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Donnerstag, 4. April 2019

Mohanlal in LUCIFER – Das Böse besiegt das Böse

Es ist schön, wenn ein Film genau das hält, was der Trailer verspricht. So ist es bei LUCIFER (2019), dem neuen Malayalam-Film aus dem südindischen Bundesstaat Kerala, mit Superstar Mohanlal in der Hauptrolle. Regie geführt hat mit Prithviraj Sukumaran ein jüngerer Starschauspieler, und das zum ersten Mal. Der Film ist ein visuell ansprechendes, dicht erzähltes Polit-Gangster-Drama zwischen. Und natürlich gibt es Massenszenen und Action, Kämpfe Mann gegen Mann, und dann mit Vorliebe Mohanlal gegen einen ganzen Haufen. Aber größtenteils besteht der Film aus Dialogen, aus verbalen Auseinandersetzungen, aus der einfachen Konfrontation von Menschen. Gelegenheit für markante Sätze. Und das fast volle drei Stunden lang in einem ordentlichen Tempo, in dem die Handlung vorangetrieben wird. Da werden keine Konzessionen an Menschen mit träger Auffassungsgabe gemacht.

Das Drehbuch stammt von Morali Gopy, der als Journalist angefangen hat. Da wundert es nicht, dass die Story eingeleitet wird von einem unabhängig arbeitenden Enthüllungs-Journalisten, der in seinem Live-Vlog die Ausgangsvoraussetzungen der Story erzählt: Da ist ein toter, mächtiger Politiker, Ministerpräsident von Kerala und unbestrittener Chef in seiner Partei. Und dann sind da die Menschen, die unter Umständen Anspruch auf seine Nachfolge haben. Wie ein einleitender Erzähler im Theater berichtet der Reporter dies alles. So geht keine Zeit verloren und es geht schnell mitten rein ins Geschehen. Die große Unbekannte bleibt eine Zeitlang ein gewisser Stephen in der Gestalt von Mohanlal, den man versucht, von den Trauerfeierlichkeiten fernzuhalten.

Das Schöne an überlebensgroßen rächenden Helden ist die Tatsache, dass die Wirklichkeit in ihrer ganzen möglichen Grässlichkeit dargestellt werden kann, ohne beim Zuschauer Depressionen auszulösen, denn es kommt ja jemand, um aufzuräumen, um zu retten. „Das ist die größte Komödie der Welt. Indische Politik.“, sagt der Sohn des verstorbenen Politikers, der erst mal durch die Maske musste, um seinem Vater zu ähneln. Eine fertige Rede hat man auch schon für ihn. Eine Welt des Scheins, des Marketings und der Lügen. Aber wenn das nur alles wäre, doch im Mittelpunkt steht der graue Backstage-Bereich der Kerala-Politik. Und Macht gibt es natürlich selten ohne Geld und Korruption. Mit Geld kauft man sich die Polizei, die Jusiz, auch die Medien, die sogenannte freie Presse. Dass die Finanzierung der Politiker und Parteien durch dunkle Kanäle wie illegale Immobilien- und Grundstücksgeschäfte erfolgt, ist nichts Neues. Aber in diesem Film kommt als große Bedrohung das Drogengeld dazu. Und da geht nichts ohne die Russenmafia. Doch für solche Probleme ist der mysteriöse Stephen ja zur Stelle, der Luzifer des Filmtitels, der mythische Ex-Engel Gottes. Denn das Böse kann man nach seiner Logik nur mit dem Bösen bekämpfen. Deshalb wird er gebraucht. Und zur Abwechslung gibt es hier mal keine Anspielungen auf die indischen Epen, sondern aufs Christentum. Denn in Kerala lebt ja eine stattliche christliche Minderheit. Sogar der Gegensatz Barabbas-Jesus wird hier herangezogen, als Stephen durch eine Fake-News-Intrige kurzzeitig im Gefängnis sitzt.

Regisseur Prithviraj konzentriert sich ganz darauf, innerhalb dieser inhaltsreichen Story einen Mythos aus gut und böse zu inszenieren. Denn natürlich benutzt Stephen alle Mittel, ist aber auch ein Wohltäter für die Opfer, finanziert ein Haus für einsame schwangere Frauen. Und so spielt Mohanlal ohne viele äußere Gefühlsregungen, sehr konzentriert, und nie mit übereilten Bewegungen. Er hat es nicht nötig, künstlich Aufmerksamkeit zu erzeugen. Er spielt keine Gefühle, keine Gedanken, sondern absolute Souveränität. Und man muss kein Mohanlal-Fan, mit einem Gepäck von früheren Filmen im Kopf, sein, um das zu genießen. Die Regie unterstützt das sehr bewusst und geschickt. Wenn Mohanlal seine Solo-Auftritte hat, scheint der Film in eine andere Dimension zu wechseln. Es ist amüsant, dass Regisseur Prithviraj selbst den präzise agierenden obersten Gangster-Gehilfen der Mohanlal-Figur spielt. Eine Anspielung auf seine Hauptfunktion. Denn es ist eben sein gelungener Hauptjob gewesen, Mohanlal ins rechte Licht zu setzen, sodass dieser den ganzen Film hindurch entspannt bleiben kann. Der Gegenspieler ist Vivek Oberoi als schleimiger Schurke ohne jede gute Eigenschaft. Er macht die Stieftochter sogar absichtlich mit zu starkem Marihuana krank und willenlos und missbraucht sie sexuell.

Trotz der Länge gibt es fast keine Lieder in dem Film. Das erste ist mit "Varika Varika" ein nationalistisches Marschlied für die Massen aus der Zeit der Unabhängigkeit und wird passenderweise im Gefängnis angestimmt. Und dann gibt es gegen Ende ein zweites. Und während ich da im Kino saß und mich noch wunderte über diese so gar nicht in den gedämpften Stil des Films passende grell-bunte Item-Nummer in einer Bar mit ein paar leicht bekleideten Damen, während ich also innerlich etwas irritiert maule, werde ich schnell eines Besseren belehrt, dass das alles Sinn macht. Denn parallel dazu gibt es den nächtlichen, stark ästhetisierten Schlusskampf. Die Straßen, in denen geprügelt und getötet wird, sind genauso neonbunt erleuchtet. Darüber die hämmernden Beats. Sex und Gewalt. Spekulativ? Na klar, aber nur ein bisschen, und es ist schön und wirkungsvoll. Dann finden draußen und drinnen zusammen, wenn Mohanlal die Bar mit den Tänzerinnen betritt. Das war also keine Fantasy-Musiknummer, wie sie manchmal in Filme eingeschoben werden. Auch in Bezug auf etwas anderes wird hier populäres Kino regelrecht theoretisiert. Einmal sagt Mohanlal, dass es bei Prügeleien auf die Härte der Schläge ankomme, nicht auf die Anzahl, worauf man im Norden so viel Wert lege. Und wer kennt sie nicht aus Bollywood-Filmen, diese ewigen Prügeleien, wo sich auch nach dem was weiß ich wievielten Schlag der Gegner noch aufrecht halten kann.Das ist hier anders. Ein harter Treffer und der Feind liegt tot auf dem Boden.

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