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Sonntag, 6. Januar 2019

DIE SCHNEIDERIN DER TRÄUME – Sag bitte nicht Sir

Die nächtliche Stadt leuchtet im Dunkeln. Die Hausangestellte Ratna, eine junge Frau vom Land, und ihr Hausherr Ashwin, reicher Sohn eines Bauunternehmers, stehen am Rande eines Hochhausdaches und schauen über Mumbai hinweg. Nur hier hinauf konnten sie von der irgendwo darunter liegenden Wohnung ungestört und unbeobachtet gehen, um einmal auf neutralem Gebiet zu reden. Es ist einer der Schlüsselsätze von Rohena Geras sympathischer zarter Liebesgeschichte DIE SCHNEIDERIN DER TRÄUME (2018), wenn er erstaunt sagt: „Ich wusste gar nicht, dass man hier herauskann.“ So spricht jemand, der gefangen ist, aber sich bisher nicht wirklich darüber im klaren war.

Die beiden Hauptfiguren lernt man zunächst vor allem durch die Räume kennen, in denen sie sich bewegen oder aufhalten. Vor allem seine Wohnung, da ist der Film zu großen Teilen ein Kammerspiel für zwei, zu dem sich hin und wieder ein Besuch gesellt. Und für beide ist der Bewegungsraum begrenzt. Eben auch für den jungen Mann aus der Oberschicht. Schon wenn er die Küche, die eigentlich ihr Reich ist, betritt, wirkt er wie ein Fremder. Allerdings muss sie sich dann zwanghaft seiner Welt anpassen, etwa vom Boden aufstehen, wo sie sitzt und traditionsgemäß mit den Fingern isst. Selbst die Außenwelt gehört dem Mann nicht. Die Umgebung wirkt sofort verstört, wenn er in Shorts das bewachte Gebäude verlässt, nicht in den Wagen steigt, dessen Tür der Chauffeur ihm offen hält, und sich selbst an einem kleinen Kiosk eine Schachtel Zigaretten holt. Man sieht ihn zu Hause, bei der Arbeit, in einer Bar. Einmal streift er einsam verloren durch die armen Gegenden, wirkt ausgeschlossen, als suchte er Anschluss an etwas anderes. Für sie gibt es ebenfalls viele verbotene Räume. Einmal wird sie aus dem Laden einer Designerin geworfen. Aber auch, weil sie nicht den Mund aufbekommt, als sie angesprochen wird. Als sie mit einem selbst genähten Kleid vor dem einzig großen Spiegel der Wohnung angetroffen wird, betont sie ihm gegenüber, dass sie sein Schlafzimmer sonst nur zum Aufräumen betrete. Allerdings sei sie eine gewissenhafte Hausangestellte, die alle Regeln befolge und im Gegensatz zu vielen anderen Hausnagestellten „nie den großen Fernseher benutzt“. Gleichzeitig bewegt sie sich im Gegensatz zum Mann frei auf der Straße, den Märkten, in der einfachen Arbeitswelt.

Beide sind allein. Ashwin hat eine Hochzeit platzen lassen, weil die Braut eine Affäre hatte, aber auch weil er diese gar nicht wirklich liebte. Ratna ist noch nicht lange Witwe, was auf dem Land den lebenden Tod bedeutet, während die moderne Großstadt ihr ein ungestörtes, freies Leben bietet. Symbolisiert durch das Tragen von Armreifen, was sie in Mumbai darf. Er arbeitet auf dem Bau für die Firma des Vaters. Sie verdient Geld für das College der Schwester und hat dabei zunächst ihren eigenen Traum vernachlässigt, Schneiderin und möglichst sogar Modedesignerin zu werden. Nach seiner geplatzten Hochzeit kommen sie sich langsam näher, wechseln immer öfter ganz persönliche Worte, was sonst eher ungewöhnlich ist. Er verliebt sich in sie und drückt es ihr gegenüber aus, als gäbe es keine richtende Gesellschaft um sie herum. „Sag bitte nicht Sir!“, bittet er sie, worauf sie mit Verständnislosigkeit reagiert. Was soll sie denn statt dessen sagen? Im Übrigen würde ein Weglassen der Anrede nichts an den Realitäten in der Welt und im Bewusstsein ändern. Er war lange in den USA und hat offensichtlich vergessen, wie Indien funktioniert. Er macht nichts falsch, und dadurch macht er alles falsch, etwa, wenn er nach einer Party zu ihr und den anderen Hausangestellte geht, die gemeinsam essen, und fragt, ob er warten solle, um sie mit nach Hause mitzunehmen. Sie erntet dafür Spott. Sein Freund sagt ihm, er solle sie in Ruhe lassen, wenn er sie liebe. Gezeigt wird eine Klassengesellschaft, in der beide Seiten sich mit ihrer gegenseitigen unterschwelligen Verachtung oder zumindest Missachtung für die jeweil andere Seite eingerichtet haben. Das Lästern der Angestellten über ihre Hausherren ist im Grunde nicht weniger deprimierend anzuhören als die Unverschämtheiten der Reichen, übrigens in dem Film durchweg Frauen.

Dennoch hat Rohena Gera es bewusst geschafft, einen Film ohne Opfer und Unterdrücker zu drehen. Diesen Gegensatz bis zur Unerträglichkeit auszuspielen, wäre ein Leichtes gewesen, aber – wie gesagt – sie verzichtet auf diese heutzutage so beliebte, das Publikum geistig niederdrückende Masche der sozialen Ausweglosigkeit, die Tiefe und Bedeutung nur suggeriert. Gleichzeitig gehört der Film nicht zu dem belanglosen, sogenannten Feelgood-Kino, bei dem ich mich zumindest oft ganz elend fühle. Dass der Film jetzt durch die europäischen Festivals getourt ist und dank Neue Visionen einen Deutschlandstart hatte, haben wir wohl seiner Teilnahme an der „Semaine de la Critique“ auf den letzten Filmfestspielen in Cannes zu verdanken. DIE SCHNEIDERIN DER TRÄUME ist der Spagat zwischen Festivalanspruch und dem gleichzeitigen Wunsch, vom indischen Publikum gesehen zu werden. Im Grunde eine kühle Kalkulation: Ein indischer Indie-Film braucht Festivalehren, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Und indische Presseaufmerksamkeit hat es ja gegeben. Kann man im Netz leicht feststellen. Einen indischen Kinostarttermin habe ich bisher nicht entdeckt, auch nicht in der Region Maharashtra, denn gedreht wurde in deren Sprache Marathi.

Rein stilistisch wirkt sich dieser Spagat in dem Versuch aus, absolut realistisch zu sein, aber Emotionen und Schönheit nicht zu vernachlässigen. Der Wille zum Realismus nimmt mitunter direkt dokumentarische Qualität an, wenn gerade zu Anfang Ratnas Hausarbeit, ihr Kochen, ihr Einkaufen gezeigt werden. Gleichzeitig wird die Stimmung des Films von der Hauptfigur geprägt, die mit Wärme und Präzision von Tillotama Shome verkörpert wird. Shome hatte 2001 ihr Kinodebüt in Mira Nairs MONSOON WEDDING. Sie war in der Folge nicht nur in indischen, sondern auch in internationalen Produktionen zu sehen. Shome ist sozusagen der Dreh- und Angelpunkt für die beiden Qualitäten des Films. Denn von ihr gehen auch die Emotionen aus. Einmal, als sie voller Zukunftshoffnung ist, ertönt im Hintergrund ein munteres Lied und Ratnas Glücksgefühl geht von der Leinwand förmlich auf den Zuschauer über. Sogar eine halb-dokumentarische Prozessions- und Massentanzszene hat Rohena Gera untergebracht. Und selbst ein Happy End für Ratna und Ashwin beiden könnte ja irgendwann vielleicht doch möglich sein.

Ratna hat es schwer, aber gleichzeitig ist sie glücklich, da zu sein, wo sie ist und sie hat eine positive Grundeinstellung, die sie immer wieder vorantreibt, auch wenn Ashwin etwas nachhilft bei ihrem beruflichen Vorankommen am Ende. So kann er Geld und Einfluss einmal zu etwas Positivem nutzen. Die Regisseurin hat als Drehbuchautorin Erfahrung in der Unterhaltungsindustrie. Es waren wohl schwere Jahre, aber sie weiß, wie Bollywood-Kino und TV-Seifenopern funktionieren. Von ihr stammt beispielsweise das Drehbuch zu Kunan Kohlis THODA PYAAR THODA MAGIC (2008 – Ein Engel zum Verlieben), eine hübsche himmlische Liebesgeschichte mit den Stars Saif Ali Khan und Rani Mukherjee sowie vier Kindern – und Rishi Kapoor als Gott. Der deutsche Titel DIE SCHNEIDERIN DER TRÄUME ist also doch nicht so unpassend, wie man auf den ersten Augenblick vielleicht denken mag, da er ja in eine völlig andere Richtung weist als das sachliche SIR des Originaltitels, das das Hauptthema des Klassenunterschieds betont und das in Frankreich als MONSIEUR übernommen wurde. Vielleicht wär der deutsche Kinotitel ja  auch der passendere, weil ansprechendere und positivere, für Indien.




Bilder: © Neue Visionen Filmverleih

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