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Mittwoch, 16. September 2020

MERSAL und BIGIL – Atlees Masala-Spektakel

Der Tamil-Regisseur Atlee Kumar – im Allgemeinen einfach Atlee genannt – wurde mit seinen letzten beiden Filmen MERSAL (2017) und BIGIL (2019) zu einem der erfolgreichsten südindischen Regisseure. Geholfen hat dabei natürlich die Tatsache, dass Publikumsliebling (Josef) Vijay jeweils die Hauptrolle innehatte, oder, besser im Plural forumuliert, die Hauptrollen, denn eine reicht hier nicht. Atlee hat ihm zwei maßgeschneiderte filmische Hero-Solo-Nummern angepasst, einmal in drei-, dann in zweifacher Vijay-Ausfertigung, das heißt, wenn ich mich nicht verzählt habe ... Genügend Gelegenheit für Vijay, seine Hero-Figur in verschiedenen Variationen und Versionen auszuspielen.

Es handelt sich bei MERSAL und BIGIL um zwei waschechte Masala-Filme mit sozialen, politischen Themen, die irgendwie hier auch ihren Platz finden und dabei sogar auf eine recht glaubwürdige Art und Weise. Einfach nur einen kapitalistischen Bösewicht oder einen abstrakten Supergangster auf die ausgebeutete Welt loszulassen, das reicht heute nicht mehr. Ein bisschen spezifischer muss es schon sein. Selbst wenn das Wichtigste dann doch das große, bunte, knallige Gesamtkunstwerk-Masala-Spektakel ist. Es sind Filme mit nicht nacherzählbarer Handlung, einfach unmöglich, man würde sich grausam verheddern und außerdem kommt es darauf gar nicht an. Das Wie ist entscheidend. Viel Phantasie, viele irre Überraschungen. Viele Songs, viel Tanzen. Kein dramatischer und visueller Effekt wird ausgelassen. Sogar mit dem komischen Sidekick neben dem Helden arbeitet Atlee. Da fällt einem erst auf, wie vergleichsweise selten das geworden ist. Also im Vergleich zu früher.

Es gibt die klassische Aufteilung in scheinbar uneinheitliche Einzelteile, sodass für jeden Geschmack etwas dabei ist. Für Abwechslung ist gesorgt. Ob irgendjemand dabei noch an die acht Rasas, die obligatorischen Stimmungen des klassischen indischen Theaters denkt, weiß ich nicht. Aber auf unbewusste Weise sind sie sicher bei den Machern und beim Publikum präsent. Es hat ja nebenbei auch etwas ganz Praktisches. Gefällt einem etwas nicht, weiß man ja immer, gleich macht es irgendwie knall, schnitt oder etwas Ähnliches, und es kommt was anderes. Aber gleichzeitig merkt man, dass der Wahnsinn hier geplante Methode hat. Es wird sehr auf das richtige Gleichgewicht zwischen den einzelnen Teilen geachtet. In der Beziehung sind die Filme wirklich sehr konstruiert geschrieben und bis ins Letzte durchkalkuliert. Und ich bin mal die Filmliste in diesem Blog durchgegangen. In den letzten zwei Jahren habe ich so etwas in dieser Art nicht als Hindifilm gesehen. In globalisierten Bollywood passt man sich immer mehr der klassischen internationalen Dramaturgie an. Im Guten wie im Schlechten. Viele Mainstream-Filme bemühen sich heutzutage einfach um erzählerische Einheitlichkeit, auch eine gewisse Glaubwürdigkeit. Es wird spannend zu sehen sein, was bei Atlees gerade angekündigtem Hindi-Filmprojekt mit Shah Rukh Khan und Deepika Padukone herauskommt.

MERSAL (2017) hat als soziales indisches Thema „Medizin als Geschäft“ und ist erfreulich drastisch in seiner Darstellung. In der Rahmenhandlung geht es um Serienentführungen und Ermordungen von medizinischem Personal, hauptsächlich Ärzten. Es ist ein Film, der für kostenlose medizinische Grundversorgung plädiert. Da fallen dann aber auch so schöne Sätze wie die Erkenntnis, dass die medizinische Vorsorge erfunden wurde, um Menschen in Patienten zu verwandeln. Es gibt in dem Film zwei Operationen, die nichts für zarte Gemüter sind, und ich könnte mir vorstellen, dass diese auf wahren Geschichten beruhen. Perverseste Geschäftspraktiken zeigt der Filme: Da sind korrupte Ambulanzfahrer, die ins teure, weiter entfernte Privatkrankenhaus fahren, während der Patient im Überlebenskampf wichtige Zeit verliert. Es werden unnötige Operationen unternommen, um Geld abzukassieren. Leichen werden einbehalten, solange die Kosten einer OP nicht bezahlt sind.

Alles beginnt mit einem Prolog in Frankreich und ist erst mal mächtig antifranzösisch – ist das jetzt antiweißer Rassismus? – aber das verblasst (das Wort gönne ich mir hier mal) schnell angesichts des wahren Bösewichts, denn der ist indischer Geschäftsmann-Arzt. Dieser Europateil ist der schwächste Abschnitt des Films, und ich habe mich während des Guckens gefragt, was das eigentlich soll, aber irgendwann wurde mir klar, dass man Abwechslung und westliche Eleganz brauchte für den dreifachen Vijay. Der spielt einen Vater und seine zwei Söhne, die nicht mal Zwillinge sind, aber natürlich sind sie sich ähnlicher als ein Überraschungsei dem anderen. Und mit dem Thema Zirkus-Zauberei und den Quasi-Zwillingsbrüdern, kann man durchaus an Nolans THE PRESTIGE (2006) denken, vielleicht aber auch bloß an DHOOM 3 (2014).

BIGIL (2019) hat als soziales Thema „Sport als Geschäft und Politikum“. Es geht nicht so brutal zu wie in MERSAL, aber die Kritik geht dennoch ans Eingemachte. Vijay spielt einen Gangsterboss und dessen Sohn, einen brillanten Fußballspieler, dessen Karriere von Bürokraten verhindert wird. Der Sohn soll eigentlich nach dem Wunsch des Vaters später etwas Legales machen, aber es kommt anders, als man denkt. Und ein paar Jahr später darf der Sohn Buße üben, indem er als Trainer eine Frauenfußballmannschaft zu einem wichtigen Turnier führt. Da bleibt dann etwas Zeit für Frauenrechte, und sogar das Thema Säureattentat wurde untergebracht. Leider konnte man sich eine große Überwindungs- und Vergebungsszene nicht verkneifen, wo alle klatschen; ist halt ein bisschen verlogen, zumindest vor Gericht hätte der Täter doch gehört. Was ist das für ein Beispiel? Das ist dieselbe Versöhnlichkeit wie in UYARE (2019). Meine ausführlicheren Gedanken dazu findet man im entsprechenden Blogbeitrag.

Was man an diesen beiden Filmen aber auch sieht, ist die destruktive Gefahr des Digitalen. Zu viel ist möglich. Und was möglich ist, macht man. Und manchmal wird die Grenze einfach überschritten und es nervt. Es tendiert manchmal zur Überperfektion, zum Durchlackierten, Gelackten. Es ist nicht beeindruckend, sondern ermüdend, weil man bloß noch eine Aneinanderreihung von digitalen Effekten sieht. Die größte Schwäche des Films ist dann ausgerechnet der Höhepunkt, das Fußballturnier, das in großen Teilen einfach ein künstliches Videospiel ist. Besonders bei den Totalen sieht man das deutlich. Im Kino fällt das wahrscheinlich noch mehr auf. Der Versuch, alles zu zeigen, hat also den genau gegenteiligen Effekt. Es erzeugt manchmal ein ästhetisches und emotionales Nichts. Überhaupt strahlen die gesamten Sportszenen eine gefrierende Seelenlosigkeit aus, die den Film nur deshalb nicht ruiniert, weil sie eben nur einen Teil davon ausmachen. Nichtsdestotrotz ist Atlee ein spannender, unterhaltsamer, technisch guter, einfallsreicher Regisseur, der Masala-Kino vor allem – und das ist das Schönste – ohne Komplexe und mit spürbarem Respekt für das Publikum macht.