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Donnerstag, 31. Dezember 2020

AK VS AK – Anil Kapoor gegen Anurag Kashyap

 

Nachdem Hindi-Superstar Anil Kapoor auf einem Laptop-Bildschirm sehen musste, wie seiner entführten Tochter Sonam Kapoor ein Finger abgeschnitten wurde, stürzt er sich auf den Entführer, den Hindi-Regisseur Anurag Kashyap, und sie prügeln sich heftig, wobei der Weihnachtsbaum und ein Teil der Zimmereinrichtung plattgemacht werden. Das hat natürlich eine Vorgeschichte. Alles fing damit an, dass Kashyap während einer hitzigen TV-Talkshow Kapoor ein Glas Wasser ins Gesicht kippte und dann ein Opfer der von Medien beherrschten Cancel Culture wurde. Niemand wollte mehr mit ihm arbeiten. Seine Karriere war vorbei. Der rettende Gedanke: Kapoors Tochter entführen und den Star zwingen, in einem Reality-Bollywood-Thriller mitzuwirken, in dem er seine Tochter finden und retten soll. Und natürlich ist das alles reine Fiktion und die Netflix-Produktion AK VS AK (2020) ist nicht einmal von Kashyap, denn Regie führte Vikramaditya Motwane, der mit Avinash Sampath das Drehbuch geschrieben hat.

So beginnt die Story zunächst wie eine Komödie im Stil der Sitcoms, in denen jemand eine fiktive, übersteigerte, leicht irre Version von sich selbst spielt, so wie in SEINFELD, PASTEWKA oder der dänischen Serie KLOVN. Dazu kommen noch viele berühmte Leute, aber nichts davon ist echt außer der Fassade. Es ist eine Mediensatire, eine Ironisierung, Selbstironisierung des Bildes, das die Öffentlichkeit hat und sich macht. Das zieht sich durch den ganzen Film, auch noch, wenn er wilder wird. Die beiden Protagonisten beschimpfen sich. Anurag ist nachtragend und immer noch böse, weil Anil ihm vor 17 Jahren eine Absage für einen Film gab. Anil Kapoor sei ein alter Mann und kein Hero-Material mehr. Aber da zumindest die Dialoge des Films übrigens doch von Kashyap selbst sind, lässt er keine Gelegenheit aus, sich selbst zu veralbern. Er ist der Regisseur, der nie einen Hit hatte, der auf den Salman-Khan-Erfolg DABANGG angesprochen wird, der aber doch von seinem Bruder ist. Der Spott über die gescheiterte Ehen. Die Unbekanntheit bei der Masse. Anurag? Anurag wer? Anurag Basu?

Als Anil Kapoor merkt, dass tatsächlich etwas nicht stimmt und Tochter Sonam wirklich verschwunden ist und Kashyap ihr Handy hat, macht er sich auf die Suche. Aber der Star in ihm behindert leider den suchenden Vater, den einfachen Menschen. Ständig muss er seine Nachforschungen unterbrechen, sich fotografieren lassen, einen Tanz aufführen. Da gibt es die wunderbare Szene, wo er verzweifelt in einem Polizeirevier seine Geschichte erzählt, woraufhin das ganze Büro klatscht angesichts der vermeintlich grandiosen Darstellerleistung. Anil Kapoor schauspielert dabei brillant, nicht zu schauspielern. Und die ganze Filmstarfamilie ist da, eine lange Nase den öden Nepotismus-Vorwürfen drehend. Alle: Sonam, Harsh und auch noch Bruder Boney, der so richtig schlechte Laune hat. Ehefrau Sunita wollte übrigens nicht einmal mit ihrer Stimme mitwirken. Sie war bei den Dreharbeiten in Kapoors Haus der einzige Mensch, vor dem man Angst hatte. Hinter jedem großen Mann steht eben eine Frau, die er fürchtet.

Jenseits der ironischen Reality-Action-Fassade ist AK VS AK ein Film über den Gegensatz zwischen Regisseur- und Starkino in Bollywood, das ja vor allem ein Starkino ist. Selbst die besten und berühmtesten Regisseure wie Bhansali oder Ratnam müssen achtgeben auf die richtige Besetzung. Und Kashyaps Erpressungs-Film in AK VS AK ist so auch ein bisschen die Rache am mächtigen Star. Jetzt endlich soll die Überlegenheit über den Star bewiesen werden. Wenn man ihn rausschickt auf die echte Straße ohne Stuntman und klimatisierten Wagen, dann zeigt sich seine Schwäche. Aber der Regisseur plant, und der Star lenkt. Denn plötzlich wird es unübersichtlich. Der Film entgleitet Kashyaph. Sicherheit und Kontrolle lösen sich in Luft auf. Das Drehbuch wurde ohne sein Wissen umgeschrieben. Er wird zerrieben zwischen ehrgeizigen, aufstrebenden, zu jedem Verrat bereiten Jungregisseuren und dem Starsystem. Und es gibt ihn auch hier, den großen, berühmten, überraschenden Story-Twist, der alles umdreht und die Uhren auf Null stellt. Dieser Twist entmachtet den Regisseur und macht den Star noch größer, als er eh schon ist. Das ist der der Sieg des Starkinos über das Regiekino. Der Regisseur mag sich noch so sehr als kinoverrückten Wahnsinnigen selbst für ein Genie halten, am Ende wartet aber doch nur die Klapsmühle und die Zwangsjacke auf ihn.

Stilistisch bedient Motwane sich bei Kashyaps gerne propagierter Methode der Guerilla-Filmerei mit Handkamera. Immer filmen, überall, notfalls versteckt auf der Straße. Oder, genauer gesagt: Es erweckt zumindest den Anschein. Es ist schwer auseinander zu halten, was geplant und was vielleicht tatsächlich improvisiert ist. Es geht in oft rasendem Tempo quer durch die Straßen und Gänge, U-Bahn, Bahnhof, Veranstaltungen, eine improvisierte Einlage, rechts steht Kashyap lächelnd und ist höchst angetan von dem Tanz, der gerade die Menge begeistert. Der grandiose und mutige Anil Kapoor hat sich auf einen gewagten Film eingelassen, aber mit zwei der besten Hindi-Filmemacher jeweils vor und hinter der Kamera konnte er das Risiko auf sich nehmen.

Donnerstag, 13. Februar 2020

Mohit Suris MALANG – Abgründe im Goa-Paradies

Mohit Suri, Spezialist für romantische Thriller, hat mit MALANG (2020) einen neuen Film gedreht und siegt diesmal vor allem durch Stil-Punkte. Nimmt man als Vergleich EK VILLAIN (2014), seinen vielleicht bekanntesten Film, der es als einziger zu einer deutschen DVD-Veröffentlichung gebracht hat, dann waren es da nur einzelne Szenen, die man in Erinnerung behielt. So wie die Mordszene inmitten der lächelnden Luftballons, doch ansonsten ist alles so konstruiert, dass nur ein bisschen Hirnverbiegung hilft, um zu folgen. Und dann gibt es diese junge Frauenfigur aus dem Wolkenkuckucksheim der Bollywood-Psychiatrie.

Beide Filme sind eine Mischung aus romantischer Liebesgeschichte und Thriller-Trash inklusive bösem Cop, Serienkiller, was man eben alles so braucht. Aber während EK VILLAIN sich durch faszinierend seltsame Story-Wendungen mühsam über die Zwei-Stunden-Grenze schleppt, läuft bei MALANG alles fließend und mühelos ab. MALANG enthält darüber hinaus einen Haufen ernster Themen, von denen man sich aber intellektuell dann nicht zu sehr beeindrucken lassen sollte. Das hier ist reine Unterhaltung mit Typen statt psychologisch ausgefeilten Charakteren, aber mit dem dichten Drehbuch funktioniert es sehr schön. 

Auch der Wechsel aus Thriller und Liebesgeschichte in der Rückblende, bis sich die beiden Erzählstränge treffen, ist gelungen. Und, wie gesagt, hier sind viele, viele Themen als Versatzstücke: Eltern-Kind, good cop-bad cop, Männlichkeit und Impotenz, Liebe und Freiheit, Moral und Moral, denn beides ist nicht immer dasselbe. Was übrigens beide Filme gemeinsam haben, ist, dass die Ehe aus Männern den psychopathischen Serienkiller herausholen kann. Auch eine interessante Theorie. Bei EK VILLAIN hört man übrigens bei den Mordzügen des Psychopathen einen Sound, der hemmungslos der Musik der Serienkillerserie DEXTER (2006-2013) entlehnt wurde.

MALANG nun ist durchgehend stylish, angenehm trashig und gelungen atmosphärisch. So voll wie MALANG inhaltlich ist, so übervoll ist er bildlich, ohne dabei penetrant zu werden. Die Noir-Dunkelheit kontrastiert mit dem authentischen, modernen, sonnendurchfluteten Goa-Leben. Dazu noch die bunte, nächtliche, flimmernde Party-Atmosphäre mit viel Goa-Techno und Drogen. Das Ganze in seiner Faszination, aber auch in seiner geistigen Leere, die solch ein scheinbar freies Leben auf Dauer produziert. Farben, Kamera, Licht, Schnitt, das ist es, was den Film von der ersten bis zur letzten Minute trägt, wobei man sich gerne mitnehmen lässt.

Dazu kommt eine wirklich gute Besetzung. Aditya Roy Kapoor darf seine zwei Seiten zeigen, einmal den smarten Sunnyboy mit schulterlangen Haaren und dann den muskelbepackten Rächer direkt aus dem Knast. Er hat einen schönen Auftritt in Form einer ausgedehnten Schlägerei im Gefängnis. Er will etwas zurückhaben, was ihm weggenommen wurde. Dafür prügelt  er sich durch die Gänge, und die Kamera folgt ihm in einer sehr langen Einstellung von hinten. Zwar digital unterstützt, aber dennoch ein Versprechen auf den ganzen Film, das tatsächlich gehalten wird. Die Freundin wird gespielt von Disha Patani, die ich zwar schon in Filmen wie BHARAT (2019) oder M.S. DHONI: THE UNTOLD STORY (2016) gesehen, aber nicht wirklich wahrgenommen habe. Das hat sich jetzt geändert, denn sie spielt ohne Attitüden und sehr natürlich.

Kunal Khemu tritt auf als perfekter, sanfter Superpolizist und Superehemann mit einer dunklen Seite. Und nicht vergessen will ich die Darstellerin einer dealenden Schwedin mit Dreadlocks, die desillusioniert und pleite in Goa hängengeblieben ist. Während des Films fragte ich mich, warum die Figur denn ausgerechnet Schwedin sein muss. Die Antwort ist einfach: Elli AvrRam ist Schwedin. Und die Mutter hat die Figur der Petra Ekdahl – wenn ich nur wüsste, wer das war – in Ingmar Bergmans Klassiker FANNY UND ALEXANDER (1982) gespielt.

Aber das Beste, oder der Beste, kommt zuletzt, wobei MALANG mit Anil Kapoor passenderweise beginnt und endet. Kapoor trägt eben auch dazu bei, den Film weit über den Thriller-Durchschnitt herauszuheben. Es fängt an mit ihm auf dem Klo, Koks schniefend, später Karaoke singend zu „Aaj Ki Raat Koi Aane Ko Hai Anamika“ von Asha Bhosle. Hier darf er als Bad Cop mal richtig, besoffen, bekokst, gewalttätig, abgefuckt aus sich herausgehen. Das sieht man in dieser halb realistischen, halb überspielten Perfektion nicht oft im indischen Kino. So echt und doch so unterhaltsam. Dazu kommt eine menschlich-tragische Komponente, wenn die Rückblende erst einmal zu den Ursachen für sein Benehmen kommt. Er badet masochistisch in seinem eigenen wutinfizierten Elend, und tötet kaltblütig sadistisch die Bösen oder die, die er dafür hält. Im Cinestaan-Interview (8.2.) hat Kapoor von seiner Vorbereitung auf die Rolle erzählt. Er hat sich von den beiden BAD-LIEUTENANT-Filmen inspirieren lassen, also Abel Ferraras brillantem Original (1992) mit Harvey Keitel und Werner Herzogs nicht minder großartigem Remake (2009) mit Nicolas Cage. Und dann fügte Kapoor im Interview hinzu, dass er das Ganze dann unterhaltsam und indisch machen musste. Und genau das ist ihm perfekt gelungen. Ich habe selbst gar nicht an diese beiden westlichen Filme gedacht während der Vorstellung. Man nimmt die Figur ernst, aber man hat eben ganz einfach auch ein tierisches Vergnügen dabei.

Samstag, 23. März 2019

TEZAAB – Straßen in Flammen

TEZAAB (1988) ist der Film, der aus Madhuri Dixit einen Star machte, was sie der Initiative von Filmpartner Anil Kapoor zu verdanken hatte, da statt weiblicher Hauptrolle Mohini erst nur die Schwesternrolle für sie vorgesehen war. Und so gehört ihre Bühnennummer zu dem Song „Ek Do Teen“ mit einfallsreichen Tanzschritten und in leuchtendem Pink zu den klassischen Musikszenen des Hindi-Kinos. TEZAAB befestigte mit der Rolle des Mahesh, der zum Gangster Munna wird, aber auch den Star-Status von Anil Kapoor, der im Jahr zuvor in MR. INDIA (1987) geglänzt hatte. Und so ist es natürlich auch der erste Film eines meiner Lieblings-Filmpaare im Hindi-Kino aus Anil Kapoor und Madhuri Dixit, die sich gerade für den Film TOTAL DHAMAAL (2019) wieder einmal zusammengefunden haben. Eine schwierige Liebesgeschichte haben die beiden auszustehen in TEZAAB, der in seiner Originallänge statt drei sagenhafte fünf Stunden gedauert haben soll. Es gibt ein langes Hin und Her. Einmal steht Mohini sogar am Swimmingpool im Badeanzug und Mahesh beachtet sie nicht. Das ist nur vorstellbar, weil es im Drehbuch steht. Eine Liebeswette erweist sich fast als desaströs. Erst ein Sprung vom Dach führt alles zu einem, allerdings nur vorläufigen, einträchtigen Zusammensein.

Bei TEZAAB handelt es sich um ein inoffizielles und sehr freies Remake von Walter Hills Film STRASSEN IN FLAMMEN (1984), der ja eine ganz einfache Handlung hat. Motorrad-Rocker entführen Diane Lane als Starsängerin Ellen Aim von der Bühne weg und nehmen sie in ihr Gossenviertel mit. Michael Paré als Ellens Ex-Freund, mit dem es nicht klappte, weil ihr die Karriere wichtiger war, macht sich für Geld auf ins Outlaw-Zentrum. Bei der Befreiung wird viel Maschinenschaden angerichtet. Nachhausekommen wird noch einmal schwierig. Am Ende gibt es einen Vorschlaghammerkampf zwischen Ex-Freund und Outlaw-Chef. STRASSEN IN FLAMMEN spielt irgendwann, irgendwo und ist ein Neon-Western mit 50s-Rock'n'Roll. Retter ist der einsame Wolf, der Lone Rider, dessen Vergangenheit im Dunkeln liegt. Vermutlich war er mal bei der Armee.

TEZAAB übernimmt das Prinzip von Hills Film, das ja sehr einfach ist. Allerdings gibt es hier keine Soldatin, die an Anil Kapoors Seite kämpft. Auch kommt kein Manager mit. Begleitet wird Mahesh von seiner Gang. Dazwischen gibt es sehr lange Rückblenden, die damit fast den Hauptteil des Filmes ausmachen. Das, was in STRASSEN IN FLAMMEN geheimnisvoll bleibt, wird hier ausführlich erzählt und begründet. Wie wurde Mahesh zum Gangster Munna, wieso ist er aus seiner Heimatstadt verbannt, was verband Mohini und Mahesh, was trennte sie? Einige Details wurden aus dem Original übernommen, vor allem die Entführung am Anfang, die Konzertszene, wo die Gangster sich langsam nach vorne schieben und dann alles in einer Schlägerei endet. Da ähneln sich sogar die Einstellungen. Nach der wildesten Actionszene in Zusammenhang mit der Befreiung gibt es im leicht beschädigten Wagen das entspannte Nachtlied „So Gaya Yeh Jahan“. In STRASSEN IN FLAMMEN ist dieser Verschnaufer von der ganzen Aufregung eine Szene im Bus. Und das Liebespaar kommt im strömenden Regen wieder zusammen. Allerdings lässt TEZAAB die Liebesnacht weg. Es gibt sogar ebenfalls einen Kampf mit Vorschlaghämmern, den aber hier nicht Held und Bösewicht ausfechten. Besondere Pointe im Hindi-Film ist, dass die Gegner sich mit jeweils einem heftigen Schlag gegenseitig tot hauen.

Regisseur N. Chandra war damals, Ende der 80er, an der zeitlichen Schwelle zum neokonservativen global werdenden Bollywood-Kino, ein Vertreter von rauem Realismus im Stile des 70er-Kinos mit seinem „angry young man“. TEZAAB gilt als dritter Film einer Trilogie, deren andere Teile das Regiedebüt ANKUSH (1986) und der Nachfolger PRATIGHAAT (1987) sind. In TEZAAB geht es um die Rückholung in die Gesellschaft von jungen Männern, die irgendwie herausgerutscht sind. Auch wenn sie gesetzlos sind, handeln sie nach einem gewissen Ehrenkodex. Action im Hindi-Film hat ja manchmal etwas absichtlich Irreales, Fantastisches. Bei Chandra aber ist alles sehr echt und realistisch. Die Gewalt wird nicht künstlich in die Länge gezogen, sondern ist kurz, präzise und vom Regisseur selbst geschnitten. Der scheint westliche Filme der 80er sowieso sehr sorgfältig geguckt zu haben. Bei einer Schießerei vor einer Bank, die gerade ausgeraubt wird, entgleitet einer Mutter der Kinderwagen und rollt die Treppe vor dem Gebäude herunter. Nun hat Chandra sich vermutlich nicht bei Eisensteins Stummfilmklassiker PANZERKREUZER POTEMKIN bedient, sondern bei Brian de Palmas DIE UNBESTECHLICHEN (1987), wo Ähnliches bei einer Schießerei im Chicagoer Bahnhof geschieht.

Zwei gleichwertige Bösewichte hat TEZAAB. Kiran Kumar hat die Rolle von Willem Dafoe aus STRASSEN IN FLAMMEN und macht ihm mit seinem stierenden Blick echte Konkurrenz. Damit das Publikum diesen wirklich genießen kann, darf er ihn auch mal direkt in die Kamera richten und für eine eindringliche Großaufnahme darauf zugehen. Und dann ist da Anupam Kher als widerlicher, die Tochter ausbeutender und folternder Vater. Wenn sie nicht spurt und nicht auftritt, um für seine Ausschweifungen das Geld heranzuschaffen, dann peitscht er sie durch. Und wenn das nicht klappt, droht er mit Säure, also „Tezaab“. Davor hat Mohini begründete Angst, denn damit wurde das Gesicht der Mutter verätzt, als diese weggehen wollte. Für den Titel des Films gibt es einen zweiten Grund. Bei einer korrupten Gerichtsverhandlung wirft der schreiende Staatsanwalt Mahesh vor, die „Säure“ der Gesellschaft zu sein, weshalb er weggesperrt gehöre. Vertrauen in die Rechtsordnung schafft der Film nicht, auch wenn sich schließlich alles zum Guten wendet.

Dienstag, 5. März 2019

Gelesen: Filmfare March 2019

Auf dem Cover der März-Ausgabe von Filmfare ist Sara Ali Khan, Tochter von Saif Ali Khan und Amrita Singh, Stieftochter von Kareena Kapoor Khan und Enkelin von Sharmila Tagore, der mehrfachen Satyajit-Ray-Darstellerin, die sogar Filmintellektuelle mit Bollywood-Ignoranz kennen. "A Sar is born" wird verkündet. Und Chefredakteur Jitesh Pillai schreibt ein lobpreisendes Editorial auf eine junge Dame, die er als sich in der Filmwelt bewegender Journalist hat groß werden sehen. Man kennt sich, man mag sich, man fördert sich. Da kann man natürlich, ganz im Sinne der schimpfenden Kangana Ranaut, sagen, dass Sara es ohne Nepotismus nicht so leicht gehabt hätte. Und das gibt sie auch unverblümt zu. Nepotismus ist Vetternwirtschaft, und die bleibt eben nicht aus, wenn alle miteinander bekannt, verwandt und verschwägert sind. Aber jedenfalls funktioniert es inzwischen auf die einzige Art, auf die Nepotismus existieren sollte: ganz öffentlich und ungeniert. Keiner spielt mehr ahnungslos. Ich kann mich an das eine oder andere Interview erinnern, wo man noch ganz unschuldig so getan hat, als wüsste man nicht, wovon die Rede ist, vermutlich mit großen, erstaunten Augen. Vielleicht auch mit ein Erfolg von Kangana. Jedenfalls wird Sara Ali Khan auf dem Cover zum neugeborenen Star erklärt. So was macht man natürlich nicht bloß aus Nächstenliebe. Denn eine Zeitschrift wie Filmfare lebt vom Startum. Und man braucht immer wieder neue Sterne am Filmhimmel. Ein ganzes Heft nur mit Interviews mit Regisseuren würde vermutlich nicht auf zu großen Anklang stoßen. In dieser Ausgabe ist übrigens nicht ein einziges, was ich dann wieder sehr schade finde.

Aber natürlich ist Sara Ali Khan noch kein Star, wie das Titelblatt behauptet. Selbst sagt sie etwas Schönes über das Starsein von heute, denn man könnte sie auf Instagram bei allen möglichen Dingen sehen und dabei auf dem Klo sitzen: „Wo ist das Startum?“ Einerseits stimmt das. Alles ist öffentlich. Ohne Unterschiede. Das Geheimnis existiert nicht mehr. Andererseits hat man auch früher schon Zeitungen und Zeitschriften auf dem Klo gelesen. Jedenfalls handelt es sich bei ihr also um eine offensichtlich intelligente junge Frau, die bisher in zwei Filmen in Erscheinung getreten ist: KEDARNATH (2018) mit Sushant Singh Rajput und SIMMBA (2019) mit Ranveer Singh, wo sie mehr oder weniger bloß anwesend ist. Ersteren kenne ich nicht. Also lasse ich jeden Kommentar zu ihrem Talent, das sie aber nach allgemeiner Aussage in KEDARNATH zeigt. Angefangen hat sie als Einserstudentin mit einem Abschluss an der Columbia University. Dann veränderte sie sich von der gut genährten Intellektuellen (96 kg) in eine Schauspielerin mit viel Ehrgeiz (55 kg). Und sie gibt einen guten Haarpflegetip: Zwiebeln. Dass sie auf dieses Pflegemittel beim Dreh ihrer beiden Filme nicht verzichtet hat, sehr zum Leidwesen ihrer beiden Filmpartner, zeugt dann aber doch von einem gewissen angeborenen Starbewusstsein. Das nennt man dann wohl blaues Bollywood-Blut.

Das Schönste an diesem Heft sind aber drei Interviews über langlebige und immer noch aktive Karrieren, darunter meine Lieblingsrubrik Nostalgie, diesmal mit Shubha Khote, die schon in den 50ern drehte, darunter auch PAYING GUEST (1957) mit Nutan und Dev Anand. Doch das war noch eine ernste Rolle. Es zog sie langfristig zur Komödie. PAYING GUEST hat sie erst spät im Alter geguckt, weil sie sich nicht in einer bösen Rolle sehen wollte. Sie spielt da nämlich den Vamp. Ihr Lieblingsschauspieler ist James Dean. Und sie vergöttert Dilip Kumar. Der legte einmal seine Hand auf ihren Kopf. Danach hat sie sich tagelang die Haare nicht gewaschen, sehr um Unwillen der Mutter, einer offensichtlich energischen und autoritären Frau, die später dann am liebsten die Hochzeit der Tochter verhindert hätte. Hat sie aber nicht geschafft. Dann ist der immer noch höchst erfolgreiche Anil Kapoor dabei, der jetzt in kurzem Abstand zwei Filme ins Kinos bringt, bei denen er alte Bekanntschaften erneuerte. Einmal die Vidhu-Vinod-Chopra-Produktion EK LADKI KO DEKHA TOH AISA LAGA (2019), in der er zum ersten Mal mit seiner Tochter Sonam Kapoor arbeitet. Und TOTAL DHAMAAL (2019) mit Madhuri Dixit. Beide bilden eines meiner Lieblingstraumpaare. Aber das sieht Anil Kapoor selbst auch so: „Oh Gott, unsere Chemie. Mit ihr zu arbeiten ist so besonders.“ Und schließlich ein Gespräch mit dem gerade mit dem Nationalpreis Padma Shri ausgezeichneten Manoj Bajpayee, den man hier bei uns am ehesten aus Anurag Kashyaps GANGS OF WASSEYPUR (2012) kennt. Er hat es sich in seiner Karriere nicht leicht gemacht, hat immer nur nach seinen Regeln gespielt. Da gab es natürlich auch Tiefen, die andere Schauspieler in den Selbstmord getrieben hätten, meint er. Die schönste Aussage kommt am Ende: „Ich bin extrovertiert, wenn es nötig ist. Ich bin gerne in meiner Schale.“

Klatsch und Mode bieten wieder eine bunte Mischung. Varun Dhawan plant mit Aanand L. Rai, Deepika Padukone mit Meghna Gulzar und Shah Rukh Khan dreht doch keine Astronauten-Biografie, wo doch ZERO (2018) mit seinem Space-Szenen so daneben ging. Dafür gibt es vielleicht DON 3. Das klingt solider und handfester und ambivalent. Die Modeseiten, da geht es diesmal viel um Farben. Grünes Ohrgehänge, Deepika in Schwarz und Weiß, Schauspielerinnen in Rot und dann die eine Seite zum Weglaufen: Shirts und Hemden mit alternativen Ärmeln. Als Bespiele Shraddha Kapoor und Katrina Kaif. Ich möchte weggucken, starre aber verstört hin. Es fällt also auf und man guckt hin. Ziel erreicht. Außerdem gibt es im Heft eine Fotostrecke mit Vicky Kaushal, der gerade einen großen Erfolg mit URI: THE SURGICAL STRIKE (2019) hatte. Der Film hat noch zu zwei weiteren Interviews geführt. Eins mit Mohit Raina, der als Lord Shiva in einer TV-Serie bekannt wurde. Und eins mit Yami Gautam. Dann ist im Heft ein skurril ausgefüllter Fragebogen mit Jim Sarbh, dem schwulen Herrscherberater aus Bhansalis PADMAAVAT (2018). Außerdem Meiyang Chang, der Zahnarzt chinesischer Abstammung ist und dann Sänger wurde und jetzt auch in Bollywood tätig ist. Und schließlich ist Emraan Hashmi im Heft, der mit WHY CHEAT INDIA (2019) unter die Produzenten gegangen ist und ein Buch über die Krebserkrankung seines kleinen Sohnes geschrieben hat, der alles überstanden zu haben scheint. Erschienen ist es jetzt als Taschenbuch und heißt: „Kiss of Life: How a Superhero and My Son defeated Cancer“. Es ist auch hier erhältlich und kostet momentan etwa 15€.