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Samstag, 22. August 2020

GUNJAN SAXENA: THE KARGIL GIRL – G.I. Gunjan

 

GUNJAN SAXENA: THE KARGIL GIRL (2020) ist vor allem ein Film über die Verwirklichung eines scheinbar unmöglichen Traums. Von klein auf will das 1975 geborene Mädchen Gunjan Saxena Pilotin sein und fliegen. Dafür tut sie alles, aber immer wieder sind die Widerstände größer als erwartet, sodass sie wiederholt kurz davor ist aufzugeben. Bis sie bei der indischen Luftwaffe ihre Chance suchen kann. Auf diese plötzliche Möglichkeit, die sich ihr durch eine neue Rekrutierungspolitik eröffnet, macht sie ihr Vater, selbst Offizier, nicht nur aufmerksam. Der Vater an sich ist es, der sie immer wieder aufmuntert weiterzumachen, nicht aufzugeben, der sie auch vor den aggressiv-traditionellen Ansichten des Bruders beschützt. Der wahre Kern des Films ist also weniger das Militär, sondern dieses Vater-Tochter-Verhältnis, das sich später bei einem älteren, sie fördernden Offizier, im Kleinen wiederholen wird.

Und an sich wird diese Vater-Tochter-Geschichte durchaus hübsch, nett erzählt. Wenn mich nicht irgendwas irritiert hätte. Denn auch wenn die reale Gunjan Saxena selbst irgendwie an dem Projekt beteiligt war, stellt sich schon bei diesem Teil des Films die Frage, wie authentisch das alles eigentlich ist. Das ist zwar nicht unbedingt etwas, dass an sich bedeutsam sein muss, aber ich hatte beim Sehen des Films ein seltsames Deja-vu-Feeling, schob es aber zunächst auf die Tatsache, dass man solch eine Geschichte ja nicht zum ersten Mal erzählt bekommt. Aber dann wurde mir klar, dass es mich an den Malayalam-Film UJARE (2019) erinnerte, wo das spätere Säureopfer unbedingt Pilotin werden will und dabei bedingungslos von ihrem Vater unterstützt wird.

Als Saxena es dann tatsächlich in die Armee zur begehrten Ausbildung zur Hubschrauberpilotin geschafft hat, ist sie die einzige Frau dort und es wartet überall Widerstand. Mit aller Kraft macht der Film sie zur Solo-Heldin, um dann die Story in das klassische Gut-Böse-Schema zu pressen. Denn eine Heldin braucht Gegnerschaft, um sich zu beweisen. Und wie es sich gehört für einen Armeefilm, ist es besonders ihr Ausbilder, der sie terrorisiert, der ihr klarmachen will, dass sie als Frau nicht die richtige Härte für den Krieg hat.

Und ab da vergisst man lieber, dass das alles angeblich inspiriert ist von einer echten Geschichte, denn erzählt wird es so offensichtlich klischeehaft und grob holzschnittartig und nach Standard-Muster, dass man spätestens jetzt weiß, an einen ganz beliebigen Armeefilm nach Baukastenprinzip geraten zu sein. Und auch hier kann man übrigens ein Deja-vu haben. Denn am Ende rettet Saxena ihrem Ausbilder das Leben. Das erfordert nicht nur die Dramaturgie. Das gibt es zufälligerweise auch in dem thematisch verwandten US-Erfolgsfilm DIE AKTE JANE (1997) von Ridley Scott. Aber das war ein Film, der die Fiktion seiner unterhaltsam militaristisch-feministischen Phantasie ja gar nicht verleugnete. Allein der Originaltitel G.I. JANE, statt des Ausdrucks „G.I. Joe“, gab dem Ganzen etwas Allgemeines. GUNJAN SAXENA hingegen arbeitet mit dem Namen einer historischen Person.

Die indische Luftwaffe hat sich gegen ihre eigene Darstellung im Film gewehrt und einige Korrekturen veröffentlicht. Schließlich wird der Film unverschämterweise mit "A true story" beworben. Dabei ist die Frage, wie korrekt das Ganze ist, zumindest für die Betrachtung und Bewertung des Films unwichtig. Schließlich ist es ein Spielfilm. Selbst die Tatsachen, dass Gunjan Saxena in Wirklichkeit nicht die einzige neue Pilotin war, dass die Heldentat am Ende nicht stattgefunden hat, sind nicht das Problem. Dennoch hat man hier eine Chance vertan. Natürlich gab es Probleme, Reibungen, Widerstände und sicher auch genug Männer, die an sich keine Frauen in der Armee wollten, aber in GUNJAN SAXENA herrscht eine unglaubwürdige, unsubtile, ganz offene, grundsätzlich kollektive Ablehnung. Andere Fliegerinnen berichten, dass es in Wirklichkeit eher um eine unterschwellige Ablehnung ging, was sehr glaubwürdig klingt. Doch der Film greift aus purer Faulheit zur Methode der Stereotypisierung, um gegen Stereotypisierung anzukämpfen. Mit den Mitteln des Kinokassenfeminismus stereotypisiert man ganz einfach die Armee und die Soldaten an sich. Das ist kein Verbrechen, aber es produziert einen langweiligen, fürchterlich vorhersehbaren Film ohne jede Zwischentöne.

Janhvi Kapoor spielt Saxena, und voller künstlicher Emotionalisierungen haben große Teile des Publikums darauf reagiert. Auf der einen Seite totale Begeisterung, auf der anderen kühle Nepotismus-Verachtung, als wäre das ein Kriterium. Die Nepotismus-Debatte ist eine müßige Debatte, da Bollywood eine Privatindustrie ist und das Schöne daran ist, dass der Staat da keine Eingreifmöglichkeiten hat und auch nicht haben sollte. Und es wird auch schnell vergessen, dass das indische Starsystem andere Qualitäten verlangt, als allein schauspielern zu können. Und Starkids hatten schließlich eine ganze Kindheit und Jugend Zeit, sich das alles durch Zugucken anzueignen. Aber ist Janhvi Kapoor eine gute Schauspielerin. Ich weiß es nicht. Spielt Janhvi Kapoor gut in GUNJAN SAXENA? Sie funktioniert ganz ordentlich in einem nicht sonderlich guten Film. Mehr wird von ihr nicht verlangt. In Zoya Akhtars Episode aus dem Horror-Omnibusfim GHOST STORIES (2019) hat sie mir aber sehr gut gefallen. Aber das war ja auch ein guter Kurzfilm von einer guten Regisseurin. Man muss halt abwarten. Oh ja, einen Regisseur hat der Film angeblich auch: Saran Sharma. Wieder einmal hat Produzent Karan Johar einen Assistenten und Regiedebütanten verschlissen, von dem man vermutlich nicht mehr viel hören wird.

Freitag, 19. Juni 2020

GHOST STORIES – Geister und Verwandlungen


Mit der Netflix-Produktion GHOST STORIES (2020) haben sich, nach BOMBAY TALKIES (2013) und LUST STORIES (2018), die Hindi-Filmregisseure Zoya Akhtar, Anurag Kashyap, Dibakar Bannerjee und Karan Johar erneut für einen Episodenfilm mit thematischer Klammer zusammengetan. Oft fallen solche Filme qualitativ auseinander, so wie AUSSERGEWÖHNLICHE GESCHICHTEN (1968) nach Poe, wo die Fellini-Episode die anderen beiden weit überragt. Doch das war in diesen indischen Omnibus-Filmen bisher nicht der Fall, und ist es auch diesmal nicht, wo Geistergeschichten auf dem Programm stehen. Wobei nur zwei der Beiträge echte übersinnliche Geistergeschichten sind. Was aber alle gemeinsam haben, ist trotz fantastischer Imagination eine gewisse Bodenständigkeit. Die Geschichte sind allesamt sehr geerdet in einer sozialen, psychologischen, politischen Realität. Keiner der vier verschwindet völlig in fremden Welten oder erforscht das Jenseits, wie es etwa die beiden INSIDIOUS-Filme (2010/2013) von James Wan tun.

Es geht los mit Zoya Akhtars Beitrag, die mit Janhvi Kapoor in der Hauptrolle eine sehr reale Geschichte erzählt über eine Pflegerin, die einen neuen Job beginnt in einer Wohnung, die förmlich nach einem Geist schreit und wo man besser alle Lichter anlässt, um das Düstere etwas auf Abstand zu halten. Der Horror ist zunächst einmal bloß die Arbeit an sich in dieser gruftigen Atmosphäre, mit einer schwierigen Patientin, die man offensichtlich eine Zeit lang ganz allein gelassen hat – es liegt viel Post im Briefkasten – und die zwischendurch seltsame Fähigkeiten entwickelt. Eigentlich halbseitig gelähmt von einem Schlaganfall, sitzt sie plötzlich aufrecht im Bett. Dazu kommen noch seltsame Geräusche auf dem Flur, und man weiß, da stimmt etwas nicht, auch wenn es für die junge Frau nie wirklich bedrohlich wird. Es wirkt bloß bedrohlich. Man merkt, dass Zoya Akhtar vor allem an der realistischen Seite der Geschichte interessiert ist, an einer alleingelassenen alten Frau, die ständig von ihrem Sohn spricht, der vermeintlich in der Wohnung sein soll. Aber eigentlich ist so eine Wirklichkeit ja auch gruseliger als die meisten Geister.

Kashyaps Film ist der seltsamste und unangenehmste der vier Filme. Es geht um ein eine Ehefrau, die den frühen Kindstod des neugeborenen Babys nicht verkraftet hat und jetzt wieder schwanger ist. Gleichzeitig ist sie Tages- und Ersatzmutter für den besitzergreifenden Neffen, der bei dem alleinerziehenden Vater lebt. Kashyap mischt verschiedene Horror-Themen. Einmal gibt es den Schwangeren-Horror, die Angst um das Ungeborene, den fragilen Geisteszustand der werdenden Mutter, die in einem Zimmer voller Puppen Mama spielt. Dazu kommt Tierhorror, anhand von Raben auf dem Dach das alte Thema der Metamorphose. Und dann gibt es das Motiv der „bösen Saat“, also eines Kindes, das seinen bösen Willen durchsetzt, wie in DAS OMEN (1976) oder eben DIE BÖSE SAAT (1956). Hier ist es aber keine dämonische Besessenheit, sondern das Egoistische, das in jedem Kind mehr oder weniger ausgeprägt existiert. Es ist kein Schwarzweißfilm, sondern einfach farblos, während man noch ein paar Farbtöne hinter der grauen Fassade erahnen kann. Die Episode ist schmerzhaft und verstörend.

Bannerjee bedient sich beim heutzutage so beliebten Zombie-Horror, liefert aber eine ganz persönliche Variante, wobei er mehr mit George A. Romeros klassischem politisch-metaphorischen Splatter gemeinsam hat als mit den modernen Mode-Untoten und ihren amüsanten, aber streng genommen sinnfreien Parodien wie ZOMBIELAND (2009/2019). Bannerjees Beitrag beginnt zunächst als abstrakter, klaustrophobischer Horror, um dann ins intensiv Physische umzuschlagen. Es geht vom Eingeschlossensein, vom stillen Verbergen in einem Raum vor dem unbekannten Bösen vor der Tür zum direktesten Kontakt damit. Bei Bannerjee handelt es sich um eine Art umgekehrte Evolution, ein Zurück zum Fressen und Gefressenwerden, eine Rückentwicklung des Menschen in Steinzeit-Tiermonster. Und es bezeichnet ganz einfach unsere Gegenwart. Ebenso wie Kashyap hat er eklige Szenen eingebaut.

Die letzte Episode von Karan Johar würde man problemlos auch ohne Hinweis sofort erkennen. Da gibt es Production value, ein schönes Haus, schöne Einrichtung, schöne Menschen und ein schöne Hochzeit. Aber hinter den perfekten Fassaden verbergen sich ja oft die tiefsten oder zumindest seltsamsten und bizarrsten Abgründe. Johar widmet sich dem klassischen Gothic horror, auch wenn er auf die Inszenierung der Architektur verzichtet, denn dies ist ein heller, eher sonniger Geisterfilm, und der Geist, die Oma, spukt nicht als unheimliches Etwas durch die nächtlichen Gänge und es erklingt auch kein Lied dazu, nein, sie ist glückliches aktives Mitglied der Familie und wenn etwas entschieden wird, berät man sich mit ihr. Und wenn sie sogar in die Hochzeitsnacht hineinplatzt, dann wird man an die katastrophale Hochzeitsnacht in Johars Episode zu LUST STORIES erinnert. Johar spielt offensichtlich gerne mit dem indischen Hochzeitsnacht-Mythos. Und eins lernt man hier eindringlich: Man sollte nie Geister beschimpfen, an die man nicht glaubt. Sie könnten es hören.

Sonntag, 12. Mai 2019

STUDENT OF THE YEAR 2 – Tiger Shroff kämpft sich durch

Nach KALANK (2019) ist dann also mit STUDENT OF THE YEAR 2 (2019), unter der Regie von Punit Malhotra, die zweite große Karan-Johar-Produktion innerhalb von kurzer Zeit angelaufen. Nach dem ersten Teil mit Bhatt, Dhawan und Malhotra eine weitere College-Geschichte zwischen Arm und Reich, Männchen und Weibchen am edlen St. Teresa College, angereichert mit Beziehungsärger, Tänzen, Rivalitäten und sportlichen Wettkämpfen. Und wenn mir vor ein paar Monaten jemand vorausgesagt hätte, dass ich mich bei STUDENT OF THE YEAR 2 besser unterhalte als bei KALANK, dann wäre ich zumindest sehr, sehr skeptisch gewesen. Aber so war es. Und das hat einen ganz einfachen Grund: STUDENT OF THE YEAR 2 ist das, was er sein will, nicht mehr, nicht weniger. Bei KALANK spürte man ständig den Abgrund zwischen grandioser Absicht und realisiertem Leinwandprodukt. Und da rutsch ich halt schnell nervös auf meinem Kinositz herum. Das war diesmal nicht der Fall. Und wenn man sich entscheiden soll zwischen angestrengem Meisterwerkehrgeiz und einem einfachen Unterhaltungsfilm, dann fällt mir die Wahl nicht schwer.

Natürlich kommen jetzt wieder die selbsternannten Verteidiger der Filmkultur. Doch all die Einwände, die pseudointellektuelle Amateurkritiker gegen STUDENT 2 haben, kann man vergessen. Und es sind ja immer dieselben bei solchen Filmen. Das war schon beim ersten Teil so. Zwei Beispiele: Da ist nichts Originelles an dem Film? Originalität wäre hier völlig fehl am Platze. Geschmackvolle Anordnung altbekannter Zutaten ist schließlich das Prinzip. Tiger Shroff kann nicht wirklich schauspielern? Auch keine Überraschung. Aber wer guckt denn Tiger Shroff deswegen? Es sind vor allem sein agiler und beweglicher Tanzstil und seine langbeinigen Kämpfe, kurz: das Athletische. Und man merkt eine überzeugende Ernsthaftigkeit und eine verbissene Energie bei ihm, die einen Film sehr gut tragen können, die allerdings in einem B-Action-Film wie BHAAGI (2016) noch besser wirken. Im Übrigen ist die Welt voll von Film-Action-Kämpfern, die nicht mal einen Trostpreis-Schauspiel-Award gewonnen haben und heute doch so was wie nostalgischer Kult sind. Chuck Norris. Steven Seagal. Wären die Kritiker doch damals etwas netter gewesen! Aber man sollte Shroffs Liebesszenen nicht überdehnen. Als romantischer Held langweilt er mich auf die Dauer. Ich fand STUDENT 2 im Ganzen zu lang. Jetzt gehöre ich ja ich nicht unbedingt zur direkten Zielgruppe des Films und des Stars, habe also keine Wünsche anzumelden, aber wenn es doch nach mir ginge, wäre Shroff in seinen Filmen demnächst am Anfang schon glücklich verheiratet, damit es dann sofort direkt dynamisch losgehen kann.

Es ist auch ganz interessant, mal kurz auf den ersten Teil von 2012 zurückzublicken, der ja eine Art persönliche, glitzernde, glamouröse, durchgestylte Phantasie von Karan Johar war, der selbst Regie geführt hat. Das ist jetzt im zweiten Teil etwas anders. Es ist, als hätte Tiger Shroffs Rohan diesen ersten Teil gesehen, um an dessen Fiktion zu glauben und dann ganz böse vor die grausame Wand der Realität zu laufen, als er wieder vom College fliegt und in seiner alten Schule landet. Die Reichen akzeptieren jemanden ohne Geld eben nicht so schnell als ihresgleichen. Deshalb ist der sportliche Sieg der Underdogs als Revanche und Zeichen der Gleichberechtigung nötig. Aber mir fehlt ein bisschen der Look des ersten Films. Diese völlige Atmosphäre des irrealen glitzernden Glamours, der frisch lackierten Autos und der Masse an Designerklamotten. Im Kino ist das immer so hübsch anzugucken, auch wenn es mich im Privatleben nicht die Bohne interessiert. Aber egal. Ich habe mich amüsiert, werde STUDENT 2 aber vermutlich nie wieder gucken. Aber dafür ist es an der Zeit, sich JO JEETA WOHI SIKANDAR (1992) mit Aamir Khan anzusehen, um mal zu überprüfen, wie weit man sich für die beiden STUDENT-Teile tatsächlich von diesem Film von Mansoor Khan hat inspirieren lassen.

Freitag, 19. April 2019

KALANK – EWIGE LIEBE – Wunderschön anzusehen

KALANK (2019) ist wunderschön anzugucken und auch musikalisch angenehm anzuhören. Unter der Regie von Abhishek Varman ziehen die edlen Bilder zu halbklassischer indischer Musik an einem vorbei, und das macht Spaß, wenn man sich darauf einlässt und nichts anderes mehr erwartet. Nicht nur auf IMDb blühen aber momentan die negativen Rezensionen, wobei von vielen Autoren alle Elemente des Films bösartig in die Tonne getreten werden. Aber man sollte die Kirche oder den Tempel im Dorf lassen. Das Hindi-Kino der letzten Jahre war dermaßen voll von realistischen Filmen mit wenig Liedern und von nach dem dramaturgischen Regelwerk erzählten Storys, dass es mir gefällt, wenn gleich von Anfang an Lieder und prächtige Szenen in ausschweifendem Stil endlos aufeinanderfolgen. Und das alles inmitten großer, weiter Dekors, hübschen Frauen in hübschen Kleidern, in denen perfekt getanzt wird. Jedes Bild gibt einen neuen malerischen Eindruck, mal von oben, von der Seite, von unten. Und das geht lange so, oder eigentlich den ganzen Film hindurch. Einer der Höhepunkte ist ein prächtiges Dussehra-Fest, wo Alia Bhatt und Varun Dhawan vor einer brennenden Ravana-Statue stehen.

So lernt man dann zwischendurch, nach und nach, die einzelnen Figuren kennen, als sollte man daran erinnert werden, dass der Film ja auch noch etwas erzählt, aber das ist eigentlich alles eher nebensächlich. Denn bis auf ganz am Schluss, beim dramatischen Finale, hat das Formale die Oberhand und ist das Wichtigste. Und das ist doch mal eine gute Gelegenheit, um ein paar verantwortliche künstlerische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu erwähnen, die man sonst so schnell außer Acht lässt, als wäre ihre Arbeit selbstverständlich. Aber hier sind sie die wahren Stars. Wenn ich bei einem Film von Sanjay Leela Bhansali nicht das Bedürfnis habe, sofort nach den Verantwortlichen für Kamera oder Dekor zu gucken, dann weil alles ein Teil der Vision des Regisseurs ist. Aber da ich in KALANK keine Vision und keine Regie erkennen kann, ist das hier anders. Und da kann man übrigens nebenbei den Eindruck bekommen, dass die Macher von KALANK ganz geplant in Bhansalis Gewässern fischen wollten.

Cinematographer, also verantwortlich für die Bilder, das Licht, ist Binod Pradhan, der etwa die großartigen Filme aus den 90ern von Vidhu Vinod Chopra gemacht hat, wie MISSION KASHMIR (2000) und 1942: A LOVE STORY (1994). Aber er hat auch Bhansalis DEVDAS (2002) gemacht, hat also schon einmal Madhuri Dixit als liebende und tanzende Kurtisane ausgeleuchtet und gefilmt. Bei den Kostümen findet sich Maxima Basu, die daran auch für Bhansalis RAM-LEELA (2013) und dessen BAJIRAO MASTANI (2015) gearbeitet hat. Die Musik ist von Sanchit und Ankit Balhara, deren schöne Sounds man ebenfalls schon bei Bhansali gehört hat. Sie gehören zu denen, die für die Eleganz in dieser Dharma-Produktion Karan Johars sorgen und einen visuell übersteigerten, vergangenen Traum des nordöstlichen Indiens vor der Teilung herbeizaubern, bis am Ende alles brennt, vernichtet wird von hasserfüllten Massen.

Aber daneben gibt es noch die Mitte der 1940er im heutigen Pakistan angesiedelte Geschichte um eine sterbende Ehefrau, die ihre Nachfolge selbst regelt, ein Familiengeheimnis, einen unehelichen Sohn mit Rachegelüsten, eine würdevolle Kurtisane und Bordellbesitzerin. Und dann auch noch etwas verworrene Politik um den Kampf der einzelnen Schmiedehandwerker gegen die Industrialisierung, um die Auseinandersetzungen für und gegen die Teilung Indiens, als viele eiligst für vollendete Tatsachen durch die gewaltsame Vertreibung der jeweiligen Minderheiten sorgten. Und da hüpft der Film von einem Thema zum nächsten, ohne sich wirklich für eines von ihnen zu interessieren. Und irgendwie im Mittelpunkt ist eine Dreiecksbeziehung, die mit dem Fluss der Bilder so dahintreibt. Alia Bhatt ist elegant und spielt routiniert. Varun Dhawan ist gut im Zornigsein. Aditya Roy Kapoor ist der scheinbar unerschütterliche Geschäftsmann-Intellektuelle. Da haben es die älteren Stars besser. Sanjay Dutt und Madhuri Dixit haben eine überlebensgroße Leinwandpräsenz, die Bhatt oder Dhawan trotz aller Qualitäten noch nicht haben. Die immer würdevolle Madhuri Dixit braucht nur da zu sein und alles bekommt irgendwie Bedeutung. Erst als die Story auf das große Finale zusteuert, kommt der Film dramaturgisch und emotional etwas besser in Schwung, aber das wiederum ist vor allem dem Schnitt zu verdanken, also Shweta Vekant.

Was an KANKAL von Anfang an auffällt, ist die Angst, den Zuschauer zu verlieren, ihn nicht aus dem Bann der Bilder zu lassen. Das ist das genaue Gegenteil von Abhishek Varmans 2 STATES (2014), einer kleinen sympathischen Familienkomödie mit Alia Bhatt und Arjun Kapoor über Freud und Leid der Beziehung zwischen einer Tamilin und einem Punjabi. In diesem Regiedebüt war vieles gedehnt, langatmig, und das kann man bei einer teuren Großproduktion nicht zulassen. KALANK geht also sofort in die Vollen, als misstraute man der Wirkung der Geschichte an sich. Vor dem Vorspann gibt es sogar mehrere Szenen von den späteren filmischen Höhepunkten, wie eine Art verwirrender Minitrailer. Dann erzählt Alia Bhatt auch noch plötzlich zehn Jahre später einem Reporter ihr Leben, ganz unvermittelt, und nur in ein paar Szenen. Allerdings frage ich mich da, ob der Film ursprünglich anders aufgebaut oder noch länger war, ob da mehr Zusammenhang in den Einzelteilen war. Hat Produzent Karan Johar im Endeffekt dieses zur Abstraktion tendierende Destillat aus Höhepunkten zu verantworten? Hat er seinem Regisseur das Heft aus der Hand genommen? Spekulation, unmöglich zu sagen. 

Jedenfalls beruht KALANK auf einem alten Projekt seines Vaters Yash Johar. Es ist der letzte Film, an dem dieser vor seinem Tod 2004 gearbeitet hat. Aber es ist immer etwas problematisch, die Vision eines anderen zu verwirklichen. Das erklärt vielleicht auch, warum der Film im Formalen stehenbleibt und so wenig echte Innerlichkeit hat, was für eine Johar-Produktion dieser Art ungewöhnlich ist. Da ist so vieles, was unzusammenhängend wirkt. Ganz am Ende spricht Varun Dhawans Figur auch noch einen Satz aus dem Grab, warum auch immer. Und dann folgen noch ein paar weise Kalendersprüche mit einer sonnenbeschienenen seligen Alia Bhatt, woraufhin der Zuschauer mit einer prätentiösen Frage über „Liebe oder Zerstörung?“ in den Nachspann entlassen wird. Die Panik eines Misserfolgs liegt in diesen Methoden. Ich habe absolut nichts gegen Seifenopern, aber in solch einem Film, der eigentlich etwas Anderes, Größeres, Ernsteres will, sind ihre Mittel unpassend. Aber, wie gesagt, KALANK ist wunderschön anzugucken. Da sollte niemand auf die vielen berufsnegativen Stimmen im Netz hören und sich etwas anderes einreden lassen.