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Donnerstag, 30. Januar 2020

Ajay Devgn in TANHAJI – Martialische Worte

TANHAJI – THE UNSUNG WARRIOR (2020) von Regisseur Om Raut mit Ajay Devgn in der Titelrolle ist ein erfolgreicher Film. Allerdings sind die Gründe für den Erfolg nicht hauptsächlich filmischer Natur. Um das festzustellen, muss man den Film eigentlich nicht einmal gesehen haben. Die nüchternen Zahlen sagen dies schon. Die Business-Seite livemint meldete am 20. Januar, dass 50% des Einspielergebnisses aus dem Bundesstaat Maharashtra stammt. Und wenn man in einer IMDb-Rezension lesen kann, dass ein Zuschauer „eine Gänsehaut“ verspürte, als er zum ersten Mal in der Geschichte des Weltkinos Shivaji, den Begründer des großen Maratha-Reiches, im Kino sah, dann wird klar, dass es hier nicht vorwiegend um Ästhetik oder Spannung, sondern um Politik, emotionalen Nationalismus, für die Gegenwart ideologisch genutzte Vergangenheit geht.

Ganz vertrauenerweckend wird im Vorspann denn auch ein beratender Experte zu dem Thema genannt. Damit kann man einerseits natürlich möglichen Gegnern den Wind aus den Segeln nehmen. Es ist aber auch ein Deckmantel, denn selbst wenn die Eckdaten und grundsätzlichen Fakten allesamt korrekt sind, hat man es hier doch in jeder Hinsicht mehr mit Spektakel zu tun als mit ernsthaftem Historienfilm. Schon gleich zu Anfang sieht man Devgn an Tauen durch die hohen bergig zerklüfteten Lüfte fliegen, um den Gegner zu überraschen.

Der Film schildert Ereignisse, die in die Schlacht von Sinhagard am 4. Februar 1670 mündeten. Konkret trafen hier der Maratha-Heerführer Tanaji Malusare (1600-1670) auf den Mughal-Heerführer Udaybhan Singh Rathore. Diese waren jeweils Shivaji (1630-1680) und Großmogul Aurangzeb unterstellt. Die beiden Kontrahenten werden dargestellt von Ajay Devgn und Saif Ali Khan, würdiger Held trifft hier auf sadistische Giftspinne. Sie bringen Leben in den Film. Shivaji selbst bleibt ein wenig im Hintergrund und seine Darstellung geschieht ganz offensichtlich mit der höchsten Vorsicht, um ja auch niemanden zu verärgern. Er ist die leibhaftige heilige Perfektion und bleibt gerade dadurch etwas blass.

Es wirkt, als hätte sich in Indien dauerhaft etwas geändert, wenn man einige der Historienfilme der letzten Jahre nimmt. Über Jahrzehnte wurden in Bombay und später Mumbai Mogulzeit-Filme gedreht, in der immer die Toleranz der Herrscher über ein geeintes Indien betont wurde. Jetzt wird vor allem die Tatsache der feindlichen Invasion und Fremdherrschaft hervorgehoben. Der Ursprung des freien, unabhängigen Indien liegt jetzt hier in Maharashtra, Ausgangspunkt des alten Maratha-Reiches. Es wäre bloß schön, wenn die Begeisterung sich mehr auf Filme wie Gowarikers PANIPAT (2020) konzentrieren würde. TANHAJI ist primitiver, anbiedernder und voll heroisch-martialischer Sprüche, die männliche Heldenbrüste anschwellen lässt, selbst wenn sie träge mit Popcorn und Cola im Kino sitzen.

Und solche Emotionen können dann auch den Blick auf die Wirklichkeit verstellen. Was ich am erstaunlichsten finde, ist, wie das Visuelle des Films vielerorts gepriesen wird, wo doch alles aussieht wie ein mittelmäßiges Computerspiel. Die ganze digitale visuelle Gestaltung ist misslungen. Da wünsch ich mir die authentischen Pappkulissen von früher zurück. Nichts davon wirkt auch nur im Entferntesten echt, vor allem nicht die Tiere. Man will offensichtlich alles zeigen, Spektakel sein, ohne wirklich die Mittel oder die Fähigkeiten dazu zu haben

In einem Film sind es oft ganz bestimmte einzelne Szenen, die plötzlich wie ein Tor in die Gedankenwelt eines Films und ihrer Macher sind, mal im Guten, mal im Schlechten, so wie leider hier. Da ist beispielsweise die Geschichte mit der entführten Prinzessinen-Witwe: Der Bösewicht ist mit einem adligen Geschwisterpaar groß geworden. Als er in der Vergangenheit der Prinzessin sagte, dass er sie heiraten wollte, lachte sie ihn aus, seine Mutter sei doch nur Dienerin, auch wenn er Sohn eines Ministers sei. Daraufhin bringt er seine Mutter um und wird restlos böse. Ansonsten hat die Szene keine Verbindung mit dem Rest der Geschichte. Es ist ein seltsamer Versuch, psychologische Tiefe hineinzubekommen, aber nur in einer Szene, während der Rest ungestört weiter läuft. Eigentlich wirkt es sogar so, dass der Film sich mit der Position der Prinzessin identifiziert.

Ein anderes Beispiel betrifft eine Hinrichtung. Mehrere Männer stehen mit Stricken um den Hals da und warten auf den Tod. Da bekommt der Bösewicht die Nachricht, dass die Prinzessin ihn endlich heiraten will, was allerdings eine Finte ist. Auf jeden Fall reißt er jubelnd den Arm hoch. Die Henker nehmen es als Signal und die Männer baumeln tot in der Luft. Das kommt aber nicht tragisch oder grausam rüber, sondern ganz einfach komödiantisch. Da lachten auch die Kinder im Kino, die irgendwo in der Nähe saßen. Ist das zynisch oder dilettantisch? Beides wohl, auf jeden Fall offenbart es eine totale Gleichgültigkeit und Emotionslosigkeit.

Was noch erwähnt werden sollte, ist eine Qualität des Films, vor allem in den Schlachten. Denn es herrscht immer wieder eine gewisse primitive Energie vor, getragen vor allem von den beiden Hauptdarstellern, aber angesichts des ernsten Themas mit seinen politischen Implikationen verbot sich wohl leider der Übergang zum echten, wilden, blutigen B-Trash, für den der Regisseur sich offensichtlich doch viel besser eignen würde. Besonders der Endkampf von Ajay und Saif ist gelungen. Saif Ali Khan kann überhaupt unter wilder Mähne und Vollbart ganz schön sardonisch grinsen. Aber das hat nicht genug Bedeutung innerhalb des großen Ganzen. Man wird einfach den selbst gesteckten grandiosen Ansprüchen nicht gerecht. Übrigens gibt es während des Nachspanns noch einen Song zu Kajol in vielen Großaufnahmen. Wie als Wiedergutmachung für die ansonsten banale Hausfrauenrolle, die sie neben ihrem Göttergatten spielt.

Montag, 27. Januar 2020

Varun Dhawan in STREET DANCER 3D – Nächstes Mal bleib ich zu Hause

Vor einigen Jahren kam eine kleine Welle von „Street Dance“-Filmen in die deutschen Kinos. Sie hatten alle gemeinsam, dass sie nicht sehr teure britische oder US-Produktionen waren, die Schauspieler nicht unbedingt brillant waren, aber echte Tänzer, oft auch echte Typen und allein dadurch schon Authentizität in die Filme kam. Die gab es auch in den Probeszenen und den Tanznummern, die oft sogar sehr einfallsreich choreographiert und gefilmt wurden. Selbst das Aufeinandertreffen von Street Dance und Ballett in einem dieser Filme funktionierte. Kurz und gut, es hat trotz aller Schwächen immer Spaß gemacht, sich diese Filme anzugucken. Und immer war alles echt. Das war das einfache Rezept, an das man sich hielt. Aber in Bollywood ticken die Uhren anders.

Die Vorläufer vom neuen STREET DANCER (2020) hatte ich mir geschenkt. Aber wie bei der mir ansonsten unbekannten HOUSEFULL-Reihe, wo ich mich kürzlich vom vierten Teil quälen ließ, dachte ich mir voller Übermut, jetzt wäre es mal an der Zeit, auch einen dieser Tanzfilme zu gucken, auf die ich sonst ebenfalls nie Lust gehabt hatte, weil ich zu Recht Böses ahnte. Jedenfalls habe ich nur die 2D-Version gesehen, wofür ich äußerst dankbar bin, da der Film mir dann jedenfalls nicht ganz so dicht auf die Pelle rücken konnte. Zurück bleibt nur die Frage: Wie kann es eigentlich sein, dass aus Bombay, der Welthauptstadt des Filmtanzes, so ein ungenießbarer Eintopf herauskommt. Selbst schlechte Filme haben manchmal einen unterhaltenden Charme, aber hier ist alles gefangen in einer grellen Künstlichkeit und weh tuender Pseudo-Authentizität. Und warum eigentlich spielt Varun Dhawan einen Hip-Hop-Tänzer, wenn er doch gar keiner ist? Die digitalen Effekte bei seinen Saltos und anderen Hüpfereien sind dann auch noch so offensichtlich, dass es zum Fremdschämen ist. Und wenn er nach so einem Effekt ein stolz-cooles Gesicht macht und in die Kamera guckt, dann beginne ich alles Positive, was ich jemals über ihn gedacht und geschrieben habe, zu überdenken. Wenn ich mir übrigens in der Hindi-Kinovorschau seine nächsten Filme angucken, frage ich mich, wohin er will mit seiner Karriere?

Gleichzeitig scheint sich die Regie nicht darüber im Klaren zu sein, dass sie den Gipfel der Verlogenheit schnell erreicht hat und der Film ein einziges peinliches Herunterpurzeln ist: Da gibt es beispielsweise eine ganz kurze nichtssagende Tanznummer bei einem Wettbewerb, Kamera aus der Ferne, ein paar Schnitte. Im Endeffekt hat man nichts gesehen. Dann ertönt der Ansager oder Moderator und rattert ein paar imposante Adjektive herunter, wie doll das alles doch gewesen ist. Es gibt schlechte und gute Filme, und dann gibt es Filme, die merken gar nichts.

Diesen ganzen unauthentischen Tanzmist versucht der Film durch eine authentische Rahmenhandlung auszugleichen. Dafür hat man sich einmal die Rivalität zwischen Indien und Pakistan ausgesucht und das dann mit den armen Obdachlosen gekuppelt. Am Ende sieht man sogar ein paar echte Bilder von SWAT, der Londoner Sikh-Hilfsorganisation für Obdachlose, die die Filmemacher inspiriert haben soll. Die Organisation hat übrigens eine Homepage und die sollte man sich lieber angucken als diesen Film.

Wer trotzdem mehr über den Film wissen will, soll zu IMDb gehen und sich die Verrisse durchlesen. Stimmt alles. Ohne Ausnahme. Nächstes Mal bleibe ich bei so was zu Hause.

Donnerstag, 23. Januar 2020

Vishal Bhardwajs PATAAKHA – Schwesternkrieg

Nach dem aufwendigen, ordentlich unterhaltsamen, aber stellenweise etwas zu verkrampften RANGOON (2017) wollte Regisseur Bhardwaj eigentlich ein Projekt mit Irrfan Khan und Deepika Padukone realisieren, das aber auf Eis gelegt wurde wegen Irrfans schwerer Erkrankung. Also nahm er sich eine einfache Geschichte auf dem Land vor. Er wählte dazu schließlich nach einigem Casting zwei ausgezeichnete Hauptdarstellerinnen, die aber keine kostenintensiven großen Stars sind. PATAAKHA (2018) beruht auf einer Hindi-Kurzgeschichte von Charan Singh Pathik, von dem, soweit ich das bis jetzt überschauen konnte, bisher nichts ins Englische übersetzt wurde. PATAAKHA ist einer dieser Filme, wo die Versuchung groß ist, den gesamten Inhalt einfach nur nachzuerzählen, weil das allein schon ausreichend amüsant wäre. Was gleichzeitig natürlich nicht sehr einfallsreich wäre. Außerdem besteht der Film aus mehr als einer äußerst hübschen Story. Er ist auch rein formal sehr gelungen, neben einer großen Lebendigkeit ist er voller Liebe zum Detail, mit einer Atmosphäre zwischen echtem Realismus und erzählerischer, alles möglich machender Fantasie.

In PATAAKHA trifft Sanya Malhotra, die Hauptdarstellerin aus dem Ringer-Film DANGAL (2016), auf Radhika Madan, die durch eine TV-Serie bekannt wurde. Die beiden verkörpern auf das Innerlichste und Überzeugendste zwei Schwestern, die sich streiten und am Ende doch nicht ohne einander leben können. Aber die beiden streiten sich nicht nur, sie prügeln sich, und wenn schon, dann richtig. Und wenn der geplagte, allein erziehende Vater dazwischengeht, kann es ihm im Eifer des Gefechts der beiden passieren, dass er auch einen abkriegt. Da sieht man ihn schon mal, irgendwie wie der Papa von Astrid Lindgrens Michel, wütend mit dem Stock hinter den beiden herlaufen, die sich verstecken und gemeinsam nicht nach Hause trauen. Da sind sie sich dann mal einig. Aber es geht in dem Film auch um die Verwirklichung von weiblichen beruflichen Träumen angesichts von finanziellen und familiären Zwängen. Daher versuchen sie sich zu befreien, aber so leicht wird man die unsichtbaren, aber deswegen nicht weniger fesselnden Familienbande nicht los. Und manchmal will das Schicksal es doch anders.

Oft scheint dieser schöne, witzige, dramatische, wilde, bunte Film ins Melodrama, ins Tragische abzudriften, dann aber nimmt die Story doch immer wieder die Wendung ins Komische. Viel Ironie ist dabei. Ich nehme mal ganz dreist an, dass dieser Ton, diese Stimmungen schon in der Vorlage angelegt sind. Für mich ist PATAAKHA der schönste und unterhaltsamste indische Film über den Alltag auf dem Land seit WELCOME TO SAJJANPUR (2008) von Shyam Benegal. Wobei man MATRU KI BIJLEE KA MANDOLA (2013), die andere ländliche Komödie von Bhardwaj, nicht vergessen darf, wo er Bertolt Brechts „Puntila und sein Knecht Matti“ nach Indien verlegt hat, und der auch einen entsprechenden skurrilen und absurden Klassenkampf-Humor hat, bei dem richtig viel gesoffen wird.

Aber auch PATAAKHA soll mehr sein als reine soziale Komödie. Der Film hat eine weitere, allgemeinere Bedeutung. Der Kampf der Schwestern ist ein Kommentar zu dem scheinbar ewigen und oft so sinnlosen Kampf zwischen Pakistan und Indien. Aber das lässt sich wirklich nur auf einer sehr allgemeinen Ebene verstehen, als eine Art zusätzliche Botschaft. Würde es nicht direkt im Film vom Erzähler gesagt, würde Bhardwaj dies in Interviews nicht ausdrücklich sagen, ich wäre ehrlich gesagt nicht von alleine darauf gekommen. Im Übrigen können diese sinnlosen Schwesternkämpfe auf alles Mögliche hin verallgemeinert oder übertragen werden, wozu der Zuschauer Lust hat. Aber ich denke, die meisten werden den Film doch vor allem sehr direkt als einfache Familiengeschichte sehen.

Der Film hat eine ganze Galerie einprägsamer Nebenrollen, die allesamt mit wunderbaren Darstellern besetzt wurden. Da ist vor allem Sunil Grover als erfindungsreicher Straßenhändler und Erzähler, der immer wieder ins Geschehen eingreift, mal die Konflikte anfeuert, mal das Schlimmste verhindert. Und nur ihm ist es zu verdanken, dass es auf Dauer eine Komödie bleibt und nicht ins ernsthafte Melodrama abdriftet. Theaterschauspieler Vijay Raaz, den man von unzähligen Charakterrollen kennt, spielt den Vater. Gefallen hat mir neben dem perversen Witwer, dem zwei Mal verdientermaßen die Braut wegläuft, ganz besonders  die nur kurz erscheinende Figur eines Sadhus, der Dämonen austreiben soll, als Bezahlung eine Ziege und eine Flasche Whiskey verlangt und von der Patientin dann verprügelt wird. Und da in einem solchen Film natürlich alles irgendwie, den Umständen entsprechend, gut ausgehen muss, gibt es zum Schluss ein lustiges, ausgelassenes Holi-Lied mit der gesamten Besetzung, zu dem sich dann auch Regisseur Bhardwaj persönlich gesellt.

Dienstag, 21. Januar 2020

Mohanlal in BIG BROTHER – Angenehm altmodisch

Wer Spaß hat an altmodischem Hero-Masala, getragen von einem charismatischen Superstar, das Ganze ohne Verbindung zur Wirklichkeit und mit Logiklöchern, die einfach dazugehören wie die Löcher zu bestimmten Käsesorten, der dürfte sein Vergnügen an dem neuen Malayalam-Film BIG BROTHER (2020) mit Mohanlal haben, der dem Film ganz im Alleingang die nötige Bodenständigkeit und die nötige Menschlichkeit verleiht, damit das Ganze nicht bloß in Abziehbildern stecken bleibt. „Altmodisch“ ist der Film von Regisseur Siddique in dem Sinne, dass er sich mit seiner Ruhe dem modernen emotionslosen und ruhelosen Jahrmarktskino-Stil verweigert. Zwar gibt auch Mohanlal zwischendurch den schwerelos kämpfenden fliegenden Fighter, aber das ist eher amüsant fantastisch und nicht übertrieben heroisch. Wobei es die Sache erleichtert, Fan von Mohanlal zu sein. Sonst besteht doch die Gefahr, sich an den Logiklöchern festzubeißen, die der Film vor allem im zweiten Teil reichlich hat.

Mohanlal spielt einen durch die Bemühungen des jüngsten Bruders nach 25 Jahren aus dem Gefängnis freigekommenen Mann, der einst als Jugendlicher zwei Männer umbrachte: Einmal durch einen Unfall den brutalen Ex-Mann der Stiefmutter und dann einen sadistischen Beamten aus dem Jugendknast, den man mit einer Schlinge um den Hals an Gitterstäben hochzog. Und da der Staat irgendwie schnell beleidigt ist, wenn es seine Angestellten trifft, bekam der sehr junge Mann zwei Mal lebenslänglich ohne jede Milde.

Was nach dieser Entlassung zunächst kommt, ist ein amüsanter komödiantischer Teil, wobei alle Entlassenen-Klischees, die es sonst oft gibt, vermieden und sogar umgekehrt werden denn normalerweise will man in diesen Filmen einen Verwandten aus dem Gefängnis eben nicht bei Feiern dabei haben. Hier ist das Gegenteil der Fall. Dazu gibt es hübsche Musik von Deepak Dev, zwar nur drei oder vier Songs, ist ja ein Thriller, aber eine charmante Hochzeitstanznummer heißt „Kalamanodishtam“ und ist charmant und zurückhaltend visualisiert, wo man in Bollywood-Filmen oft zum Überproduzieren tendiert. Jedenfalls fragt Mohanlal als Gefangener ständig um Erlaubnis, redet die Bediensteten mit Sir an und hilft beim Bettenmachen. Das wird als verwirklichter Sozialismus betrachtet, an dem sich die anderen Hausherren sich ein Beispiel nehmen sollten. Er zeigt große Schüchternheit gegenüber Frauen wie ein verklemmter Teenager. Übrigens ist die Hauptfigur selbst durch ihre lange Abweseheit "altmodisch". Aber eigentlich gefällt dem ehemaligen Gefangenen das alles nicht, er möchte am liebsten wieder zurück ins Gefängnis. Aber da setzt die Handlung ein und es wird ernst.

Denn dann kommt der Thriller und der Action-Teil, bei dem man nicht zu viel denken sollte. Wer die Fähigkeit dazu hat, der wird seinen Spaß haben, so wie ich ihn hatte. Mohanlal kann hier im Dunkeln sehen und war war Teil einer illegalen Gefangenen-Kampfeinheit, die man unbewaffnet als Kanonenfutter bei schwierigen Einsätzen vorschickte. Jetzt geht es auf die Jagd nach einem geheimnisumwitterten Drogenboss. Es gibt dann noch einige hübsche Ideen und es geht hin und her und her und hin und am Ende ist der Bösewicht natürlich der, den man schon lange als solchen in Verdacht hatte, und auch Mohanlal ahnte es schon lange. Keine Überraschung, nichts Neues, was auch mal richtig schön sein kann.

Donnerstag, 16. Januar 2020

ARJUN REDDY – Sex, Drogen & Wutanfälle

Letztes Jahr kam Sandeep Vangas Hindi-Film KABIR SINGH (2019) mit Shahid Kapoor in der Hauptrolle in die Kinos, ein Remake des Telugu-Films ARJUN REDDY (2017) von demselben Regisseur. Dass ich KABIR SINGH nicht gesehen habe, erweist sich rückblickend plötzlich als Glücksfall, denn so konnte ich jetzt das Original ganz frisch entdecken. Übrigens gibt es auch noch das mir ebenfalls unbekannte Tamil-Remake ADITHYA VARMA (2019) von Gireesaaya, mit Vikrams Sohn Dhruv Vikram in der Hauptrolle.

ARJUN REDDY ist ein Phänomen, ein absolut unperfekter, überlanger Film, dessen Charme man sich aber unmöglich entziehen kann. Fürs indische, speziell südindische Kino kam sicher auch noch der Reiz des Ungewöhnlichen, des Anderen dazu, aber auch so, wenn man hier in Westeuropa mit sogenanntem Arthouse-Kino vollgestopft ist, hat er seine Faszination, wobei gerade die Schwächen das Interessante ausmachen. Wie gesagt, der Film ist zu lang, aber man möchte dann doch nichts herausschneiden. Den Figuren, der Logik an sich, kann man manchmal geistig nicht ganz folgen, es dann doch einfach zu tun, ist das Lustige daran. Man kann den Kult-Status dieses Films voller abrupter, unvermittelter Brüche also nachvollziehen.

ARJUN REDDY wirkt wie ein äußerst persönlicher Film, wo jemand ziemlich ungefiltert private Erfahrungen verarbeitet, wo der direkte Ausdruck wichtiger ist als das kalkuliert Glatte. Schon die beiden Hauptfiguren sind seltsam. Arjun Reddy selbst ist eine seltsame Hauptfigur, mit charmanter und ungerührter Arroganz gespielt von Vijay Devarakonda. Er hat die Wutanfälle eines Masala-Bösewichts oder eines Psycho-Mafiosi, aber er ist Vorzeige-Mediziner auf dem College. Er beschimpft und verprügelt andere, aber am meisten schadet er sich selbst. Dann ist da eine seltsame weibliche Hauptfigur, die erziehungsbedingt sehr schweigsam ist, kaum zu existieren scheint. Und da fragt man sich schon, ob sie den autoritären Vater bloß durch eine andere starke Persönlichkeit ersetzt. Aber das ist nicht wirklich Thema des Films, das dachte ich bloß nach Ende des Films so nebenbei. Auf jeden Fall ist sie für einen Egomanen wie Arjun die ideale Projektionsfläche. So hat er jemanden zum Beschützen. Andererseits schläft er ein mit dem Kopf auf ihrem Schoß, woraufhin sie es eine ganze Nacht lang nicht wagt, sich zu rühren und selbst sitzend einschläft. Und stille Wasser sind manchmal tief. Die Liebe zwischen beiden übersteht sogar eine jahrelange Fernbeziehung.

ARJUN REDDY ist auch ein Gesellschaftsporträt, das zwei scheinbar schwer vereinbare Welten darstellt. Da ist einmal die Jugend, das freie Leben der jungen gut Begüterten auf dem College, wo es tatsächlich sehr frei und sehr wild zugehen kann. Und dann ist da das ritualisierte Leben der Ehe, wo die Familie dazukommt, selbst wenn man Jahre vorher in wilder Ehe gelebt hat. Plötzlich existiert man nicht mehr für sich alleine. Alles, was man tut, hat Auswirkungen auf das familiäre Kollektiv. Grenzenloser Individualismus und Einordnung in eine Gruppe mit traditionelleren Vorstellungen. Das ist ein Widerspruch, den man erst einmal unter einen Hut stopfen muss. Und in ARJUN REDDY geht das zunächst gar nicht gut. Und der junge Mediziner sucht einsam und verlassen Trost in Alkohol und Drogen.

ARJUN REDDY hat aber absolut nichts Tragisches. Ganz im Gegenteil. Es ist schon fast unmoralisch, wie viel Spaß der Film in dieser Beziehung vermittelt. Und das ist man vom indischen Kino nicht so gewohnt. Der absurde, manchmal sprachlos machende Humor, der sich mit den Drogen, aber auch den Wutanfällen verbindet, ist einer der Stärken des Films, während die Liebesgeschichte nicht wirklich innerlich ist. Es hat einfach etwas, wie man Reddy aus dem Alkoholkoma holt mit ein paar dicken Linien Kokain. Und es hat etwas, wenn er voller Drogen eine Operation leitet, indem er den Schwestern sagt, was sie tun sollen und dann vom Stuhl kippt. Überraschenderweise gibt es keine Sex-Exzesse. Er heult sich überall aus und alle Frauen bemuttern ihn. Allenfalls sucht er mal eine Freundin für die physischen Bedürfnisse. Und dann muss er doch „Ich liebe dich“ hören, und das ist der Satz, den er nicht hören will. Wunderbar ist Arjuns sinnloses Gerede, die seltsamen Theorien, die er in seinem Nebel aufstellt. Alles klingt so logisch und ist doch nur Käse. Und das ist realistisch, diese unglaublich reale Parallelwelt des Drogen- und Alkoholkonsumenten, bei der man aufpassen muss, sich nicht anstecken zu lassen.

ARJUN REDDY könnte man  durch folgende Reihung legendärer Filmgestalten zusammenfassen: DEVDAS trifft PIERROT LE FOU trifft den HULK. Dabei ist Devdas die Grundlage, und anders geht es in Indien vermutlich nicht, wenn unglückliche Liebe und Selbstzerstörung sich verbinden. Die Struktur ist dieselbe: Mann und Frau, die füreinander geschaffen sind, kriegen sich nicht. Hauptschuld ist die Unversöhnlichkeit und Verwöhntheit des Mannes, der es nicht gewohnt ist, mit Schwierigkeiten umzugehen. Seine Aggressionen sind auch ein Schutzmechanismus dagegen. Sie heiratet jemand anders. Er kann sie nicht vergessen und säuft sich in den Abgrund. Ein Freund hilft ihm.

Aber es muss heutzutage eine unstillbare Sehnsucht nach einem Happy End geben, so harmonisch wandelt sich am Ende alles. Aber die Zeiten haben sich ja wirklich geändert. ARJUN REDDY nutzt die Moderne, wo auch eine indische Frau nach drei Tagen Ehe einfach gehen kann und wo sie notfalls auch alleine ein Kind großziehen kann. Schon Anurag Kashyap hatte seine moderne Devdas-Version DEV.D (2009) vor zehn Jahren auf die Leinwand gebracht, und bei ihm gab es ebenfalls ein glückliches Ende, wenn auch mit Chandramukhi, bekanntlich die Prostituierte, bei der der originale Devdas nicht bleiben kann, weil seine Erziehung ihn eben doch sehr elitär gemacht hat. Da soll noch einer sagen, früher wäre alles besser gewesen.