Dieses Blog durchsuchen

Dienstag, 5. Februar 2019

Meghna Gulzars RAAZI – Spionieren für Indien

Auf einer sonnigen Wiese lassen es sich ein paar Streifenhörnchen gutgehen. Die Kamera fährt auf Bodenhöhe an ihnen entlang. Aber eines davon hat es sich auf der befahrenen Straße bequem gemacht. Alia Bhatt, als junge Studentin Sehma, handelt schnell und rettet es vor einem Motorroller. Aber dann muss sie selbst von einer Freundin vor einem Auto gerettet werden. Als reaktionsschnell, emotional und dann auch wieder gefährlich zerstreut in ihrem momentan sorglosen Leben wird sie gezeigt. Diese Szenen sollen nicht nur die Hauptfigur von RAAZI (2018) charakterisieren und sie in die Geschichte einführen. Es werden auch Probleme vorausgeahnt, denn dieser kurze Moment hinterlässt beim Zuschauer ein ungutes Gefühl, da man im Gegensatz zu Sehma selbst schon weiß, was sie erwartet. Oder zumindest, was ihr Vater, der Doppelspion aus Kaschmir, den man in Pakistan für einen Freund des Landes hält, von ihr erwartet. Es ist das Krisenjahr 1971. Sehma soll in einer arrangierten Ehe den Sohn eines hohen pakistanischen Offiziers heiraten, denn schlimme Dinge könnten Indien im Zuge der unterstützten Unabhängigkeitsbestrebungen in Ost-Pakistan, danach Bangladesch, bevorstehen. Sie willigt ein. Es ist Familientradition. Sie ist Patriotin. Sie ist „raazi“, „bereit“. Also lernt sie beim Geheimdienst die praktischen Dinge, die sie können muss.

Regisseurin Meghna Gulzar geht den Weg weiter, den sie mit TALVAR (2015) eingeschlagen hat. Auf der Grundlage einer präzisen und detailreichen Rekonstruktion erzählt sie einen Zusammenhang, mehr noch als einfach eine Geschichte. Und wieder geht es um eine Familie. War TALVAR die genaue Darstellung eines eine Familie zerstörenden Mordfalls und des anschließenden Justizskandals, wird in dem ebenfalls auf Tatsachen beruhenden RAAZI eine Familie von innen, durch eine lächelnde Spionin ruiniert und sogar dezimiert. Hatte TALVAR in seinem indirekten Protest gegen eine schlampig arbeitende Ermittlungsbehörde ganz offensichtlich eine zusätzliche politische Ebene, so bleibt RAAZI innerhalb eines politischen Films doch vorwiegend auf der menschlichen und persönlichen Ebene. Meghna Gulzar verzichtet auf Feindbilder, auf Klischees. Gezeigt wird eine ganz normale nette Offiziersfamilie. Wobei das etwas ist, das der ausländische, nicht mit indisch-pakistanischer Geschichte vertraute Zuschauer leicht missverstehen kann, denn worüber im Film nicht gesprochen wird, weil das Wissen wohl vorausgesetzt wird, ist der unglaubliche Terror, den West-Pakistan in Ost-Pakistan ausgeübt hat und der zu Millionen von Flüchtlingen und Toten führte, sodass Indien gar nichts anderes übrig blieb als einzugreifen.

Die Regisseurin hat Freude an der Mechanik der Spionagetätigkeit, und würde der Film es dabei belassen, dann wäre er einfach ein gekonnt erzählter Thriller. Doch der Film steigert sich langsam. Sowohl, was die Spannung als auch, was die Emotionen angeht. Die Spannungssteigerung geschieht dadurch, dass Sehma die häuslichen Grenzen überschreitet, um ihren Auftrag auszuführen. Den Spannungssteigerungen folgen unweigerlich die emotionalen Steigerungen. Eines zieht das andere nach sich, wie in einer fatalistisch unveränderbaren Kette von Ereignissen. Und es sind die emotionalen Steigerungen, die den Kern des Film und damit seinen Erfolg ausmacht. Es ist die Traurigkeit, die sich nach und nach, spätestens mit dem zweiten Mord, den Sehma verüben muss, über alles legt. RAAZI beginnt also als Spionagefilm, wird aber dann zur echten Tragödie. Dass Sehma nette Menschen anlügt, ist nicht nett, aber angesichts der Situation verzeihbar. Dass sie dafür mit Kindern ein patriotisches Lied einstudiert, hat sogar Ironie, vor allem, wenn man erkennt, dass sie nicht an Pakistan denkt beim Mitsingen. Aber dann muss sie tatsächlich töten. Und das hinterlässt Spuren bei ihr.

Meghna Gulzar reichen oft kurze Szenen, damit man eine Idee von einer Situation bekommt. Wenn etwa der Zuschauer weiß, dass Sehma ihren Schwager umgebracht hat und die freundliche Schwägerin lächelnd sagt, dass ihr Mann angekündigt habe, heute früher nach Hause kommen zu wollen, da schaut Ali Bhatt sie einfach nur lange ernst an, ohne dass die Schwägerin es merkt. Als nächstes folgt sofort die militärische Beerdigung. Das ist eine angenehme erzählerische und stilistische Distanz, ohne jedoch gefühllos zu sein. Anstatt die Figuren in ihren Gefühlen auszubeuten, was nur eine scheinbare, kurzfristige Wirkung hat, geben solche Szenen und elliptischen Übergänge dem Zuschauer eine klare Idee von den Gefühlen der Figuren und der Situation. Und so macht die Geschichte nach und nach einfach ratlos und tief traurig, und man könnte dabei völlig vergessen, warum Sehma tut, was sie tut. Wären da nicht überall – sogar in einem öffentlichen Klo – diese „Crush India“-Aufkleber. Und wären da nicht am Esstisch diese kurzen Ausbrüche gegen das Nachbarland.

Tatsächlich hat die Spionagetätigkeit der Frau, auf die der Sehma-Figur beruht, entscheidend dazu beigetragen, frühzeitig Kenntnis von einem großen Schlag Pakistans zu bekommen. Das U-Boot Ghazi fuhr einmal um den Subkontinent herum, um Minen zu legen und den Flugzeugträger INS Vikrant zu versenken, ging aber den Indern in die Falle und vernichtete sich aus Versehen auf der Flucht im eigenen Minenfeld selbst. Die Unterstützung der Befreiung des heutigen Bangladeschs konnte also im wahrsten Sinne des Wortes nicht torpediert werden. Dharma-Productions, aus dessen Produktions-Haus RAAZI stammt, hat übrigens vor zwei Jahren mit THE GHAZI ATTACK (2017) einen soliden Film herausgebracht, der die Jagd nach diesem pakistanischen U-Boot sehr genau schildert.

RAAZI ist, in Form einer Gedenkfeier auf einem Flugzeugträger, in einen Rahmen der Gegenwart eingebettet. Aber hier gibt es keinen MOTHER-INDIA-Augenblick. Es gibt, anders als in dem Klassiker von Mehboob Khan, keinen Auftritt einer weiblichen Symbolfigur mit ikonischer, die ganze Nation repräsentierenden Bedeutung. Die inzwischen alte Frau ist nicht dabei. Es wird an sie gedacht, aber es wird nicht klar, woran sie selbst denkt. Im Schlussbild sieht man einfach eine alte Frau in einem einsam gelegenen Haus am Fenster sitzen. RAAZI ist ja beileibe nicht der erste Film, der die schmutzige, gefühlskalte Welt der Spionage zeigt, aber Meghna Gulzar verzichtet bis zum Schluss auf die dabei oft angewendete künstlich unterkühlte, desillusionierende Atmosphäre. Die Kunst des Films besteht darin, dass die Werte Patriotismus und Opfer für das Land nicht verneint oder als sinnlos abgetan werden. Nicht einmal die Haltung, dass ein einzelnes Leben nicht zählt, wird als zynisch kritisiert. Es ist die sachliche Haltung, die ein Staat mit gefährlichen Feinden zum Überleben braucht. Alles wird akzeptiert, als normal geschildert, ohne dass es künstlich gefeiert und propagiert wird. Sehma gehörte eben eigentlich nicht in diese Welt, über deren innere Regeln sie sich gar nicht im Klaren war. Denn auch ihr Leben ist im Notfall entbehrlich. Was im Übrigen abschließend Hauptdarstellerin Alia Bhatt angeht, so ist das größte Lob vielleicht, dass sie absolut natürlich und unangestrengt in ihrer Darstellung wirkt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen