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Mittwoch, 1. Mai 2019

Anurag Kashyaps MUKKABAAZ – Vom Raufbold zum Boxer

MUKKABAAZ (2017), das bedeutet Raufbold, Rabauke. Und wie der nicht mehr ganz junge Endzwanziger Shravan, in der Gestalt von Vineet Kumar Singh, vom stürmischen Raufbold zum denkenden Boxer wird, davon handelt Anurag Kashyaps Sportfilm, der in einer Kleinstadt im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh spielt. Shravan ist einer, der lieber mit dem Kopf durch die Wand will, als brav zu schweigen, wenn ihm etwas nicht passt. Und er hat ein Ziel. Er will Boxer werden, sehr zum Leidwesen des Vaters, der ständig mault, der Sohn habe eine tolle akademische Karriere sausen lassen. Bis es aus dem Sohn in einer heftigen, aber auch lustigen, Szene herausbricht, dass er dazu zu blöd gewesen wäre, weil er einfach nichts im Hirn habe, und woher sollte er die Intelligenz auch geerbt haben. Allerdings macht er in seinem Feuereifer den großen Fehler, sich mit seinem Trainer Bhagwan Das Mishra anzulegen.

Der ist ein Gangster und hoher Funktionär der lokalen und bundesstaatlichen Boxorganisation in Uttar Pradesh und duldet keinen Widerspruch. Das Bollywood-Kino ist ja seit Einzug der vermeintlich realistischeren Psychologie ein bisschen sparsamer mit echten, unerträglichen, durch und durch widerlichen Bösewichte geworden. Aber hier gibt es mal wieder einen, ausgerechnet gespielt von Jimmy Sheirgill und er ist richtig gut hassenswert. Da möchte selbst der überzeugteste Pazifist zur tödlichen Selbstjustiz greifen. Er tyrannisiert alle um sich herum, besonders die eigene Familie, und ganz besonders die Frauen, die er als sein persönliches Eigentum betrachtet. Shravan fliegt also aus der Boxgruppe und Mishran hat die Macht, ihn nirgendwo mehr boxen zu lassen. Und er nutzt diese Macht.

Aber dann waren die Rebellion gegen und die Prügelei mit dem Trainer auch wieder gar kein Fehler, denn es bringt Shravan endgültig die Liebe von Sunaina, der Nichte des Trainers, ein. Denn MUKKABAAZ ist vor allem ein Liebesfilm. Und die Liebesgeschichte steht bei all dem Boxen immer im Mittelpunkt. Was Shravan auch tut, boxen für einen Job, arbeiten, boxen für einen Titel, oder auch gar nicht boxen, er tut es für sie beide. Da Sunaina stumm ist, drückt die beeindruckende filmische Neuentdeckung Zoya Hussain die Gefühle vor allem mit den Augen aus. Und wie sie am Anfang, wo Shravan sich prügelt, erst gewinnt und dann zusammengetreten wird, mit strahlenden Augen und leuchtendem Gesicht vom Dach auf ihn herabschaut, da braucht es tatsächlich keine Worte mehr. Was ihre Stummheit angeht, da kann Kashyap übrigens noch so sehr philosophieren, dass dies das Schweigen der Frauen in diesen Gegenden symbolisiere, so ist es doch bestimmt kein Zufall, dass die Frau von ROCKYs Schützling CREED taub ist, weshalb Zeichensprache auch dort eine große Rolle spielt. Und Shravan hat mit dieser Liebe einen doppelten Feind, denn auch dieser Beziehung widersetzt Mishran sich mit allen brutalen Mitteln.

Der ganze Film ist von den Motiven her ein einziges Sammelsurium aus Bekanntem. Alles, was man in Boxfilmen schon gesehen hat, scheint da irgendwo zu stecken. Doch es kommt ja darauf an, was Kashyap daraus macht. Und es ist ein ganz bewusst voller Film. Er ist bunt, grau, wild, lieb, witzig, grausam, emotional, sehr spannend und sehr berührend. Dem einen  oder anderen Kritiker war's zu viel des Guten, ich find's großartig. Es ist eine Mischung aus Realismus, teilweise sehr hartem und grauem Realismus und eben den populären Standards des Sportfilms. Wie eine Masala-Boxfilm, nur ohne irreale Übersteigerungen. Ein echter mainstreamtauglicher Boxfilm, nur mitten in authentischer Amateurboxatmosphäre, ohne je die glamourösen Arenen mit TV-Übertragung oder edle Olympia-Höhen zu erreichen. Da finden Kämpfe statt mit mehr Funktionären als normalen Zuschauern

Und dazwischen immer wieder stille, intime Szenen. Kashyap ist nah dran an den Figuren, für die er sich Zeit nimmt. Aber dann auch wieder verdichtend und distanzierter in Montageszenen mit vielen Bildern, vielen Schnitte und dazu die Lieder des brillanten Soundtracks mit Texten, die etwas beitragen zur Geschichte, zu den Gefühlen. Kashyap macht daraus immer wieder etwas wie lebendige Übungen in Stil. Es sind Lieder, die auch vom spannenden Sound her zur Szene passen. Da war zunächst eine leichte Enttäuschung, als ich bemerkte, dass die Musik nicht vom geschätzten Amit Trivedi ist, aber die verschwand schnell angesichts der Kompositionen von Nucleya und Rachita Arora. Kashyap ist wirklich brillant bei der Auswahl seiner Musik und die Musiker liefern für ihn oft ihre besten Arbeiten. So wie Trivedi plötzlich Jazzkomponist wurde für das verkannte Meisterwerk BOMBAY VELET (2015).

Ein erstes Drehbuch zu MUKKAABAAZ stammt vom bemerkenswert authentisch wirkenden Hauptdarsteller Vineet Kumar Singh selbst. Kashyap hat dann einen echten Kashyap draus gemacht, wie man es lieben muss. Hat zur perfekten Rekonstruktion Videoaufnahmen von echten Amateurkämpfen machen lassen. Hat Singh ein Jahr lang Boxen trainieren lassen. Und MUKKABAAZ ist gefüllt mit indischen Themen und Problemen. Einmal ist es eine Analyse der Sportwelt. Es gab ja in den letzten Jahren einige Sportfilme über indische internationale Medaillengewinner. Rakeysh Om Prakashas BHAAG MILKA BHAAG (2013), Reema Kagtis GOLD (2018) mit Akshay Kumar, der leider nie auf DVD erschienen ist, und auch DANGAL (2016) mit Aamir Khan. Aber in der Gesamtschau sieht es beim indischen Medaillenspiegel regelmäßig nicht berauschend aus. Und Kashyap geht an die Basis, da wo die Ursachen für die Fehlentwicklungen liegen. Denn Sporterfolge beginnen lokal, regional, beim Jugend- und Amateursport. Wenn das nicht gut organisiert ist, kommen keine Talente für bundesstaatliche und zuletzt nationale Förderung. Wie es Kashyaps Art, zeigt er Korruption und Nepotismus ziemlich ungeschönt.

Und er schneidet Themen an, die im Bollywood-Kino oft gar nicht mehr existieren, als gäbe es sie nicht mehr. Es geht um Kaste und Klasse. Der Film ist da sehr deutlich: Der Bösewicht Mishran ist eigentlich ein ganz rationaler Bösewicht, weil er denkt, er hat ein Recht darauf. Erstens ist er Brahmane und zweitens hat er Geld. Geld ist eben überall eine wichtige Kaste, die selbst in Indien niedrige Herkunft ausgleichen kann. Es ist einfach großartig, wie Kashyap bei all dem nicht den Überblick verliert, wie kein Thema aus seinem Blickfeld gerät, wie er Soziales, Politisches mit dem Populären, Melodramatischen und Actionreichemn verbindet und eine aufregende Mischung abliefert, die ruhig in Deutschland im Kino hätte laufen können. Aber ich verstehe sowieso nicht, warum nicht jeder von Kashyaps Filmen bei uns zumindest auf der großen kleinen Leinwand der Arthouse und Kommunalen Kinos zu sehen ist.

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