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Mittwoch, 20. Februar 2019

Gelesen: Filmfare February 2019

Die Februar-Ausgabe der wichtigsten indischen Filmzeitschrift Filmfare ist wie immer eingerahmt durch ein Einleitungs- und ein Abschluss-Editorial von Chefredakteur Jitesh Pillai. Beides sind diesmal Loblieder auf zwei allen vertraute Schauspielerinnen die schon länger dabei sind. Das letzte Wort dreht sich um Aishwarya Rai Bachchan, denn vor 25 Jahren wurde sie Miss World. Und der Anfang und die Cover-Story sind Vidya Balan gewidmet, wobei ich sie jetzt gar nicht sofort erkannt hätte so stark geschminkt und so niedlich eingemümmelt in dieses kuschelig-federige Boazeugs. Das „40 is the new sexy“ auf der Titelseite lässt Schlimmes vermuten, doch es ist alles andere als ein marktschreierisches Interview. Es geht weniger um Sex als um ihren qualvollen Kampf gegen die Pfunde, die durch hormonelle Probleme bei ihr unvorhersehbare Züge annehmen können. Seit sie einigermaßen gelernt hat, psychisch damit umzugehen, schreit sie es von allen Dächern, wie sie sagt, damit andere davon profitieren. Vor allem, wenn sie erzählt, dass sie unter die Decke geht, wenn Leute sie fragen, warum sie nicht etwas mehr trainiert, wo sie gerade das doch bis zum Exzess tut. "F* you", möchte sie da sagen. Das alles ist wohl wichtig, besonders, wenn sie feststellt, dass man das Problem nicht mit rein mathematischer Logik angehen kann und das unter Umständen das Gegenteil von dem herauskommen kann, was man beabsichtigt hatte. Man hungert und nimmt zu. Eine bekannte Tatsache, die man nicht genug wiederholen kann angesichts der vielen Gesundheitsfaschisten mit ihrem mechanistischen, körpermaschinistischen Weltbild. Da fällt mir ganz nebenbei die sogenannte deutsche Expertin ein, die vorgeschlagen hat, ungesundes Essen zu besteuern. Nur, was ist ungesundes Essen? Aber ich schweife zu sehr ab.

Wer Filmfare selbst lesen will, was ich nur empfehlen kann, kann im Internet zu Magzter gehen. Da gibt es ein wirklich preiswertes digitales Abo. Und unendlich viele alte Ausgaben, an die man aber nur kostenlos mit dem Goldabo herankommt. Sicherlich kann man Filmfare auch noch auf anderen Abo-Seiten digital beziehen, aber da habe ich jetzt keine Recherche betrieben. Auf traditionellem Wege ist es übrigens ein fast unmögliches Unterfangen, das Heft zu bekommen. Und angesichts der postalischen Wartezeit ist es so natürlich sowieso aktueller. Immer mit dem Nachteil, dass keine physische Kopie irgendwo im Weg liegt und einen daran erinnert, dass da noch etwas zu lesen ist. Und das ist das Gute an meinem neuen Bollywood-Blog. Ich komme nicht nur mit den neuen Filmen, sondern auch mit Filmfare wieder in eine zeitlich regelmäßige Spur. Allerdings vermisse ich immer ein bisschen die Werbeseiten, die in der digitalen Ausgabe leider fehlen.

Wie gewohnt gibt es neben den hauptsächlich vorherrschenden Interviews die Standardrubriken. Den Klatsch kennt man heutzutage allerdings meist schon aus dem Internet. Werden Alia Bhatt und Ranbir Kapoor dieses Jahr heiraten? Eine wirklich wichtige Frage. Und was machen die Frischvermählten Nickyanka – Nick Jonas und Priyanka Chopra – und Deepveer – Deepika Padukone und Ranveer Singh – so, wenn sie keine Filme drehen? Was Letztere angeht, gibt es eine hübsche Seite im Modeteil, wo man sieht, wie sie bei gemeinsamen Auftritten ihre Kleidung aneinander anpassen, wo Ranveer Singh sonst doch eher durch knallige, farbenfrohe, exzentrische Klamotten auffällt. Meine Lieblingsseite gibt es leider nicht mehr. Die modischen Fehltritte der Stars waren immer ein großer, schadenfreudiger Anlass zur Heiterkeit. Aber ich nehme an, dass inzwischen jeder Nebendarsteller, der es sich einigermaßen leisten kann, sich von hochbezahlten Stylisten beraten lässt, die die schlimmsten Geschmackskatastrophen verhindern. Und man landet ja heutzutage nicht mehr nur mit einem kleinen Bild bei Filmfare, ein doch überschaubarer Leserkreis, sondern es verfolgt einen global auf lange Zeit.

Meine beiden Lieblingsinterviews sind zum einen das mit dem Regisseur Sriram Raghavan und dann das mit Soumitra Chatterjee, der bengalischen Filmlegende, die immer noch Filme dreht, leider nicht ganz freiwillig. Chatterjee hat wegen eines schlimmen Unglücks in der Familie zu wenig Geld. Sein Enkel, der eine gute Karriere als Sänger und Schauspieler begonnen hatte, hatte einen Motorradunfall. Aber um Geld hat Chatterjee sich früher nicht gekümmert. Fand es nicht wichtig. Sogar tolle Angebote aus der Hindi-Filmindustrie hat er damals abgelehnt. Und das ist wirklich traurig und ich möchte sagen, es war auch ein bisschen kulturelle Überheblichkeit, denn in Filmen wie Raj Kapoors SANGAM (19654) hätte er wirklich guten Gewissens mitspielen können. Seiner filmhistorischen Bedeutung ist er sich bewusst. Die Zusammenarbeit über zwölf Filme mit Ray nennt er einen „Meilenstein des Weltkinos“, mit der sich nicht einmal das Team aus Akira Kurosawa und Toshiro Mifune vergleichen könnte. Leider liefert das Gespräch auch die Nachricht, dass von ihm keine Autobiografie zu erwarten ist. Aus Rücksicht auf die Menschen in seiner Umgebung. Schade.

Und dann ist da Regisseur Sriram Raghavan, der gerade auf einer von vielen nicht erwarteten Erfolgswelle schwimmt. Selbst für Selfies muss er neuerdings herhalten. ANDHADHUN (2018) hat richtig Geld eingespielt, was mich ungeheuer freut. Einige wichtige Schauspieler haben den Film wohl abgelehnt, denn gerade die zweite Hälfte ist ziemlich irre. Das wirkte im Drehbuch vermutlich ziemlich abstrus. Aber selbst schuld, wenn sie nicht imstande waren, zu abstrahieren und zu sehen, dass Raghavan ein Stilist ist, der so etwas perfekt hinbekommt. Aber andererseits gut so, denn wer den Film gesehen hat, möchte auch niemand anders als Ayushmann Khurrana in der Rolle.

Dann ist da noch ein schöner Nachruf auf den brillanten und vielseitigen Kader Khan im Heft. Und schließlich gibt es Interviews mit Shah Rukh Khan und Anushka Sharma, worauf ich in meinem Beitrag zu ZERO (2018) vermutlich zurückgreifen werden. Allerdings philosophiert Anushka Sharma hauptsächlich über die Ehe. Auch sie ist ja relativ frisch vermählt. Debei geht um die geänderten Zeiten, denn früher haben Schauspielerinnen meist ihre Karriere beendet, wenn sie heirateten. Außerdem haben die Filmfare-Journalisten mit Fatima Sana Shaikh gesprochen, die großartige Hauptdarstellerin aus dem Ringerinnenfilm DANGAL (2016). Das arme Mädchen ist nach dem Misserfolg von THUGS OF HINDUSTAN (2018) höchst deprimiert in die Türkei geflüchtet. Dabei war es gar nicht ihre Schuld. Der Film kreist leider einfach um sich selbst, weil ihm irgendwann die Ideen ausgehen, und es fehlt ihm jede Leichtigkeit, obwohl dauernd Leute durch die Luft springen. Andererseits hat der Film einige amüsante Ideen, und ich müsste lügen, wenn ich leugnen würde, dass er, einmal geguckt, durchaus unterhaltsam ist. Es gibt wirklich schlechtere Filme, die aber Erfolge waren.

Abschließend, nicht zu vergessen, die Jahresvorschau. Und ich freue mich auf neue Filme von Dibakar Bannerjee, Rajkumar Gupta, Anurag Kashyap, Siddharth Anand, Ashutosh Gowariker, Meghna Gulzar und dann, muss ich sagen, auch auf Vikas Bahls Mathematikerfilm SUPER 30, den Anurag Kashyap jetzt in der Postproduktion fertigstellt oder fertiggestellt hat. Denn das Deprimierende an der ganzen Geschichte um Bahls eklige sexuelle Belästigung ist, dass ich seine Filme sehr mag. 2011 hat er ja sogar mit CHILLAR PARTY einen tollen Kinderfilm gedreht. Und mit SHANDAAR (2015) eine poetisch-verträumte Liebesgeschichte. Tja, die menschlichen Abgründe. Und die mit den grausamen und perversen Filme sitzen oft unschuldig zu Hause und können keiner Spinne was zuleide tun.

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