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Sonntag, 21. Juni 2020

Anubhav Sinhas MULK – Sippenhaft und Kollektivverdacht


Vor ARTICLE 15 (2019), über den nach wie vor vielerorts rechtlosen Status der Dalit, und THAPPAD (2020), über Gewalt in der Ehe, drehte Regisseur Anubhav Sinha den Hindi-Film MULK (2018) mit Rishi Kapoor und Taapsee Pannu in den Hauptrollen. MULK ist ein politischer Film über Familie, Religion und Terrorismus, über den Platz von Moslems in Indien, der im Zuge des Hindu-Nationalismus unsicherer geworden ist. Es geht um eine moslemische Familie, eine Joint Family in Benares, in einem religiös gemischten, aber mehrheitlich von Hindus bewohnten Viertel. Das inoffizielle Familienoberhaupt, Murad, ist Anwalt, dessen Bruder hat einen kleinen Elektronikladen. Die Schwiegertochter, ebenfalls Anwältin, ist angereist aus London. An Murads Geburtstag sieht man, wie die Familie mit der Nachbarschaft einträchtig feiert, aber am nächsten Tag wird Murads Neffe als Mittäter bei einem schweren Terroranschlag von der Polizei erschossen. Die Familie wird ermittlungstechnisch beleuchtet, und die naive Blauäugigkeit, mit der sie tatsächlich nichts mitbekommen haben, führt zu Anklagen und einem sippenhaftartigen Schauprozess, der vor allem der Abschreckung dienen soll. Auch das Verhalten des Umfeldes wird feindlich und misstrauisch.

MULK beruht, wenn auch nur im Kern, auf einem wahren Fall aus Kanpur in Uttar Pradesh, auf den Sinha durch einen Zeitungsausschnitt aufmerksam wurde. Am 9. März 2017 wurde in Lucknow nach 12-stündiger Belagerung der Terrorist Saifullah Khan erschossen. Er war mitverantwortlich für den Anschlag auf den Passagierzug Bhopal-Ujjain, bei dem 10 Menschen verletzt wurden. Saifullah hatte zwei Monate zuvor nach einem Streit mit Vater Safir Khan das Haus verlassen und wurde gemeinsam mit einem Freund Terrorist. Safir Khan verweigerte die Entgegennahme des von Kugeln zerfetzten Körpers von Sohn Saifullah, da er ein Verräter seines Landes sei und so einer könne nicht sein Sohn sein. Er wolle aber auch Beweise sehen. Von diesem Ereignis hat MULK eine der großen Schlüsselszenen entlehnt, nur dass hier die Mutter des Terroristen im Inneren des Hauses schon weinend diese Ablehnung herausschreit, und dann Murad als Onkel vor der Tür in aller Öffentlichkeit diesen Akt der demonstrativen Distanzierung vollzieht. Auch die Feindseligkeit der Nachbarschaft gegen die Familie, Steinwürfe, alles, was der Film in dieser Hinsicht zeigt, hat es in Wirklichkeit gegeben.

MULK ist ein Film, der es sich nicht einfach macht, weder in die eine noch in die andere Richtung. Einerseits nimmt er Moslems gegen Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft in Schutz. Aber andererseits erzählt er auch nicht eine einfache Opfergeschichte. Der Film enthält immerhin genug Ambivalenz, damit Pakistan ihn verboten hat. Da ist beispielsweise die Schwiegertochter, eine Hindu, die sich scheiden lassen will, da der moslemische Ehemann eine Festlegung auf den Islam noch vor der Geburt von Kindern verlangt. Und es gibt auch moslemische Terror-Sympathisanten in Indien, wie bei einigen Gläubigen von Murads Moschee, die für den vermeintlichen Märtyrer beten wollen. So etwas lässt der Film nicht aus. Denn Filmen, die so etwas auslassen, muss man mit Misstrauen betrachten. Dann haben sie etwas zu verbergen und sind nicht aufrichtig. Sinha bemüht sich jedenfalls ohne Schablonen um ein reales, ausgewogenes Porträt einer Familie, einer Nachbarschaft, eines Staates.

Als Vergleich bietet sich ein Film an, den ich ziemlich zeitgleich mit MULK gesehen habe, der hingegen es sich einfach macht. Arun Karthicks NASIR (2020) war kurz auf einem der Corona-Internetfilmfestivals zu sehen. Unter dem europäisch finanzierten Deckmantel des Realismus tut die Geschichte denen, für die sie vermeintlich erzählt wird, keinen Gefallen. Ein einfacher moslemischer Angestellter geht seiner Arbeit nach und begegnet auf dem Nachhauseweg einem aufgehetzten Hindu-Mob und wird totgeprügelt. Was in der Vorlage, der Kurzgeschichte von Dilip Kumar (nur eine zufällige Namensähnlichkeit mit dem größten aller indischen Filmschauspieler), vermutlich ein kleiner poetischer und schockierend endender Ausschnitt aus dem Leben eines Mannes ist, bekommt im Kino ganz andere, allgemeingültige Dimensionen. Da ist einmal ein echter Vorbildmensch, arbeitsam, kultiviert, liebevoll, poetisch. Ein bemitleidenswerter Mensch, der den ganzen Hinduismus um sich herum ertragen muss. Und die bösen Hindus reden immer nur über unanständige Sachen und sind fürchterlich verkommen. Humanistische Propaganda ist auch Propaganda. NASIR ist im Grunde europäisch mitfinanzierte Anti-Hindu-Propaganda versteckt unter dem Siegel des Arthouse-Films. Würde man die Geschichte anders herum erzählen, etwa ein Hindu oder Christ in Pakistan, käme sofort der Vorwurf der „Islamophobie“.

Einen großen Raum nimmt in MULK der Prozess ein. Sartaj Khan ist wohl in irgendeiner Form auch vor Gericht gezogen, aber der Prozess in MULK ist Fiktion. Diese Anklagen und Verhaftungen hat es nicht gegeben. Das hat Anubhav Sinha bewusst auf die Spitze getrieben. Es geht ihm um etwas anderes, um Grundsätzlicheres, ganz einfach um die konkrete Frage des Kollektivverdachts, der an sich in weiten Kreisen der indischen Bevölkerung gegen indische Moslems existiert. Daher sind große Teile des Prozesses rein rhetorisch und haben eine Funktion. Der Film kritisiert zwar nicht die Tatsache, dass die Familie durchleuchtet wurde, aber er unterstellt den Behörden eine absichtlich einseitige Sicht, die den Prozess nicht auf Fakten, sondern auf Propaganda fußen lässt. Die Frage ist: Wie beweist man das Gegenteil? Wie beweist man Patriotimus, Zugehörigkeit, Heimatgefühl in Indien, dass man nicht mit dem Terroristen-Staat Pakistan sympathisiert. Anstatt die Familie nur für ihre Ahnungslosigkeit, ihre falsche Rücksicht zu kritisieren, arbeitet die Anklage mit einer Kollektivanklage, indem sie alles auf unwiderlegbare Verallgemeinerungen und unbewiesene Behauptungen gründet.

Sinha arbeitet mit einem beweglichen, fließenden Stil über 135 Minuten, und entgeht mit Hilfe von innerer Spannung und authentischer Lebendigkeit den Fallen des Thesenfilms, des Betroffenheitsfilms, den man nur für die Botschaft dreht. Allein am Anfang das Porträt der Familie mit einer beweglichen Kamera, dem Wechsel der Figuren hat echte Eleganz. Dann ist Sinha ganz dicht dran beim Wirbel um den Terroristen, die Schießerei, die Polizei, die Medien. So kann er es sich erlauben, den Prozess etwas statisch sein zu lassen, was Prozessfilme aber nun mal so an sich haben.

Taapsee Pannu spielt die weibliche Hauptrolle als Anklägerin, die gegen den aggressiven Stil des Staatsanwaltes den richtigen Ton finden muss. Aber der Film gehört vor allem den Darstellern der Brüder. Rishi Kapoor, der bis zu seinem Tod immer besser wurde, ist ernst, sachlich, würdevoll. Er verzichtet darauf, die Figur künstlich sympathisch zu machen, lässt ihn nur bei der Party am Anfang lächeln und lachen. Er biedert sich nicht an, bettelt nicht , lässt sich nicht zum Opfer machen. Ein Mann, der sich die ganze Zeit seine Würde bewahrt. Und Manoj Pahwa als der Darsteller des zuerst verhafteten und angeklagten Bruders Bilaal, Vater des Terroristen, hat hier einmal eine richtig große angemessene Rolle, ist mit der tragischen Figur des Films, die sich in seiner eigenen Nachlässigkeit verheddert sieht, fast der heimliche Hauptdarsteller. Pahwa verwandelt die Schwäche der Figur in großes mitleiderregendes Pathos.

Samstag, 23. Mai 2020

Anubhav Sinhas THAPPAD – Plötzlich fremd


Anubhav Sinhas THAPPAD (2020, dt.: Der Schlag) ist ein Film über die Ehe, die indische Ehe vorwiegend, aber mit vielen allgemeingültigen Aspekten. Zunächst werden mehrere Ehepaare und Beziehungen gezeigt. Im Mittelpunkt steht dabei die nicht mehr ganz junge Ehe von Amrita und Vikram. Die an Diabetes erkrankte Schwiegermutter ist mit im Haus. Und Vikram ist im Beruf endlich auf dem Weg nach ganz oben, die beiden sind sogar fast auf dem Weg nach London. Schafft man das, dann hat man es geschafft. Nur New York gilt als noch besser. Sie hat sich ganz in den Dienst seiner Karriere gestellt, was er für selbstverständlich nimmt. Aber sie selbst auch, denn sie betrachtet ihre Hausfrauenrolle als ihre eigene Entscheidung. Brav weckt sie ihn, bringt ihm Morgenkaffee ans Bett, trägt ihm seine Sachen bis ans Auto – Tasche, Essen, Portemonnaie. Es gehört zum Ritual. Die große Stärke des Films, der einen ruhigen Rhythmus hat, ist die stille, unrhetorische Beobachtung, die vieles freilegt, ohne es überdeutlich auszusprechen.

Auf einer Party, bei einer wütenden Auseinandersetzung zwischen Vikram und einem seiner Vorgesetzten, versucht Amrita dazwischenzugehen und bekommt eine Ohrfeige vom rasenden Gatten. Und alle in Amritas Umgebung meinen, sie solle die Sache nicht so hoch hängen. Dass diese Reaktion keine bösartige Fiktion von Anubhav Sinhas Seite ist, zeigt eine erhellende Äußerung von Ahmed Khan, dem Regisseur des Films von BAAGHI 3, der eine Woche nach THAPPAD im März 2020 Kinopremiere hatte. Khan hatte in einem Anflug von Futterneid über das vermeintlich öde Thema des Films gemault, dass die Frau einfach zurückhauen solle und dann sei es gut. Aber abgesehen davon, dass das die Institutionalisierung von gegenseitiger Gewalt in der Ehe ist, ist der Schlag an sich gar nicht das, worauf sich THAPPAD konzentriert. Entscheidend ist das, was die Ohrfeige auslöst, denn die Ehefrau schaut plötzlich mit sie selbst erschreckender Klarheit auf ihre Situation und sieht auch ihre eigenen falschen Entscheidungen, die dieses schiefe Machtverhältnis, und um nichts anderes geht es hier, in ihrer Ehe herbeigeführt hat.

Und direkt nach der Ohrfeige wird der Film ganz still, denn Amrita ist geistig woanders, steht zunächst unter Schock, spürt die totale Einsamkeit, denn niemand ist auf ihrer Seite. Sie beginnt, auf Vikram wie auf einen Fremden zu schauen, vor allem, wenn er wieder einmal nur von sich redet. Er kreist ständig um sich selbst, etwa um seine festen Lebensziele, aber sie kreist nicht mehr mit und entfernt sich immer mehr von ihm. Und er selbst hat sie aus seiner Umlaufbahn herauskatapultiert. Er wird ihr fremd, die Liebe verschwindet. Und diese Entwicklung führt zu einigen der stärksten Momente des Films. Überhaupt ist der Film am besten, wenn er still und ohne viele Worte das Innenleben der Figuren fühlbar, verstehbar macht. Und da ist die Zusammenarbeit von Hauptdarstellerin Taapsee Pannu und Regisseur Sinha ganz wunderbar. Ihre Verstörung wird für den Zuschauer deutlich sichtbar gemacht. So seltsam ironisch es ist, aber der Schlag hat sie aus einem unnatürlichen Verhalten der Selbstentmündigung und Selbstauslöschung befreit. Die Frage, ob sie ihm verzeihen kann oder nicht, wird dadurch völlig bedeutungslos.

Solch eine Art von Film war angesichts der PR-Kampagne nicht zu erwarten. Werbung kann ja auch das Gegenteil bewirken. Die für THAPPAD (2020) ließ Schlimmes vermuten. Die Kerninfo wurde etwa so geliefert: „Eine Ehefrau bekommt auf einer Party von ihrem Mann eine Ohrfeige und will sich danach scheiden lassen.“ Und dann eine rhetorische Frage nach dem Muster „Ist das Grund genug?“. Das Ganze hörte sich also zunächst mal nicht nach einem Film, sondern nach einer ermüdenden, gesellschaftlich progressiven, sozial wertvollen Diskussionsveranstaltung voller gestellter und gestelzter Leinwandrhetorik an. Botschaftskino eben. Und natürlich gibt es diese rhetorischen Teile, aber sie beherrschen nicht den Film. Zielpublikum ist insbesondere die selbstsichere Mittel- und Oberschicht. Etwas unbeabsichtigt, hoffe ich zumindest, erweckt der Film gleichzeitig den Eindruck, dass in den unteren Schichten sowieso alle Frauen geschlagen werden. Und Sinha hat in den Diskussionen genug subversive Inhalte untergebracht. Einmal fällt der Satz, dass, wenn eine einzige Ohrfeige schon zur Scheidung führe, müsste mehr als die Hälfte aller indischen Ehefrauen gehen. Da wird sogar eine Art Statistik geliefert.

Die Rhetorik entwickelt sich durch die vielen anderen Figuren des Films, hauptsächlich Familienangehörige, also Eltern, Schwiegereltern. Sie reden untereinander oder mit den beiden Betroffenen. Die Argumente an sich sind vorhersehbar, aber interessant ist es, wer sie wie vorbringt. Selbst die aktive, aber auch desillusionierte Frauenrechtsanwältin rät Amrita, es gut sein zu lassen. Die Eltern sowieso. Aber es ist nicht nur Angst um die Fassade, der Wunsch nach Aufrechterhaltung einer gewohnten Ordnung. Es gibt einen besonderen Grund, warum fast alle ihr aktiv einreden wollen, eine Ehe fortzusetzen, die sie mit der ganzen Faser ihres Wesens nicht mehr fortführen will. Es ist die Angst vor Ansteckung. Ihr Verhalten hat eine Verstörung ausgelöst. Bei den Frauen kommen Zweifel am eigenen Lebensentwurf auf. Die Männer sehen ihre Position gefährdet. Und das merkt man den Figuren an. Der Film nimmt sich die Zeit dafür. Die Kritik am Tempo von THAPPAD ist daher eine idiotische Kritik am Wesen der besten Teile des Films. Denn dann bekommt er mitunter eine uneindeutige, fast unheimliche Atmosphäre, erzeugt durch das unangenehme Gefühl der Figuren, aus dem Alltag, und nicht zuletzt seinen vielen Illusionen, herausgeschoben worden zu sein, einen Riss in der Fassade zu sehen, der sich nicht schließen lassen will und auf den man aber unablässig und wie hypnotisiert starrt.

Gegen Ende mündet alles in eine juristische Auseinandersetzung, bei der noch ein bisschen spannendes Empörungspotential aktiviert wird, aber wo an sich dem Ganzen nicht viel hinzufügt wird. Amrita hat noch ein paar Monologe, wo die Figur ihr Denken zusammenfasst. Und am Schluss sind alle etwas klüger geworden. Das bedeutet aber auch, dass es sogar noch eine zweite Scheidung gibt. Ein indischer populärer Film, der so sehr die Ehescheidung fast propagiert, braucht als Ausgleich wohl auch ein kleines bisschen positiven Bollywood-Zuckerguss. Deshalb dürfen die unheilbaren Optimisten unter den Zuschauern dem frisch geschiedenen Paar noch eine zweite Chance wünschen. Denn Vikram will jetzt jemand werden, der Amritas würdig ist. Was auch immer diese Worthülse enthält. Wenn denn überhaupt was drin ist.

Freitag, 3. April 2020

Anurag Kashyaps MANMARZIYAAN – Liebe und Ehe


Anurag Kashyaps MANMARZIYAAN (2018) ist eine Auftragsproduktion des Regisseurs und hat eine Vorgeschichte. Dieses Projekt nach einem Drehbuch der Schriftstellerin Kanika Dhillon hatte schon einen anderen Regisseur und andere Hauptdarsteller, aber Produzent Aanand L. Rai gefiel nicht, was er da sah, stoppte alles, und das Material wurde wohl vernichtet oder landete im Archiv. Übrigens ist der deutsche Filmtitel ausnahmsweise mal absolut korrekt übersetzt mit „Herzenswünsche“, worunter er auch hin und wieder auf dem deutschen Bollywood-Sender Zee.One zu sehen ist. International hieß er „Husband Material“.

Schließlich kam Anurag Kashyap an Bord, der normalerweise seine Film selbst schreibt oder zumindest mitschreibt. Es ist also offensichtlich keine bewusste Planung seinerseits, dass MANMARZIYAAN wie ein bewusstes Gegenstück zu seinem vorherigen Film MUKKABAAZ (2017) wirkt. Das war ein echtes, direktes, kraftvolles Melodrama mit geradlinigen und starken Gefühlen: Junger Mann will boxen und ist verliebt in eine junge Frau, deren Vater jenen hasst. MANMIRZIYAAN ist genau das Gegenteil, und das betrifft nicht nur den leichteren, heitereren Ton. Hier gibt es keinen Bösewicht, die Hindernisse liegen vor allem in den Figuren selbst. Nicht einmal die Gesellschaft mit ihren Regeln und Anforderungen ist hier ein wirkliches Hindernis, es gibt genug Gelegenheit, die Probleme selbst zu lösen.

Rumi und Vicky haben eine enge Beziehung, die vor allem aus Sex besteht. Vicky, der durchgestylte DJ mit den tausend auffälligen selbst bedruckten T-Shirts, ist unter den Augen der Nachbarn ein Terrassenkletterer, da Rumi die Dachwohnung des Hauses bewohnt. Sie werden auf frischer Tat erwischt, und Rumi soll nun heiraten. Wenn's sein muss auch Vicky, aber der bibbert ängstlich, wenn es um Ehe geht. Und da Rumi ein ziemlich wildes Mädchen ist, das schnell zornig wird, gibt sie in ihrem Zorn auf ihren feigen Lover der Familie ihr Wort, dann eben halt den „nächstbesten Idioten“ zu heiraten, den die Familie ihr vorsetzt. Und so kommt es nach einigen Verwicklungen auch. Sie heiratet den Bänker Robbie und bemüht sich, rein formal, eine gute Ehefrau zu sein. Doch die Anziehung zu Vicky ist noch da.

Diese Story scheint einfach, doch dahinter steckt ein psychologisch sehr konstruiertes, hyperaktives Drehbuch, ein ständiges Hin und Her der Aktionen und Gefühle, das bei einem mittelmäßigen Regisseur schnell ein entnervtes Kopfschütteln des Zuschauers hervorrufen kann. Alles hängt da von den Figuren ab, ob man ihnen geistig folgen kann und ob man sich für sie interessiert. Wie schnell könnte Rumi als nervige Zimtzicke, Vicky als Volltrottel und Robbie als dröger Bänker dastehen. Aber die drei Hauptfiguren bekommen in der Gestalt von Vicky Kaushal, Taapsee Pannu und Amitabh Bachchan Echtheit, Authentizität, Sympathie, Interesse. Das ist umso wichtiger, als es hier vor allem um das Innenleben der Figuren geht, nicht so sehr um die Erzeugung von großen Emotionen. Man identifiziert sich mit keine der Personen, keine hat Recht oder Unrecht, man fiebert auf kein bestimmtes Ende hin, allenfalls ganz am Ende, als die Fronten gewissermaßen geklärt sind. Dennoch wurde dafür nicht die Form des kleinen, intimen psychologisch-heiteren Dramas, sondern die des großen Bollywood-Films mit Musik und Tanz und einem kraftvoll-energischen Soundtrack von Amit Trivedi gewählt.

Von Anfang an ist MANMARZIYAAN, mit selbstverständlicher und unverklemmter Direktheit, ein Film über Sex und Erotik: Vicky und Rumi haben eine fast kindlich-naive wilde, sehr besitzergreifende Sex-Liebesbeziehung, und man sieht die beiden bei wirklich nichts anderem. Treffen sie sich zum Reden endet es sofort irgendwo in der Waagerechten. Man kann sich die beiden kaum in einem normalen Alltag vorstellen. Als beide durchbrennen wollen, erwacht bei Rumi aber das weiblich Praktische und sie will zurück. Denn Vicky hat wie immer keinen Plan, was Rumi sich eigentlich hätte denken können. Es ist deprimierend komisch, wie er nicht einmal einen kleinen Imbiss bezahlen kann und sowieso kein Geld für Benzin hat. Eine Flucht ins Leere, ohne praktische Aussichten will Rumi also auch nicht. Das Ganze würde ja auch sowieso nur in Streit und gegenseitigen Vorwürfen enden. Der Ehezwang beschleunigt eigentlich nur die sowieso langsame Erkenntnis bei ihr, die sonst länger gedauert hätte, dass Vicky vielleicht doch kein „Ehemannmaterial“ ist.

In den Szenen von Vicky und Robbie wird der Film leiser, stiller, ruhiger. Das erste Kennenlernen, dann die Gewöhnung an die neue Situation. Erst realisiert sie die Ehe gar nicht, setzt sich im Auto nach hinten, wie um sich zu distanzieren, als wäre Robbie der Fahrer. Sie muss alleine joggen gehen, um sich in der Flitterwochen-Bergwelt Kaschmirs auszuweinen. Das Trinken bringt die beiden einander näher, scheinbar näher. In einer witzigen Trinkszene, wo sie seine stille Zurückhaltung aufbrechen will, halten sie die ganze Nachbarschaft vom Schlafen ab. Aber bei allem bleibt eine große Distanz. Die Nähe reicht erst mal nur fürs Bett.

Wie Kashyap die Waage hält zwischen romantischer Bollywood-Komödie und psychologischem Drama ist ausgezeichnet. So wird auch eine gewisse Vorhersehbarkeit des Drehbuchs unbedeutend. Bei Kashyap ist es immer der Moment, der zählt, die innere Spannung jeder einzelnen Szene und Entscheidung. Trotz der vielen Hektik ist es ein innerlicher Film Kashyaps, vielleicht sein innerlichster, gekennzeichnet von intelligenter und subtiler Regie. Dazu kommt Kashyaps Sinn für den Raum, für Drehorte, für die Schaffung einer passenden Atmosphäre. Gleich am Anfang wird in den engen Gassen getanzt. Der Realismus wird nur gebrochen durch die starke Musik und die Texte sowie durch das Licht, die vollen Farben. MANMARZIYAAN ist kein großer Kashyap-Film, aber ein sehr, sehr schöner.

Donnerstag, 22. August 2019

MISSION MANGAL – Indische Haushaltswissenschaft

Wie dreht man mit MISSION MANGAL (2019) einen kurzweiligen 2-Stunden-Film über die erfolgreiche Mars-Satelliten-Mission der indischen Raumfahrtbehörde IRSO (Indian Space Research Organisation) im Jahre 2013, bei der es einmal um einem Haufen bürokratischer Streitigkeiten und dann vor allem um mathematische und naturwissenschaftliche Details geht. Wie mache ich alles leichter und kleiner? Wie verbrauche ich weniger Treibstoff? Die Wirklichkeit muss eine detektivisch-akribische Kleinarbeit gewesen sein, die vermutlich spannender war als alles, was der Film erzählt. Aber ein Mainstream-Film, ein „Familien-Blockbuster“, wie es in der Werbung lautet, kann natürlich nur die Oberfläche streifen, sodass es, im wahrsten Sinne des Wortes, jedes Kind versteht. Wobei man sagen muss, dass der Film ganz gut darin ist, die Erklärungen und Zusammenhänge unterhaltsam zu vermitteln. Ein Kompliment an die Drehbuchautoren, darunter Regisseur Jagan Shakti und der allseits bekannte R. Balki.

Vor allem zeigt man das Privatleben der Wissenschaftler, tatsächlich Menschen wie du und ich, von jedem so ein kleines Mosaiksteinchen. Taapsee Pannu kann nicht Auto fahren. Sonakshi Sinha muss morgens rechtzeitig die Männer aus dem Schlafzimmer werfen, damit die Reinmachefrau keinen moralischen Herzanfall bekommt. Eine andere, Moslemin, bekommt wegen ihres Namens keine Wohnung vermietet. Nur der Leiter des Teams, Akshay Kumar, hat kein Privatleben. Er ist mit seinem Beruf verheiratet. Soll es ja auch geben. Bloß über die von Vidya Balan gespielte Frau und ihre Familie erfährt man etwas mehr. Und wenn dann das Forscherteam mit schmalem Budget einfallsreich sein muss, kommt die Inspiration oft aus eben diesem Privatleben, aus den Erfahrungen des täglichen Haushalts. Das sind dann Lösungen, über die manch gestandener Bürokraten-Mann erst einmal lacht, die aber rückwirkend betrachtet so einfach und augenfällig erscheinen, dass man sich besorgt fragt, warum noch niemand vorher darauf gekommen ist. Vielleicht sorgt zu viel Geld ja für gedankliche Bequemlichkeit.

Und deshalb erzählt der Film uns, dass es kein Unmöglich gibt. Mir hat das übrigens vor langer Zeit der große amerikanische Filmregisseur Allan Dwan beigebracht, der in dem empfehlenswerten Interviewbuch „The Last Pioneer“ eine lehrreiche Anekdote erzählt. Bei Stummfilmdreharbeiten in der Prärie übernachtete er einmal im Haus eines Pfarrers, dessen Frau eine brillante Köchin war. Als sie ihn fragte, wie er sein Frühstücksei wolle, sagte er, vermutlich etwas aus Übermut, „halb gekocht, halb gebraten“. Aber das ist es, was er bekam. Die Dame kochte ein weiches Ei, schnitt ein Ende auf, ließ etwas herausfließen und briet es. Der Rest blieb gekocht. Und so aß er sein Ei, wie gewünscht, „halb gekocht, halb gebraten“. Dwan sagte: „Damit übertrumpfte sie Christopher Columbus. Und es lehrte mich, dass nichts unmöglich ist. Wann immer ich auf ein schweres Problem stoße, denke ich an dieses Ei.“ Da ich jetzt eh schon abschweife, interessiert es die Freunde der Wissenschaftsgeschichte vielleicht, dass Dwan ursprünglich Ingenieur und bei der Peter Hewitt Company in Chikago Mitentwickler der Quecksilberdampflampe war, die man dann auch beim Film einsetzte und die der Vorläufer der Neonlampe war.

Aber diese Art, an Probleme heranzugehen, ist natürlich eine besondere Haltung, eine halb instinktive, halb intellektuelle Einstellung, die mit bürokratischem Dienstabreißen in einer staatlichen Behörde nicht zu verbinden ist. Deshalb geht es in dem Film auch um Motivation. Und an dem Punkt wird der Satellitenfilm zum Sportfilm. Mannschaftssport natürlich. Die Beispiele aus dem Sport, die hier in Dialogen gebraucht werden, sind nicht zufällig. Es geht um ein Team aus begabten, aber hauptsächlich jungen und unerfahrenen Leuten, denen keiner etwas zutraut, die aber ihr wahres Potential entdecken. Im Film wird als sportliches Gleichnis der indische Gewinn des Cricket World Cup im Jahre 1983 genannt. Patriotismus ist hier natürlich auch eine Motivation, denn man macht es nicht allein für sich. Und irgendwie spricht der Film gleichzeitig auch immer das Kinopublikum an. Und wird dadurch auch zum Werbefilm.

Ein Werbefilm für die Raumfahrt und die Wissenschaft allgemein und vor allem für Frauen in den Wissenschaften, denn das Team besteht vornehmlich aus Frauen. Es geht um Begeisterung für die Wissenschaft, um weibliche Begeisterung für die Wissenschaft. Deshalb sollte dieser Blogbeitrag auch erst „Frauen auf den Mars“ heißen, aber dann begann ich zu befürchten, dass man das missverstehen könnte. Und das passiert heutzutage so schnell. Und es geht um junge weibliche Begeisterung. Und wenn die deutschen Unis mal wieder Programme zu „mehr Mädchen in Physik“ oder so was machen, sollten sie einfach diesen Film zeigen. In seiner Wirkung ist er sehr überzeugend und funktional. Obwohl man dann natürlich fürchten muss, dass plötzlich alle später nach Indien wollen. Wegen fehlender Möglichkeiten hierzulande. 

Dabei wäre es ja irgendwie schön, wenn man sich in Deutschland mal ganz praktisch für etwas anderes begeistern könnte als für den Temperatur-Weltuntergang. Dann würden die Rezepte dagegen vielleicht auch nicht so fürchterlich den brillanten Methoden gegen radioaktiven Fallout in den 1950ern ähneln: Buch über den Kopf und unter den Tisch kriechen. In MISSION MANGAL braucht man keine "Klimawandel-Ersatzreligion für eine atheistische Gesellschaft", wie jemand es vor Jahren schön ausgedrückt hat. In MISSION MANGAL existieren durch die Figur von Vidya Balan und das, was sie darüber sagt, Gott und Wissenschaft ganz selbstverständlich und problemlos miteinander und nebeneinander. Deshalb kann man sich mit wichtigen Dingen beschäftigen. Gestern stand noch in Welt Online, dass Deutschland bei Raumfahrt nur noch dumm zuguckt. Jetzt könnte man natürlich sagen, dass das sehr philosophisch und weise ist, denn an sich wird die Menschheit durch Raumfahrt nicht glücklicher. Leider ist es aber doch viel eher eine deutsche stupide Trägheit und Verblödung, die es früher nicht gab und die seltsamerweise nur wenigen unheimlich vorkommt. Jetzt bin ich wieder abgeschweift... Aber zu MISSION MANGAL gibt es einfach nicht viel mehr zu sagen. Der Film ist sympathisch und macht Spaß. Das reicht doch schon.

Montag, 18. März 2019

Sujoy Ghoshs BADLA – Wahrheit und Lüge

Amitabh Bachchan, dessen kraftvoller Rap-Gesang im Lied „Aukaat“ soeben den Vorspann von Sujoy Ghoshs BADLA (2019) unterlegt hat, geht im Anzug durch London, betritt ein Haus und darin den Fahrstuhl. In einem oberen Stockwerk klingelt er an einer Wohnungstür, die von Taapsee Pannu geöffnet wird. Die Situation ist schnell geklärt. Er ist der Anwalt Badal Gupta, der noch nie einen Fall verloren hat, und sie die Mordverdächtige Naina Sethi, eine erfolgreiche Geschäftsfrau mit Mann, Kind und Geliebtem, der umgebracht wurde. Und sie steht unter akutem Tatverdacht. Alles kommt langsam in Gang. Der Zuschauer begreift allmählich, worum es geht. In dieser ruhigen Atmosphäre folgen die ersten Rückblenden. Durch die Fragen des Anwalts entwickelt sich das Gespräch nach und nach zu einem Katz- und Maus-Spiel. Die überraschenden Wendungen schlagen im Verlauf des Films in immer größerer Häufigkeit ein, sodass man gegen Ende eine Zeitlang nichts mehr auseinander halten kann und alles anders ist als erwartet.

Grundlage ist ein mathematisch ausgeklügeltes Drehbuch, das mit den Erwartungen spielt, indem es Standards des Krimis und des Thrillers benutzt, die der allgemeine Zuschauer verinnerlicht hat, ohne dass man die genaue Quelle dafür kennen muss. BADLA ist ein klassischer Verhörkrimi, denn auch wenn es sich hier um Anwalt und Mandantin handelt, so ist die Gesprächssituation des Films eher die eines Kreuzverhörs. Da kann man an den ausgezeichneten, Maßstäbe setzenden französischen Film DAS VERHÖR (1982) denken. Und wenn ein Auto ganz langsam im Sumpf versinkt, dann wartet der eine oder andere sicher auf einen kurzen unbeweglichen Augenblick, eben weil es in Hitchcocks PSYCHO (1960) so passiert. Oder es gibt das Geheimnis des Mordes im von innen verschlossenen Zimmer, das scheinbar rein deduktiv, also durch Schlussfolgerungen aus den vorliegenden Tatsachen heraus, gelöst wird. Edgar Allan Poe setzte da mit seiner Geschichte „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ (1841) einen hohen Maßstab. Doch keine Lösung in dem Film hat lange Bestand. Und aktiv mitdenken kann man als Zuschauer sowieso nicht. Man schaut und hört zu, während die Worte und besonders die Bilder des Films in ihren Rückblenden mehr als eine Lüge, Ungenauigkeit, Fälschung verbergen. Das, was die Zuschauer Alfred Hitchcock in seinem Misserfolg DIE ROTE LOLA (1949) nicht verzeihen konnten, das heißt, eine Rückblende unterzubringen, die sich als Lüge erweist, wird bei BADLA zum Konzept. Und so gibt es manche Szenen in verschiedenen Variationen, die erzählen, wie es gewesen sein könnte. BADLA ist ein spannendes und vergnügliches Rollenspiel, das beim zweiten Gucken natürlich viel von seiner auf Überraschung beruhenden Wirkung verliert.

BADLA, was „Rache“ heißt, ist ein Remake des spanischen Films DER UNSICHTBARE GAST (2017) von Oriol Paulo und hat den Kern des Drehbuchs ohne Änderungen übernommen. Auch manche Sequenzen sind absolut identisch. Aber wie sollte das anders sein bei einer Story, wo jedes Einzelteil vom anderen abhängt. Nähme man eines heraus, würde alles zusammenbrechen. Es kann hierbei nur darum gehen, dass Drehbuch funktional zu verfilmen, damit alles wie ein Uhrwerk ablaufen kann. Auch die Schauspieler, allen voran die beiden Hauptdarsteller, fügen sich diszipliniert in dieses Konzept ein. Dass BADLA dann doch mehr als eine bloße Kopie des Originals ist, liegt an zwei entscheidenden Unterschieden im großen Ganzen. Erstens wurde die Besetzung sozusagen umgepolt. Aus einer Anwältin und einem Klienten wurden ein Anwalt und eine Klientin. Durch Bachchan und Pannu kommen Erinnerungen an den erfolgreichen Gerichtsfilm PINK (2016) von Aniruddha Roy Chowdhury auf, was die Sichtweise des Zschauers unbewusst durchaus beeinflussen kann. Da spielte Amitabh Bachchan den Anwalt für Taapsee Pannu und ihre beiden Freundinnen, die alle drei vergewaltigt wurden. Recht und Unrecht waren da sehr klar verteilt. Zweitens hat BADLA eine völlig andere Atmosphäre. Ist DER UNSICHBARE GAST extra düster mit vielen Szenen am Abend und in der Nacht, dunklen Innenräumen und ausgewaschenen Farben, ist BADLA weitaus heller und klarer und die Bäume etwas grüner. Dadurch steht noch mehr der Dialog im Mittelpunkt, die klare Logik des Verbrechens und des Gesprächs, in dem der Anwalt immer wieder durch Verweise auf die Mahabharata theoretisiert, was in indischen Filmen zwar Standard ist, aber wofür Ghosh eine besondere philosophische Vorliebe hat, beispielsweise: "Es ist nicht immer richtig, Rache zu nehmen, aber es ist ebenso falsch, jedes Mal zu verzeihen." Aus diesem Schlüsselsatz des Films, erster Satz des offiziellen Trailers, hat Amitabh Bachchan sogar ein kleines Musikstück gemacht, was im ersten von drei originellen „Unplugged“-Promovideos ein paar Tage vor der Kinopremiere von BADLA vorgestellt wurde. In diesen Videos unterhält sich Shah Rukh Khan als Produzent des Films mit dem, wie er ihn nennt, „weltbesten Schauspieler“.