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Sonntag, 21. Juni 2020

Anubhav Sinhas MULK – Sippenhaft und Kollektivverdacht


Vor ARTICLE 15 (2019), über den nach wie vor vielerorts rechtlosen Status der Dalit, und THAPPAD (2020), über Gewalt in der Ehe, drehte Regisseur Anubhav Sinha den Hindi-Film MULK (2018) mit Rishi Kapoor und Taapsee Pannu in den Hauptrollen. MULK ist ein politischer Film über Familie, Religion und Terrorismus, über den Platz von Moslems in Indien, der im Zuge des Hindu-Nationalismus unsicherer geworden ist. Es geht um eine moslemische Familie, eine Joint Family in Benares, in einem religiös gemischten, aber mehrheitlich von Hindus bewohnten Viertel. Das inoffizielle Familienoberhaupt, Murad, ist Anwalt, dessen Bruder hat einen kleinen Elektronikladen. Die Schwiegertochter, ebenfalls Anwältin, ist angereist aus London. An Murads Geburtstag sieht man, wie die Familie mit der Nachbarschaft einträchtig feiert, aber am nächsten Tag wird Murads Neffe als Mittäter bei einem schweren Terroranschlag von der Polizei erschossen. Die Familie wird ermittlungstechnisch beleuchtet, und die naive Blauäugigkeit, mit der sie tatsächlich nichts mitbekommen haben, führt zu Anklagen und einem sippenhaftartigen Schauprozess, der vor allem der Abschreckung dienen soll. Auch das Verhalten des Umfeldes wird feindlich und misstrauisch.

MULK beruht, wenn auch nur im Kern, auf einem wahren Fall aus Kanpur in Uttar Pradesh, auf den Sinha durch einen Zeitungsausschnitt aufmerksam wurde. Am 9. März 2017 wurde in Lucknow nach 12-stündiger Belagerung der Terrorist Saifullah Khan erschossen. Er war mitverantwortlich für den Anschlag auf den Passagierzug Bhopal-Ujjain, bei dem 10 Menschen verletzt wurden. Saifullah hatte zwei Monate zuvor nach einem Streit mit Vater Safir Khan das Haus verlassen und wurde gemeinsam mit einem Freund Terrorist. Safir Khan verweigerte die Entgegennahme des von Kugeln zerfetzten Körpers von Sohn Saifullah, da er ein Verräter seines Landes sei und so einer könne nicht sein Sohn sein. Er wolle aber auch Beweise sehen. Von diesem Ereignis hat MULK eine der großen Schlüsselszenen entlehnt, nur dass hier die Mutter des Terroristen im Inneren des Hauses schon weinend diese Ablehnung herausschreit, und dann Murad als Onkel vor der Tür in aller Öffentlichkeit diesen Akt der demonstrativen Distanzierung vollzieht. Auch die Feindseligkeit der Nachbarschaft gegen die Familie, Steinwürfe, alles, was der Film in dieser Hinsicht zeigt, hat es in Wirklichkeit gegeben.

MULK ist ein Film, der es sich nicht einfach macht, weder in die eine noch in die andere Richtung. Einerseits nimmt er Moslems gegen Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft in Schutz. Aber andererseits erzählt er auch nicht eine einfache Opfergeschichte. Der Film enthält immerhin genug Ambivalenz, damit Pakistan ihn verboten hat. Da ist beispielsweise die Schwiegertochter, eine Hindu, die sich scheiden lassen will, da der moslemische Ehemann eine Festlegung auf den Islam noch vor der Geburt von Kindern verlangt. Und es gibt auch moslemische Terror-Sympathisanten in Indien, wie bei einigen Gläubigen von Murads Moschee, die für den vermeintlichen Märtyrer beten wollen. So etwas lässt der Film nicht aus. Denn Filmen, die so etwas auslassen, muss man mit Misstrauen betrachten. Dann haben sie etwas zu verbergen und sind nicht aufrichtig. Sinha bemüht sich jedenfalls ohne Schablonen um ein reales, ausgewogenes Porträt einer Familie, einer Nachbarschaft, eines Staates.

Als Vergleich bietet sich ein Film an, den ich ziemlich zeitgleich mit MULK gesehen habe, der hingegen es sich einfach macht. Arun Karthicks NASIR (2020) war kurz auf einem der Corona-Internetfilmfestivals zu sehen. Unter dem europäisch finanzierten Deckmantel des Realismus tut die Geschichte denen, für die sie vermeintlich erzählt wird, keinen Gefallen. Ein einfacher moslemischer Angestellter geht seiner Arbeit nach und begegnet auf dem Nachhauseweg einem aufgehetzten Hindu-Mob und wird totgeprügelt. Was in der Vorlage, der Kurzgeschichte von Dilip Kumar (nur eine zufällige Namensähnlichkeit mit dem größten aller indischen Filmschauspieler), vermutlich ein kleiner poetischer und schockierend endender Ausschnitt aus dem Leben eines Mannes ist, bekommt im Kino ganz andere, allgemeingültige Dimensionen. Da ist einmal ein echter Vorbildmensch, arbeitsam, kultiviert, liebevoll, poetisch. Ein bemitleidenswerter Mensch, der den ganzen Hinduismus um sich herum ertragen muss. Und die bösen Hindus reden immer nur über unanständige Sachen und sind fürchterlich verkommen. Humanistische Propaganda ist auch Propaganda. NASIR ist im Grunde europäisch mitfinanzierte Anti-Hindu-Propaganda versteckt unter dem Siegel des Arthouse-Films. Würde man die Geschichte anders herum erzählen, etwa ein Hindu oder Christ in Pakistan, käme sofort der Vorwurf der „Islamophobie“.

Einen großen Raum nimmt in MULK der Prozess ein. Sartaj Khan ist wohl in irgendeiner Form auch vor Gericht gezogen, aber der Prozess in MULK ist Fiktion. Diese Anklagen und Verhaftungen hat es nicht gegeben. Das hat Anubhav Sinha bewusst auf die Spitze getrieben. Es geht ihm um etwas anderes, um Grundsätzlicheres, ganz einfach um die konkrete Frage des Kollektivverdachts, der an sich in weiten Kreisen der indischen Bevölkerung gegen indische Moslems existiert. Daher sind große Teile des Prozesses rein rhetorisch und haben eine Funktion. Der Film kritisiert zwar nicht die Tatsache, dass die Familie durchleuchtet wurde, aber er unterstellt den Behörden eine absichtlich einseitige Sicht, die den Prozess nicht auf Fakten, sondern auf Propaganda fußen lässt. Die Frage ist: Wie beweist man das Gegenteil? Wie beweist man Patriotimus, Zugehörigkeit, Heimatgefühl in Indien, dass man nicht mit dem Terroristen-Staat Pakistan sympathisiert. Anstatt die Familie nur für ihre Ahnungslosigkeit, ihre falsche Rücksicht zu kritisieren, arbeitet die Anklage mit einer Kollektivanklage, indem sie alles auf unwiderlegbare Verallgemeinerungen und unbewiesene Behauptungen gründet.

Sinha arbeitet mit einem beweglichen, fließenden Stil über 135 Minuten, und entgeht mit Hilfe von innerer Spannung und authentischer Lebendigkeit den Fallen des Thesenfilms, des Betroffenheitsfilms, den man nur für die Botschaft dreht. Allein am Anfang das Porträt der Familie mit einer beweglichen Kamera, dem Wechsel der Figuren hat echte Eleganz. Dann ist Sinha ganz dicht dran beim Wirbel um den Terroristen, die Schießerei, die Polizei, die Medien. So kann er es sich erlauben, den Prozess etwas statisch sein zu lassen, was Prozessfilme aber nun mal so an sich haben.

Taapsee Pannu spielt die weibliche Hauptrolle als Anklägerin, die gegen den aggressiven Stil des Staatsanwaltes den richtigen Ton finden muss. Aber der Film gehört vor allem den Darstellern der Brüder. Rishi Kapoor, der bis zu seinem Tod immer besser wurde, ist ernst, sachlich, würdevoll. Er verzichtet darauf, die Figur künstlich sympathisch zu machen, lässt ihn nur bei der Party am Anfang lächeln und lachen. Er biedert sich nicht an, bettelt nicht , lässt sich nicht zum Opfer machen. Ein Mann, der sich die ganze Zeit seine Würde bewahrt. Und Manoj Pahwa als der Darsteller des zuerst verhafteten und angeklagten Bruders Bilaal, Vater des Terroristen, hat hier einmal eine richtig große angemessene Rolle, ist mit der tragischen Figur des Films, die sich in seiner eigenen Nachlässigkeit verheddert sieht, fast der heimliche Hauptdarsteller. Pahwa verwandelt die Schwäche der Figur in großes mitleiderregendes Pathos.

Samstag, 23. Mai 2020

Anubhav Sinhas THAPPAD – Plötzlich fremd


Anubhav Sinhas THAPPAD (2020, dt.: Der Schlag) ist ein Film über die Ehe, die indische Ehe vorwiegend, aber mit vielen allgemeingültigen Aspekten. Zunächst werden mehrere Ehepaare und Beziehungen gezeigt. Im Mittelpunkt steht dabei die nicht mehr ganz junge Ehe von Amrita und Vikram. Die an Diabetes erkrankte Schwiegermutter ist mit im Haus. Und Vikram ist im Beruf endlich auf dem Weg nach ganz oben, die beiden sind sogar fast auf dem Weg nach London. Schafft man das, dann hat man es geschafft. Nur New York gilt als noch besser. Sie hat sich ganz in den Dienst seiner Karriere gestellt, was er für selbstverständlich nimmt. Aber sie selbst auch, denn sie betrachtet ihre Hausfrauenrolle als ihre eigene Entscheidung. Brav weckt sie ihn, bringt ihm Morgenkaffee ans Bett, trägt ihm seine Sachen bis ans Auto – Tasche, Essen, Portemonnaie. Es gehört zum Ritual. Die große Stärke des Films, der einen ruhigen Rhythmus hat, ist die stille, unrhetorische Beobachtung, die vieles freilegt, ohne es überdeutlich auszusprechen.

Auf einer Party, bei einer wütenden Auseinandersetzung zwischen Vikram und einem seiner Vorgesetzten, versucht Amrita dazwischenzugehen und bekommt eine Ohrfeige vom rasenden Gatten. Und alle in Amritas Umgebung meinen, sie solle die Sache nicht so hoch hängen. Dass diese Reaktion keine bösartige Fiktion von Anubhav Sinhas Seite ist, zeigt eine erhellende Äußerung von Ahmed Khan, dem Regisseur des Films von BAAGHI 3, der eine Woche nach THAPPAD im März 2020 Kinopremiere hatte. Khan hatte in einem Anflug von Futterneid über das vermeintlich öde Thema des Films gemault, dass die Frau einfach zurückhauen solle und dann sei es gut. Aber abgesehen davon, dass das die Institutionalisierung von gegenseitiger Gewalt in der Ehe ist, ist der Schlag an sich gar nicht das, worauf sich THAPPAD konzentriert. Entscheidend ist das, was die Ohrfeige auslöst, denn die Ehefrau schaut plötzlich mit sie selbst erschreckender Klarheit auf ihre Situation und sieht auch ihre eigenen falschen Entscheidungen, die dieses schiefe Machtverhältnis, und um nichts anderes geht es hier, in ihrer Ehe herbeigeführt hat.

Und direkt nach der Ohrfeige wird der Film ganz still, denn Amrita ist geistig woanders, steht zunächst unter Schock, spürt die totale Einsamkeit, denn niemand ist auf ihrer Seite. Sie beginnt, auf Vikram wie auf einen Fremden zu schauen, vor allem, wenn er wieder einmal nur von sich redet. Er kreist ständig um sich selbst, etwa um seine festen Lebensziele, aber sie kreist nicht mehr mit und entfernt sich immer mehr von ihm. Und er selbst hat sie aus seiner Umlaufbahn herauskatapultiert. Er wird ihr fremd, die Liebe verschwindet. Und diese Entwicklung führt zu einigen der stärksten Momente des Films. Überhaupt ist der Film am besten, wenn er still und ohne viele Worte das Innenleben der Figuren fühlbar, verstehbar macht. Und da ist die Zusammenarbeit von Hauptdarstellerin Taapsee Pannu und Regisseur Sinha ganz wunderbar. Ihre Verstörung wird für den Zuschauer deutlich sichtbar gemacht. So seltsam ironisch es ist, aber der Schlag hat sie aus einem unnatürlichen Verhalten der Selbstentmündigung und Selbstauslöschung befreit. Die Frage, ob sie ihm verzeihen kann oder nicht, wird dadurch völlig bedeutungslos.

Solch eine Art von Film war angesichts der PR-Kampagne nicht zu erwarten. Werbung kann ja auch das Gegenteil bewirken. Die für THAPPAD (2020) ließ Schlimmes vermuten. Die Kerninfo wurde etwa so geliefert: „Eine Ehefrau bekommt auf einer Party von ihrem Mann eine Ohrfeige und will sich danach scheiden lassen.“ Und dann eine rhetorische Frage nach dem Muster „Ist das Grund genug?“. Das Ganze hörte sich also zunächst mal nicht nach einem Film, sondern nach einer ermüdenden, gesellschaftlich progressiven, sozial wertvollen Diskussionsveranstaltung voller gestellter und gestelzter Leinwandrhetorik an. Botschaftskino eben. Und natürlich gibt es diese rhetorischen Teile, aber sie beherrschen nicht den Film. Zielpublikum ist insbesondere die selbstsichere Mittel- und Oberschicht. Etwas unbeabsichtigt, hoffe ich zumindest, erweckt der Film gleichzeitig den Eindruck, dass in den unteren Schichten sowieso alle Frauen geschlagen werden. Und Sinha hat in den Diskussionen genug subversive Inhalte untergebracht. Einmal fällt der Satz, dass, wenn eine einzige Ohrfeige schon zur Scheidung führe, müsste mehr als die Hälfte aller indischen Ehefrauen gehen. Da wird sogar eine Art Statistik geliefert.

Die Rhetorik entwickelt sich durch die vielen anderen Figuren des Films, hauptsächlich Familienangehörige, also Eltern, Schwiegereltern. Sie reden untereinander oder mit den beiden Betroffenen. Die Argumente an sich sind vorhersehbar, aber interessant ist es, wer sie wie vorbringt. Selbst die aktive, aber auch desillusionierte Frauenrechtsanwältin rät Amrita, es gut sein zu lassen. Die Eltern sowieso. Aber es ist nicht nur Angst um die Fassade, der Wunsch nach Aufrechterhaltung einer gewohnten Ordnung. Es gibt einen besonderen Grund, warum fast alle ihr aktiv einreden wollen, eine Ehe fortzusetzen, die sie mit der ganzen Faser ihres Wesens nicht mehr fortführen will. Es ist die Angst vor Ansteckung. Ihr Verhalten hat eine Verstörung ausgelöst. Bei den Frauen kommen Zweifel am eigenen Lebensentwurf auf. Die Männer sehen ihre Position gefährdet. Und das merkt man den Figuren an. Der Film nimmt sich die Zeit dafür. Die Kritik am Tempo von THAPPAD ist daher eine idiotische Kritik am Wesen der besten Teile des Films. Denn dann bekommt er mitunter eine uneindeutige, fast unheimliche Atmosphäre, erzeugt durch das unangenehme Gefühl der Figuren, aus dem Alltag, und nicht zuletzt seinen vielen Illusionen, herausgeschoben worden zu sein, einen Riss in der Fassade zu sehen, der sich nicht schließen lassen will und auf den man aber unablässig und wie hypnotisiert starrt.

Gegen Ende mündet alles in eine juristische Auseinandersetzung, bei der noch ein bisschen spannendes Empörungspotential aktiviert wird, aber wo an sich dem Ganzen nicht viel hinzufügt wird. Amrita hat noch ein paar Monologe, wo die Figur ihr Denken zusammenfasst. Und am Schluss sind alle etwas klüger geworden. Das bedeutet aber auch, dass es sogar noch eine zweite Scheidung gibt. Ein indischer populärer Film, der so sehr die Ehescheidung fast propagiert, braucht als Ausgleich wohl auch ein kleines bisschen positiven Bollywood-Zuckerguss. Deshalb dürfen die unheilbaren Optimisten unter den Zuschauern dem frisch geschiedenen Paar noch eine zweite Chance wünschen. Denn Vikram will jetzt jemand werden, der Amritas würdig ist. Was auch immer diese Worthülse enthält. Wenn denn überhaupt was drin ist.

Donnerstag, 4. Juli 2019

Anubhav Sinhas ARTICLE 15 – Der Sumpf der Ausbeutung

Der Regisseur von ARTICLE 15 (2019) ist Anubhav Sinha, aber viele schreiben den Film gerne dem Hauptdarsteller zu, sodass von „Ayushmann Khurranas ARTICLE 15“ die Rede. Und natürlich ist er, wie ja eigentlich immer, perfekt, diesmal als sehr ruhiger, zwischendurch zweifelnder, aber im Endeffekt unerschütterlicher Polizeioffizier, der in die tiefste Provinz von Uttar Pradesh abkommandiert wird und gleich auf einen Mordfall stößt, den man schnellstens vertuschen will und daher gleich für zwei unschuldige Täter sorgt. Dabei ist es natürlich nicht irgendeine schauspielerische Leistung alleine, denn so was reicht nicht aus für einen Film. Es liegt daran, dass alles sehr schön aufeinander abgestimmt ist. Es gibt eine Einheit aus Hauptfigur, Handlung und Atmosphäre.

ARTICLE 15 ist ein ruhiger Film, der, und das ist das Interessanteste, ganz und gar auf die üblichen Spannungsmomente verzichtet, sodass die Erwartungen, die man als Zuschauer so standardmäßig hat, direkt unterlaufen werden, ohne dass es frustriert. Es ist mir auch erst hinterher aufgefallen. So wird beispielsweise immer wieder betont, wie gefährlich die Ermittlungen wären, aber der Held ist nicht ein einziges Mal wirklich in Lebensgefahr. Es gibt zwar einen Brandanschlag auf einen Polizeiwagen, aber der war nur eine kalkulierte Warnung, bei der niemand zu Schaden kommen sollte. Es fehlt sogar der charismatische Bösewicht. Das Böse ist hier ganz alltäglich. Dadurch kann man es als Zuschauer schwerer von sich selbst wegschieben.

Das Böse scheint eher in der ganzen Umgebung zu herrschen. Und da macht der Film Anleihen beim amerikanischen Thriller des US-Südens, Southern Gothic genannt. Die erste Staffel von TRUE DETECTIVE (2014) dürfte das bekannteste Beispiel der letzten Jahre sein. Man könnte auch an die ländlichen Thriller aus Korea, wie Bon Joon-hos MEMORIES OF MURDER (2003), denken, wo nichts furchteinflößender wirkt als die weiten, im Sonnenlicht strahlenden Getreidefelder. Das alles ist immer auch ein bisschen metaphorisch. Das Grauen unter der schönen Oberfläche. Oder der Sumpf des Verbrechens, der menschlichen Abgründe, als hätte Gott dies alles bedeutungsvoll in die Landschaft hinein skulptiert. 

Da ist die düster-schöne Atmosphäre aus gelb-blau-grünlichem Halbdunkel, wo alles zur Silhouette wird und darüber hängt im Gegenlicht der Nebel. Im Gegenlicht hängen auch die beiden Kinder, die irgend jemand nach mehrmaliger Vergewaltigung öffentlich zur Schau gestellt hat. Da ist der große, weite Sumpf, durch den die Suchtrupps auf der Suche nach einem dritten Kind waten müssen, um auf eine Insel zu gelangen. Überall scheint eine geheimnisvolle Bedrohung zu lauern. Und vor allem ist da der einsame Ermittler mit dem besonderen Einfühlungsvermögen, der telepathisch zu sehen, zu spüren scheint, was an einem Tatort, oder einem vermeintlichen Tatort, geschehen ist.

Aber in dieser sehr internationalen Ästhetik und Dramaturgie existieren sehr indische Probleme. Das allererste Bild zeigt zwei schreiende, verängstigte Mädchen in einem Bus. Die Opfer sind zwei Dalit-Mädchen und bei der Tätersuche kommt man immer näher an einen einflussreichen Mann, einen ausbeuterischen Unternehmer, denn in ARTICLE 15 wirkt es, als seien die religiösen Vorurteile, die man gegenüber Unberührbaren hat, heutzutage nur noch ein Vorwand sind, um eine ökonomische Ausbeutung fortzusetzen, um eine Klasse an Menschen zu haben, die sehr billig sehr dreckige und sehr gesundheitsschädliche Arbeit ausführen. In einer Szene sieht man einen Arbeiter einen Straßenabfluss reinigen. Ohne jeden Körperschutz taucht er hinab in die kackbraune Brühe. 

Aber durch einen Streik sind sie andererseits in der Lage, das gesamte zivile Leben lahmzulegen. Vereinigt sind sie stark. Das ist eine theoretische Macht, die für die Herrschenden unangenehm werden kann. Also kommen Brahmanen-Politiker und verbrüdern sich, essen gemeinsam, um die Wählerstimmen abzugraben und die Situation zu befrieden. Und natürlich tut der Film nicht so, als hätte sich gar nichts geändert in den letzten Jahrzehnten. Und es gibt ja auch Artikel 15 in der indischen Verfassung, der das „Verbot der Diskriminierung aus Gründen der Religion, der Rasse, der Kaste, des Geschlechts oder des Geburtsorts“ festlegt. Aber es ist eben nicht so, als gäbe es das Problem nicht mehr, wie manche gerne glauben machen wollen.

Ganz nebenbei hat der Film einige wirklich komische Szenen, ohne dass es angesichts des Themas unpassend wirkt. Der beste Moment ist aus dem Leben gegriffen: Ganz gegen das Gesetz befragt einmal der Befehlshabende seine Untergebenen nach ihrer Kaste und wer dann über oder wer unter wem steht. Das ist eine absurd-komisch Rangordnungs-Gleichung, die da aufkommt. So tritt das ganze Gewirr eines komplizierten, kaum durchschaubaren Hierarchiegeflechts zutage, dass durch diese alltägliche Diskussion seine Absurdität offenbart. Ein System, was ursprünglich jedem einen zu ihm passenden Platz in der Gesellschaft gab, und nicht auf Geburt beruhte. Um Paramahansa Yogananda zu zitieren: „Das Kastensystem bedeutete ursprünglich keinen erblichen Stand, sondern eine Einstufung gemäß den natürlichen Fähigkeiten des Menschen.“ Irgendwann wurde es zu einem starren, vererblichen Herrschaftssystem. Aber diese erwähnte Szene ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Kasten-Thematik in den Film integriert wird, ohne dass es öde didaktisch wird.

Da mir übrigens nicht viele populäre Filme über dieses Thema einfallen, und anderen vielleicht auch nicht, will ich mal zwei Klassiker empfehlen, interessanterweise beide von Bengalen mit zwei allerdings grundverschiedenen Ansätzen. Der eine ist der bengalische Film ERLÖSUNG (SADGATI) von Satyajit Ray, den er 1981 für den staatlichen Sender Doordarshan drehte. Om Puri und Smita Patil spielen ein Dalit-Ehepaar, das die Hochzeit der Tochter organisieren und daher einen günstigen Termin genannt haben will. Doch der zuständige Brahmanen-Priester lässt den Mann erst einmal eine unmögliche, physisch viel zu anstrengende Arbeit ausführen, bei der er stirbt. 

Wesentlich poetischer, wenn auch zwischendurch voller psychischer Grausamkeit, ist Bimal Roys SUJATA (1959) mit Sunil Dutt und Nutan. Hier wird von einem Ehepaar ein Dalit-Baby adoptiert, was allerdings schwierig wird, als diese älter wird und in das heiratsfähige Alter kommt. Eine vorurteilsvolle Tante – Lalita Pawar in einer ihrer bewundernswert grässlichen Rollen – macht das Ganze noch schlimmer. Bimal Roy mischt dieses gesellschaftliche Drama mit Märchenhaftem, da er die besondere Nähe des Dalit-Mädchens zur Natur betont, wodurch er aus ihr eine Art Prinzessin macht. Sunil Dutt als junger Mann, der sich in sie verliebt, ist der Einzige, der das erkennt.

Übrigens wirkt ARTICLE 15 auch ein bisschen wie ein autobiografischer Film über die Karriere des Regisseurs, der ja nicht gerade mit kontroversen Stoffen begonnen hat. Denn der Polizeioffizier des Films hat eine Freundin, zu der er ein etwas gespanntes Verhältnis hat, denn sie ist politische Aktivistin, während er sie zwar theoretisch unterstützt, aber selbst nicht sicher ist, ob er diese Absolutheit in seinem Leben will. Doch schließlich entscheidet er sich fürs Engagement und verbeißt sich in den Fall, kämpft unter Inkaufnahme persönlicher Schwierigkeiten auch gegen höchste bürokratische Widerstände an. Irgendwie spiegelt sich dieses Zögern in der Karriere des Regisseurs und Produzenten Anubav Sinha wieder. 

Sein bekanntester Film ist RA.ONE (2011), ganz amüsant, aber beileibe nicht der beste SRK-Film. Kein Wunder, dass ich den Regisseur damals gar nicht wahrgenommen habe. Oder er hat mit TATHASTU (2006) das eher fade Remake des Nick-Cassavetes-Films JOHN Q (2002) gedreht. Einen echt politischen Filme hat er dann 2014 zunächst nur produziert: GULAAB GANG, einen Feminismus-Film mit Madhuri Dixit und Juhi Chawla. Erst sein letzter Film war echt engagiert. MULK (2018) mit Rishi Kapoor und Taapsee Pannu über die Verfolgung einer unschuldigen moslemischen Familie, von denen ein Mitglied einen Terroranschlag verübt hat. Und jetzt eben ARTICLE 15. MULK habe ich leider nicht gesehen, aber bei ARTICLE 15 hat man das Gefühl, dass die kontroversen Themen kreative Energie freigesetzt haben. Ich bin gespannt auf die nächsten Filme.