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Samstag, 23. März 2019

TEZAAB – Straßen in Flammen

TEZAAB (1988) ist der Film, der aus Madhuri Dixit einen Star machte, was sie der Initiative von Filmpartner Anil Kapoor zu verdanken hatte, da statt weiblicher Hauptrolle Mohini erst nur die Schwesternrolle für sie vorgesehen war. Und so gehört ihre Bühnennummer zu dem Song „Ek Do Teen“ mit einfallsreichen Tanzschritten und in leuchtendem Pink zu den klassischen Musikszenen des Hindi-Kinos. TEZAAB befestigte mit der Rolle des Mahesh, der zum Gangster Munna wird, aber auch den Star-Status von Anil Kapoor, der im Jahr zuvor in MR. INDIA (1987) geglänzt hatte. Und so ist es natürlich auch der erste Film eines meiner Lieblings-Filmpaare im Hindi-Kino aus Anil Kapoor und Madhuri Dixit, die sich gerade für den Film TOTAL DHAMAAL (2019) wieder einmal zusammengefunden haben. Eine schwierige Liebesgeschichte haben die beiden auszustehen in TEZAAB, der in seiner Originallänge statt drei sagenhafte fünf Stunden gedauert haben soll. Es gibt ein langes Hin und Her. Einmal steht Mohini sogar am Swimmingpool im Badeanzug und Mahesh beachtet sie nicht. Das ist nur vorstellbar, weil es im Drehbuch steht. Eine Liebeswette erweist sich fast als desaströs. Erst ein Sprung vom Dach führt alles zu einem, allerdings nur vorläufigen, einträchtigen Zusammensein.

Bei TEZAAB handelt es sich um ein inoffizielles und sehr freies Remake von Walter Hills Film STRASSEN IN FLAMMEN (1984), der ja eine ganz einfache Handlung hat. Motorrad-Rocker entführen Diane Lane als Starsängerin Ellen Aim von der Bühne weg und nehmen sie in ihr Gossenviertel mit. Michael Paré als Ellens Ex-Freund, mit dem es nicht klappte, weil ihr die Karriere wichtiger war, macht sich für Geld auf ins Outlaw-Zentrum. Bei der Befreiung wird viel Maschinenschaden angerichtet. Nachhausekommen wird noch einmal schwierig. Am Ende gibt es einen Vorschlaghammerkampf zwischen Ex-Freund und Outlaw-Chef. STRASSEN IN FLAMMEN spielt irgendwann, irgendwo und ist ein Neon-Western mit 50s-Rock'n'Roll. Retter ist der einsame Wolf, der Lone Rider, dessen Vergangenheit im Dunkeln liegt. Vermutlich war er mal bei der Armee.

TEZAAB übernimmt das Prinzip von Hills Film, das ja sehr einfach ist. Allerdings gibt es hier keine Soldatin, die an Anil Kapoors Seite kämpft. Auch kommt kein Manager mit. Begleitet wird Mahesh von seiner Gang. Dazwischen gibt es sehr lange Rückblenden, die damit fast den Hauptteil des Filmes ausmachen. Das, was in STRASSEN IN FLAMMEN geheimnisvoll bleibt, wird hier ausführlich erzählt und begründet. Wie wurde Mahesh zum Gangster Munna, wieso ist er aus seiner Heimatstadt verbannt, was verband Mohini und Mahesh, was trennte sie? Einige Details wurden aus dem Original übernommen, vor allem die Entführung am Anfang, die Konzertszene, wo die Gangster sich langsam nach vorne schieben und dann alles in einer Schlägerei endet. Da ähneln sich sogar die Einstellungen. Nach der wildesten Actionszene in Zusammenhang mit der Befreiung gibt es im leicht beschädigten Wagen das entspannte Nachtlied „So Gaya Yeh Jahan“. In STRASSEN IN FLAMMEN ist dieser Verschnaufer von der ganzen Aufregung eine Szene im Bus. Und das Liebespaar kommt im strömenden Regen wieder zusammen. Allerdings lässt TEZAAB die Liebesnacht weg. Es gibt sogar ebenfalls einen Kampf mit Vorschlaghämmern, den aber hier nicht Held und Bösewicht ausfechten. Besondere Pointe im Hindi-Film ist, dass die Gegner sich mit jeweils einem heftigen Schlag gegenseitig tot hauen.

Regisseur N. Chandra war damals, Ende der 80er, an der zeitlichen Schwelle zum neokonservativen global werdenden Bollywood-Kino, ein Vertreter von rauem Realismus im Stile des 70er-Kinos mit seinem „angry young man“. TEZAAB gilt als dritter Film einer Trilogie, deren andere Teile das Regiedebüt ANKUSH (1986) und der Nachfolger PRATIGHAAT (1987) sind. In TEZAAB geht es um die Rückholung in die Gesellschaft von jungen Männern, die irgendwie herausgerutscht sind. Auch wenn sie gesetzlos sind, handeln sie nach einem gewissen Ehrenkodex. Action im Hindi-Film hat ja manchmal etwas absichtlich Irreales, Fantastisches. Bei Chandra aber ist alles sehr echt und realistisch. Die Gewalt wird nicht künstlich in die Länge gezogen, sondern ist kurz, präzise und vom Regisseur selbst geschnitten. Der scheint westliche Filme der 80er sowieso sehr sorgfältig geguckt zu haben. Bei einer Schießerei vor einer Bank, die gerade ausgeraubt wird, entgleitet einer Mutter der Kinderwagen und rollt die Treppe vor dem Gebäude herunter. Nun hat Chandra sich vermutlich nicht bei Eisensteins Stummfilmklassiker PANZERKREUZER POTEMKIN bedient, sondern bei Brian de Palmas DIE UNBESTECHLICHEN (1987), wo Ähnliches bei einer Schießerei im Chicagoer Bahnhof geschieht.

Zwei gleichwertige Bösewichte hat TEZAAB. Kiran Kumar hat die Rolle von Willem Dafoe aus STRASSEN IN FLAMMEN und macht ihm mit seinem stierenden Blick echte Konkurrenz. Damit das Publikum diesen wirklich genießen kann, darf er ihn auch mal direkt in die Kamera richten und für eine eindringliche Großaufnahme darauf zugehen. Und dann ist da Anupam Kher als widerlicher, die Tochter ausbeutender und folternder Vater. Wenn sie nicht spurt und nicht auftritt, um für seine Ausschweifungen das Geld heranzuschaffen, dann peitscht er sie durch. Und wenn das nicht klappt, droht er mit Säure, also „Tezaab“. Davor hat Mohini begründete Angst, denn damit wurde das Gesicht der Mutter verätzt, als diese weggehen wollte. Für den Titel des Films gibt es einen zweiten Grund. Bei einer korrupten Gerichtsverhandlung wirft der schreiende Staatsanwalt Mahesh vor, die „Säure“ der Gesellschaft zu sein, weshalb er weggesperrt gehöre. Vertrauen in die Rechtsordnung schafft der Film nicht, auch wenn sich schließlich alles zum Guten wendet.

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