94-Jährige, die mit einer alten Liebe durchbrennt, ist mehr ein Drehbucheinfall, als dass man wirklich dran glaubt. Eine Drehbuchpointe, bei der man das Klappern der Tastatur zu hören meint.

Alles plätschert dahin zum Rhythmus der Musik, bis man sie nicht mehr hören kann. Da ist eine einzige Szene, bei der man aufwacht, bei der ganz kurz Hoffnung aufkeimt: Wenn die Mauer zur Toilette nach einem Tritt plötzlich einstürzt, während einer drin sitzt. Da denkt man, jetzt geht es los. Das ist die Initialzündung, damit irgendwas passiert. Komik, Absurdität, Tragik, Satire, Slapstick, was weiß ich... Die kurz gekeimte Hoffnung geht schnell wieder ein. Es bleibt die völlig leblose, teilnahmslos wirkende Verfilmung eines durchkomponierten Drehbuchs, das sich zu keiner einzigen authentischen Emotion aufraffen kann und sich stimmungsmäßig für die unendliche Schwerfälligkeit entschieden hat. Eine Schwere, die man physisch zu spüren meint. Ein schönes Beispiel dafür, dass ein Film nicht die Summer aller Einzelteile, sondern etwas mehr ist, und dass ein mustergültig konstruiertes Drehbuch allein nicht ausreicht.

Mittwoch, 26. Februar 2020

SHUBH MANGAL ZYADA SAAVDHAN – Eine bunte Familienkomödie


Kurz bevor er seine Indienreise antrat, twitterte US-Präsident Trump „great“, als ein US-Aktivist begeistert die Existenz der Familienkomödie SHUBH MANGAL ZYADA SAAVDHAN (2020) pries, in dem ein schwules Pärchen um Anerkennung und Verständnis innerhalb der Familie von einem der beiden kämpft. Hauptdarsteller Ayushmann Khurrana twitterte darauf wiederum: „Es war toll, eine Reaktion von US-Präsident Trump zu sehen. Ich hoffe und wünsche aufrichtig, dass dieser Kommentar Präsident Trumps Geste der Annäherung an die LGBTQ-Gemeinschaft ist und dass er fortdauernd und konstant daran arbeiten wird, die LGBTQ-Rechte aufrechtzuerhalten.“

Was ich damit sagen will: Thema, Inhalt, Botschaft sind zunächst einmal das Wichtigste an SHUBH MANGAL ZYADA SAAVDHAN, geschrieben und inszeniert von Hitesh Kiwalya. Schließlich ist der Film der erste dieser direkten Art ohne Umschweife. 2008 verpackte Produzent Karan Johar das Thema noch in die Pseudo-Schwulenkomödie DOSTANA (2008) mit John Abraham und Abhishek Bachchan als unechtes Pärchen, die aber einfach gerne bei Priyanka Chopra einziehen wollen. In Shakun Batras KAPOOR & SONS (2014) geht es auch um ein Coming-out. Und dann fallen mir noch zwei sehr ernsthafte Filme ein: Hansal Mehtals ALIGARH (2015) über einen Uni-Professor, der in den Selbstmord getrieben wird. Und vorher war da noch Karan Johars Beitrag zu dem Episodenfilm BOMBAY TALKIES (2013) über ein Ehepaar, bei dem es einfach nicht läuft im Bett. Der Film zeigt, wohin das Verbot gleichgeschlechtlicher Liebe durch §377 führte: zu frigiden Beziehungen mit Männern, die sich in der Ehe verstecken oder von ihrer Familie in der Ehe versteckt werden.

Das Prinzip von SHUBH MANGAL ZYADA SAAVDHAN ist einfach: Man integriert das Thema in die klassische, allseits vertraute Hochzeits-Familienkomödie. Und da gibt es zwei Erzählstränge: einmal den der gescheiterten Hochzeit, weil kurz vorher eine unbequeme oder skandalöse Tatsache ans Licht kommt und eine der beiden Familien geschlossen abwandert. Zweitens die von vornherein unerwünschte Hochzeit oder allgemein unerwünschte Pärchenbildung, also wegen Geld, Familie, Kaste, Klasse, Religion, was halt so indischen Familien unabdingbar wichtig sein kann. Jetzt wird einfach die Kategorie sexuelle Orientierung hinzugefügt.

Ziel aller Anstrengungen ist es, vor allem die Hauptfigur, den Vater, den Patriarchen für sich zu gewinnen. Der ist hier ganz bewusst ein gebildeter Mann, ein Wissenschaftler, der übrigens gerade schwarzen Kohl gezüchtet hat, also versucht, gegen die Natur zu arbeiten. Was natürlich nicht nur komödiantisch, sondern auch symbolisch gemeint ist. Aber als der Vater am Anfang des Films die beiden Männer beim Küssen erwischt, muss auch er erst einmal kotzen und verabschiedet sich in eine erholsame Ohnmacht. Bei all dem ist es gar nicht so sehr Ayushmann Khurrana, der hier im Mittelpunkt steht, sondern der bemerkenswerte Jitendra Kumar als gequälter Sohn, der zu seiner Familie einfach nicht nein sagen kann, weil eigentlich ja alle so nett sind. Gajraj Rao spielt den gequälten Vater, ohne in Klischees zu verfallen. Neeta Gupta ist die hektische Mutter, die unbedingt eine Ehe für den abseitigen Sohn arrangieren will. Und dann ist da die wunderbare Sunita Rajwar als frustrierte Cousine, deren Ehe so plötzlich ins Wasser fällt. Aber der Bräutigam war eh viel zu alt für sie. Die ersten 75 Minuten der knapp 120 Minuten sind tatsächlich ungeheuer temporeich, komisch und unterhaltsam, ohne je künstlich betroffen oder rührselig zu werden.

Das ist im Ganzen sehr geschickt gemacht. Der Zuschauer hat sich bis dahin so gut amüsiert, dass man den gebremsteren Rest akzeptiert. Denn im letzten Teil überwiegt das Thema, es wird allgemein gesellschaftlich, und das führt einfach dazu, dass ein dramaturgischer Bruch entsteht und die filmische Entertainment-Qualität natürlich nicht aufrecht erhalten bleiben kann. Da steht etwa Khurrana mit bloßem Oberkörper und Regenbogenfahne als Superheldenumhang auf einem Dach und hält eine Rede. Es wird sogar richtig konstruiert politisch, um das Thema in den historischen Kontext zu stellen. Denn wie der Zufall des Films es will, spielt das Ganze vor und nach den Tagen der Entscheidung des indischen Verfassungsgerichts um den erwähnten §377. Dieses Gesetz aus der Kolonialzeit wurde am 6. September 2018 als verfassungswidrig abgeschafft. Wenn man übrigens bedenkt, wie dröge man Filme dieser Art machen kann – ich denke da etwa an Stanley Kramers Anti-Rassismus-Film RATE MAL WER ZUM ESSEN KOMMT (1967) – dann fällt erst recht auf, wie gut man das alles im Rahmen des Möglichen und Nötigen umgesetzt hat.

SHUBH MANGAL ZYADA SAAVDHAN ist übrigens eine indirekte Fortsetzung, ein Spin-off von SHUBH MANGAL SAAVDHAN (2017), einem Familienfilm über Erektionsstörungen, auch mit Khurrana. Wenn man also bedenkt, dass dieser mit VICKY DONOR (2012), einem Film über Samenspenden, sein sofort erfolgreiches Kinodebüt hatte, dann könnte man ihn wohl inzwischen als König der Bollywood-Sexualaufklärung bezeichnen, während also Akshay Kumar mit Werken über Toiletten und Damenbinden der König der filmischen Hygiene-Aufklärung ist. Bollywood-Star ist ein komplexer Beruf.

Donnerstag, 4. Juli 2019

Anubhav Sinhas ARTICLE 15 – Der Sumpf der Ausbeutung

Der Regisseur von ARTICLE 15 (2019) ist Anubhav Sinha, aber viele schreiben den Film gerne dem Hauptdarsteller zu, sodass von „Ayushmann Khurranas ARTICLE 15“ die Rede. Und natürlich ist er, wie ja eigentlich immer, perfekt, diesmal als sehr ruhiger, zwischendurch zweifelnder, aber im Endeffekt unerschütterlicher Polizeioffizier, der in die tiefste Provinz von Uttar Pradesh abkommandiert wird und gleich auf einen Mordfall stößt, den man schnellstens vertuschen will und daher gleich für zwei unschuldige Täter sorgt. Dabei ist es natürlich nicht irgendeine schauspielerische Leistung alleine, denn so was reicht nicht aus für einen Film. Es liegt daran, dass alles sehr schön aufeinander abgestimmt ist. Es gibt eine Einheit aus Hauptfigur, Handlung und Atmosphäre.

ARTICLE 15 ist ein ruhiger Film, der, und das ist das Interessanteste, ganz und gar auf die üblichen Spannungsmomente verzichtet, sodass die Erwartungen, die man als Zuschauer so standardmäßig hat, direkt unterlaufen werden, ohne dass es frustriert. Es ist mir auch erst hinterher aufgefallen. So wird beispielsweise immer wieder betont, wie gefährlich die Ermittlungen wären, aber der Held ist nicht ein einziges Mal wirklich in Lebensgefahr. Es gibt zwar einen Brandanschlag auf einen Polizeiwagen, aber der war nur eine kalkulierte Warnung, bei der niemand zu Schaden kommen sollte. Es fehlt sogar der charismatische Bösewicht. Das Böse ist hier ganz alltäglich. Dadurch kann man es als Zuschauer schwerer von sich selbst wegschieben.

Das Böse scheint eher in der ganzen Umgebung zu herrschen. Und da macht der Film Anleihen beim amerikanischen Thriller des US-Südens, Southern Gothic genannt. Die erste Staffel von TRUE DETECTIVE (2014) dürfte das bekannteste Beispiel der letzten Jahre sein. Man könnte auch an die ländlichen Thriller aus Korea, wie Bon Joon-hos MEMORIES OF MURDER (2003), denken, wo nichts furchteinflößender wirkt als die weiten, im Sonnenlicht strahlenden Getreidefelder. Das alles ist immer auch ein bisschen metaphorisch. Das Grauen unter der schönen Oberfläche. Oder der Sumpf des Verbrechens, der menschlichen Abgründe, als hätte Gott dies alles bedeutungsvoll in die Landschaft hinein skulptiert. 

Da ist die düster-schöne Atmosphäre aus gelb-blau-grünlichem Halbdunkel, wo alles zur Silhouette wird und darüber hängt im Gegenlicht der Nebel. Im Gegenlicht hängen auch die beiden Kinder, die irgend jemand nach mehrmaliger Vergewaltigung öffentlich zur Schau gestellt hat. Da ist der große, weite Sumpf, durch den die Suchtrupps auf der Suche nach einem dritten Kind waten müssen, um auf eine Insel zu gelangen. Überall scheint eine geheimnisvolle Bedrohung zu lauern. Und vor allem ist da der einsame Ermittler mit dem besonderen Einfühlungsvermögen, der telepathisch zu sehen, zu spüren scheint, was an einem Tatort, oder einem vermeintlichen Tatort, geschehen ist.

Aber in dieser sehr internationalen Ästhetik und Dramaturgie existieren sehr indische Probleme. Das allererste Bild zeigt zwei schreiende, verängstigte Mädchen in einem Bus. Die Opfer sind zwei Dalit-Mädchen und bei der Tätersuche kommt man immer näher an einen einflussreichen Mann, einen ausbeuterischen Unternehmer, denn in ARTICLE 15 wirkt es, als seien die religiösen Vorurteile, die man gegenüber Unberührbaren hat, heutzutage nur noch ein Vorwand sind, um eine ökonomische Ausbeutung fortzusetzen, um eine Klasse an Menschen zu haben, die sehr billig sehr dreckige und sehr gesundheitsschädliche Arbeit ausführen. In einer Szene sieht man einen Arbeiter einen Straßenabfluss reinigen. Ohne jeden Körperschutz taucht er hinab in die kackbraune Brühe. 

Aber durch einen Streik sind sie andererseits in der Lage, das gesamte zivile Leben lahmzulegen. Vereinigt sind sie stark. Das ist eine theoretische Macht, die für die Herrschenden unangenehm werden kann. Also kommen Brahmanen-Politiker und verbrüdern sich, essen gemeinsam, um die Wählerstimmen abzugraben und die Situation zu befrieden. Und natürlich tut der Film nicht so, als hätte sich gar nichts geändert in den letzten Jahrzehnten. Und es gibt ja auch Artikel 15 in der indischen Verfassung, der das „Verbot der Diskriminierung aus Gründen der Religion, der Rasse, der Kaste, des Geschlechts oder des Geburtsorts“ festlegt. Aber es ist eben nicht so, als gäbe es das Problem nicht mehr, wie manche gerne glauben machen wollen.

Ganz nebenbei hat der Film einige wirklich komische Szenen, ohne dass es angesichts des Themas unpassend wirkt. Der beste Moment ist aus dem Leben gegriffen: Ganz gegen das Gesetz befragt einmal der Befehlshabende seine Untergebenen nach ihrer Kaste und wer dann über oder wer unter wem steht. Das ist eine absurd-komisch Rangordnungs-Gleichung, die da aufkommt. So tritt das ganze Gewirr eines komplizierten, kaum durchschaubaren Hierarchiegeflechts zutage, dass durch diese alltägliche Diskussion seine Absurdität offenbart. Ein System, was ursprünglich jedem einen zu ihm passenden Platz in der Gesellschaft gab, und nicht auf Geburt beruhte. Um Paramahansa Yogananda zu zitieren: „Das Kastensystem bedeutete ursprünglich keinen erblichen Stand, sondern eine Einstufung gemäß den natürlichen Fähigkeiten des Menschen.“ Irgendwann wurde es zu einem starren, vererblichen Herrschaftssystem. Aber diese erwähnte Szene ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Kasten-Thematik in den Film integriert wird, ohne dass es öde didaktisch wird.

Da mir übrigens nicht viele populäre Filme über dieses Thema einfallen, und anderen vielleicht auch nicht, will ich mal zwei Klassiker empfehlen, interessanterweise beide von Bengalen mit zwei allerdings grundverschiedenen Ansätzen. Der eine ist der bengalische Film ERLÖSUNG (SADGATI) von Satyajit Ray, den er 1981 für den staatlichen Sender Doordarshan drehte. Om Puri und Smita Patil spielen ein Dalit-Ehepaar, das die Hochzeit der Tochter organisieren und daher einen günstigen Termin genannt haben will. Doch der zuständige Brahmanen-Priester lässt den Mann erst einmal eine unmögliche, physisch viel zu anstrengende Arbeit ausführen, bei der er stirbt. 

Wesentlich poetischer, wenn auch zwischendurch voller psychischer Grausamkeit, ist Bimal Roys SUJATA (1959) mit Sunil Dutt und Nutan. Hier wird von einem Ehepaar ein Dalit-Baby adoptiert, was allerdings schwierig wird, als diese älter wird und in das heiratsfähige Alter kommt. Eine vorurteilsvolle Tante – Lalita Pawar in einer ihrer bewundernswert grässlichen Rollen – macht das Ganze noch schlimmer. Bimal Roy mischt dieses gesellschaftliche Drama mit Märchenhaftem, da er die besondere Nähe des Dalit-Mädchens zur Natur betont, wodurch er aus ihr eine Art Prinzessin macht. Sunil Dutt als junger Mann, der sich in sie verliebt, ist der Einzige, der das erkennt.

Übrigens wirkt ARTICLE 15 auch ein bisschen wie ein autobiografischer Film über die Karriere des Regisseurs, der ja nicht gerade mit kontroversen Stoffen begonnen hat. Denn der Polizeioffizier des Films hat eine Freundin, zu der er ein etwas gespanntes Verhältnis hat, denn sie ist politische Aktivistin, während er sie zwar theoretisch unterstützt, aber selbst nicht sicher ist, ob er diese Absolutheit in seinem Leben will. Doch schließlich entscheidet er sich fürs Engagement und verbeißt sich in den Fall, kämpft unter Inkaufnahme persönlicher Schwierigkeiten auch gegen höchste bürokratische Widerstände an. Irgendwie spiegelt sich dieses Zögern in der Karriere des Regisseurs und Produzenten Anubav Sinha wieder. 

Sein bekanntester Film ist RA.ONE (2011), ganz amüsant, aber beileibe nicht der beste SRK-Film. Kein Wunder, dass ich den Regisseur damals gar nicht wahrgenommen habe. Oder er hat mit TATHASTU (2006) das eher fade Remake des Nick-Cassavetes-Films JOHN Q (2002) gedreht. Einen echt politischen Filme hat er dann 2014 zunächst nur produziert: GULAAB GANG, einen Feminismus-Film mit Madhuri Dixit und Juhi Chawla. Erst sein letzter Film war echt engagiert. MULK (2018) mit Rishi Kapoor und Taapsee Pannu über die Verfolgung einer unschuldigen moslemischen Familie, von denen ein Mitglied einen Terroranschlag verübt hat. Und jetzt eben ARTICLE 15. MULK habe ich leider nicht gesehen, aber bei ARTICLE 15 hat man das Gefühl, dass die kontroversen Themen kreative Energie freigesetzt haben. Ich bin gespannt auf die nächsten Filme.

Freitag, 8. Februar 2019

Sriram Raghavans ANDHADHUN – Der Blinde sieht alles

So ein Künstler hat es nicht leicht. Da will man sich ganz auf die eigene Kunst konzentrieren, sich auf einen wichtigen Wettbewerb vorbereiten, da fährt einen plötzlich eine hübsche junge Frau auf dem Motorroller an. Und weil man im Restaurant ihres Vaters einen Job bekommt, ist als indirekte Folge davon dann auch noch das eigene Leben in Gefahr. Aber andererseits macht es so ein Künstler der Welt ja auch nicht leicht, hat spinnerte Ideen, ist nicht so leicht zu durchschauen. Macht sich einfach als Experiment mit Haftschalen blind, um zu sehen, ob er dann besser Klavier spielt und komponiert. Aber er nimmt die Haftschalen raus, lässt die Umgebung wieder in sich hinein, um die hübsche junge Frau besser zu sehen, die ihn angefahren hat und die glaubt, er wäre blind. Und vielleicht ist es Karma, eine unvermeidliche Strafe, dass er bei einem Mord zusehen muss, wobei die Täter glauben, er sähe nichts. Aber natürlich zweifeln die Mörder. Sah er wirklich nichts? Und wer blind spielt, soll sich nicht wundern, wenn er es plötzlich wirklich ist.

ANDHADHUN (2018) ist ein entsetzlich komischer und spannender Thriller voller überraschender Wendungen, und ist ganz und gar ein Werk seines Regisseurs Sriram Raghavan. Es ist ein reines Vergnügen, das die Inszenierung bereitet, die eine irreale Atmosphäre in einer ganz realen Umgebung schafft. Und perfekt besetzt ist der Film. Allen voran Tabu als mordlüsterne Ehebrecherin, die einfach nicht anders kann. Lady Macbeth wird sie einmal genannt, was nur ein halber Witz ist, denn diese Rolle hat sie in Vishal Bhardwajs moderner Macbeth-Version MAQBOOL (2004) ja tatsächlich gespielt. Bei keinem anderen Regisseur könnte man sich vorstellen, dass man Tabu mit Scream-Maske sehen könnte. Was übrigens eine der Methoden ist, um zu überprüfen, ob der Blinde wirklich blind ist oder sich erschreckt und damit verrät. Dann ist da der bekannte Schauspieler Anil Dhawan als gealterter Star, der den ganzen Tag seine Filme und die eigenen Videos auf YouTube guckt. Und in der Hauptrolle Ayushmann Khurrana als Pianist zwischen Betrügen und Opferdasein. Alle sind Teil einer zum Totlachen absurden Welt, die keinen Sinn ergibt. Es ist eine Welt der Getriebenen, die sich offenbart. Der Pianist wird zum Spielball der Kräfte, wo er doch eigentlich nur Klavier spielen möchte. Aber jetzt ist er einer sex-, mord- und geldgeilen Welt ausgeliefert, zu der er ja andererseits irgendwie doch auch gehört, weil er Sex mit einem Mädchen hatte, dem er nicht die Wahrheit über sich gesagt hat.

Aber ANDHADHUN verliert trotz seiner Liebe zur Absurdität, zum Grotesken nie ein klassisches Gleichgewicht. Das ist Raghavans Kunst. Da gibt es keinen Exzess um des Exzesses willen. Keine skurrilen Ideen, nur weil sie skurril sind. Alles bleibt klar und übersichtlich. Zwar stilistisch innovativ und eigenwillig, stürzt der Film nie in die Unüberschaubarkeit. Denn Raghavan ist ein demütiger Regisseur, der niemandem beweisen will, wie cool und intelligent er ist. Es passiert nicht zu viel auf einmal, das Bild ist nicht zu voll. Man schaue sich die ganz einfach, in vielen Totalen gehaltenen Szenen an, in der der Pianist am Klavier sitzt, während Ehemann und Geliebte sauber machen und die Leiche in einen Koffer stopfen. Die Distanz und die Ruhe erzeugen eine stille, anhaltende Spannung in einer endlos scheinenden Szene. Da ist nichts, was künstlich Effekte erzeugt. Raghavan überkalkuliert seinen Stil nicht. Immer ist Platz genug zum Atmen. Auch die Gewalt wird dosiert, sodass sie ihre Wirkung nicht verliert.

Sriram Raghavan ist einer der wenigen Stilisten in Bollywood. Den „indischen Tarantino“ hat ihn Varun Dhawan mal genannt, wegen seines Hangs zur Thriller-Grotesken, zur Ironie, aber vor allem zu alten Filmen, alter Musik, seinen Zitaten und Verweisen. Aber solche Vergleiche helfen keinem, und ich persönlich ziehe Raghavan vor, der nicht jahrelang jedem erzählt, was für ein Genie er ist, bis die Journalisten es glauben. Und überhaupt ist Tarantino vor allem Dialogschreiber und Dramatiker. Bei Raghavan herrscht das Visuelle vor Bisher hat er fünf Spielfilme gemacht, und keiner ähnelt dem anderen. Sein erster Film EK HASINA THI (2004) war eine Ram-Gopal-Varma-Produktion, ist also ein bisschen ein Film von beiden. Im dritten, AGENT VINOD (2012) passte er sich mit Saif Ali Khan etwas zu sehr Mainstream-Bollywood an, sodass das Ganze gut, aber eben nicht besonders wurde. Seine besten und persönlichen Filme sind JOHNNY GADDAAR (2007), BADLAPUR (2015) und eben ANDHADHUN. Seit zwei Filmen scheint er jetzt also ganz und gar seinen Weg gefunden zu haben. Und Bollywood hat sich ja in den letzten zehn Jahren so weit verändert, dass Stars sich an Projekte wie seine anpassen. Auch Ayushmann Khurrana hat wohl von sich aus Raghavan kontaktiert. Vermutlich hat er Varun Dhawan in BADLAPUR gesehen und war direkt ein bisschen neidisch. BADLAPUR war ein heftiger Rachefilm, der zwar seine absurden Momente hatte, die aber überhaupt nicht komisch waren. Die Hauptfigur in BADLAPUR war besessen von seiner persönlichen Tragödie und seiner Rache. Jetzt geht es um einen passiven Menschen, der allerdings besessen ist von seiner Musik, die wichtiger ist als alles andere.

Und während Retro-Musik in JOHNNY GADDAR ständig präsent war, so hat Raghavan jetzt einen Film direkt über Musik gedreht. Und ein Teil des Erfolges ist auch der Soundtrack mit neuen Liedern, komponiert von Amit Trivedi, darunter die heitere Tanznummer „Laila Laila“. Aber auch die Hintergrundmusik mit ihrem spannend-ironischen Krimisound ist gelungen. Und ich wiederhole gerne immer wieder, dass Amit Trivedi der beste zeitgenössische Bollywood-Komponist ist. Die Art, wie er Altes und Moderne, Indisches und Westliches verbindet, und das ganze mit schönen Melodien und glasklaren, einfallsreichen Arrangements präsentiert, sollte eigentlich auch bei uns sehr gemocht werden. Wiedererkennungswert haben sein Stil, seine Methode, aber nicht unbedingt die Musik direkt. Und es kommt immer wieder Neues von ihm, weil er so lernfähig ist und alles in sich aufsaugen kann und zu Eigenem verarbeitet. Beispielsweise hatte er vor der Komposition des brillanten Soundtracks zu Anurag Kashyaps brutal unterbewertetem Meisterwerk BOMBAY VELVET (2015) keine Ahnung von Jazz.

Inspiriert wurde ANDHADHUN übrigens von Olivier Treiners französischem Kurzfilm „L'Accordeur de Piano“, bekannt unter dem englischen Titel “The Piano Tuner“ (2010), der natürlich durch seine 13 Minuten alles sehr verdichtet und durch den Schnitt auf konzentrierte Spannung und Überraschung setzt, etwa wenn der Klavierstimmer beim Hereinkommen in eine Wohnung auf Blut auf dem Boden ausrutscht und rot verschmiert ist. Währenddessen sitzt die Leiche, gut zu sehen, auf dem Sofa. Das ist die Schlüselszene, die in ANDHADHUN übernommen wurde.  Aber Raghavan zeigt die Leiche nicht. Erst nach kurzer Zeit sieht der Pianist in ANDHADHUN Beine hinter einer Wand hervorragen. Und das, was man für Blut gehalten hat, durch das er danach läuft und Fußspuren hinterlässt, ist kein Blut, sondern tatsächlich Wein. Aber beide Männer spielen Klavier um ihr Leben, in der Hoffnung, die blinde Maskerade aufrechterhalten zu können. Überhaupt das Klavier. Ein Klavier in einem Bollywood-Film heutzutage ist auch ein Stück Retrokultur. Denn das Klavier war mal das meist repräsentierte Klavier der höheren Gesellschaft im Hindifilm. Während des Nachspanns von ANDHADHUN läuft ein schönes Video mit zusammengeschnittenen, kurzen Filmmomenten mit all den alten Stars am Klavier, während sie zu einem der großen Playbacksänger oder zu einer Playbacksängerin die Lippen bewegen. Auf dem Klavier in der Wohnung des Pianisten steht übrigens ein Bild von Kishore Kumar. Von wem auch sonst?