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Montag, 18. März 2019

Sujoy Ghoshs BADLA – Wahrheit und Lüge

Amitabh Bachchan, dessen kraftvoller Rap-Gesang im Lied „Aukaat“ soeben den Vorspann von Sujoy Ghoshs BADLA (2019) unterlegt hat, geht im Anzug durch London, betritt ein Haus und darin den Fahrstuhl. In einem oberen Stockwerk klingelt er an einer Wohnungstür, die von Taapsee Pannu geöffnet wird. Die Situation ist schnell geklärt. Er ist der Anwalt Badal Gupta, der noch nie einen Fall verloren hat, und sie die Mordverdächtige Naina Sethi, eine erfolgreiche Geschäftsfrau mit Mann, Kind und Geliebtem, der umgebracht wurde. Und sie steht unter akutem Tatverdacht. Alles kommt langsam in Gang. Der Zuschauer begreift allmählich, worum es geht. In dieser ruhigen Atmosphäre folgen die ersten Rückblenden. Durch die Fragen des Anwalts entwickelt sich das Gespräch nach und nach zu einem Katz- und Maus-Spiel. Die überraschenden Wendungen schlagen im Verlauf des Films in immer größerer Häufigkeit ein, sodass man gegen Ende eine Zeitlang nichts mehr auseinander halten kann und alles anders ist als erwartet.

Grundlage ist ein mathematisch ausgeklügeltes Drehbuch, das mit den Erwartungen spielt, indem es Standards des Krimis und des Thrillers benutzt, die der allgemeine Zuschauer verinnerlicht hat, ohne dass man die genaue Quelle dafür kennen muss. BADLA ist ein klassischer Verhörkrimi, denn auch wenn es sich hier um Anwalt und Mandantin handelt, so ist die Gesprächssituation des Films eher die eines Kreuzverhörs. Da kann man an den ausgezeichneten, Maßstäbe setzenden französischen Film DAS VERHÖR (1982) denken. Und wenn ein Auto ganz langsam im Sumpf versinkt, dann wartet der eine oder andere sicher auf einen kurzen unbeweglichen Augenblick, eben weil es in Hitchcocks PSYCHO (1960) so passiert. Oder es gibt das Geheimnis des Mordes im von innen verschlossenen Zimmer, das scheinbar rein deduktiv, also durch Schlussfolgerungen aus den vorliegenden Tatsachen heraus, gelöst wird. Edgar Allan Poe setzte da mit seiner Geschichte „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ (1841) einen hohen Maßstab. Doch keine Lösung in dem Film hat lange Bestand. Und aktiv mitdenken kann man als Zuschauer sowieso nicht. Man schaut und hört zu, während die Worte und besonders die Bilder des Films in ihren Rückblenden mehr als eine Lüge, Ungenauigkeit, Fälschung verbergen. Das, was die Zuschauer Alfred Hitchcock in seinem Misserfolg DIE ROTE LOLA (1949) nicht verzeihen konnten, das heißt, eine Rückblende unterzubringen, die sich als Lüge erweist, wird bei BADLA zum Konzept. Und so gibt es manche Szenen in verschiedenen Variationen, die erzählen, wie es gewesen sein könnte. BADLA ist ein spannendes und vergnügliches Rollenspiel, das beim zweiten Gucken natürlich viel von seiner auf Überraschung beruhenden Wirkung verliert.

BADLA, was „Rache“ heißt, ist ein Remake des spanischen Films DER UNSICHTBARE GAST (2017) von Oriol Paulo und hat den Kern des Drehbuchs ohne Änderungen übernommen. Auch manche Sequenzen sind absolut identisch. Aber wie sollte das anders sein bei einer Story, wo jedes Einzelteil vom anderen abhängt. Nähme man eines heraus, würde alles zusammenbrechen. Es kann hierbei nur darum gehen, dass Drehbuch funktional zu verfilmen, damit alles wie ein Uhrwerk ablaufen kann. Auch die Schauspieler, allen voran die beiden Hauptdarsteller, fügen sich diszipliniert in dieses Konzept ein. Dass BADLA dann doch mehr als eine bloße Kopie des Originals ist, liegt an zwei entscheidenden Unterschieden im großen Ganzen. Erstens wurde die Besetzung sozusagen umgepolt. Aus einer Anwältin und einem Klienten wurden ein Anwalt und eine Klientin. Durch Bachchan und Pannu kommen Erinnerungen an den erfolgreichen Gerichtsfilm PINK (2016) von Aniruddha Roy Chowdhury auf, was die Sichtweise des Zschauers unbewusst durchaus beeinflussen kann. Da spielte Amitabh Bachchan den Anwalt für Taapsee Pannu und ihre beiden Freundinnen, die alle drei vergewaltigt wurden. Recht und Unrecht waren da sehr klar verteilt. Zweitens hat BADLA eine völlig andere Atmosphäre. Ist DER UNSICHBARE GAST extra düster mit vielen Szenen am Abend und in der Nacht, dunklen Innenräumen und ausgewaschenen Farben, ist BADLA weitaus heller und klarer und die Bäume etwas grüner. Dadurch steht noch mehr der Dialog im Mittelpunkt, die klare Logik des Verbrechens und des Gesprächs, in dem der Anwalt immer wieder durch Verweise auf die Mahabharata theoretisiert, was in indischen Filmen zwar Standard ist, aber wofür Ghosh eine besondere philosophische Vorliebe hat, beispielsweise: "Es ist nicht immer richtig, Rache zu nehmen, aber es ist ebenso falsch, jedes Mal zu verzeihen." Aus diesem Schlüsselsatz des Films, erster Satz des offiziellen Trailers, hat Amitabh Bachchan sogar ein kleines Musikstück gemacht, was im ersten von drei originellen „Unplugged“-Promovideos ein paar Tage vor der Kinopremiere von BADLA vorgestellt wurde. In diesen Videos unterhält sich Shah Rukh Khan als Produzent des Films mit dem, wie er ihn nennt, „weltbesten Schauspieler“.

Dienstag, 12. März 2019

Sujoy Ghoshs KAHAANI 2 – Vidya Balan kämpft

Alles beginnt in KAHAANI 2: DURGA RANI SINGH (2016) ganz harmonisch mit Vidya Balan als alleinerziehende Mutter Durga Rani Singh und deren im Rollstuhl sitzender Tochter. Beide bereiten sich auf eine Reise in die USA zwecks einer vielleicht helfenden Operation vor. Man lebt in einer einfachen Gegend in der Kleinstadt Chandan Nagar in Westbengalen, wo die Leute um neun Uhr ins Bett gehen, wie die Ehefrau eines in die Provinz degradierten Polizisten mault. Aber hier kann man sich auch gut vor der Vergangenheit verstecken, und warum diese doch so vorbildliche Mutter das nötig hat und wie sie aus ihrer Notsituation wieder herauskommt, darum geht es in den folgenden zwei Stunden. In nur zwei Stunden, sollte man betonen, denn es geschieht sehr viel in diese kurzen Zeit. Es gibt auch einen ständigen Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit in Form einer Rückblende, denn Durgas geheimes Tagebuch wird von dem erwähnten Polizisten gelesen, den Arjun Rampal ganz solide spielt und der sich dann auch noch als Ex-Mann aus alten Zeiten herausstellt. Wie gesagt, ganz schön viel auf einmal. Das Gute ist, dass auf die Art ständig etwas Neues passiert. Kurzweilig ist das Ganze. Das Problem ist bloß , dass es manchmal fast zu schnell passiert, sodass man zwischendurch doch mal mit ins Nachdenken gerät, obwohl es dann immer irgendwie passt. Es ist vor allem die Atmosphäre des Films und seiner Schauplätze, durch die er überzeugt. Wenn beispielsweise eine eigentlich klischeehafte Szene durch ein bisschen Origami plötzlich Spannung und etwas Unheimliches und direkt Anzügliches bekommt.

Es hat ein bisschen gedauert, bis Regisseur Sujoy Ghosh, der auch als Schauspieler gearbeitet hat, solch eine Atmosphäre erzeugen konnte und seinen Weg gefunden hat. Sein Regiedebüt hatte er mit JHANKAAR BEATS (2003), einem unterhaltsamem Musikfilm. Aber dann kamen zwei Fehlschläge, bei denen man gleichzeitig den Willen spürte, etwas Besonderes zu schaffen, was aber nur in Verkrampfung endete. HOME DELIVERY: AAPKO... GHAR TAK (2005) sollte ursprünglich wohl lustig mit Botschaft sein. In ALADIN (2009) beschränkt sich das Fantastische auf die Tricks. Beide Filme waren sehr bemüht, funktionierten aber gar nicht. Dann schlug Ghosh eine neue Richtung mit dem Thriller KAHAANI (2012) ein, der gleichzeitig Vidya Balan eine ihrer schönsten Rollen verschaffte. Und er begann, kürzere Filme zu drehen, wo man auch mal etwas anderes ausprobieren kann. Zunächst AHALYA (2015) mit Radhika Apte und Soumitra Chatterjee als Ehepaar mit sehr, sehr großem Altersunterschied, in dessen Haus die Männer, die der weiblichen Verführung der Hausfrau erliegen, in Puppen verwandelt werden. Inspiriert von der Geschichte um Ahalya und Gott Indra hatte der Film auch einiges an Inspiration von einer der Geschichten Satyajit Rays um den Forscher Professor Shonku. Eine direkte Adaption einer Kurzgeschichte Satyajit Rays wurde dann ANUKUL (2017) über einen älteren Hindi-Lehrer, der sich einen intelligenten und dazulernenden Roboter anschafft. Diese beiden Filme sind frei im Netz. Was ich bisher nicht geschafft habe zu sehen, sind drei Filme von etwa 45 Minuten, die 2018 beim indischen Sender StarPlus ausgestrahlt wurden: GOOD LUCK, MIRCHI MALINI und COPY.

Und mit KAHAANI 2 hat Ghosh jetzt ein echtes Franchise, nur dass im zweiten Teil Vidya Balan eine ganz andere Frau spielt. Was ich ein bisschen schade finde. Da „Kahaani“ „Geschichte“ bedeutet, heißt Fortsetzung also nicht, dass die Geschichte weitergeht, sondern dass es eine weitere Geschichte in demselben Stil, nach demselben Prinzip gibt. Der erste Teil lebt vor allem von der Atmosphäre in den Straßen Kalkuttas, der Durga-Puja-Feierlichkeiten. Der jetzige Film ist intimer, ohne Massenszenen. Und da es hier keine Durga Puja gibt, hat man die Hauptfigur einfach Durga genannt, sodass zumindest diese Anspielung auf die Dämonentöterin da ist. Herz des Films ist natürlich wieder Vidya Balan, die zurückhaltend eine Sekretärin an einer Schule spielt. Dort ist ein auffälliges kleines Mädchen, das immer im Unterricht einschläft und auch mal blaue Flecken hat. Das erinnert Durga an ihre eigene Vergangenheit. Sie beschließt, dem Mädchen zu helfen. Wenn im Vorspann auch Medizinern gedankt wird, dann bezieht sich dies vermutlich auf eine korrekte Darstellung von Kindesmissbrauch und ihren Folgen. Einmal das Verhalten des 6-jährigen Opfers, das der erwachsenen Durga mit ihren dunklen Erinnerungen, aber auch das des Täters und der ihn bis zum Mord beschützende Mutter, die bereit ist für ihren Monstersprössling die Enkelin zu opfern. Im Großen und Ganzen ist es eine Mischung aus realistisch Ernsthaftem und Thrillerklischees, wenn etwa plötzlich auch noch eine Profikillerin auftaucht. Aber da es nicht langweilig wird und Vidya Balan vor allem im Rückblendenteil, wo die Hauptfigur voller Unsicherheit ist und sich nur langsam vortastet in ihren Handlungen, ganz wunderbar ist, funktioniert es im Endeffekt, auch wenn das Finale wie eine Pflichtübung mit ein paar Überraschungen, die eigentlich gar keine sind, abgearbeitet wird. Die Seele des Films liegt in der Beziehung aus Wahlmutter und Wahltochter.