Donnerstag, 3. Januar 2019

SIMMBA – Ranveer Singh Superstar



Rohit Shetty gehört nicht zu meinen Lieblingsregisseuren. Und daher habe ich auch nicht alle seine Filme gesehen. Aber er ist sehr unterhaltsam, mit Augenblicken der Brillanz, in Wahnsinnskomik und deftiger Action. Und er ist eine Katastrophe, wenn es um echte Emotionen geht. So war es beispielsweise in DILWALE (2015), der wirklich witzige Momente hat, während das von vielen so ersehnte Aufeinandertreffen von Traumpaar Shah Rukh Khan und Kajol eher enttäuschte und jedenfalls kein legendärer Augenblick in der Karriere der beiden war. Oder ein anderer Shetty-Film mit Shah Rukh Khan, CHENNAI EXPRESS (2013), da war die erste Hälfte sehr unterhaltsam, während die zweite dann bloß eine müde Wiederholung und Variation der ersten lieferte.

Aber seine Filme haben ein großes Verdienst. Er macht noch echtes Masala-Kino, wo Gerichtsverhandlungen ihrer ganz eigenen Logik folgen, wo ein eigentlich superintelligenter, sonst alles vorausahnender Held nicht auf die Idee kommt, dass der wichtigste Zeuge vielleicht bewacht werden müsste, wo es von einer entscheidenden Videodatei keine Kopie gibt, sodass sie in der Asservatenkammer gelöscht werden kann. Der Film muss ja eine bestimmte Länge haben. Wenn Bollywood nicht mehr solche Filme herstellt, wäre es kein Bollywood mehr. Dann müsste der Begriff Hindi-Film wieder regieren. Im Masala-Kino können die Schauspieler noch Helden sein, ohne vom Drehbuch eingeengt zu werden. Und jemand wie Ranveer Singh kann froh sein, in Indien und nicht in Hollywood zu sein, denn da müsste er in Marvel-Filmen funktionieren. Aber hier funktioniert der Film für ihn. Allerdings gibt es doch eine Gemeinsamkeit zwischen Shetty-Masala und Marvel. Er geht auch auf Nummer sicher und verschreibt sich ganz dem Franchise-Prinzip. Das hatte der große Masala-Meister Manmohan Desai einst nicht nötig. So gibt es gleich vier GOLMAAL-Filme (2006+2008+2010+2017). Und SIMMBA ist ein Spin-off von Shettys zwei SANGHAM-Filmen (2011+2014) mit Ajay Devgn, der ja am Ende des Films auch persönlich auftritt. Und gerade lese ich irgendwo das Gerücht, beide könnten mal zusammen einen ganzen Film machen, also eine Art SIMMBA-SANGHAM.

Obwohl natürlich der größte Spaß an SIMMBA Ranveer Singhs Soloauftritte sind. Ranveer Singh als Polizist Simmba, zu Anfang ein korrupter, perfekt gescheitelter Schmierenkomödiant mit dem breiten Grinsen eines Cartoonwolfes, der sein Verhalten für völlig angemessen hält angesichts einer seiner Meinung nach durch und durch egoistischen und materialistischen Welt. Zwischendurch entdeckt er echte Emotionen und es ist eine intelligente Idee, dass dies nicht nur durch die Liebesgeschichte geschieht, die überhaupt das Schwächste und Überflüssigste am ganzen Film ist, sondern durch seine Sympathie für eine, arme Kinder unterrichtende, Medizinstudentin, die versucht, die Kleinen von den skrupellosen Drogenhändlern wegzubekommen. Und als sie vergewaltigt und ermordet wird, wird Simmba wirklich zum zornigen SIMMBA, zum Löwen. Der Film lebt, weil Ranveer Singh das Talent hat, die klischeehafteste Szene mit echten Emotionen zu füllen.

Und wie kein anderer Schauspieler seiner Generation vermag er es, die Leinwand zu füllen. Dass er ein großartiger Schauspieler ist, weiß man seit seinem Debüt mit Anushka Sharma in dem „Hochzeitsplaner“-Film BAND BAAJA BARAT (2010), ein Ruf, der gefestigt wurde durch seine dreifache Zusammenarbeit mit Sanjay Leela Bhansali. Aber mit Masala hatte er bisher nicht wirklich Glück. Doch jetzt hat er diese letzte, so wichtige Stufe auch genommen. Bei ihm wird ja selbst normalerweise öde Werbung zum Erlebnis. So macht er in schrillen Fantasy-Filmen als Ranveer Ching Werbung für „Ching's Secret“, indisches China-Essen. In RANVEER CHING RETURNS (2016), auch unter der Regie von Rohit Shetty, serviert er in einer postapokalyptischen Welt leckeres Essen von der Pferdekutsche aus. Und in CAPTAIN CHING RISES (2018) rettet er als Superheld die Welt vor einem Meteoriten. Der feurige Antrieb, der bei ihm hinten heraus schießt, wird erzeugt durch würziges Essen.

Neben Ranveer Singh verblassen natürlich die anderen Schauspieler in SIMMBA, selbst der grimmige Bösewicht. Da Rohit Shetty so weise war, die Liebesgeschichte auf ein Pflicht-Minimum zu reduzieren, geht Sara Ali Khans Leinwanddebüt leider voll ins Leere. Die Tochter von Saif Ali Khan ist anwesend, aber austauschbar und im zweiten Teil des Films nimmt man sie gar nicht mehr war. Was gar nicht ihre Schuld ist, denn der Film interessiert sich nicht für sie. Die Schauspielerin, die man nach dem Film in Erinnerung behält, ist ja sowieso Vaidehi Parshurami als Mordopfer Aakruti Dave. Denn ein ernstes Thema hat der Film auch noch. Und man merkt, dass er es im Rahmen des Möglichen ernst meint. Da werden sogar Verbrechensstatistiken herangezogen. Es geht um männliche Ehre als idiotisches Konzept, um Vergewaltigung, Mord, Todesstrafe. Und ganz bewusst setzt SIMMBA sich vom reinen individuellen Selbstjustizfilm ab. Simmba befragt ja einen Querschnitt der Bevölkerung, vor allem die Frauen, und die sind dann auch aktiv beteiligt. Auf jeden Fall ist es ein Plädoyer für den Tod für solche Mörder und Vergewaltiger. Damit die anderen Angst kriegen. Was würde Gandhi dazu sagen? Aber selbst der mit Engeln kommunizierende Emanuel Swedenborg war der praktischen Ansicht, dass nur die Aussicht auf Strafe Verbrechern Angst macht und sie abschreckt.

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