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Sonntag, 30. Mai 2021

Vetrimaarans ASURAN – Die Kunst des Krieges gegen Dämonen

 

Es geht sofort mitten hinein ins Geschehen in den 1980ern. Vetrimaarans ausgezeichneter Tamil-Film ASURAN (2019) beginnt mit der nächtlichen Flucht einer Familie durch den Dschungel. Aber es ist eine getrennte Flucht, um die Chance zu erhöhen, dass jedenfalls die Hälfte der Familie überlebt. Vater und Sohn gehen mitten durch den Fluss, um keine Spuren zu hinterlassen. Die Mutter schleicht mit Tochter und Onkel durch Wald und Feld. Auf einer einsamen Landstraße taucht plötzlich ein Polizeiwagen auf. Die drei verkriechen sich, denn die Staatsmacht arbeitet für den Feind, der sie alle tot sehen will. Der Erzählfaden, der sich nun von Anfang bis Ende durch den Film zieht, ist diese Jagd auf eine Familie, dieser Kampf ums Überleben. Den Grund hierfür erfährt man andeutungsweise. Der Sohn hat einen Großgrundbesitzer mit der Hacke erschlagen. Nur – welcher Sohn? – fragt man sich angesichts des ungeschickten jungen Mannes, der ständig Fehler macht. In der folgenden Rückblende, die die Vorgeschichte erzählt, ist da denn auch tatsächlich ein zweiter Bruder, älter, mächtig wild und zornig.

ASURAN ist ein realistisches Land- und Dorfporträt, die Geschichte einer unterkastigen Bauernfamilie und die eines Großgrundbesitzers, der eine Zementfabrik errichten und das Land haben will. Eine bekannte Geschichte, in der Wirklichkeit wie im Kino. Vetrimaaran erzählt aber keine Story mit Botschaften, will auch nicht einfach nur schlimme Zustände darstellen. Ihn interessieren die großen und individuellen Zusammenhänge. Gewalt wird erlitten, Gewalt wird zurückzugeben. Aber wirklich gewonnen ist damit für die Schwachen nichts. Doch die Idee der Gewalt ist ständig präsent, in den Figuren und im Film. Und wer sie nicht anwendet, muss sich dazu zwingen, friedlich zu bleiben. Denn eigentlich möchte man Dämonen – Asuras – töten, wenn sie Schaden anrichten. Gleichzeitig ist es ein äußerst spannender, angespannter und visuell intensiver Thriller und Jagdfilm mit Action, Kämpfen und sogar einigen Bombenexplosionen.

Aus der Haltung zur Gewalt folgt ein brodelnder Generationenkonflikt, der nicht zu besänftigen ist und überkocht. Auf der einen Seite der versöhnliche, weich wirkende, saufende Vater Sivasaami, gespielt vom großartigen Südstar Dhanush; auf der anderen Seite der zornige ältere Sohn Chidambaran, verkörpert von Ken Karunas; dazu der jüngere Sohn, der den großen Bruder als Vorbild nimmt, weil er den Vater verachtet. Die Schlüsselszene dieses Filmteils ist ein toter Hund, der mitten in einem unter Hochspannung gesetzten Zaun des Großgrundbesitzers stirbt, eine Elektrifizierung, die dieser nicht angekündigt hatte. Der gibt danach zum Ausdruck, dass es ihm auch völlig egal wäre, wenn die einfachen Bauern oder ihre Angehörigen darin sterben. Sie sind nichts wert für ihn. Und so kommt es beim Kampf um Wasser zu Konflikten. Mordopfer wird der ältere Sohn. Ein grässlicher Kollektivmord mit Erhängen und Durchbohren mit dem Speer. Später findet man mitten auf einem Feld eine grausam verstümmelte Leiche, die nicht endgültig als älterer Sohn identifiziert werden kann, was zu einem Familienleben in Agonie führt. Und da greift ausgerechnet der junge Sohn zur mörderischen Hacke.

Im Mittelpunkt der Fluchtszenen steht die Vater-Sohn-Beziehung. Da gibt es Missverständnisse, unter der Oberfläche die stille Verachtung für die Passivität des Vaters. Aber der jüngere Sohn ist naiv und macht Fehler wie den, im Dunkeln Feuer anzuzünden oder die wichtige Machete im Schlaf wegrutschen zu lassen. Um die beiden herum ist die raue Kraft der Natur, der Landschaft, in der Sivasaami sich traumwandlerisch bewegt. Es sind Szenen epischer Breite bei dieser Flucht, in den steilen Hügelketten und in dem riesigen, sandigen Wald, von dem eine Luftaufnahme mit umgekehrtem Zoom die labyrinthische Gleichheit jeden Quadratmeters offenbart. Es folgt eine extreme Kampfszene des Vaters gegen eine menschliche Übermacht, die voller wilder Brutalität ist. Selbst der Sohn ist erstaunt und fast entsetzt über den gewalttätigen Vater, der sich im letzten Augenblick in dem wilden Kampf auf der sandigen Lichtung zurücknimmt und nicht tötet.

Durch die zweite Rückblende zurück in die jüngeren Jahre des Vaters, gespielt jetzt von Ken Karunas, erhält der Film eine breitere episch-komplexe Form. Drei Mal meldet sich in ASURAN ein Erzähler aus dem Off, der die Dinge kurz zusammenfasst. Der Film beruht ja auf dem Roman „Vekkai“ von Autor Poomani, wobei dieser sich wiederum von dem Kilvenmani-Massaker im Jahre 1968 hat inspirieren lassen. Es beginnt Ende 1950er, Anfang der 60er, schließt sich gewissermaßen an Bimal Roys DO BIGHA ZAMIN (1953), den großen indischen Filmklassiker über Zamindarausbeutung und Landenteignung an. Der Vater arbeitet als junger Mann als Bootlegger für einen Landbesitzer und macht sich die dumme Illusion, er wäre akzeptiert. Er fühlt sich irrigerweise als Teil der Oberwelt, dabei wird er nur als lukratives Werkzeug gebraucht. Im Grunde wird er genauso verachtet wie alle anderen, gilt nicht als Mensch, sondern als Sklavenmaterial.

Eine scheinbar alltägliche, aber gleichzeitig schreckliche und authentische Alltagsszene verdeutlicht dies perfekt. Das Verbot des Tragens von Slippern ist ein kleines, aber widerwärtiges Mosaiksteinchen im demütigenden Machterhalt der herrschenden Kaste. Aber in seiner Naivität missachtet Sivasaami diese Regeln. Es ist eine niedliche Liebesgabe für die Verlobte, damit sie nicht mehr in Dornen tritt. Doch der Buchhalter seines Bosses verprügelt sie und treibt sie durchs Dorf mit den Slippern auf ihrem Kopf. Als Sivasaami nach einer Revanche seinerseits vom Chef auf seinen Platz verwiesen wird, wird ihm seine wahre Position überdeutlich. Der Landbesitzer macht reinen Tisch, will den Widerstand durch ein Massker brechen. Sivasaamis völlig verbrannte Verlobte kann ihm in Agonie noch ein paar Worte zuflüstern. Die Dorfbewohner wurden in Hütten gesperrt, die die Täter anzündeten. Sivasaami tötet auch und flüchtet. Wie durch ein Wunder erhält er eine zweite Chance, gründet eine Familie. Man sieht an dieser Zusammenfassung, wie viel in diesem Film passiert und wie doch alles ruhig und übersichtlich erzählt wird. Alles dient auch zum Veranschaulichen der mal perfide subtilen, mal brutal mörderischen Machtmechanismen, die Herrschaft absichern sollen. Demütigungen sollen von innen heraus entmenschlichen, damit der Kopf der Masse unten gehalten wird. Wenn das nicht hilft, folgt physische Vernichtung.

Alle Figuren in ASURAN sind mehr oder weniger auf einen gewissen Charakter festgelegt, aber der von Dhanush so brillant gespielte Vater hat mehrere Facetten, und Dhanush vereint sie alle, ohne dass es künstlich wirkt oder Widersprüche hervortreten. Dhanush und sein Regisseur holen aus der Figur des Vaters das gesamte Spektrum heraus. In der Verleugnung seines wütenden Wesens ist er versoffen, weich, hilflos. Und dann ist er von einer ungeheuren zerstörerischen Gewalttätigkeit. Und dann wieder ist er ungeheuer klar, friedlich, versöhnlich, benutzt einfach seine Intelligenz, um die Familie überleben zu lassen.

Am Schluss geht Sivasaami für den Sohn ins Gefängnis. Und hier gibt es die einzige deutlich ausgesprochene Botschaft des Films, einen Auftrag eines Vaters an seinen Sohn. Und es hat nichts mit Gewalt zu tun, ist jenseits davon. Die Antwort auf das Elend ist Lernen, Bildung, ein einflussreicher Job. Es geht ja in ASURAN auch um den legalen Kampf gegen die Großgrundbesitzer, die sich langsam in unser modernes agrarisches Groß- und Globalkapital verwandeln. Prakash Raj spielt den zentralen Anwalt der Story. Die Gesetze sind ja da. Sie müssen nur vertreten, angewendet und durchgesetzt werden. Und der Sohn hat begonnen, den Vater zu begreifen. ASURAN ist ein ebenso direkt wirkender wie fast abstrakter Film über einen Lernprozess, an dessen Ende das Verstehen der eigenen Situation und das daraus folgende richtige Verhalten steht.

Sonntag, 27. Dezember 2020

PAAVA KADHAIGAL – Die seelische Leere der Ehre

 

Auf Netflix erscheint PAAVA KADHAIGAL (2020) als kleine vierteilige tamilische Serie, jeder 35-minütige Abschnitt mit jeweils eigenem Vor- und Nachspann, aber eigentlich handelt es sich um einen Episodenfilm, in dem die Einzelteile lose thematisch verbunden sind. Der eher seltsame Titel PAAVA KADHAIGAL (2020), also „Sündhafte Geschichten“, könnte irgendwie übrig geblieben sein von dem ursprünglichen Plan, ein Remake des Hindi-Episodenfilms LUST STORIES (2018) zu machen. Und eigentlich hat man das Thema umgedreht. In einer Gesellschaft mit engmaschigen Kasten- und Moralregeln erscheint normal menschliches Verhalten schnell als sündhaft. Hier handelt es sich übrigens um die erste tamilische Eigenproduktion von Netflix, wo ja leider immer noch ein großes Übergewicht an Hindi-Filmen herrscht.

PAAVA KADHAIGAL enthält vier Geschichten mit sozial-politischer Thematik, und wenn man schon einen Katalog gesellschaftlicher Probleme abarbeiten will, dann tatsächlich am besten auf die episodische Art. Eins nach dem anderen in einer abgeschlossenen Geschichte. Es gibt ja bei uns heutzutage gerne die Tendenz, in Filmen und Serien die cool angesagten Sorgenthemen strichlistenartig abzuarbeiten, um im Sinne der staatspolitisch wertvollen Kultur der Problem- und Bevölkerungsdiversität möglichst alles in einem Werk unterzubringen, ganz ohne Rücksicht auf Dramaturgie und erzählerisches Gleichgewicht. Aber zurück nach Südindien.

Der gemeinsame Nenner der vier Filme auf PAAVA KADHAIGAL ist die sogenannte Ehre, die ja in dem Wort Ehrenmord auftaucht, das man ruhig benutzen sollte, wenn man denn diese Ehre als geistige Perversion definiert. Es geht vorwiegend um Eltern und um Kinder, deren reine Existenz plötzlich ein Stigma, einen Schandfleck im engmaschigen Netz der gesellschaftlichen Normen darstellt. Mord ist da eine ganz logische Lösung. Und so sehr in diese Verbrechen auch religiöse Vorschriften und Gesetze hineinspielen, vollzieht sich der Mechanismus auf einer rein gesellschaftlichen, materiellen Ebene. Aber es ist ein ambivalentes Thema, und da sollte jeder in sich selbst hineingucken, um die eigenen Dämonen zu sehen. Und auch die entsprechende Episode „Vaanmagal“ macht es sich nicht leicht. Denn wenn etwa ein Bruder den oder die Vergewaltiger seiner Schwester umbringt, nicken wir da nicht vielleicht zustimmend, spüren ein bisschen Befriedigung angesichts der vollbrachten Gerechtigkeit? Aber das ist doch auch ein Ehrenmord!

Ein verbreitetes Verhalten herauszuholen aus der Normalität, das macht PAAVA KADHAIGAL inhaltlich bedeutsam. Die Geschehnisse wirken in der verkürzten Form umso heftiger, da sie nicht durch endlose Erzählebenen überlagert werden, die die Laufzeit eines Spielfilms füllen sollen. Rein filmisch hat mich allerdings nur ein Beitrag wirklich beeindruckt. Vieles ist eben sehr vorhersehbar, da es möglichst grässlich und schwer erträglich sein soll.

Sehr vorhersehbar ist „Oor Iravu“ von Vetrimaaran, nur dass es ganz bewusst weit über die Schmerzgrenze hinaus geht. Ein Vater lockt die schwangere Tochter zurück ins Heimatdorf, um sie da zu vergiften. Das Gift wirkt anders als gedacht, und es gibt einen unendlich langen Todeskampf. Dabei ruht die Kamera die meiste Zeit auf dem Vater, gespielt von Prakash Raj, der eine beängstigende, seelenlose Präsenz entwickelt und neben den vielen ausgezeichneten Darstellern die bleibende Erinnerung des Gesamtfilms ist.

In „Thangam“ von Sudha Kongara, geht es um einen jungen homosexuellen Mann, der eine Frau sein will und Geld für eine Operation spart. Er opfert sich für seine Schwester und seinen Freund, die gemeinsam durchbrennen und in der Großstadt heiraten. Ein Jahr später erfahren sie, dass der Bruder und Schwager umgebracht wurde. Interessant an dem Film ist, trotz der vorhersehbaren Handlung, die Charakterisierung des jungen Mannes, der sich in seiner Angst und Verlorenheit ein prophylaktisch aggressives Verhalten angewöhnt hat. Er hat sich in seinen besten Freund verliebt, was kein Wunder ist, da dieser vermutlich der einzige Mensch ist, der jemals wirklich nett zu ihm gewesen ist. „Vaanmagal“ von Gautham Menon schildert das Dilemma einer glücklichen Familie angesichts des Problems, wie sie mit der Vergewaltigung der 12-jährigen Tochter durch Freunde des Bruders umgehen soll. Kein einfacher Weg wird aufgezeigt, es sei denn, man befreit sich von der Angst darüber, was die anderen sagen, man erkennt das Konzept der Ehre als Konzept der kollektiven Unterdrückung an.

„Love Panna Uttranum“ von Vignesh Shivan ist der Beste der vier Filme. Ein Politiker muss gegen seine Überzeugung handeln und lässt seine Tochter und deren Freund umbringen. Da reist die Zwillingsschwester aus der Großstadt an. Diese Episode meidet den reinen Sozialrealismus und legt angesichts eines bedrückenden Themas keine falsche, ehrfürchtige Pietät an den Tag. Sie führt nicht in die geistige Verzweiflungssackgasse. Durch kruden Humor und einen Sinn für das Absurde ist Shivan so dem Wahnsinn des Kastensystems besser auf der Spur als die, die einfach nur zeigen, was da ist. Der Politiker, der mit Kaste Wahlkampf macht, ist plötzlich im eigenen Haus wie ein Gefangener der in der Vergangenheit selbst herbeigerufenen Dämonen.