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Dienstag, 12. März 2019

Sujoy Ghoshs KAHAANI 2 – Vidya Balan kämpft

Alles beginnt in KAHAANI 2: DURGA RANI SINGH (2016) ganz harmonisch mit Vidya Balan als alleinerziehende Mutter Durga Rani Singh und deren im Rollstuhl sitzender Tochter. Beide bereiten sich auf eine Reise in die USA zwecks einer vielleicht helfenden Operation vor. Man lebt in einer einfachen Gegend in der Kleinstadt Chandan Nagar in Westbengalen, wo die Leute um neun Uhr ins Bett gehen, wie die Ehefrau eines in die Provinz degradierten Polizisten mault. Aber hier kann man sich auch gut vor der Vergangenheit verstecken, und warum diese doch so vorbildliche Mutter das nötig hat und wie sie aus ihrer Notsituation wieder herauskommt, darum geht es in den folgenden zwei Stunden. In nur zwei Stunden, sollte man betonen, denn es geschieht sehr viel in diese kurzen Zeit. Es gibt auch einen ständigen Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit in Form einer Rückblende, denn Durgas geheimes Tagebuch wird von dem erwähnten Polizisten gelesen, den Arjun Rampal ganz solide spielt und der sich dann auch noch als Ex-Mann aus alten Zeiten herausstellt. Wie gesagt, ganz schön viel auf einmal. Das Gute ist, dass auf die Art ständig etwas Neues passiert. Kurzweilig ist das Ganze. Das Problem ist bloß , dass es manchmal fast zu schnell passiert, sodass man zwischendurch doch mal mit ins Nachdenken gerät, obwohl es dann immer irgendwie passt. Es ist vor allem die Atmosphäre des Films und seiner Schauplätze, durch die er überzeugt. Wenn beispielsweise eine eigentlich klischeehafte Szene durch ein bisschen Origami plötzlich Spannung und etwas Unheimliches und direkt Anzügliches bekommt.

Es hat ein bisschen gedauert, bis Regisseur Sujoy Ghosh, der auch als Schauspieler gearbeitet hat, solch eine Atmosphäre erzeugen konnte und seinen Weg gefunden hat. Sein Regiedebüt hatte er mit JHANKAAR BEATS (2003), einem unterhaltsamem Musikfilm. Aber dann kamen zwei Fehlschläge, bei denen man gleichzeitig den Willen spürte, etwas Besonderes zu schaffen, was aber nur in Verkrampfung endete. HOME DELIVERY: AAPKO... GHAR TAK (2005) sollte ursprünglich wohl lustig mit Botschaft sein. In ALADIN (2009) beschränkt sich das Fantastische auf die Tricks. Beide Filme waren sehr bemüht, funktionierten aber gar nicht. Dann schlug Ghosh eine neue Richtung mit dem Thriller KAHAANI (2012) ein, der gleichzeitig Vidya Balan eine ihrer schönsten Rollen verschaffte. Und er begann, kürzere Filme zu drehen, wo man auch mal etwas anderes ausprobieren kann. Zunächst AHALYA (2015) mit Radhika Apte und Soumitra Chatterjee als Ehepaar mit sehr, sehr großem Altersunterschied, in dessen Haus die Männer, die der weiblichen Verführung der Hausfrau erliegen, in Puppen verwandelt werden. Inspiriert von der Geschichte um Ahalya und Gott Indra hatte der Film auch einiges an Inspiration von einer der Geschichten Satyajit Rays um den Forscher Professor Shonku. Eine direkte Adaption einer Kurzgeschichte Satyajit Rays wurde dann ANUKUL (2017) über einen älteren Hindi-Lehrer, der sich einen intelligenten und dazulernenden Roboter anschafft. Diese beiden Filme sind frei im Netz. Was ich bisher nicht geschafft habe zu sehen, sind drei Filme von etwa 45 Minuten, die 2018 beim indischen Sender StarPlus ausgestrahlt wurden: GOOD LUCK, MIRCHI MALINI und COPY.

Und mit KAHAANI 2 hat Ghosh jetzt ein echtes Franchise, nur dass im zweiten Teil Vidya Balan eine ganz andere Frau spielt. Was ich ein bisschen schade finde. Da „Kahaani“ „Geschichte“ bedeutet, heißt Fortsetzung also nicht, dass die Geschichte weitergeht, sondern dass es eine weitere Geschichte in demselben Stil, nach demselben Prinzip gibt. Der erste Teil lebt vor allem von der Atmosphäre in den Straßen Kalkuttas, der Durga-Puja-Feierlichkeiten. Der jetzige Film ist intimer, ohne Massenszenen. Und da es hier keine Durga Puja gibt, hat man die Hauptfigur einfach Durga genannt, sodass zumindest diese Anspielung auf die Dämonentöterin da ist. Herz des Films ist natürlich wieder Vidya Balan, die zurückhaltend eine Sekretärin an einer Schule spielt. Dort ist ein auffälliges kleines Mädchen, das immer im Unterricht einschläft und auch mal blaue Flecken hat. Das erinnert Durga an ihre eigene Vergangenheit. Sie beschließt, dem Mädchen zu helfen. Wenn im Vorspann auch Medizinern gedankt wird, dann bezieht sich dies vermutlich auf eine korrekte Darstellung von Kindesmissbrauch und ihren Folgen. Einmal das Verhalten des 6-jährigen Opfers, das der erwachsenen Durga mit ihren dunklen Erinnerungen, aber auch das des Täters und der ihn bis zum Mord beschützende Mutter, die bereit ist für ihren Monstersprössling die Enkelin zu opfern. Im Großen und Ganzen ist es eine Mischung aus realistisch Ernsthaftem und Thrillerklischees, wenn etwa plötzlich auch noch eine Profikillerin auftaucht. Aber da es nicht langweilig wird und Vidya Balan vor allem im Rückblendenteil, wo die Hauptfigur voller Unsicherheit ist und sich nur langsam vortastet in ihren Handlungen, ganz wunderbar ist, funktioniert es im Endeffekt, auch wenn das Finale wie eine Pflichtübung mit ein paar Überraschungen, die eigentlich gar keine sind, abgearbeitet wird. Die Seele des Films liegt in der Beziehung aus Wahlmutter und Wahltochter.

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