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Samstag, 19. Februar 2022

Shoojit Sircars SARDAR UDHAM – Die Ideologie des Revolutionärs

 

Am 13. April 1919 fand im Punjab, in Amritsar, ein brutales Massaker mit knapp 400 Toten statt. Die Briten hatten im Vorfeld eine Ausgangssperre mit Schießbefehl verkündet, aber niemand rechnete damit, dass die, wohlgemerkt, vorwiegend aus Indern bestehende Armee, auf friedliche Menschen, darunter viele Kinder und Alte, schießen würde.Versammelt hatte sich die große Menge in dem zu allen Seiten von einer Mauer verschlossenen Park Jallinwallah Bagh. Hauptverantwortlicher war der Vize-Gouverneur des Punjab, Michael O'Dwyer. Befehlshabender Offizier war Colonel Reginald Dyer. Hauptweck war, ganz einfach formuliert, erzieherischer Terror durch die Verbreitung von Angst, damit die Menschen zu Hause bleiben und gehorchen.

1940 wurde der inzwischen nach England zurückgekehrte O'Dwyer von einem den Kommunisten nahestehenden Attentäter erschossen. Aus diesem Stoff hat Shoojit Sircar mit SARDAR UDHAM (2021) seinen bis jetzt besten Film gemacht. Lange hatte er diesen Film geistig in Planung. Sircars Filme sind ja sehr wechselhaft. Er ist am besten, wenn es um Klares, Ernsthaftes, Politisches geht wie in YAHAAN (2005), MADRAS CAFE (2013) oder OCTOBER (2018). Bei einem Film wie GULABO SITABO (2020) allerdings, mit seinem schwer verdaulichen skurrilen Humor, wird er sehr schnell gewollt, verkrampft, banal und, ohne auch nur ansatzweise komisch zu sein.

Beginnend mit der Entlassung Udham Singhs aus dem Gefängnis nach einigen Jahren Haft, wird die auf Tatsachen beruhende Geschichte dieses Attentäters erzählt, wobei man sich natürlich dramaturgische Freiheiten nimmt. Gezeigt werden die Auswirkungen dieses schicksalhaften Tages auf einen glücklich verlobten jungen Mann.

Er ist aber vor allem geprägt von aktiver politischer Arbeit, denn der Sikh Singh gehört ja zu den Kommunisten. Er ist Teil des Umfelds des Märtyrers des antibritischen Widerstands Bhagat Singh, der bekanntlich nicht mit einer Gefängnisstrafe davonkam, sondern am 23.3.1931 wegen der Ermordung eines Polizisten hingerichtet wurde. Alles bleibt ganz persönlich. Das Innenleben Udham Singhs ist hier ebenso wichtig wie die äußeren Ereignisse. Ideologischer Unterbau der revolutionären Handelns ist eine Grundlage. Die Beziehung zu Bagath Singh ist vor allem eine persönliche, freundschaftliche, bei der man sich auch gemeinsam betrinkt.

Am Ende steht er Aug in Auge mit dem Tod. Eine äußerst lange Rückblende, die die Details des Massakers zeigt, ist die Schlüsselszene. Es ist eine starke Szene, die an die Grenze des Erträglichen geht, eine bewusst lange Szene, die kein Ende zu nehmen scheint, sodass man es kaum noch aushält als Zuschauer. Man versteht Singhs persönliche Involviertheit in dieses Kolonialverbrechen. Er kümmert sich wie ein Bessener um Verletzte, transportiert sie mit einer Schubkarre weg, immer mehrere auf einmal. Eine Anwohnerin hilft, dann bringt er die Menschen in ein riesiges,  restlos überfülltes Krankenhaus. Blut, Wunden, die Leichen und Verletzten liegen dicht beieinander und in engen Haufen zusammen.

Singh wird in London sogar Angestellter von O'Dwyer. Dieser gibt kein Wort des Bedauerns von sich. Er bemüht sich nicht einmal, eine Entschuldigung zu erfinden. Er ist überzeugt von der Tat, da sie ihren Zweck erreicht hat. Singh selbst zögert zunächst damit, zu töten. Er ist kein Killer, hat offensichtlich den Wunsch, den Verantwortlichen zu verstehen. Aber nach und nach sieht er das rettungslos Böse. Übrigens ja auch stellvertretend für die Zeit an sich. Den zeitlichen Rahmen bilden Radiosendungen, in denen es um Mussolini und Hitler geht.

Der stimmungsmäßig passende visuelle Rahmen wird durch eine abwechslungsreiche ausgeklügelte Nutzung von Licht und Schatten erzeugt, das ebenso weich-grell wie weich-weiß sein kann. Manchmal zerfasert es im Halbdunkel. Schneeweißes Licht fällt durch die Fenster der dunklen Räume. In Britannien, in Nordeuropa herrscht eine kühle Atmosphäre mit viel Schnee vor. Es berzeichnet die Abgründe, in denen der Revolutionär lebt, während der staatliche Mörder sich unter allen Umständen das Leben leicht macht.

Samstag, 20. Juni 2020

Shoojit Sircars GULABO SITABO – Gier, Geiz und Gähnen


Shoojit Sircar hat mit GULABO SITABO (2020) einen neuen Film gedreht, und das Drehbuch ist, wie könnte es anders sein, von Juhi Chaturweda. Und nach PIKU (2015) und VICKY DONOR (2012) haben sie gemeinsam wieder einen Film gemacht, der jeden Liebhaber des gepflegten, gedehnten, pseudo-bedeutungsvollen Feelgood-Kinos mit dem berühmten stillen Humor, ein anderes Wort für müdes Lächeln, mit banaler, aber penetrant zwei Stunden lang dargebrachter Botschaft, und mit einer sich anbiedernden Zeitgeist-Schlusspointe zu Begeisterungsstürmen hinreißen wird. Jeder, der von Film ein bisschen mehr erwartet, aber trotzdem zu viel Disziplin hat, um einfach auszuschalten, wird ständig auf die Uhr gucken, währenddessen über das faszinierend krasse Missverhältnis zwischen gefühlter und gemessener Zeit meditieren, und den Beginn des Nachspanns, das Beste am Ganzen, als Befreiung empfinden.

Alles dreht sich um ein altes Haus, einen alten Stadtpalast in Lucknows historischen Viertel. Das Haus ist ein verfallenes Überbleibsel aus der Vergangenheit, und Hauptfigur Mirza, 76 Jahr, ist sozusagen das menschliche Spiegelbild dieses Gemäuers. Mirza hat auf eine absurde Weise nur Geld im Kopf, klaut Glühbirnen und Fahrradklingeln und verkauft sie. Er träumt davon, endlich alles für sich zu haben, denn genau genommen gehört nichts ihm, sondern seiner 18 Jahre älteren Frau, auf deren Tod er wartet. Dann gibt es da noch Mieter, die er am liebsten weg haben möchte. Und dazu gehört sein Gegenspieler, der Besitzer einer kleinen, schlecht gehenden Weizenmühle. Dazu kommt korruptes Interesse des Staates an dem Haus, vor allem der Denkmalbehörde. Und dazu kommt noch ein Kaufinteressent. Alles ist nach dem Motto viel Lärm um nichts künstlich konstruiert, da kann man schnell das Interesse an Menschen und Geschichte verlieren. Ich weiß nicht, ob man den vollen Überblick behalten kann, wenn man sich denn bemüht.

Konstruiert und künstlich ist auch und vor allem das Spiel von Amitabh Bachchan, dem grobe Gesichtszüge als Maske ins Antlitz gepflanzt wurde. Damit schlurft er dann langsam und gebeugt durch die Gegend, und es ist, als würde er so den ganzen Film niederdrücken. Ob er den trägen Rhythmus des Films beeinflusst hat oder ob er sich angepasst hat, ist schwer zu beurteilen, aber das eine bedingt irgendwie das andere. Aber egal, wie herum, das alles kriecht so selbstverliebt träge dahin, dass man ihn, genauso wie den Film, anschieben möchte. Auch Ayushmann Khurrana als Mann mit der Mühle, mit Bauchansatz, hat sich ein bisschen schwerer gemacht als sonst. Aber das sind isolierte Solonummern. Da ist keine Figur, für die man sich wirklich interessiert. Selbst die 94-Jährige, die mit einer alten Liebe durchbrennt, ist mehr ein Drehbucheinfall, als dass man wirklich dran glaubt. Eine Drehbuchpointe, bei der man das Klappern der Tastatur zu hören meint.

Alles plätschert dahin zum Rhythmus der Musik, bis man sie nicht mehr hören kann. Da ist eine einzige Szene, bei der man aufwacht, bei der ganz kurz Hoffnung aufkeimt: Wenn die Mauer zur Toilette nach einem Tritt plötzlich einstürzt, während einer drin sitzt. Da denkt man, jetzt geht es los. Das ist die Initialzündung, damit irgendwas passiert. Komik, Absurdität, Tragik, Satire, Slapstick, was weiß ich... Die kurz gekeimte Hoffnung geht schnell wieder ein. Es bleibt die völlig leblose, teilnahmslos wirkende Verfilmung eines durchkomponierten Drehbuchs, das sich zu keiner einzigen authentischen Emotion aufraffen kann und sich stimmungsmäßig für die unendliche Schwerfälligkeit entschieden hat. Eine Schwere, die man physisch zu spüren meint. Ein schönes Beispiel dafür, dass ein Film nicht die Summer aller Einzelteile, sondern etwas mehr ist, und dass ein mustergültig konstruiertes Drehbuch allein nicht ausreicht.

Montag, 14. Januar 2019

Shoojit Sircars OCTOBER – Keine Liebesgeschichte



OCTOBER (2018) ist Varun Dhawans Film. Natürlich sind da noch andere gute Darsteller. Aber sämtliche emotionalen Qualitäten des Films hängen an der Art, wie er die Hauptfigur Dan spielt, einen ziemlich unausstehlichen Kerl, der am Anfang nichts und niemanden mag und vermutlich vor allem nicht sich selber. Nicht, dass Dhawan sich egomanisch in den Vordergrund spielt. Ganz im Gegenteil. Er betont die Leere und Bedeutungslosigkeit dieses Dans, der sein Studium durch ein Praktikum in einem 5-Sterne-Hotel beenden soll. Selbst wenn er am Anfang des Films bei der Arbeit etwas Bösartiges sagt, murmelt er es nur halblaut in sich hinein. Und wenn er großkotzige Reden unten in der Wäscherei schwingt, wohin man ihn strafversetzt hat, bläht er sich nicht wirklich auf, sondern rattert Phrasen herunter, an die er selbst nicht glaubt. Dhawans wichtigste Leistung besteht darin, dass er als Bollywood-Star diese Figur Dan nicht mit seinem Hero-Charisma ausstattet. Obwohl die Figur Dan sich schon für etwas Besseres hält. Er erträgt es nicht, für andere zu arbeiten, Befehle entgegenzunehmen, unbedeutende Aufgaben auszuführen. Wobei es selbst für lockere Vorstellungen seltsam erscheint, was man ihm da in dem Nobelhotel einer Kette, die auch eine Filiale hinter Hamburgs Dammtor-Bahnhof hat, alles durchgehen lässt. Dies nur als kleine Randbemerkung zu der allgemeinen Begeisterung über den vermeintlichen Realismus von OCTOBER, im Sinne von Einfangen des wahren Lebens. Auf jeden Fall vermeidet OCTOBER jede Eindeutigkeit, um diesen Kerl zu verstehen, der sich mit dem, was er tut, nur selbst schadet. Und man muss dankbar sein, dass auch keine billigen psychologischen Erklärungen geliefert werden. Dans Vater ist in Kaschmir stationiert und dann taucht kurz die Mutter, eine scheinbar einfache und nette Frau, auf. Dabei bleibt es.

Und weil Dan am Anfang so ein arroganter, abgeschotteter Kotzbrocken ist, würde er es nie merken, dass da jemand ist, der ihn vielleicht mögen könnte. Als aber Kollegin Shiuli bei einer Silvester-Feier durch eine Ungeschicklichkeit von der Hotelterrasse des vierten Stocks fällt und im Krankenhaus im Koma liegt, fühlt er sich wirklich involviert, denn er erfährt, dass ihr letzter Satz lautete: „Wo ist Dan?“ Und aus irgendeinem Grund beginnt er, sich zu kümmern und immer öfter bei ihr im Krankenhaus aufzutauchen, direkt ein Teil der Familie zu werden. Es ist keine wirkliche Liebesgeschichte, die da erzählt wird, auch nicht, als Shiuli aufwacht und zumindest Augen und dann den Kopf bewegen kann. Wir wissen nicht, was Dan fühlt. Schuld, Mitleid, Liebe oder einfach die Entdeckung, dass er Gefühle hat, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. Oder er will, dass sie aufwacht, damit er endlich erfährt, warum sie auf der Party nach ihm gefragt hat. Aber es verändert ihn. Er nimmt plötzlich andere Menschen wahr. Aber diese moralische Erneuerung macht aus ihm keinen völlig neuen Menschen, schon gar keinen allseits beliebten Heiligen. Denn so wenig die Umwelt den alten Dan mochte, so wenig kann sie mit dem neuen anfangen. Denn wie schon zuvor ist sein Verhalten so gar nicht praktisch. Andere gehen zurück in ihre Routine. Er macht Shiuli zu seinem Lebensinhalt. Und die alltäglichen Szenen, die gar nicht viel erzählen, mit Dhawan allein, an Shiulis Bett oder nur mit einer anderen Person als Gesprächspartner sind die schönsten. Wenn er nur am Fenster steht, während es draußen regnet. Wenn er auf einem Rollstuhl herumturnt und mit einer Krankenschwester redet. Wenn er Shiuli ihren geliebten Nachtjasmin hinlegt. Wenn er abends eine Medizin holen fährt, die es im Krankenhaus gerade nicht gibt.

Aber diese Geschichte von Dan und von Shiuli ist eben nicht der ganze Film. Denn man versucht auch, medizinisch so präzise wie möglich zu sein, eine Familiengeschichte zu erzählen. Und so gibt es endlose Diskussionen und ärztliche Informationen. Alles sehr korrekt und wie in der Wirklichkeit, nur dass es dem Film nichts nützt. Es lähmt ihn emotional. Aber die vorherigen von Shoojit Sircar verfilmten Drehbücher von Juri Chaturvedi funktionierten schon nach diesem Prinzip des Themen-Films. Im Mittelpunkt steht jedes Mal ein zentrales, für indisches Kino ungewöhnliches Thema, das sachlich aufgearbeitet wird und das hinterher von den Zuschauern auf dem Heimweg diskutiert werden kann. Bei VICKY DONOR (2012) waren es Samenspenden und bei PIKU (2015) Verdauungsprobleme bei älteren Herrschaften. Das hat bis jetzt gut funktioniert, aber nicht unbedingt wirklich gute Filme hervorgebracht, bei denen das größte Vergnügen eigentlich darin besteht, den Schauspielern zuzugucken. Man guckt, bleibt aber distanziert. Aber selbst Amitabh Bachchan als Verstopfungsopfer in PIKU wird irgendwann ermüdend.

Man spürt in OCTOBER allerdings den Versuch, dem allzu Sachlichen entgegenzuwirken, denn es herrscht eine Atmosphäre von Uneindeutigkeit, die es in VICKY DONOR und PIKU nicht gibt. Zwar ist das schon im Drehbuch angelegt, aber erst Varun Dhawan unter der bewusst leicht manipulativen Regie von Shoojit Sorcar, der seinen Star geschickt und mit kleinen Tricks aus seiner Zone der Bequemlichkeit brachte, lässt diese Uneindeutigkeit wirklich zur Entfaltung kommen. Doch das Thema sorgt immer wieder für Sachlichkeit. Und wenn in der betroffenen Familie ein gefühlloser Onkel ist, der lieber früher als später den Stecker der Koma-Patientin ziehen möchte, dann soll nicht bezweifelt werden, dass es solche Onkels gibt. Aber dieser Onkel in diesem Film existiert nur für das Drehbuch, um Diskussionen und Widerstand auszulösen. Das ist von einer ermüdenden und vorhersehbaren Mechanik. Zur Ruhe kommt der Film erst, als Shiuli die Intensivstation verlässt, ein Einzelzimmer hat und dann nach Hause kommt. Da finden intime Gespräche statt, die die Kranke mit ihren Augen stumm verfolgt. Und immer wieder wird der Film von Naturbildern unterbrochen.

Und so zeigt Sircar dann seine Stärke als ausgezeichneter Regisseur der stillen Emotionen und des Lyrischen. Qualitäten, die man interessanterweise vor allem in zwei politischen Filmen findet, die für mich seine beiden besten sind, aber leider eben keine Erfolge waren: YAHAAN (2005) und MADRAS CAFE (2013). YAHAAN habe ich gerade zum ersten Mal gesehen, ein sehr schönes Melodrama in verwaschenen Farben, damit das geplagte Kaschmir nicht zu schön aussieht. „Kaum zu glauben, dass hier mal Shammi Kapoor getanzt hat“, sagt ein Soldat in Srinagar. Sogar Songs gibt es in der ersten Hälfte. Danach drehte Sircar Filme ohne Musik, was kein Problem ist, denn YAHAAN würde auch ohne die Lieder funktionieren, das sie sowieso ein wenig wie Pflichtübungen wirken. Und so sehr ich ein Anhänger des klassischen Hindi-Film-Songs in der Tradition von Raj Kapoor, Guru Dutt und Yash Chopra bin, ist es besser, gar keine Lieder in einem Film zu haben, wenn der Regisseur dazu denn keine Lust hat. Für OCTOBER wurde ohne Sircars Zutun allerdings ein Promovideo mit einem Lied gedreht, das aber im Film gar nicht auftaucht. Ganz ohne Lied geht es eben dann doch nicht.